Harald Fränkel vs. Fanboys

Warum Dark Souls stinkt Meinung

Finger weg, Finger weg, Finger weg! Mit diesen sechs Worten sollte jeder Dark-Souls-Test beginnen – und enden. Das jedenfalls meint Harald Fränkel. Dem einen oder anderen Leser mag bereits schwanen: Fans des Rollenspiels, die gerade kein Mittel gegen Bluthochdruck zur Hand haben, sollten diese Kolumne vielleicht besser nicht lesen...
Harald Fränkel 9. Oktober 2011 - 17:46 — vor 7 Jahren aktualisiert
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Mein Name ist Harald, und ich bin Alkoholiker. Stop, falsche Selbsthilfegruppe. Noch mal von vorn. Hallo, ich heiße Harald, und ich bin Auf-dem-leichten-Schwierigkeitsgrad-Spieler. Kurz: AdlSS. Offen zugeben würde ich das natürlich keinesfalls. Wer unter Zockern verlautbart, er daddle am liebsten auf „Easy“, hat keine Freunde. Nicht mal auf Facebook, wo sogar Gaddafi welche hat. Wir AdlSS sind es nicht wert, zu leben. Wir stehen ganz am Ende der Nahrungskette. Noch hinter den Nicht-englische-Fassung-Spielern, die bekanntlich schlimmer sind als Atomkrieg, Pankreaskarzinom und Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien zusammen.

AdlSS: Spielen auf dem einfachen Schwierigkeitsgrad Mir macht es Spaß, mich manchen Spielen im einfachen Schwierigkeitsgrad zu widmen. Wobei es hart war, sich das selbst einzugestehen, ohne komplett die Selbstachtung zu verlieren. Ich habe nur etwa dreieinhalb Monate lang mit dem Finger auf mich gezeigt und gelacht. Doch dann ging's. Vor anderen, in Foren etwa, halte ich die Klappe. Ich lege mich doch auch nicht freiwillig vor ein Rudel Hyänen und sag: „Fresst mich, aber bitte langsam, damit ich länger was davon hab!“
 
Dabei ist doch klar: Ich möchte mich wenigstens in einem Spiel mal als mächtiger Held fühlen, wenn mich schon das Leben jeden Tag fickt. Vielleicht liegt es auch am Alter, dass ich es gemächlicher mag. Wobei ich wohlgemerkt nicht glaube, dass reifere Spieler per se schlecht spielen – Parkinson kann bei einer Runde Decathlon am Commodore 64 echt hilfreich sein. Der Punkt ist vielmehr: Ich bin mittlerweile in einem Alter, wo die eigene Beerdigung statistisch gesehen deutlich näher liegt als der Geburtstag. Folglich möchte ich a) keine Zeit mit etwas verschwenden, was mich frustriert und b) auch virtuell keine 1.000 Tode sterben. Hat da gerade jemand Dark Souls gesagt? Einen Moment bitte noch, ich komme sofort darauf zu sprechen.
 
Auch wenn ich gleich klinge wie mein Vater und deshalb bestimmt sehr viel mehr kotzen muss als ich je essen könnte, es stimmt nun mal: Mit zunehmender Lebenserfahrung nimmt der Drang ab, sich beweisen oder irgendwelche Heldentaten an die große Glocke zu hängen zu müssen. Ich kriege auch dauernd Penis-Enlargement-Mails, liebes Jungvolk, muss das aber nicht mit Dark Souls kompensieren! Das tu ich, indem ich Lamborghini fahre und ein Schweinegeld für meine Putzfrau Katrina Bowden ausgebe. Nein, kleiner Scherz am Rande, ich fahre keinen Lamborghini. Natürlich macht mich die Lebenserfahrung gelassener. Die sagt mir zum Beispiel, dass alles ab 20 Zentimeter völlig okay ist.
 
Wurzel des Übels: Demon's Souls
Es hat mich aber vor allem meine Nerven gekostet
Wobei die Wurzel allen Übels aus meiner Sicht nicht Dark Souls, sondern Demon's Souls heißt. Als das erschien, war ich gewissermaßen Spieler wie ihr auch. Das Ding bekam man zunächst nur als Import, also holte es sich Klein-Doof-Harald übers Internet, in einem Kuhkaff namens Qinhuangdaoodersoähnlich. Die chinesische Fassung also, denn die verfügte wenigstens über englische Untertitel, statt mich mit Schriftzeichen zu überfordern – mein Japanisch ist nämlich etwas eingerostet, müsst ihr wissen. Bitte nicht lachen, Spiele-immer-in-der-Originalfassung-Spieler!
 
Gekostet hat mich Demon's Souls damals summa summarum um die 80 Öcken. Es hat mir aber vor allem meine Nerven und fast das Leben gekostet. Zum Glück war der Föhn kaputt und mein Pfleger erhöhte die Antidepressiva-Dosis. Wenn ich Freigang hatte, bin ich zu jedem Weinfest in der Würzburger Umgebung, weil ich mutmaßte, dass meine Dauerflennerei unter den anderen Heulsusen nicht so auffällt. Nein, selbst schönsaufen hat nicht geholfen, Demon's Souls wurde nicht zu meiner großen Liebe. Was war geschehen? Tja, ich war voll in die Review-Falle getappt. Die Tests klangen alle gleich, deshalb kann ich sie noch heute auswendig rezitieren:
 
Demon's Souls ist sehr schwierig, manchmal an der Grenze zum Frustigen, aber nie-nie-nie unfair und deshalb total super, 11 von 10 Punkten, jeder echte Hardcoregamer muss es haben. 
 
Heute kann ich darüber lachen. Schaut: MUAHAHAHA! Trotzdem finde ich es übel, dass es mit Dark Souls nun genauso gelaufen ist. Von Ausnahmen abgesehen, die bekanntlich die Regel bestätigen, hieß es in den Rezensionen:
 
Dark Souls ist sehr schwierig, manchmal an der Grenze zum Frustigen, aber nie-nie-nie unfair und deshalb noch superer als Demon's Souls, 12 von 10 Punkten, jeder lebende oder tote Hardcoregamer muss es haben.   
 

Designentscheidungen bei Dark SoulsDamit wir uns nicht missverstehen, Dark Souls hat viele Stärken. Ich schaue es mir aus beruflichem Interesse an und vergucke mich gerade vielleicht sogar ein bisschen darin. So finde ich das Kampfsystem extrem sexy. Mir gefällt die erwachsene Atmosphäre, da sie weder auf Kinderkacki- noch Wühltisch-, sondern Düster-Fantasy setzt. Außerdem macht's Spaß, die riesige virtuelle Welt zu erforschen, weil sie mich zwingt, dies mit Bedacht zu tun. ABER: Wer als Tester bei Spiel A, B und C bestimmte Design-Entscheidungen mit Abwertungen bestraft, muss auch den Arsch in der Hose haben (oder die Fanboy-Brille absetzen) und dies bei Produkt D tun.
 
Nur ein Beispiel: Zu weit auseinander liegende Speicherpunkte bei jedem anderen Spiel als schlimmste Erfindung seit Justin Bieber zu brandmarken und dann plötzlich bei Dark Souls nicht, kann keinesfalls im Interesse der Leser sein. Wenn ein Spiel so einsteigefreundlich ist wie ein fahrender ICE oder eben Dark Souls, muss sich das deutlich auswirken. Denn bei der Bewertung eines Spiels geht's nach meinem Berufsverständnis nicht nur um persönliche Befindlichkeiten. Unfair oder nicht unfair? Kratzt mich erst mal nicht. Wenn ein Spiel für 95 Prozent der sogenannten Hardcoregamer zu schwierig und damit frustrierend ist, dann muss ich sie davor warnen. Dabei reicht es nicht, die Rezension mit den Worten „Finger weg, Finger weg, Finger weg!“ beginnen und enden zu lassen. In einem auf Noten bauenden Testsystem hat auch eine entsprechende Zahl drunter zu stehen. 
 
„Woher will dieser Professor Doktor Klugschiss und AdlSS wissen, was für uns Hardcoregamer zu hart ist?“, mag der eine oder andere Einwand kommen. Hier besteht zunächst ein Missverständnis. Hardcoregamer sind aus meiner Sicht zunächst mal nur Vielspieler und nicht zwingend herausragende Könner. Uneingeschränkt empfehlen würde ich Dark Souls eigentlich nur Zeitgenossen, die Jonathan Wendel heißen oder mit diesem einigermaßen mithalten können. Für mich kommen ergo nur zwei Arten des Homo ludens digitales als Zielgruppe von Dark Souls infrage: Lasst uns die einen Skillgamer nennen und die anderen Megalomanie-Patienten. Die einen wollen ihre Fähigkeiten beweisen, die anderen sich daran berauschen, dass sie ein Spiel zocken, das 95% der anderen Spieler überfordert.

Wertest du zu niedrig, bist du zu schwach
Ach ja: Als Ü40, man mag's kaum glauben, habe ich schon so zwei, drei Spiele in meinem Leben gedaddelt, um mir halbwegs eine Einschätzung in puncto Schwierigkeitsgrad zuzutrauen. Ich erinnere mich mit einer Mischung aus Schrecken und Freude spontan an Ghosts'n Goblins, Battletoads und Grand Prix Legends, um nur ein paar Beispiele zu nennen. Und: Seit nunmehr 15 Jahren hocke ich berufsbedingt vor irgendwelchen Rechnern und Konsolen herum, verdiene mein Geld also spielend. Hier gehört es natürlich dazu, sich jeden Schwierigkeitsgrad eines Titels anzusehen. Glaubt mir, dabei entwickelt man ein gewisses Gespür.
 
Eine 9, 10 oder 92% ist aber für Dark Souls schlicht zu hoch
Wird ein Dark Souls aus der Sicht derer, die es lieben, zu niedrig bewertet, ist die Kacke mächtig am Dampfen. Doch gerade das ist der Kasus Knaxus: Ein Spiele-Magazin darf einen solchen Titel nicht für diejenigen beurteilen, die ihn vergöttern. Die Rezension darf auch nicht für die geschrieben sein, denen schon der Vorgänger wahnsinnig gut gefallen hat. Ein Spiele-Magazin muss versuchen, allen seinen Lesern gerecht zu werden. Eine 9, 10 oder 92% ist aber für Dark Souls schlichtweg zu hoch, da zu viel uneingeschränkte Kaufempfehlung!
 
Alle AdlSS möchte ich deshalb ermutigen, selbstbewusster zu werden. Schaltet euch bei Diskussionen um das Thema Schwierigkeitsgrad ein. Zeigt den Skillgamern, dass sie nicht der Nabel der Welt sind. Erklärt ihnen, warum ihr selbst als Vielspieler euch beim Daddeln entspannen und nicht arbeiten wollt. Ich kann bestens ver
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stehen, warum man in einem Spiel der King sein möchte. Vielleicht auch, wenn man ein Kindheitstrauma verarbeiten muss: Ich war zu meiner Schulzeit im Fußball so schlecht, dass ich nicht mal als Letzter in die Mannschaft gewählt wurde. Als Totalpfeife musste ich immer den Schiri mimen. Seither kicke ich bei FIFA auf der Stufe „Amateur“  und gewinne mit Bayern München gegen Arminia Bielefeld. Ein gewaltiges Erfolgserlebnis, das mich die Demütigungen von einst vergessen lässt!
    
Wenn ihr, liebe Dark-Souls-Fans, nicht verstehen wollt, dass euer Liebling nicht zwingend eine 8, keinesfalls jedoch eine 9 oder 10 als Wertung verdient hat, dann kann ich wohl nur noch drohen: Ich werde mich dafür einsetzen, auf GamersGlobal künftig regelmäßig Tests zu Pony-, Barbie- und Hello-Kitty-Spielen schreiben zu dürfen und mich bei der Bewertung ganz dolle in ein kleines Mädchen mit rosa Schleifchen im Haar hineinversetzen. Für die das dann halt eine 9 oder 10 ist. Ihr habt die Wahl! So, jetzt muss ich weg. Noch ein bisschen Dark Souls sterben.

In diesem Sinne: schönes Leben noch!

Abfuehrung
Userwertung
8.3
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Action-RPG
16
From Software
Bandai Namco
07.10.2011
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PCPS3360
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Harald Fränkel 9. Oktober 2011 - 17:46 — vor 7 Jahren aktualisiert
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