Spiel spitze, Weltsimulation mau

Red Dead Redemption Test


Die Landschaften im Spiel sind wirklich außergewöhnlich hübsch. Hinten rechts erkennt ihr die beiden Brücken hinüber nach Amerika. Das andere Ufer könnt ihr selbstverständlich erreichen, hinter der Hügelkette liegt New Austin.

Steuerung und Technik
 
Noch auf mittlere Distanz wirkt diese mexikanische Stadt seltsam grobschlächtig, erst aus der Nähe seht ihr Details.
Die Steuerung von RDR ist überwiegend sehr komfortabel. Auch wenn ihr diverse Funktionen nur über die beiden Menüs, die auf Select sowie Start liegen, erreicht (es gibt keine belegbaren Quickslots), drückt ihr bald blind "Start" und dann sofort "A", um beispielsweise die Karte aufzurufen. Die zoomt und ist so auskunftsfreudig, wie von der GTA-Serie gewohnt. Eine Schnellreisefunktion (übers Camp) schickt euch außerdem ohne minutenlangen Ritt direkt zum Zielort – der auch ein von euch gesetzter Wegpunkt sein kann. Dennoch hat die Steuerung auch ihre Tücken: An vielen Stellen könnt ihr nicht klettern, obwohl es dem Augenschein nach problemlos ginge; würde- und vor allem erfolgloses Herumspringen ist die Folge. Mehrfach hatten wir während Kämpfen große Probleme, durch eine Haustür zu gelangen; stattdessen liefen wir immer wieder links oder rechts von der Tür gegen die Wand. Duelle wiederum sind gekonnt umgesetzt, sie nutzen einerseits das Dead-Eye-System, belohnen aber andererseits, wenn ihr cool bleibt und erst spät zieht.
 
Soundeffekte und Sprachausgabe sind fantastisch; Schüsse knallen genauso, wie ihr es aus zig Filmen kennt. Donner grollt so richtig tief und mächtig, und die Eisenbahn kündigt sich schon von weitem mit typischem Tuuut an. Dazu kommen Tiergeräusche, Windheulen, Regenprasseln. Die überwiegend instrumentale Musikbegleitung hingegen kommt aus unserer Sicht nicht an das heran, was LucasArts vor vielen Jahren für Outlaws abgeliefert hat – und mit der Songvielfalt der GTA-Serie kann sie von vornherein nicht mithalten. 
Grafisch können sich insbesondere die Charaktere stolz auf die Schultern klopfen – sie sehen überwiegend klasse aus und zeigen eine glaubwürdige Gestik und Mimik. Die Pferde haben wir ja schon gelobt. Viele Texturen wirken jedoch undetailliert, und die lobenswerte Fernsicht wird mit einem relativ früh zuschlagenden Level-of-Detail-System erkauft: Es ist ja schön, dass man nach einer längeren Bergauf-Schlacht gegen Rebellen am Ende unter sich im Tal den Startpunkt sehen kann – doch was aus der Nähe betrachtet Büsche und Zelte waren, sieht von oben plötzlich aus wie von einem Kind gemalt. Auch Häuser werden erst relativ spät von groben Bauklötzen zu detaillierten Objekten. Aus der Nähe betrachtet, wirkt aber insbesondere die Architektur sehr überzeugend. Außerdem hat jede der drei Regionen ihren eigenen Stil, dazu kommen landschaftliche Besonderheiten wie Wasserfälle oder seltsame Gesteinsformationen.
 
Alles in allem ist die Präsentation große Klasse – und lässt uns doch hoffen, dass irgendwann eine PC-Version zu Red Dead Redemption nachgeschoben wird. Auf kräftigen PCs könnte man dann sicher nicht nur weit blicken, sondern dort auch noch Detailliertes sehen...
 
Fazit: keine Wiedergutmachung nötig
 
Mehrere Glücksspiel-Varianten sind sehr liebevoll und mit überzeugenden Dialogen eingebaut -- hier Blackjack.
Uns hat Red Dead Redemption von der ersten Minute an Spaß gemacht. Die Abfolge von Pflicht- und Kürmissionen im Wechsel mit dem freien (und weitgehend stressfreien) Herumreiten hat eine große Sogwirkung, die nur manchmal von den Eigenheiten des Spielsystems unterbrochen wird. Eine davon ist: Da man nicht auf Tastendruck speichern kann, sondern nur leicht umständlich per Camping oder in gekauften Immobilien, vergisst man es gerade beim "freien Spielen" gerne mal, stirbt dann doch irgendwann – und hat ziemlich viel Zeit versemmelt. Auch manche Missionen könnten einen Zwischenpunkt mehr vertragen, von dem an ihr bei Versagen weiterspielen dürft.
 
Zwar hätten wir uns in Sachen Weltsimulation etwas mehr erwartet, doch die nie langweilig werdende Handlung mit immer neuen Einfällen und Aufträgen entschädigt dafür. Dass es am Ende keine 9.5 oder gar 10.0 geworden ist, hat vor allem viele kleine Gründe, sprich die beschriebenen Komfort- und Designmängel. Trotz angeblich ähnlich hohem Aufwand hinter der Entwicklung wirkt RDR nicht ganz so perfekt wie GTA 4, ist der "an jeder Ecke was zu sehen und zu erleben"-Effekt geringer. Vor allem kam uns das Dead-Eye-System stellenweise wie Cheaten vor – allerdings wie notwendiges Cheating, wenn mal wieder Gegnerhorden in einem Tempo heransausen, die auf Hilfsmittel aus der Quantentechnologie oder zumindest auf Jetpacks schließen lassen.
 
Genug gemeckert: Red Dead Redemption ist ein großartiges Spiel geworden, voller Ideen und sinnvoller Abwandlungen eines bewährten Spielprinzips. Ihr könnt euch mal wieder so richtig austoben und aus einer Vielzahl von Tätigkeiten wählen -- ob es Nachtwachen sind, bei denen ihr gewaltlos Übeltäter dingfest machen sollt, oder eines der Geschicklichkeits- und Glückspiele (etwa Hufeisen-Weitwurf, Fünf-Finger-Messerspiel, Poker, Blackjack, Würfelpoker). Der Gegenwert fürs Geld ist groß, ihr werdet allein schon im Solomodus mindestens 20, eher aber 25 bis 30 Stunden Spaß haben. Und Optimierer, die auch das letzte Outfit ergattern und jede einzelne Herausforderung schaffen wollen, brauchen beträchtlich länger.

Wenn ihr auch nur ein bisschen was übrig habt für das Western-Szenario, für derbe Sprache und explizite Gewaltdarstellung (die aber nie ins Sadistische abgleitet), für eine tolle Story und knuffige Charaktere, dann rauf aufs Pferd, und ab in die Sonne geritten!

Autor: Jörg Langer (GamersGlobal)
  
Einstieg/Bedienung Fesselnder Einstieg Neue Spielfeatures werden immer mit eigener Mission eingeführt Bedienung weitgehend sehr gelungen Schnellreisefunktion Einzelne Steuerungsprobleme
Spieltiefe/Balance Große, frei erkundbare Spielwelt Zahlreiche Waffen mit merklichen Unterschieden Viele Missionen im ersten Versuch schaffbar, manche aber sind sehr knackig Viele Nebenmissionen, Ad-hoc-Aufträge, weitere Formen des Zeitvertreibs 40 Tierarten, die sich jagen lassen... ... aber letzten Endes nur Staffage sind KI könnte besser sein
Grafik/Technik Weite Sicht Physik-Engine macht sich spaßfördernd bemerkbar gut animierte Pferde und Personen Schöne Wettereffekte Auf mittlere und große Entfernung betrachtet wird die Grafik grob
Sound/Sprache Hochklassige englische Sprecher Gespräche während Ritten sind wirklich "gebrüllt" Tolle Soundkulisse Passende Musikbegleitung... ... die es nicht mit den Radiostationen von GTA aufnehmen kann Keine deutsche Synchronisation
Singleplayer Reiten ist toll umgesetzt und macht Spaß Immer was zu tun  Gelungene Abfolge von Haupt- und Nebenmissionen Zwischenhöhepunkte Welt wirkt übertrieben "verdichtet" Händler ziemlich unwichtig
Multiplayer Freier Modus ist zwar keine Koop-Kampagne, kommt vom Gefühl her aber nahe an eine solche heran Alle wichtigen Multiplayer-Modi enthalten Levelsystem mit 50 Stufen
Jörg Langer 22. Mai 2010 - 10:46 — vor 8 Jahren aktualisiert
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