Lenhardts Ode an Solospiele

Auch Singles wollen Spaß Meinung

GamersGlobal-Kolumnist Heinrich Lenhardt fühlt sich wunderbar in der Single-Bar. Die Veröffentlichung von Skyrim ist ein Triumph klassischer Solisten-Tugenden, denn diese Fantasy-Welt hat alles, was ein gutes Spiel braucht - und ist dabei 100% Multiplayer-frei. Manchmal ist es halt schön, vom Rest der Menschheit unbehelligt zu sein.
Heinrich Lenhardt 19. November 2011 - 21:55 — vor 7 Jahren aktualisiert
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Singles von den Vorzügen dauerhafter zwischenmenschlicher Beziehungen zu überzeugen, war noch vor wenigen Jahren im wesentlichen Eheberatern und gutmeinenden Müttern vorbehalten. Doch selbst deren Eifer verblasst gegenüber den Verkupplungsanstrengen der modernen Spieleindustrie, deren soziale Ader in besorgniserregendem Ausmaße geschwollen ist. Kaum ein Titel kann mehr angefasst werden, ohne dass ein Auto-, Battle- oder sonstiges Log veröffentlicht wird, Statistiken und Status-Spam angeblicher "Freunde" das Internet zumüllen oder von Xbox Live bis Steam Penislängen in Form von Achievement-Anhäufungen abgeglichen werden.
 
Wir Spiele-Singles werden vernachlässigt
Die soziale Ader ist in besorgniserregendem Ausmaße geschwollen
Wer sich vor allem für Solo-Spielspaß interessiert, kommt sich allmählich wie eine soziale Randgruppe vor – eine zunehmend genervte soziale Randgruppe. Bei immer mehr Neuerscheinungen wandern die Prioritäten des Entwicklungsaufwands Richtung Multiplayer – Warnsticker für Spielepackungen wären langsam angebracht: "Wir gehen davon aus, dass Sie ausreichend Zeit und Nerven haben, den Genuss des Spielerlebnisses von ihrem Mitmenschen abhängig zu machen". Oder: "Die Marketing-Abteilung hat uns davon überzeugt, einen Großteil des Entwicklungsbudgets in Multiplayer zu stecken. Die Einzelspieler-Kampagne ist entsprechend kurz, aber dafür dürfen Sie bald ordentlich DLC nachkaufen."
 
Der besondere Reiz des Spielens mit oder gegen menschliche Mitstreiter ist mir keinesfalls fremd. Aber wenn man den Tag überwiegend mit Terminen, Stress und Verpflichtungen verbracht hat, möchte man abends die Menge an Rücksichtnahme und Geduldproben in Grenzen halten. Also her mit einem Vertreter der Gattung Einzelspieler-Opus, die irgendwie unter dem Ansturm der Multiplayer-Produktionen zur bedrohten Art wird. Selbst in Mittelerde liegt der Fokus neuerdings auf Koop, wie das neue Der-Herr-der-Ringe-Spiel zeigt.
 
Skyrim ohne Solofokus? Halb so gut
The Elder Scrolls: Skyrim ist das Fanal der Hoffnung für die untergebutterten Einzelspieler, sich stolz zu ihrer Vorliebe für einsame Abenteuer zu bekennen. Ein teures Großprojekt, das sich ganz darum dreht, eine schicke Fantasywelt möglichst sorgfältig und unterhaltsam zu realisieren. Und vor allem: Ich bin der Mittelpunkt dieser Welt! Wo eine saftige Story serviert wird, in der man sich verlieren kann, ohne von irgendwelchen Pappnasen belästigt zu werden. Wie viele liebevolle Details wären wohl dem Rotstift zum Opfer gefallen, wenn man das Entwicklungsteam gezwungen hätte, die Kampagne Koop-freundlich zu machen? Oder - schauder! - rauflustigen Halbstarken in einer Online-Arena Deathmatch-Gelegenheiten zu geben?
 
Das Rollenspiel-Genre liefert noch ein anderes gutes Beispiel für die Wichtigkeit des Solo-Spielerlebnisses. Ein ganz wesentlicher Grund, warum World of Warcraft aus dem Nischen-Genre "MMORPG" einen weltweiten Millionenknüller machte, war und ist die enorme Einsteigerfreundlichkeit. Dazu gehört es, Solospieler zu unterhalten und vorankommen zu lassen. WoW erschien 2004 nahezu zeitgleich mit dem technisch imposanteren EverQuest 2, das aber ähnlich wie sein Vorgänger die Spieler relativ bald dazu nötigte, sich in Gruppen zusammen zu tun. Blizzard designte dagegen das einsteigerfreundlichste MMO der Welt, in dem man allein prima bis zur Level-Höchststufe aufsteigen konnte. Dass WoW so lange so erfolgreich war, lag natürlich auch am steten Nachschub an kniffligen Endgame-Herausforderungen für Gruppen. Aber ohne den Unterbau des Quest-reichen, locker-leichten, Solisten-freundlichen Hochlevelens hätte das Spiel niemals eine solche Masse an Instanzgängern herangezogen.
 
Multiplayer wäre toll – ohne die anderen Spieler
Kollege Fränkel beklagte in seinem Dark-Souls-Wutschrei unter anderem, dass zu schwere Spiele oft Kritikergnade finden, weil es uncool sei, die eigene Schwäche einzugestehen. Ähnlich nachsichtig werden aus meiner Sicht oft Multiplayer-Spielmodi beurteilt und überbewertet. Die Einzelspieler-Kampagne ist kurz und mittelmäßig – halb so wild. Aber wehe, es mangelt einem neuen Spiel an Multiplayer-Features! Wenn es nicht gerade ein Promi-Schwergewicht wie eben Skyrim ist, sind empörte Aufschreie obligatorisch. Denn die Hardcore-Zocker, die in den Foren am lautesten schreien, legen nun mal Wert darauf, sich im Wettkampf gegen den Rest der Welt messen zu können.
 
            Schlechte Einführung, rauer Umgangston, dubiose Designprinzipien
Mit den zeitgenössischen Multiplayer-Offerten in modernen Shootern stehe ich ganz besonders auf dem – pardon – Kriegsfuß. Schlechte Einführung, rauer Umgangston, dubiose Designprinzipien: Meine Kurzerfahrung mit Battlefield 3 bestätigte liebevoll gehegte Vorurteile. Als wären die ganzen Freischaltsysteme nicht schon einsteigerfeindlich genug (wer neu ist und lernt, hat die mieseste Ausrüstung), werde ich schnell angemault, weil ich die Karte noch nicht ausreichend auswendig kenne oder die Fahrkünste meiner ersten Panzerversuche zu wünschen übrig lassen. Moderne militärische Shooter kommen mir vor als ein Club der Eingeweihten, die mit viel Freizeit, guten Reflexen und weitaus weniger guten Manieren gesegnet sind. Genervt und verwirrt sind da tröstlicherweise auch andere Beobachter, von Penny Arcade bis SPIEGEL Online. Vielleicht sollte es für Online-Shooter-Spieler neben Waffenverstärkern auch mal einen digitalen Knigge als Freischalt-Belohnung geben.
 
Kurze Feigenblatt-Kampagnen als Lockmittel
Ansatzweise philosophisch werden dann Diskussionen über die Qualität der Einzelspieler-Offerten von Shootern. "Das spielt man ja eh' nur wegen Multiplayer" ist ein nur bedingt taugliches Argument, denn ich bin nicht "man". Die Spieleanbieter nehmen solche Alleinstehenden wie mich gerne als Kundschaft mit, also werden kurze effekthascherische Feigenblatt-Kampagnen als Lockmittel aufs Fact Sheet gesetzt. Warum nicht auf das Gedöns einer "Hollywood Blockbuster"-Story verzichten und statt dessen eine Art Solisten-Aufbauprogramm anbieten, das Kanonenfutter-Kandidaten wie mich besser auf den rauen Online-Spielbetrieb vorbereitet? Und vielleicht mal klar sagen: "Jawoll, das ist primär ein Multiplayer-Titel. Es gibt zwar auch ein bisschen was zu tun, wenn man unbedingt alleine spielen will, aber das ist nur Nebensache."
 
Vereinzelte Sichtungen geglückter Hybriden in freier Wildbahn
Im Regelfall profitieren Spiele von Fokussierung und klaren Verhältnissen. Es gab nur vereinzelt Sichtungen von geglückten Hybriden in freier Wildbahn. Blizzard hat bereits vor WoW vorgemacht, wie man ein stimmiges und umfangreiches Einzelspielererlebnis mit Multiplayer ergänzen kann, siehe Warcraft 3 oder Diablo 2. Und dann wäre da noch das neue Experiment von Bioware – und ich meine nicht das extrem Einzelspieler-freundliche Star-Wars-MMO The Old Republic. Ich meine das kommende Mass Effect.
 
Mass Effect mit Multiplayer: Kann das gutgehen?
Biowares Rollenspiele waren in der Vergangenheit dann am besten, wenn das Team sich ganz auf die Einzelspieler-Story konzentrieren konnte. Man vergleiche die Kampagnenqualität des Multiplayer-zentrischen Neverwinter Nights mit der von Baldur's Gate oder Dragon Age. Der Action-Rollenspiel-Hybrid Mass Effect 3 soll erstmals in der Seriengeschichte eine Mehrspieler-Komponente verpasst bekommen, die völlig optional, aber zugleich nicht völlig irrelevant für die Spielstory sein soll. Biowares Ansatz für diese Quadratur des Kreises: Mit Erfolgen in kooperativen Ballerlevels soll man ein weniger gründliches Durchspielen der Kampagne kompensieren können. Der Story-Fan kann nach wie vor die Handlung bis zur letzten Crewmitglied-Gefälligkeitsquest auslutschen. Wer sich dagegen weitgehend mit den Hauptmissionen begnügt, schaltet durch Multiplayer-Erfolge (quasi auf dem zweiten Bildungsweg) noch die bestmögliche Schlussvariante frei. Das klingt soweit gut, aber Bioware möge sich bewusst sein, dass wir Kampagnen
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-Liebhaber Mass Effect 3 mit entsicherter Stoppuhr spielen werden – und wehe, die Story wurde im Vergleich zum Vorgänger reduziert oder abgebaut, weil die Designer Zeit in den Multiplayer-Bereich stecken mussten!
 
Ich glaube, dass Einzelspieler- und Multiplayer-Glück auf gleichwertig hohem Niveau friedlich nebeneinander existieren können – in ganz seltenen Fällen. Denn die dazu nötigen Ausmaße an Entwicklungsaufwand und Designqualität sind nicht bei jeder Budget- und Zeitplan-geplagter Produktion machbar. Mögen die Erfolgszahlen von Skyrim mehr Publisher dazu inspirieren, den Fokus eines Produkts ganz auf das Einzelspieler-Erlebnis zu richten! Rund 7 Millionen Einheiten des Rollenspiels lieferte Bethesda bei der Veröffentlichung aus, davon wurde über die Hälfte binnen 48 Stunden verkauft – ganz schön viele Alleinspieler! Wer diese Zielgruppe nur halbherzig bedienen will, sollte seine Vermarktungsbotschaft entsprechend klar gestalten. Wenn die Single-(Player-)-Portion zur kalorienarmen Sättigungsbeilage verkommt, will ich wenigstens entsprechend vorgewarnt sein.

Euer Heinrich Lenhardt
 

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Heinrich Lenhardt 19. November 2011 - 21:55 — vor 7 Jahren aktualisiert

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