Spiel spitze, Weltsimulation mau

Red Dead Redemption Test

Müsste man Red Dead Redemption in vier Worten beschreiben, sie lauteten "GTA im Wilden Westen". Doch so zutreffend das im Großen und Ganzen ist, klärt es eine Frage nicht: Wieso um alles in der Welt funktioniert ein auf zeitgenössische Metropolen und Auto-Verfolgungsjagden zugeschnittenes Spielprinzip auch mit Cowboys und Pferden?
Jörg Langer 22. Mai 2010 - 10:46 — vor 7 Jahren aktualisiert
360 PS3
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Westernspiele hat es schon sehr viele gegeben. SSIs Taktikspiel Six Gun Shoothout (1985) zum Beispiel, oder die Sprüche- und Pistolenduelle von Law of the West (Accolade, ebenfalls 1985). Mit wachsender technischer Power der PCs und Konsolen verlagerte sich der Wilde Westen immer mehr ins Actiongenre, eines der herausragendsten war LucasArts' Outlaws (1997) mit seinem gewaltigen, Ennio-Morricone-sken Soundtrack. Wichtige Titel der letzten Jahre waren etwa Gun (2005) oder die beiden Call of Juarez (2006, 2009). Und es gab ein Spiel namens Red Dead Revolver, ursprünglich für Capcom entwickelt und dann von Rockstar San Diego 2004 für PS2 und Xbox 1 veröffentlicht. Eine Ansammlung spannend inszenierter, aber extrem kurzer Levels, bei denen man typische Western-Versatzstücke nachspielte, etwa den Überfall auf einen Zug. Nun ist Red Dead Redemption erschienen, das bis auf die Namensähnlichkeit und das Western-Szenario so viele Gemeinsamkeiten mit dem ersten RDR enthält, wie ein leer geschossener Colt Patronen.

Das Erfolgsrezept: Nationalpark-Postkartenidylle gemischt mit spannenden Missionen, oft unter Zeitdruck.

 
Das Szenario
Der Wilde Westen des frühen 20. Jahrhunderts (1911, um genau zu sein) ist kein Ort mehr, an denen Indianer gegen weiße Siedler kämpfen. Die Zivilisation dringt immer weiter vor, mit dem Zug sind die Great Plains nur noch sechs Tage entfernt. Falls ihr die TV-Serie Deadwood kennt (die um 1870 spielt), kennt ihr ungefähr die Umbruchszeit, in der auch Red Dead Redemption spielt: Im Osten Amerikas sind Großstädte entstanden, in denen Geschäftsleute im edlen Zwirn das Sagen haben, im Westen empfiehlt sich immer noch ein fester Ledermantel, in dem man sich notfalls auch neben seinem Pferd schlafen legen kann.

Red Dead Redemption greift diesen Gegensatz immer mal wieder auf, wenn "Fremde im Anzug" den Wilden Westen betreten, etwa der leicht schnöselige Reporter eines Monatsmagazins aus dem zivilisierten Osten. Ein Marshall kennt sich nicht mit dem neumodischen Telegraphen aus, und selbst Protagonist John Marston wird immer wieder mal als "Städter" verspottet. Aber, keine Sorge, noch ist der Westen wild, und ihr bekommt das, was ihr vermuten würdet: Postkutschen-Jagden, Zugüberfälle, Feuergefechte zu Fuß, auf dem Pferderücken, in Loren oder auf einem Floß, gegen Banditen, Rebellen, mexikanische Soldaten. Und ihr erlebt natürlich Duelle...
John Marston reitet wieder
 
Er glaubt, er hätte den Absprung geschafft: Nach einer Kindheit im Waisenhaus und einer Jugend als Kleinkrimineller zog John Marston jahrelang als Anführer einer wüsten Bande durch den Westen Amerikas. Ausgeraubte Banken, Raubüberfälle, tote Unschuldige gingen auf sein Konto. Doch dann sagte er sich vom Gangsterleben und seinen Kumpanen los und zog in ruhigere Gefilde, wo er in Ruhe mit seiner Frau und seinem Kind leben wollte. Doch sein Glück währt keine drei Jahre. Dann zwingt ihn eine klandestine Regierungsbehörde mit fiesen, aber adrett gekleideten Agenten dazu, noch einmal Colt und Repetiergewehr herauszuholen: Wenn er seine ehemaligen Bandenmitglieder zur Strecke bringt, die immer noch die "westlichen Grenzgebiete" nördlich von Mexiko unsicher machen, darf er endlich seinen Frieden haben. Wenn nicht, wäre seine kleine Familie in höchster Gefahr.
 
Da die Agenten ebenso brutal wie überzeugend auftreten, lässt sich Marston widerwillig in einen Zug setzen -- und kommt am Ende des Intros in dem Drecknest Armadillo an. Das liegt mitten im Anfang des 20. Jahrhunderts sehr klein gewordenen "Wilden Westen", in dem noch das Recht des Stärkeren gilt und die Bundesregierung wenig Einfluss hat. Allerlei seltsame Gestalten treiben sich hier herum, Banditen, Betrüger, Quacksalber. Wilde Tiere machen Teile der Region gefährlich für Reisende. Und gleich über dem Grenzfluss im Süden beginnt Mexiko, wo  gerade mal wieder ein Bürgerkrieg wütet. Marston will keine Zeit verlieren, er reitet schnurstracks zu dem Steinfort, in dem sich sein alter Mit-Gangführer Bill Williamson verschanzt hält -- und wird von diesem niedergeschossen. Doch eine resolute Rancherin rettet sein Leben, und die Bühne ist bereitet: Lasset das Open-World-Epos beginnen! Mehr zur Story verraten wir übrigens im gesamten Testbericht nicht.
 
Einmal wirklich Cowboy (nämlich: Viehtreiber) sein: Im Unwetter sind die Rinder äußerst schreckhaft.
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