Spiel spitze, Weltsimulation mau

Red Dead Redemption Test

Die jederzeit aufrufbare, zoomende und scrollende Karte (hier: der mexikanische Teil und New Austin) ist praktisch.
 
Kleine große Welt
 
Wer eines der letzten drei oder vier GTAs gespielt hat, findet sich sofort zurecht in Red Dead Redemption, die grobe Spielmechanik und die Designzutaten sind dieselben: Ein großer Sandkasten, in dem ihr euch austoben könnt, der aber gewissen Regeln gehorcht. In RDR heißt das: Reite lieber keinen Zivilisten oder gar Sheriff nieder, es wird als feindseliger Akt ausgelegt. Zeige nicht mit der Pistole auf jemanden, denn er zieht dann seine und wird sie auch nach kurzem Abwarten benutzen. Wie in GTA 4 findet ihr eine Vielzahl von Minigames oder sonstigen Zeitvertreiben, optionale und Ad-hoc-Missionen sowie die eigentlichen Story-Aufträge – wobei ihr letztere erfüllen müsst, aber lange Zeit die Wahl habt, in welcher Reihenfolge. Die Gemeinsamkeiten gehen so weit, dass auch in Red Dead Redemption das anfängliche Spielgebiet künstlich begrenzt wird: Anfänglich seid ihr in New Austin unterwegs (typische Westernprärie), später auch im mexikanischen Nuevo Paraiso (karge Wüstenei) und im letzten Spieldrittel in West Elizabeth (fruchtbares Ackerland). Die Mini- und die Übersichtskarte benutzen dasselbe System inklusive Großbuchstaben für wichtige Missionsgeber. Und selbst ein Navigationsgerät ist eingebaut, wobei euch das oft nur in die Nähe eures Ziels führen kann -- schließlich sind wir auf Trampelpfaden in der Wildnis unterwegs, und selbst die hören irgendwann auf.
 
Interessant sind aber nicht die Gemeinsamkeiten, sondern die Unterschiede. So offensichtlich es klingt, aber es ist schon etwas anderes, ob ihr im Großstadtdschungel unterwegs seid und maximal die Wolkenkratzer von Downtown als Fernblick-Erlebnis habt -- oder ob ihr von einem Kaff zum nächsten reist, indem ihr kilometerweit über die offene Prärie reitet. Die Städtchen sind winzig, kein einziges ist so groß wie ein einziger Häuserblock in GTA 4. Und dennoch findet ihr -- in den größeren davon -- das Wichtigste: Sheriff, Gemischtwarenladen, Büchsenmacher, Arzt, Saloon, und manchmal einen Bahnhof oder sogar ein Kino. Und natürlich Einwohner, die euch in der Regel in Ruhe lassen, mit denen ihr aber auch nicht viel anfangen könnt. Durch diese zerstreuten Zivilisationsinseln und die dazwischen liegenden Landstriche (die allerdings überbordend mit "Erlebnissen" vollgestopft wurden, dazu später mehr) kommt tatsächlich ein Gefühl von Freiheit und Weite auf -- unterstützt von einer Grafikengine, die euch den Blick bis quasi zum Horizont erlaubt.

In manchen Missionen werdet ihr in regelrechte Schlachten verwickelt -- hier auf Seiten der mexikanischen Armee.
 
Reiten statt Fahren – vollwertiger Ersatz?
 
Der größte Unterschied von Red Dead Redemption im Vergleich zu GTA 4 ist natürlich, dass es keine Autos gibt: Das ständige Stehlen, Herumrasen, Demolieren, Der-Polizei-entkommen, Die-Gegner-einholen von und mit Dutzenden von Autotypen ist der Kern eines jeden Grand Theft Auto. Zahlreiche Radiokanäle machen sinnbefreites Cruisen zum meditativen Genuss. Wie hat Rockstar Games dieses ganz besondere Spielgefühl in die Welt der 1- bis 4-PS-Reisemittel, vom Pferd bis zum Vierergespann, übertragen? Gar nicht, denn schon der Versuch muss scheitern -- oder sollen euch die Designer etwa einen Banjospieler als Radioersatz hinter den Sattel setzen, während ihr das Fell eures Pferdes umlackieren lasst? Was übertragen wurde, das ist der Reiz, sich selbstbestimmt von einem Ort zum anderen zu bewegen, und das resultierende Gefühl der Freiheit. Und da das Reiten ähnlich viel der Spielzeit in Anspruch nimmt, wie in GTA das Fahren, muss es natürlich Spaß machen. Und das ist Rockstar gelungen!
 
Ein Pfiff, und euer aktuelles Reittier galoppiert aus dem Nichts heran, ganz so, wie es Gandalf in Die Zwei Türme mit Schattenfell vormachte. Druck auf die Y-Taste (PS3: Dreieck), und ihr seid aufgestiegen. "Hüha!" sagt ihr mit der A-Taste (Kreuz). Schon geht das Pferd gemächlich los, ihr steuert es mit dem linken Analogstick, während ihr euch mit dem rechten umsehen könnt. Durch mehrmaliges Drücken der A-Taste galoppiert das Pferd los, haltet ihr die Taste gedrückt, behält es die Geschwindigkeit mehr oder weniger bei – sofern ihr auf einem Weg bleibt. Ihr könnt euer Ross aber auch zur Höchstgeschwindigkeit antreiben, indem ihr immer wieder auf A drückt – doch Achtung: Sobald die links von der Minimap befindliche blaue Anzeige auf Null gesunken ist, bockt das Pferd und wirft euch ab. Das ist seine Art zu sagen: "Das war mir jetzt doch zu anstrengend!".
 
Kleineren Hindernissen weichen die Pferde automatisch aus, niedrige Zäune oder Mauern überspringen sie automatisch. Und wenn ihr während dem Reiten oder Fahren einer Kutsche die Waffe anlegt, folgen die Tiere weiter dem gerade benutzten Weg -- oder laufen, abseits von Wegen, weiter geradeaus. Eine Klippe hinunter müsst ihr sie förmlich treiben, bei mittlerer Geschwindigkeit halten sie am Rand von selber an. Kurzum: Ihr müsst eigentlich nur die Richtung vorgeben und beschleunigen, und bleibt wesentlich seltener irgendwo hängen, als das bei unvorsichtiger Fahrweise in GTA der Fall ist. Zudem sehen die Pferde ziemlich realistisch aus (ihr seht sogar die Muskelstränge unter der Haut) und bewegen sich weitgehend realistisch -- wenngleich bei Maximalgeschwindigkeit zu schnell.
 
Pferde sind keine Mangelware in der Spielwelt, nur, wenn euch mal eines unter dem Hosenboden weg geschossen wird, dauert es eine Weile, bis ihr denselben Typ wieder herbei pfeifen dürft. Doch meist findet sich ein anderes, herrenloses, oder ihr klaut euch eben eines. Über ein Dutzend Pferderassen werdet ihr im Spiel finden. Da gibt es Wildpferde, die ihr selbst einfangen und in einer kurzen Rodeo-Einlage zureiten könnt, oder ihr kauft eines im Laden. Dann landet eine Art Besitzurkunde im Inventar, mit der ihr fortan euer Standardpferd bestimmt. Und klar, die Pferde unterscheiden sich in Geschwindigkeit, Ausdauer und Lebensenergie -- doch die Vielfalt der Fahrzeugflotte von GTA 4 ist damit nicht einmal im Ansatz gegeben. Kutschen gibt es natürlich auch, die sich weitgehend wie ein Pferd steuern, wenngleich sie weniger Kurvenwendigkeit besitzen...
 
Das Reiten nimmt viel Platz ein im Spiel; währenddessen hört ihr oft längere Unterhaltungen zwischen Charakteren.
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