Kombinieren statt killen

L.A. Noire Preview


Nach der von uns erlebten Beispielmission zu urteilen, kommen Feuergefechte zwar hin und wieder vor und sind auch mindestens durchschnittlich inszeniert, doch den Schwerpunkt von L.A. Noire bildet tatsächlich Detektivarbeit.

Nach 30 Minuten: Anflüge von Action
 
Wir fahren schnell zu der Adresse des Filmproduzenten, doch währenddessen kommt schon eine Polizeidurchsage, dass in dem Luxus-Appartment-Block etwas passiert sei. Ein wenig unrealistisch ist das schon: Als wir ankommen, in den Aufzug steigen und oben die Tür zum Appartement eintreten, sind gerade zwei finstere Gestalten (offenbar vom Mann der Diva geschickt) dabei, die Behausung in ihre Einzelteile zu zerlegen. In einem Faustkampf bezwingen unser Partner und wir sie. Die Frau von Bishop ist noch nicht in der Lage, mit uns zu reden, deshalb schauen wir uns erstmal um. In diesen "Stöberphasen" läuft immer eine charakteristische Musik, und wenn wir uns einem Hinweis oder Beweisstück nähern, erklingen zwei Pianotöne. Neben einem größeren Scheck und Filmplakaten entdecken wir auch ein Erinnerungsfoto von Mark Bishop, das ihn vor einer Requisitenfirma zeigt – deren Fassade mit einer Meerjungfrau verschönert ist...
 
Nun hört die Musik auf, sodass wir wissen: Zeit, Mrs. Bishop zu befragen. Gloria Bishop erzählt uns, sie habe keine Ahnung von dem Business ihres Mannes, doch June Ballard habe ihn seit Tagen belästigt und Drohungen ausgestoßen. Wir weisen sie darauf hin, ihr Mann habe mit einem jungen Mädchen gecastet. Mit einem sehr jungen Mädchen. Nun rückt sie damit heraus, und wir wechseln kurz in den O-Ton: "My husband likes them young. I was 16 when I first met him. I was 20 before I realized he was just a B-Movie hack". Sie glaubt, dass June Ballard ihre Nichte "geopfert hat", um die Rolle im nächsten Film zu bekommen.
 
Wieso wir das so ausführlich erzählen? Weil L.A. Noire so ausführlich ist. Wenn ihr nicht eine gewisse Geduld und den Ehrgeiz mitbringt, die Beziehungen zwischen den Personen jedes Kriminalfalls herauszufinden und euch der Wahrheit langsam anzunähern, dürfte euch dieser Titel kalt lassen.
 
Eine Stunde im Kriminalfall
 
Seinem Titel wird L.A. Noire zumindest in vielen der ver-
öffentlichten Screenshots gerecht -- unsere Beispiel-mission war allerdings durchweg am Tag angesiedelt.
In der Requisitenfirma (deren Adresse wir uns von einem Polizeitelefon am Straßenrand aus geben lassen) deckt sich dann so manches auf. So finden wir ein Betäubungsmittel, eine Matraze, ein verspiegeltes Fenster – und hinter diesem einen Geheimraum, von dem aus offensichtlich die Bewerbungsbeischläfe mit der Kamera aufgezeichnet wurden. Wer erpresst hier wen? Wer hatte ein Interesse, die beiden Frauen zu töten? Ist Mark Bishop ein Täter oder ein Opfer? Vieles, was noch zu Beginn des Falls relativ klar schien, ist mittlerweile gar nicht mehr so sicher.
 
Als wir das Gebäude verlassen, warten mehrere Gangster auf uns, die uns zunächst bedrohen und dann auf uns losgehen. Wir können sie nun an Ort und Stelle erschießen (ja, wir haben tatsächlich eine Dienstwaffe dabei und dürfen sie benutzen), uns eine Auto-Verfolgung inklusive Ballern mit ihnen liefern, oder einfach versuchen, sie abzuschütteln. In dieser Phase merken wir auch erstmals, dass die Autos im Spiel durchaus ein Schadensmodell haben...
 
Schließlich kommen wir an einem Monumentalfilm-Set an, zu dem uns unsere bisherigen Ermittlungen geführt haben. Und siehe da: Mark Bishop hält sich tatsächlich hier auf, und flieht, als er uns sieht. Über zahlreiche Treppen und Leitern sprinten wir hinterher. Wir springen automatisch, können aber auch durchaus runterfallen – in etwa so wie in einem vereinfachten Assassin's Creed. Schließlich stellen wir Bishop, der uns um Hilfe bittet: Weit unterhalb der Kulissengerüste, die wir erklommen haben, halten mehrere Wagen mit weiteren Gangstern...
 
Nach 90 Minuten: Feuergefecht
 
Erst jetzt wirkt L.A. Noire wie ein typisches GTA: Etwa ein Dutzend böser Buben eröffnen das Feuer auf uns. Mit einem Deckungssystem wie im Vorbild halten wir uns aus dem Gröbsten raus; werden wir getroffen, weichen die Farben vom Bildschirm. Wir haben zwar nur unsere Dienstpistole, können aber zum Beispiel eine MP von einem getöteten Gegner aufnehmen und dann mit dieser weiterkämpfen. Allem Anschein nach sind zumindest in dieser Vorversion die Trefferzonen recht großzügig gewählt, auch mit dem Fadenkreuz einen Zentimeter neben dem Ziel wird dieses noch getroffen. Einige bei Beschuss explodierende Fässer erleichtern die Beseitigung der Gegnerschar noch zusätzlich, und auch die Minimap ist eine Hilfe: Sie zeigt an, ob die roten Punkte (also Gegner) sich auf derselben Ebene wie wir befinden, oder aber unter- beziehungsweise oberhalb. Selbstverständlich geht der Kampf gut aus, der Fall aber ist damit noch nicht gelöst. Doch maliziös legt der Rockstar-Mitarbeiter sein Gamepad zur Seite: Alles verraten zu diesem Kapitel will er dann doch noch nicht.
 
Am Ende wollen wir den Schuldigen haben. Ist er es?
Und das ist schade, denn wir hätten wirklich gerne herausgefunden, wer nun den Mordanschlag auf die beiden Frauen vollführt hat. Genau das dürfte die Hauptmotivation hinter L.A. Noire sein, wenn es dann (aktuell "irgendwann im Frühjahr 2011") herauskommt: In jedem Kapitel aufs Neue in den Fall hineinzukommen, Hinweisen zu folgen, Entdeckungen zu machen – und schließlich die Wahrheit herauszufinden und die richtige Person hinter Gitter zu bringen. Inwieweit wir uns dabei wirklich selber anstrengen müssen, oder einfach alles abklappern können, das lässt sich zu diesem Zeitpunkt noch nicht sagen. Immerhin verneint Rockstar bereits jetzt, dass sich die Fälle falsch lösen lassen könnten – am Ende wird also kein Unschuldiger verhaftet, sondern immer der Richtige. Wenn wir bis dahin kommen.
 
Unser Ersteindruck ist jedenfalls ein sehr guter: Statt auf ständigen Adrenalinkitzel zu setzen und Hundertschaften von Gegnern zu töten, läuft das Spiel in einem viel ruhigeren Tempo ab, ohne aber auf Verfolgungsjagden und Schießereien ganz zu verzichten. Sie werden aber eher als Höhepunkt oder Sahnehäubchen eingesetzt (und wohl auch keinesfalls in jeder Mission) – das allein macht uns sehr gespannt aufs Endprodukt. Die Motionscan-Engine könnte zudem wirklich ein tragendes Element von L.A. Noire werden – aber auch hier fehlen uns noch weitere Beispiele und das ausführliche Selberspielen. Trotz der Action-Anteile und Ähnlichkeiten mit typischen Open-World-Spielen ordnen wir L.A. Noire ab sofort in die Kategorie "Detektivspiel" (Adventure) ein.
 
Autor: Jörg Langer (GamersGlobal)
 
Vorläufiges Pro & Contra Die von Schauspielern stammende Mimik der Personen lässt Rückschlüsse darauf zu, ob sie lügen oder nicht
Authentisch wirkendes L.A. der 40er/50er Jahre
Kombinieren statt Schießen
Praktisch wirkendes Notizbuch
Spannende Beispielmission
Große Betonung von schillernden Charakteren
Die NPC-Mimik wirkt vereinzelt wie Grimassenschneiden
Noch unklar, ob man sich auch "durchklicken" kann
Aktueller Zustand: Spielbare Beta-Version
Wir wünschen uns: ... dass L.A. Noire wirklich unsere Spürnasen, Adleraugen und Denkzellen beanspruchen wird -- noch können wir nicht sicher sagen, ob letzten Endes nicht auch das alte Prinzip "Alles abgrasen, jede Frage durchklicken" zum Erfolg führen wird. Doch wenn wir durch falsche Fragen oder fehlende Beweise bei den Zeugen und Tätern auch mal in eine Sackgasse geraten können, wenn wir zu doof sein können, um den nächsten Schauplatz zu finden: Dann könnte L.A. Noire großartig werden. Bereits jetzt hat es sich den Achtungspreis für die Verwendung von "Action nur als Höhepunkt" verdient -- das Pacing im Spiel ist ein ganz anderes, als wir es von Open-World-Spielen gewohnt sind.
Jörg Langer 22. November 2010 - 1:43 — vor 9 Jahren aktualisiert
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Adventure
Detektivspiel
18
Team Bondi
Rockstar Games
20.05.2011 (Playstation 3, Xbox 360) • 11.11.2011 (PC) • 14.11.2017 (Playstation 4, Xbox One, Switch)
Link
7.0
8.0
PCPS3PS4Switch360XOne
Amazon (€): 12,40 (PlayStation 3), 9,99 (), 6,99 (), 39,50 (Nintendo Switch), 19,95 (Xbox One), 24,99 (PlayStation 4)
GMG (€): 29,99 (STEAM), 26,99 (Premium), 29,99 (STEAM), 26,99 (Premium)