ESO: MMORPG für die Katz Meinung
Teil der Exklusiv-Serie Fränkel spielt verrückt

Fränkel spielt verrückt #18

Harald Fränkel / 23. Juni 2021 - 0:15 — vor 5 Wochen aktualisiert

Teaser

Wäre ich mal im Bett geblieben! Stattdessen habe ich meine Zähne versehentlich mit Cortison-Salbe geputzt, die Neurodermitis mit Aronal eingecremt und auch noch The Elder Scrolls Online solo gespielt.
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Demnächst jährt sich der schönste Tag meines Lebens zum zehnten Mal: Am 11.11.2011 wurde The Elder Scrolls 5 - Skyrim veröffentlicht. Logisch, dass ich es pünktlich zum Release gezockt habe. Den ganzen Tag und die ganze Nacht. Na gut, ich flunkere ein bisschen. Zwischen 12 und 14 Uhr musste ich kurz afk gehen, um eine schwangere Frau zu heiraten. 

Ich dachte erst dieser Tage wehmütig an Skyrim, als Blackwood erschien, das neue Kapitel für The Elder Scrolls Online. Alte weiße Männer mit Maultoupet, wie ich einer bin, warten seit Jahren sehnsüchtig auf ein neues Soloabenteuer in ihrem Lieblings-Fantasy-Universum. Sie mögen keine Massen-Mehrspieler-Online-Rollenspiele. Das hat ja auch Kollege Michael Hengst vor einiger Zeit in seinem #Aufschrei Lasst mich bitte allein! thematisiert.

  Seit einer traumatischen Erfahrung mit Star Wars – The Old Republic, bei der meine erfahrenen Mitspieler wie ein Rudel zugekokster Rehpinscher durch die Levels hetzten und ich nur mit Hinterherlaufen beschäftigt war, wollte ich kein MMORPG mehr anfassen. Tja ... bis mir unverhofft eine Collector's Edition von The Elder Scrolls Online in die Hände fiel und ich auf einen Artikel stieß, der besagtes ESO als einzelspielerfreundlichstes MMORPG anpreist. Weil ich als Jesus der Journalisten gelte, war schnell klar, dass ich mich für euch opfern und zu Kreuze kriechen muss: Macht es Spaß, dieses Spiel alleine zu zocken? 

Die misanthropisch veranlagte Sozialphobiker-Laborratte in mir fühlt Angst. Was, wenn mich im Chat jemand anlabert? Zum Glück bin ich ein staatlich geprüfter Psychotherapiepatient und beherrsche Autosuggestion. Also begebe ich mich vor dem Start kurz auf eine positiv besetzte Phantasiereise. Ich belüge mich selbst, indem ich beim Wort "Blackwood" an den Schwarzwald denke, an bildschöne Mädels mit Bollenhüten und an Kirschtorte mit Sahnefüllung. 

 
Deutsche Lokalisationen sind grundsätzlich Kacke.
Als Erstes fällt mir auf, dass irgendein Idiot "Blackwood" mit "Dunkelforst" übersetzt hat. Deutsche Lokalisationen sind grundsätzlich Kacke. Wer eine andere Meinung vertritt, also eine falsche, der guckt auch Hartz-TV und spielt währenddessen mit seinen Hoden zwanghaft Bauchraumbillard. Ich präferiere stets die Originalfassung, selbst bei Filmen. Für Die Passion Christi übermale ich die Untertitel auf dem Fernseher mit Tipp-Ex, damit sie mich nicht vom O-Ton in Lateinisch, Aramäisch und Hebräisch ablenken. Ihr müsst das auch so machen, sonst seid ihr doof. 

Was ich bei einem Elder-Scrolls-Abenteuer noch nie nicht erlebt habe: Das Spiel beginnt im Gefängnis. Anders als beim ersten Serienteil Arena aus dem Jahr 1994 liegt der Schlüssel aber nicht gleich auf dem Bett der Zelle. Die Entwickler zelebrieren Realismus! Ich verspreche einer Justizvollzugsbeamtin, dass ich ein Shyazzel-Dingsbumsmonster für sie töte, schon sperrt sie auf.   

  Macht es Spaß, dieses Spiel alleine zu zocken? Der berühmte Computer Deep Thought würde nach 7,5 Millionen Jahren zu dem Schluss kommen, dass er die Antwort darauf nicht korrekt berechnen könne, weil die Frage falsch gestellt worden sei. Mir als Genie fällt das nach wenigen Stunden auf. Also noch mal richtig gefragt: Ist es überhaupt möglich, ESO: Blackwood alleine zu spielen? Ich möchte nicht zu viel verraten, weil ich als großer Freund des retardierenden Moments gerne die Spannung aufrecht erhalte, aber eine kleine Andeutung darf sein: MUHAHAHAHAHALECKTMICHDOCHALLE!

Ich nehme mir vor, diese Kolumne mit einem Action-Screenshot optisch aufwerten. Meinen ersten coolen Kampf damit zu dokumentieren. Ich trete gegen einen Flusstroll an. Um die zottelige Kreatur ins rechte Licht zu rücken, umkreise ich sie mit einem eleganten Contemporary-Tanz. Absolute Superspielejournalisten-Oberprofis wie ich schlagen erst mal bewusst daneben, damit der Gegner nicht binnen Sekunden tot darnieder sinkt. Perfekte Screenshots brauchen Zeit.

 
Manchmal verbringe
ich Stunden damit, Screenshots zu machen.
Ich verbrenne manchmal Stunden damit, Bilder zu machen. Wenn ich den Troll optimal erwische, sich der Bildschirm aber gleichzeitig wegen eines Treffers komplett rot färbt, taugt das Motiv am Ende doch nichts. Ich gehe mit meinem Helden in die Hocke, damit die Größe des Monsters besser zur Geltung kommt ... und exakt in dieser Hundertstelsekunde rennt ein anderer Spieler vorbei. Sein massiger Krieger haut meinem Fotomodell genau einmal auf den Kopf. RIP Flusstroll. Ich brülle dem Ritter mit dem irrsinnig witzigen Namen Sir Schwanzelot einige tourettewürdige Wörter hinterher.

Kurze Zeit später bin ich besänftigt. Ich habe eine wunderschöne Schatztruhe entdeckt. Sie glänzt vielversprechend. Als ich auf sie klicke, löst sie sich in Luft auf. Beim Blick in mein Inventar entdecke ich aber nichts Neues. Ich sehe mich hektisch um. Meine Augen folgen einer Staubwolke, die sich bis zum Horizont zieht. Dort entschwindet gerade ein Ork in den Wald. Ich glaube, den atmosphärefördernden Namen Greedy Gonzales gelesen zu haben.

  ESO Online scheint einem Covid-19-Fiebertraum entsprungen. Wegen eines harten Lockdowns herrscht im Großteil Tamriels tote Hose. Wenn mal mehrere Menschen und Vertreter anderer Völker zu sehen sind, dann in Pulks. Dort, wo computergesteuerte Marionetten ihre Aufträge vergeben. Das sieht dann aus, als würden die Abenteurer dicht  gedrängt bei Corona-Test-Centern oder Impfzentren herumlungern. Vielleicht warten sie aber auch, dass die verfickte Ampel bei Aldi Süd endlich auf Grün schaltet, man weiß es nicht so genau.

Ich glaube, ich habe sogar eine Demo mit Corona-Leugnern gesehen, die sich gegenseitig anhusten, weil sie so toll rebellisch drauf sind und gegen die kaiserliche Diktatur kämpfen. In einer Ecke sitzt ein Vegan-Koch, der bitterlich weint, nachdem sich seine Mama hat impfen lassen. 

 
Weil fast jeder Spieler ein Mount und ein Pet besitzt, fühle ich mich wie im Kinderstreichelzoo.
Es treiben sich aber noch wesentlich abartigere Viecher in den Straßen herum. Reit- und Haustiere (Neudeutsch: Mounts und Pets). Gerade sprintet ein Khajiit auf einem durchsichtigen Hirsch vorbei. Das Renntier arbeitet im Winter bestimmt für Santa Claus. Weil fast jeder Spieler ein Mount und ein Pet besitzt, fühle ich mich nicht gerade als großer Abenteurer in einer Welt voller Gefahren, sondern wie im Provinz-Kinderstreichelzoo in Pusemuckl. Leute, euer Ernst? 

Was kommt als Nächstes? Mini-Zebras? Quietschbunte Einhörner? Als ich darüber nachdenke und versuche, dabei keiner schweren Hirnblutung zu erliegen, kommen ein Baby-Zebra und ein Regenbogen-Einhorn umme Ecke. Wo steckt diese verfluchte versteckte Kamera? Ich mime wenigstens einen  Mann und reite auf einem Löwen! Die He-Man-Gedenk-Battle-Cat hat Stil!  

Wie die Fans von Star Wars - The Old Republic benehmen sich auch ESO-Spieler extrem unentspannt. Keiner geht, alle rennen. In diesem gestörten Ausmaß habe ich das erst einmal im realen Leben beobachtet. Es war tiefster Winter, das Thermometer zeigte 10 Grad minus. Da sah ich ein panisch durch den Park preschendes und hakenschlagendes Eichhörnchen mit Bluthochdruck, das vergessen hatte, wo seine Nüsse vergraben sind.  

  Sir Schwanzelot klappert offenbar den selben Quest-Strang wie meine Wenigkeit ab. Ich fühle mich wie der Hase im plattdeutschen Volksmärchen Dat Wettlopen twischen den Hasen un den Swinegel up de lütje Heide bi Buxtehude. Egal wann ich bei NPC XYZ ankomme, der vermaledeite Sonic the Hedgehog ist bereits da. In einem Fall killt er vor meinen Augen einen Levelboss, und ich Dulli muss warten, bis das Vieh neu aufplöppt. Mir gehen aber auch alle anderen Spieler ganz gehörig auf den Zeiger. Die spoilern, indem sie mir beispielsweise vorführen, wohin ich in Dungeons hinmuss. Sackgesichter!   

Das Spiel lässt mich gefühlt nie alleine. Seit ich in der Stadt Gideon ein Plakat gelesen habe, das für einen Eintrag ins Questlog sorgte, rennt mir ständig ein NPC namens Faric Gemain hinterher – selbst wenn ich eine andere Mission aktiv schalte. Der Knilch lässt sich nicht töten, ich habe es versucht. Ich erinnere mich an Mud, die Stalker-Arschgeige aus Gothic und weine ein bisschen. 

 
Als größte Nervensäge auf meiner Reise entpuppte sich eine NPC-Frau.
Als größte Nervensäge während meiner Reise, die meinen Recken bisher auf Level 8 brachte, entpuppt sich allerdings kein anderer Spieler, sondern eine NPC-Frau: Es handelt sich um die Elfe Eveli Scharfpfeil, die tatsächlich verhältnismäßig scharf aussieht. Sie behauptet von sich, einen Eichelpo zu besitzen. Falls ihr nur Birnen- und Apfel-Popos kennt und wissen wollt, wie ein Hintern in Nussfruchtform aussieht, kann ich nur raten: Gebt in der Google-Bildersuche keinesfalls "Eichel Hintern" ein, das könnte nicht unwahrscheinlich zu spontaner Erblindung führen.    

Warum mir Eveli Scharfpfeil auf die Eichel-Nüsse geht? Sie folgt dem Spieler während der Hauptquest auf Schritt und Tritt und will dauernd reden. Ständig. Immerfort. Die Entwickler haben die Story als Krimi angelegt und schicken mich dabei von Pontius zu Pilatus, von Hinz zu Kunz und von Lolek zu Bolek. Würde kein mittelalterliches Fantasy-Szenario vorliegen, müsste ich wohl auch noch zu Black & Decker und Heckler & Koch.

  Dazwischen sagt mir die Waldelfe, was ich als Nächstes tun muss und wiederholt dabei oft, was ich bereits von einem anderen Charakter weiß. Manchmal wiederholt sie sogar, was ich Sekunden zuvor erlebt habe. Wahrscheinlich hält sie sich für eine Krankenschwester und mich für einen Patienten mit Pflegestufe 5. Eveli erzählt auch gerne, was sie geträumt hat. Ich vermute, ich erfahre noch Details zur ihrer Dendrophilie-Neigung, alles über ihren Monatszyklus und die neue IKEA-Küche. Latschen, reden, latschen, reden, latschen, reden. Ich fühle mich wie ein Pizzabote, der nach jeder einzelnen Lieferung einen Gesprächstermin beim Psychologen wahrnehmen muss.     

Voll auf ihre Kosten kommen bei ESO: Blackwood übrigens Autisten mit Savant-Syndrom, die über eine Inselbegabung à la Rain Man verfügen und in ihrer Freizeit gerne Namen aus Telefonbüchern auswendig lernen. Während der ersten Stunde führt das Spiel alleine bei der Hauptgeschichte mindestens 83 Millionen Nichtspielercharaktere ein. Zunächst Ratsherrin Jirich, Ratsherr Lupus, Ratsherr Lovidicus, Ratsherrin Faleria, Ratsherr Sophus, Ratsherrin Abor, Ratsherrin Itinia und Ratsherr Vandacia. 

 
Wer gerne mal Namen verwechselt, sollte eine Excel-Tabelle für die
NPCs anlegen.
Profitipp: Wer wie ich gerne mal Namen verwechselt, sollte eine Excel-Tabelle mit Kurzbeschreibungen anlegen. Ich setze sicherheitshalber sogar auf eine Oracle-Datenbank mit 250 Terabyte Speicher. Damit halte ich auch Lupus, Lovidicus, Leovic und Lyranth auseinander. Anders als Lupus und Lovidicus gehören Leovic und Lyranth nämlich nicht dem Rat an. Leovic ist der Kaiser, Lyranth eine Dremora. 

Weitere tragende Nebenrollen nehmen der Assassine Elam Drals und der Argonier Keshu Schwarzflosse ein. In den folgenden Stunden erwarte ich noch John-Boy, Mary Ellen, Jim-Bob, Jason, Erin, Ben und Elizabeth Walton, Caroline, Kathy, Paul, John, Patricia, Jimmy, Joey, Barby, Michael Patrick, Maite und Angelo Kelly sowie Sylvana, Sarafina, Jeremy-Pascal, Sarah-Jane, Lavinia, Calantha, Estefania und Loredana Wollny. Oracle-Datenbank ftw!  

Ich könnte mich jetzt noch über sämtliche nervige, grundsätzliche Schwächen von The Elder Scrolls Online auslassen, aber dann explodiert das Internet, weil es nicht genug Speicher hat. Mein Fazit in lyrischer Kurzform:   

Oh ich hab' solche Sehnsucht,
ich verliere den' Verstand –
ich will zurück zum Weißfluss,
nach Solo-Himmelsrand.


Schönes Restleben noch!

Euer Harald Fränkel
Abfuehrung
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Harald Fränkel 23. Juni 2021 - 0:15 — vor 5 Wochen aktualisiert
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