Das beste Total War

Shogun 2 Test

Shogun 2 zeigt massive Verbesserungen bei Diplomatie und strategischer KI, bietet Spieltiefe bei der Ländereien-Verwaltung und ist stellenweise betörend schön. Ist es fehlerlos? Natürlich nicht, und eine Erbsünde zeigt es immer noch: die Todessehnsucht der KI-Generäle. Wir haben viele Schlachten geführt, abgewägt und... lest selbst!
Jörg Langer 15. März 2011 - 22:00 — vor 8 Jahren aktualisiert
PC
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Wir sind die mächtigen Shimazu! Uns gehört die gesamte Insel Kyushu! Wir sind unbesiegbar! Na gut: Nicht immer, aber immer am Schluss. Zwar ist unser als Fernaufklärer eingesetzter Level-1-Ninja von den feindlichen Metsuke-Polizisten außer Gefecht gesetzt worden, doch unser Plan steht: Die gerade von unseren Feinden, dem Tsutsui-Clan, eingenommene Stadt Suo im Südwesten der japanischen Hauptinsel wird von unserem Heer von der benachbarten Provinz Aki aus zurückerobert! Damit dabei auch wirklich nichts anbrennt, haben wir von unserer im Norden Kyushus gelegenen Trutzburg Buzen weitere Truppen übergesetzt. So können sich beide Armeen gegenseitig unterstützen. Wir nähern uns der Stadt, die fast unverteidigt ist -- und lachen über die bescheidene Intelligenz des gegnerischen Generals! Kurz vor Suo ist unsere Bewegungsreichweite aufgebraucht, nun müssen wir den Wechsel der Jahreszeit abwarten. Da erreicht uns eine Hiobsbotschaft: Zwei vollständig besetzte Gegnerarmeen stehen an der Meerenge von Buzen: Statt Suo zu verteidigen, sind sie einfach weitermarschiert, nach dem nächsten Wechsel der Jahreszeit können sie die Stadt angreifen! Dummerweise stehen nun zwei Drittel unseres Heeres weit hinter den Armeen, die unser Kernland bedrohen. Und fällt der Hafen der Provinz Buzen, können wir sie auch nicht mehr dort anlanden und gleich weiterziehen. Ruft die verbliebenen Ninjas, wir müssen zumindest eine der Tsutsui-Armeen mit anderen Mitteln aufhalten!
 
Die Mischung stimmt: Komplexe Strategie auf der Weltkarte, Taktieren und riskante Manöver in den 3D-Schlachten.

100 Jahre Krieg
 
Manche Historiker vergleichen die japanische Sengoku-Ära ("Zeit der streitenden Reiche"), die von 1477 bis 1573 dauerte, mit dem Dreißigjährigen Krieg (1618 bis 1648) in Mitteleuropa: Hier wie dort verwüsteten große Bauernheere das Land, waren die Zivilisten die Haupt-Leidtragenden. Hier agierten Söldner als Professionelle des Tötens, dort die Samurai, quasi die Ritter des feudalistischen Japan. Doch während in Deutschland halb Europa seine Macht- und Religionsstreitigkeiten austrug, war die Sengoku-Periode eine Zeit des Bürgerkriegs: 1477 hatte, nach zehnjährigem Krieg, das Ashikaga-Shogunat einen großen Teil seiner Stärke eingebüßt. Nominell stellte es zwar noch die Schutzmacht des in Kyoto residierenden Kaisers und damit die Zentralgewalt. Doch faktisch machten die Provinzfürsten und Herrscher der japanischen Clans, was sie wollten: Jeder Daimyo wollte der mächtigste sein, also zogen sie gegeneinander in die Schlacht, schmiedeten Bündnisse und verwarfen sie wieder. Das ultimative Ziel: So mächtig zu werden, dass der Kaiser gezwungen sein würde, genau ihn zum neuen Shogun zu ernennen.
 
Die 10 wichtigsten Neuerungen
  • Merklich verbesserte Strategie-KI
  • Endlich gut funktionierende Diplomatie
  • Nahrung als wichtigste Ressource neben Gold
  • "Reichsteilung" sorgt für spannendes Endgame
  • Spannungsfeld Christentum
  • Provinzen unterscheiden sich deutlich
  • Belagerungsschlachten funktionieren
  • Ideale Kartengröße (nicht zu groß, nicht zu klein)
  • Hardcore-Spielmodus "Legendär"
  • Perfektioniertes User-Interface
Bereits im Jahr 2000 hatte sich Creative Assembly mit ihrem ersten eigenen Werk Shogun dieser Periode angenommen, nun kehrt sie mit Shogun 2 mit einem Strategie-Feuerwerk zurück. Auch wenn das Grundprinzip gleich geblieben ist – rundenweise Reichsverwaltung und bewegen von Armeen, die dann in dreidimensionale Echtzeit-Schlachten mit Tausenden von dargestellten Soldaten geschickt werden –, ansonsten hat sich sehr viel geändert. Startzeitpunkt ist nun 1645 statt 1630. Statt sieben spielbarer Clans sowie "Ronins" gibt es zehn große und bis zu rund 40 kleine Clans, dazu das Ashikaga-Shogunat, die Wokou-Piraten und die europäischen Händler (letztere tauchen als das "Schwarze Schiff" auf, das man sogar erobern kann). Statt auf einer "Risiko-Karte" bewegt ihr Agenten, Flotten und Armeen feldweise über eine detaillierte Landkarte, wobei jede Provinz eine Burg sowie im Umland liegende Gebäude aufweist. Kommt es zu Kämpfen, wird das resultierende Schlachtfeld größtenteils aus dem Landkartenfeld und dem umliegenden Gebieten errechnet. Und, und, und. Für Serien-Einsteiger empfehlen wir ergänzend die Lektüre unseres Reports Die Total-War-Serie; wer zumindest Empire oder Napoleon kennt, findet die wichtigsten Unterschiede zu den direkten Vorgängern Empire/Napoleon im Kasten oben.

Die Qual der Wahl: Hauptmenü (links) und Clan-Auswahlbildschirm der Kampagne (rechts).
 
Die Schwierigkeitsgrade
Shogun 2 kennt fünf Stufen (per Optionsmenü auch für Strategie- und Schlachten-Modus getrennt): Leicht, Normal, Schwer, Sehr Schwer, Legendär. Sie beeinflussen vor allem folgende Parameter:

Strategie-Modus
  • Schonzeit zu Beginn, falls der Spielerclan nicht schon im Krieg startet oder der Spieler angreift
  • Zielauswahl der Computergegner (die auch von Faktoren wie dem Clan-Ruhm abhängt)
  • Wie viele Agenten setzt die KI ein, und wie oft
  • Schwierigkeit von Verhandlungen
  • Anfälligkeit der Generäle für Ninjas
  • Der Widerstandswert eroberter Provinzen
  • Kosten für Rekrutierung von Truppen
  • Sonstige administrative Kosten
  • Forschungsrate
  • Aktionspunkte
  • Steuereinkommen
Der Spieler hat auf Einfach und Normal Boni, während die KI mehr für ihre Einheiten zahlen muss. Schwer ist die Stufe, auf der beide Seiten mit den ungefähr gleichen Karten spielen (weswegen wir auf Schwer getestet haben), "Sehr schwer" gibt der KI starke Boni.

Schlachtfeld

Die Schlachtfeld-KI bleibt immer gleich, allerdings erhält der Computer auf höheren Levels (ab Schwer) zunehmende Boni auf:
  • Truppenmoral
  • Nahkampf-Verteidigung
  • Genauigkeit der Schützen
Laut Creative Assembly gibt es aber niemals Mali für den Spieler, und im Leicht- und Normal-Modus erhält er zudem Boni auf die obigen Werte, nicht die KI.

Legendärer Schwierigkeitsgrad

KI-Boni in der Schlacht und auf der Landkarte wie bei "Sehr schwer". Außerdem Komfortbegrenzungen:
  • Kamera auf dem Schlachtfeld begrenzter
  • Weniger Tooltip-Infos in der Schlacht
  • Kein Radar in der Schlacht
  • Keine Befehle während Schlachtpausierung
  • Kein Speichern außer Autosave, vor und nach Schlachten sowie am Zugende
Ein würdiger Gegner?

Kommen wir doch gleich zum wichtigsten, was uns beim Test bewegt hat: Wie gut schlägt sich die KI? Denn auch wenn Shogun 2 einige historische Schlachten enthält, einen völlig neuen, großen Multiplayer-Modus liefert und für die Kampagne sowohl kooperatives wie auch kompetitives Spiel von zwei Akteuren sowie der KI bietet (und sogar das gemeinsame Steuern von Armeen erlaubt): Ein ganz großer Teil der Käufer wird Shogun 2 als Solospiel sehen und nutzen. Das liegt allein schon an der ungeheuren Spiellänge: In der Zeit, in der ihr Homefront etwa zehnmal durchspielen könnt, habt ihr gerade mal eine einzige Shogun-2-Partie absolviert. Mit einem Clan. Und jeder der zehn Clans stellt euch vor andere Herausforderungen, führt – außer ihr sträubt euch gegen die mitgelieferten spezifischen Vorteile – zu einer etwas anderen Spielweise. Und auch eure Strategie kann immer wieder eine andere sein, abhängig auch von den ersten 20 Runden, und wie sich zu Beginn die Bündnisse entwickeln. Kurzum: Vor allem die strategische KI ist also von Bedeutung, also das Agieren auf der Landkarte sowie auf dem diplomatischen Parkett. Gleich danach folgt die taktische KI, also wie sich der Computer beim Steuern von Truppen auf dem Schlachtfeld anstellt.
 
"Wenn wir eine perfekte KI schreiben könnten, würden wir bei der NASA arbeiten, nicht für einen Spiele-Entwickler", sagte uns kürzlich Jamie Ferguson, Lead Designer von Shogun 2. Das umschreibt ein generelles Problem von Computergegnern: Bei Spielen mit festen Regeln und stark begrenzter "Welt" (wie den 64 Feldern und sechs Truppentypen des Schachspiels) können sie durch unbarmherziges Durchrechnen möglicher Züge und Rückgriff auf "Eröffnungsbibliotheken" mittlerweile die allermeisten Menschen schlagen. Doch ein Spiel wie Shogun 2 ist unendlich viel komplexer als Schach, da es viel mehr Variablen, viel mehr Parteien, viel mehr Truppentypen, gewaltig mehr Felder gibt, zudem Zufallsfaktoren und der nur abschätzbare Ausgang von Schlachten oder Agenten-Attacken. Ein Globalstrategiespiel dürfte das komplexeste sein, was eine Spiele-KI zu meistern hat – wie man daran scheitern kann, zeigte erst letztes Jahr Civilization 5. Wir wollen uns im folgenden die drei wichtigsten Aspekte der Künstlichen Intelligenz von Shogun 2 getrennt vornehmen: Verhalten auf der Landkarte, Verhalten bei der Diplomatie und Verhalten auf dem Schlachtfeld.
 
Wir laufen in eine KI-Armee, die doppelt so groß ist, einen besseren General hat und sich in den Hinterhalt gelegt hat.

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