Guter Mystery-Trash

Alan Wake’s American Nightmare Test

Remedy ist nicht zuletzt für seine starken Geschichten und die dichte Atmosphäre ihrer Spiele bekannt. Mit Alan Wake's American Nightmare setzen die Finnen ihr letztes großes Spiel als Download-Titel fort, bauen auf ein dezentes Mehr an Action und fügen dem intensiven Horror-Flair einen gepflegten Schlag Mystery-Trash hinzu.
Benjamin Braun 28. Februar 2012 - 19:10 — vor 6 Jahren aktualisiert
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Alle Screenshots stammen von GamersGlobal.

Remedys Psycho-Thriller Alan Wake ist nicht unumstritten. Das finnische Spielestudio und Autor Sami Järvi, besser bekannt als Sam Lake, schufen mit der Geschichte um den psychisch labilen Horror-Autor Alan Wake wohl eine der packendsten und intensivsten Geschichten der vergangenen Jahre. Aus technischer Sicht und vor allem mit Blick auf die redundante Spielmechanik waren wir allerdings Besseres von den Max Payne-Machern gewohnt. Nachdem sich das zunächst Xbox-360-exklusive Spiel (gerade eben erschien die PC-Fassung, siehe GG-Test) nicht allzu gut auf Microsofts Konsole verkaufte, schien eine mögliche Fortsetzung zunächst sehr unwahrscheinlich.

Mit Alan Wake’s American Nightmare fand Remedy aber schließlich doch eine Möglichkeit, die Geschichte um den Autor mit Schreibblockade fortzusetzen, via XBLA als Downloadspiel (für zirka 15 Euro). Im Zentrum steht dabei wieder die fiktive Kleinstadt Night Springs in Arizona. Zur Erinnerung: "Night Springs" lautet  der Name einer Fernsehserie aus dem ersten Abenteuer von Alan Wake, das in Bright Falls angesiedelt war. Wieder ist die Story wichtig, die sich irgendwo zwischen B-Movie-Horror, X-Factor und David Lynchs Fernsehserie Twin Peaks bewegt und die übernatürlichen Erlebnisse der Einwohner behandelt. Sah man die Night-Springs-Episoden im Original ausschnittsweise in herumstehenden Fernsehern, befindet sich Alan nun inmitten einer der Episoden – und er selbst hat sie geschrieben. American Nightmare ist noch stärker auf Action ausgelegt als das Original – und zwar nicht nur dann, wenn ihr im neuen Arcade-Modus bis zum Morgengrauen ums nackte Überleben kämpft.

Fiktiv im IrgendwoAlans Night Springs liegt im US-Bundesstaat Arizona. Mit den Ereignissen der Vergangenheit konnte der Schriftsteller immer noch nicht abschließen, denn seine unter mysteriösen Umständen verschwundene Frau Alice ist weiterhin wie vom Erdboden verschluckt. Inmitten eines Canyons kommt er zu sich. Während sich die dichten Nebenschwaden lichten und wir uns gerade aufraffen wollen, tritt sogleich ein ganz fieser Zeitgenosse in Erscheinung: Mr. Scratch. Scratch eröffnet Alan, dass er sich in einer Scheinwelt befindet, aus der zu entkommen ihm nicht gelingen würde. Er droht Alan aber nicht nur mit damit, ihn nie wieder aus diesem so real wirkenden Alptraum zu entlassen: Er prophezeit ihm auch gleich noch, dass er seine Frau nie mehr wiedersehen werde. Doch was ist hier los? Der Kerl ist Alan wie aus dem Gesicht geschnitten – und wäre nicht der schwarze Anzug, könnten wir die beiden zumindest optisch nicht voneinander unterscheiden. Ist er so etwas wie die Inkarnation von Alans dunkler Seite, der selbst vor einem Mord vor laufender Kamera nicht zurückschreckt?

Nur eins steht für Alan zu diesem Zeitpunkt fest: Wenn er Alice wiedersehen will, muss er den mysteriösen Mr. Scratch aufhalten. Sein Weg führt ihn zunächst zu einem Rastplatz mit einer Tankstelle mitten in der Wüste. Es ist Nacht, wie immer in Night Springs. Finstere Gestalten verfolgen Alan, der sich zu einem nahe gelegenen Motel flüchtet. Hier scheint die Zeit stehengeblieben zu sein, denn beinahe alles um Alan herum sieht nicht nach der Gegenwart, sondern nach den 50er Jahren aus. Ein allgegenwärtiger Erzähler, der Alan „Champion of Light“ nennt, kommentiert das Geschehen, beschreibt genau die Szenerie und führt Alans Gedanken aus. Eine junge Mechanikerin schraubt gerade an einem Oldtimer herum. Sie glaubt Alan zwar kein Wort, von dem, was er ihr erzählt. Doch auch sie hat die schemenhaften Kreaturen, die Besessenen, bemerkt und verfolgt mit großer Sorge, wie sie unaufhörlich aus den Tiefen unter einer alten Ölquelle emporkommen und über Night Springs herfallen.

Gedankennotiz
Einer der drei Schauplätze führt euch zu einer Sternwarte.
Überall in der Gegend stößt Alan auf weitere Hinweise, was im Laufe der Geschichte passieren wird: ein herabstürzender Satellit, eine Sternwarte und ein Film, in dem seine Frau zuletzt mitgewirkt hatte. Die 53 Manuskriptseiten geben aber nicht nur einen Teil der weiteren Handlung preis, so wie im ersten Teil. Sie nehmen auch Bezug zu zurückliegenden Ereignissen. Was genau ist mit Alice am Cauldron Lake passiert? Weshalb hatte oder hat Alan seine Schreibblockade? Und was ist eigentlich aus den alternden Anderson-Brüdern geworden, die als Heavy-Metal-Gespann „Old Gods of Asgard“ ihren Auftritt in Alan Wake hatten? Über diese und andere Details geben auch die insgesamt neun Radiosendungen Aufschluss, die wir in einem Bürocontainer in der Nähe eines großen Autokinos anhören können. An verschiedenen Stellen findet Alan auch Fernsehapparate, auf denen er fiese Botschaften seines bösen Zwillings Mr. Scratch abrufen kann.

Um es vorweg zu nehmen: So richtig klar wurde uns im Laufe der Handlung nicht, wer Mr. Scratch eigentlich ist oder warum Alan sich mit seinen (linearen) Aktionen aus der Traumwelt befreien kann. Klar ist nur, dass die Welt, in der sich Alan befindet, von seiner Dunkelheit unterjocht wird. Die Kinoangestellte Serena Valdivia verwandelte sich unter dem Einfluss von Mr. Scratch zum Beispiel in eine willenslose Nymphomanin, die sich Alan(s Doppelgänger) am liebsten direkt an den Hals werfen würde. Auf eurem Weg werdet ihr in jedem Fall den Rastplatz, eine Sternwarte und das Gebiet mit dem Autokino jeweils gleich drei Mal durchlaufen, bis ihr die Credits über den Bildschirm laufen seht. Im Prinzip macht ihr an den drei Schauplätzen immer mehr oder weniger da
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sselbe, Variationen gibt es lediglich bei den nur teilweise verpflichtenden Dialogen sowie dem Umfang und der Reihenfolge eurer Aktionen – und bei euren Gegnern, auf die wir noch zu sprechen kommen werden. Die ausschließlich in englischer Sprache enthaltenen Dialoge sind nicht ganz so stark wie von Remedy gewohnt. Die Handlung aber ist spannend und wendungsreich, geht aber (ganz bewusst) deutlich stärker in Richtung Mystery-Trash anstatt Horror-Flair. Dadurch wirken auch die Texte manchmal etwas inhaltlos, wenn Alan versucht, Dr. Meadows in der Sternwarte die etwas wirre und undurchsichtige Situation zu schildern.

Das Spiel informiert euch eindeutig darüber, was ihr tun müsst und markiert sämtliche fürs Vorankommen in der Story relevanten Punkte auf einer Minikarte. Kleinere Erkundungstouren in den drei voneinander unabhängigen Gebieten sind zwar grundsätzlich möglich, viel mehr als Waffen oder Manuskript-Seiten findet ihr dort aber nicht. Auch wenn die Spielwelt beim ersten Betreten wie ein Open-World-Spiel wirken mag, so ist Alan Wake’s American Nightmare doch genauso linear angelegt wie das Hauptspiel.
Die Bewohner von Night Springs stehen unter dem Einfluss von Mr. Scratch. Serena würde sich uns gerne hingeben.
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