Kombinieren statt killen

L.A. Noire Preview

Blitzlicht-Fotoapparat statt Maschinenpistole: Den überwiegenden Teil der Spielzeit erforscht und sprecht ihr.

Ältliche Diva
 
June Ballard steht einige Meter weiter vor einem Krankenwagen. Freundlich-arrogant blickt sie uns entgegen, die jüngste, so erkennen wir sofort, ist sie nicht mehr. All diese Informationen hätten uns noch vor 25 Jahren die Textbeschreibungen von Krimi-Adventures wie Suspect oder Borrowed Time geliefert. Heutzutage lesen wir sie direkt aus der Mimik der Figuren ab. Und in genau die hat Bondi enormen Aufwand gesteckt: Die handelnden Darsteller (und es gibt viele!) wurden nicht nur per Motion Capturing ins Spiel gebracht. Vielmehr wurde jede (Sprech-) Szene noch ein zweites Mal aufgenommen. Dabei musste der Schauspieler völlig unbewegt sitzen, nur seine Gesichtsmuskeln durften aktiv sein, während er sprach oder auch nur einfach anders dreinblickte. Kameras rund um den Schauspieler sowie von oben und von unten nahmen diese Regungen auf, sodass sie digitalisiert werden konnten; Motionscan nennt sich das Ganze. Im Ergebnis sehen die Personen extrem realistisch aus, auch wegen Kleinigkeiten wie ein Blinzeln oder das Zur-Seite-Schauen der Augen.
 
Als wir nun June Ballard befragen, macht sich das System gleich bemerkbar. Wir haben die Wahl zwischen mehreren Fragen, basierend auf unserem bisherigen Wissen, und können uns durch diese weitere Informationen und damit Fragemöglichkeiten verschaffen. Zudem stehen uns drei Arten zur Verfügung, auf Aussagen der ältlichen Diva zu reagieren: ihr glauben (oder zumindest so tun), an ihrer letzten Aussage zweifeln beziehungsweise sie unter Druck setzen, oder ihr nicht glauben beziehungsweise sie beschuldigen (wofür wir aber Beweise haben sollten). Wenn wir uns nicht sicher sind, können wir auch noch mal im Notizbuch nachschauen. Sie sei mit ihrer "Freundin" (ihre Nichte) zu einem Casting beim Filmproduzenten Mark gewesen, erfahren wir, und es sei gut gelaufen. Dann hätte Bishop sie unter Drogen gesetzt, aber an mehr könne sie sich nicht erinnern. Da zeigen wir ihr das zerrissene Höschen, das doch ein wenig ungewöhnlich ist im Handschuhfach des Wagens einer Filmdiva. So mühen wir uns Stück für Stück heran, im Notizbuch werden ensprechende Informationen automatisch abgehakt. Immer noch bleibt die Ballard angriffslustig, so entgegnet sie auf eine Frage nach dem Schrumpfkopf: "Ich bin der Star, ich beschäftige mich nicht mit Requisiten"
 
Aus der freundlichen Arroganz der Diva wird durch unsere Fragerei schnell unverhohlene Aggression und Abweisung, doch als wir weiter nachfühlen, drückt die Mimik von June Ballard bald eher Unsicherheit aus. Sie lächelt gezwungen, blickt zur Seite. Zwar kam uns bei der Präsentation der "Loop" dieser Gefühlsregungen ein ein wenig schnell vor – es wirkte stellenweise wie Grimassenschneiden –, doch das System an sich funktionierte gut: Wir hatten das Gefühl, die kleinen und großen Lügen der June Ballard rein durch ihre Mimik aufspüren zu können. Schließlich verrät Ballard uns, dass der Filmproduzent Mark Bishop ihr eine Rolle versprochen hatte, das Angebot aber wieder zurückzog. Aha!
 
Blutjunges Ding
 
Zahlreiche lange Dialoge werdet ihr im Spiel führen.
Als nächstes fahren wir ins Krankenhaus, zu Jessica Hamilton. Während dieser Fahrt fällt uns auf, dass es die meisten der heute vom Stadtbild gewohnten Wolkenkratzer damals noch gar nicht gab, Los Angeles ist weniger dicht bebaut, es gibt aber auch Gebäude, die heute schon längst nicht mehr existieren (übrigens: 31 Wahrzeichen lassen sich im Spiel "entdecken"). Wir könnten auch unseren Partner fahren lassen, was eine Art Skipfunktion darstellt.
 
Im Krankenhaus angekommen, sprechen wir mit dem diensthabenden Arzt. Er bestätigt, dass sie betäubt und missbraucht wurde. Beides könnten wir aber auch erfahren, indem wir uns ihre Krankenkarte anschauen, die am Bett hängt. Auch sonst muss man laut Rockstar nicht jeden einzelnen Hinweis finden, um im Fall voran zu kommen oder am Ende die Tat nachzuweisen. Jessicas Gesicht wirkt sehr verschlossen – ist ihr die Angelegenheit einfach peinlich, hat sie etwas zu verbergen. Sie sagt, dass sie "das" nicht wollte, dass sie aber alles tun würde. um eine Schauspielerin zu werden. Sie behauptet, sie sei mit Einverständnis ihrer Eltern in der Stadt -- eine Lüge, wie wir vom schon erwähnten Brief ihrer Mutter wissen. Damit konfrontiert, wird sie auskunftsfreudiger. Auch hier erfahren wir wieder zahlreiche Details, wobei es immer wieder Einblendungen gibt wie "3/4 Fragen richtig", die uns Orientierung geben. Bezüglich der Vergewaltigung aber kann Jessica sich nur noch an eine Meerjungfrau erinnern.
 
Da verlässt plötzlich June Ballard mit ihrem Anwalt das Krankenhaus, in das sie die Ambulanz zwischenzeitlich gebracht hatte. Wir hängen uns in unserem Wagen hinter sie, dürfen ihr aber nicht zu nahe kommen. Man kann das mit viel gutem Willen "Verfolgungsjagd" nennen, aber eigentlich nur, weil es ansonsten bislang nicht den Hauch von GTA-typischer "Action" gegeben hat im Spiel. June hält vor einem Cafe, geht rein und wartet drinnen auf einen Anruf (Ende der 40er gab es noch keine Handys, wie übrigens auch Ende der 80er noch nicht, werte jüngere Leser...) Wir halten ebenfalls an und schauen durch die Schaufensterscheibe hinein. Als sich die Diva abwendet, schleichen wir uns rein und belauschen von einem Tisch aus das Gespräch. So hören wir mit, wie der Charmebolzen die Adresse von Mark Bishop durchgibt – offenbar redet sie mit ihrem Mann, der zufälligerweis Casino-Boss und mit gewissen Unterweltkontakten ausgestattet ist. Das Gespräch endet mit einem bestimmten "Natürlich habe ich die Rolle bekommen!"

Hollywood-Flair soll L.A. Noire besonders machen; doch dieser Dame sind wir bei unserem Besuch nicht begegnet.
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Adventure
Detektivspiel
18
Team Bondi
Rockstar Games
20.05.2011 (Playstation 3, Xbox 360) • 11.11.2011 (PC) • 14.11.2017 (Playstation 4, Xbox One, Switch)
Link
7.0
8.0
PCPS3PS4Switch360XOne
Amazon (€): 12,40 (PlayStation 3), 12,99 (), 9,90 (), 39,50 (Nintendo Switch), 23,90 (Xbox One), 29,30 (PlayStation 4)
GMG (€): 29,99 (STEAM), 26,99 (Premium), 29,99 (STEAM), 26,99 (Premium)