Test: Meister Lampe

Alan Wake Test

Playstation-3-Fans preisen God of War 3, beten Heavy Rain an und huldigen Uncharted 2. Xbox-360-Jünger warten indes lange schon auf ihren Messias Alan Wake. Ob dessen Schöpfungsgeschichte ins spielerische Himmelreich oder geradewegs in die Hype-Finsternis führt, verrät unser Test.
Harald Fränkel 12. Mai 2010 - 15:21 — vor 9 Jahren aktualisiert
360
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Eine tiefdunkle menschliche Silhouette steht im fahlen Mondlicht, zwischen knochigen Zweigen. Aus dem leicht flackernden, unwirklichen Umriss scheint tintenschwarzes Blut zu strömen. Es umflort die Gestalt wie eine düstere Korona, wie ein Schleier aus negativer Energie. „Sie werden nie wieder eine Ihrer miesen Geschichten veröffentlichen. Ich befördere Sie ins Grab!“, tönt der unendlich bösartige Bass des Unbekannten. Breitbeinig hat er sich vor Schriftsteller Alan Wake aufgebaut, mit einer Axt in der Rechten. Das Beil, das sicher nicht nur Holz mühelos spaltet, ist im Dunkel lediglich zu erahnen, was die Situation noch bedrückender macht. Andeutungen sind oft grausamer als Gewissheit.

„Wie fühlt es sich an, durch die eigene Schöpfung umzukommen?“, brüllt der schwarze Mann jetzt höhnisch. Auf einmal weiß Wake, dass diese Kreatur der Finsternis eine seiner Romanfiguren ist. Und jene geht jetzt in einem aus dem Nichts entstehenden Tornado auf, um den Autor wie ein Tier durch den Wald zu hetzen, bis zu einer nur vermeintlich sicheren Hütte. Dort beginnt nämlich ein Psychokrieg: In dem Holzhaus stehen mehrere Fernseher, die sich plötzlich wie von Geisterhand anschalten. Riesenhafte Pupillen auf den Schirmen verfolgen ihn mit ihrem Blick. Aus dem anfänglichen Störrauschen formt sich eine Stimme, die stakkatoartig nur zwei Worte krächzt – dafür immer und immer wieder, in erbarmungsloser Monotonie: „Sterben Sie! Sterben Sie! Sterben Sie! Sterben Sie ...“

Manch besessener Holzfäller wirft Äxte nach uns. Indes setzt der Koloss in der Mitte auf eine mächtig mörderische Kettensäge. So hatte sich Bestsellerautor Alan Wake das Schriftstellerdasein nun wirklich nicht vorgestellt.


Ewige Dunkelheit

Passagen bei Tageslicht sind selten. Hier legen wir ein Stück des bei Tag malerischen Weges im Auto zurück.
Remedy, die geistigen Väter von Max Payne, haben mit ihrem neuen Baby einen interaktiven Grusel-Roman geschaffen, sich bei den Großmeistern Alfred Hitchcock, Edgar Allan Poe oder Howard Phillips Lovecraft bedient und die Stimmung diverser TV-Serien eingefangen. Twin Peaks, Akte X und Lost lassen nicht nur ob der in sechs Episoden gestückelten Handlung inklusive Cliffhanger grüßen. Irgendwo ist sogar ein Matrix'scher roter Faden erkennbar, weil die Story immer wieder damit jongliert, was Realität ist und was nicht. Mehr sei nicht verraten, um der verdienten Kreuzigung durch etwaige Spoiler-Hasser unter unseren werten Lesern zu entgehen.   

Wer nach spielerischen Parallelen sucht: Ihr seid natürlich sehr viel alone in the Dark unterwegs und erklimmt den einen oder anderen silent Hill. Lehnen wir uns darüber hinaus ein bisschen aus dem Fenster, könnten wir behaupten, Alan Wake sei das Heavy Rain für die Xbox 360, gepaart mit den Schockelementen von Resident Evil und der Action aus Uncharted 2. Sind wir tatsächlich so wahnsinnig, derartige Vergleiche zu ziehen, oder haben wir das nur geschrieben, um euch bei der Stange zu halten? Lasst uns erst später darauf zurückkommen, inwieweit sich Remedys Werk eierlegende Wollmilchsau und King des Gruselgenres nennen darf. Ein bisschen Spannung muss sein.  Eines verraten wir aber gerne: Wir testeten die deutsche Version, die ungeschnitten ist.   

Spielbarer King-Roman

Apropos King: Alan Wake ist förmlich mit Anspielungen auf Stephen Kings Werke gespickt. Zu notieren wären die obligatorische verschlafene Kleinstadt à la Needful Things, geistesgestörte Axtmörder (Shining) und bösartige Fahrzeuge jedweder Art (Christine und Trucks). Als Held der Geschichte muss ein Schriftsteller wie in Stark und anderen Storys herhalten, der unter einer Schreibblockade (Sara), Schlafstörungen (Insomnia) sowie durchgeknallten, gefährlichen Fans leidet und mit Vorliebe Autounfälle hat (Sie).

Die Liste ließe sich beliebig verlängern, wir wollen aber nicht das ganze Internet vollschreiben. Herr Stephan König aus dem US-Bundesstaat Maine wird sogar mehrfach namentlich zitiert. Stellt sich die Frage: Finden wir das gut? Wann geraten Reminiszenzen zur Hommage, wann zum Ideenklau? Das darf gern im Kommentarbereich  diskutiert werden, wie diverse andere Klischees der Marke „Es gibt keinen Wald ohne gespenstischen Bodennebel“, die das Spiel erfüllt. Dem Verfasser dieser Zeilen jedenfalls hat diese vor Referenzen nur so strotzende Art, in der das Abenteuer von Alan Wake angelegt ist, gut gefallen. Denn eines muss man King und Co. lassen: Sie wissen, wie man beim Rezipienten erst ein ungutes Gefühl, dann beginnende Angst und irgendwann blanken Horror erzeugt -- und diese Tugend leiht sich Alan Wake gekonnt.

Ob mit handelsüblicher Taschenlampe oder mit extradickem Suchscheinwerfer: in Alan Wake kämpfen wir, wenn auch sehr stimmungsvoll inszeniert, letzten Endes fast ausschließlich gegen wenig abwechslungsreiche Besessene.
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