Die Diktatorensimulation im Test

Tropico 3 Test

Was heißt hier Bundestagswahl? 8 Jahre nach seinem ersten Auftritt wählt El Presidente sich einfach selbst. Seine karibische Bananenrepublik ist zwar kleiner als die bundesdeutsche, steht aber ebenfalls vor großen Problemen. Doch lassen die sich -- der Traum Schäubles wird wahr -- ganz gut mit dem Einsatz der Armee "im Inneren" lösen.
Christoph Licht 23. September 2009 - 22:00 — vor 10 Jahren aktualisiert
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"Ach, immer nur Probleme. Die Untertanen können einem ja sooo auf den Geist gehen. Unser Inselstaat schwimmt im Geld, dank reicher Erdölvorkommen vor der Küste. Die Arbeiter haben eine gute Schuldbildung, wir zahlen ihnen Premiumlöhne. Jeder hat eine Villa! Und trotzdem geht das undankbare Pack auf die Straße, läuft mehr und mehr zu den Rebellen über! 

Nun gut, vielleicht hätten wir weniger Spezialisten aus dem Ausland einstellen sollen, das hat die Naftionalisten verärgert. Aber wir werden diesem Pöbel doch nicht nachgeben und unsere Einwanderungspolitik ändern. Lieber bauen wir noch ein paar mehr Armeebasen und Wachtürme quer über unser Eiland!" Soweit Presidente Hofmannso im Jahr 2009.

2010: Alarm! Die Rebellen greifen an! Der Präsidentenpalast wird angegriffen, und obwohl wir uns persönlich einmischen, gewinnen die Rebellen die Oberhand. Kurze Zeit später geht der Palast in einer Rauchwolke auf – Presidente Hofmannso benennt sich flugs in Christoph Hofmann um und marschiert ins Exil. Dank seines prallegeüllten Schweizer Kontos kein allzu schmerzhaftes Los...

In unserem Video nehmen wir euch mit auf einen kleinen Stadtrundgang durch unsere Touristenoase.

Alles wie früher. Wieso auch nicht?

Mit Tropico 3 kehrt die Serie nach ihrem vom Spielervolk eher wenig goutierten Ausflug in die Zeit der Piraten wieder zu ihrem Ursprung zurück, Stichworte: Modernes Szenario, fiktive Karibikinsel und alles, was zum Diktatorendasein dazugehört.

Das Entwicklerteam bei Haemimont Games hat sich stark am ersten Teil der Serie orientiert – schon fast ein wenig zu stark, denn abseits der 3D-Engine müsst ihr wirkliche Neuerungen mit der Lupe suchen. Andererseits: Warum ein bewährtes Spielprinzip auf Gedeih und Verderb verändern, wenn es immer noch Spaß macht? So übernehmt ihr auch dieses Mal wieder die Kontrolle über El Presidente und dürft von 1950 bis 2000 eine kleine Insel beherrschen – zumindest wenn euch nicht, wie in unserem Beispiel, die Rebellen vorher den garaus machen. Aber nicht nur Rebellen können euer Ende bedeuten. Lasst ihr freie Wahlen zu, könnt ihr diese verlieren und abgesetzt werden. Und auch die UdSSR und die USA haben immer ein Wörtchen mitzureden. Sollte ihnen mal etwas nicht passen, fackeln sie meist nicht lange und stellen die Entwicklungshilfe ein – im günstigsten Fall. Im ungünstigsten Fall schicken sie ihre Kriegsschiffe. Gegen die hilft auch die größte Infanteriearmee nicht viel.

Unsere kleine Insel wächst und gedeiht. Links entstehen neue Mietshäuser, rechts am Bildrand ist unsere Oberschule.

Ab auf die Insel

Auch in der Karibik regnet es ab und an.
Eure Reise in die Karibik beginnt im Charaktergenerator. Ein Diktator wird schließlich nicht einfach so geboren. Stattdessen wählt ihr entweder aus berühmten Persönlichkeiten aus und übernimmt einen virtuellen Fidel Castro, oder ihr erstellt euch euren eigenen Avatar. Ähnlich Die Sims 3, nur mit weniger Möglichkeiten, dürft ihr das Aussehen bestimmen. Außerdem wählt ihr je zwei Qualitäten und Charaktermängel. Eure Wahl will wohl überlegt sein. Leidet euer Alter-Ego beispielsweise an Blähungen, erhöht sich automatisch das Gehalt der Palastwache ("erschwerte Arbeitsbedingungen") und verschlechtert die Beziehungen zu den beiden Supermächten. Ob ihr durch einen Putsch an die Macht gekommen seid oder gerne in die Kirche geht, beeinflusst ebenfalls das spätere Spielgeschehen.

Ein Dock, euer Palast und ein paar Häuschen ist alles, was euch zu Beginn begrüßt. Doch so idyllisch leer bleibt das Eiland nicht lange: Ein Rechtsklick auf die Insel und das Baumenü öffnet sich. Übersichtlich sortiert nach der jeweiligen Funktion, müsst ihr darin nicht einmal scrollen. Einige Gebäude benötigen Straßenanbindungen, andere sind auf kostbare Elektrizität angewiesen. Und eine Farm mitten in der Stadt wird wohl kaum die Bevölkerung versorgen können. Zudem kommt euch auch noch die Topologie der Insel in die Quere. Anders als in Sim City dürft ihr nicht einfach die Planierraupe holen und das Gelände gewaltsam umgestalten. Frühzeitige Planung ist deshalb alles, egal ob ihr ein Paradies für Touristen oder ein Exportimperium für Öl (die einzige neue Ressource) aufbauen wollt.

Die einzigen Gebäude, die ihr nicht manuell platziert, sind Hütten von armen Einwohnern. Sie sind ein regelrechter Schandfleck in eurer Stadt und entstehen über kurz oder lang auf jedem freien Platz. Das treibt wiederum die Kommunisten auf die Barrikaden. Um dagegen anzukommen, gilt es Arbeitsplätze zu schaffen, qualifiziertes Personal zu finden, angemessene Löhne zu zahlen und bessere Häuser zu bauen. Natürlich wollt ihr dennoch durch Export, Mieten und Touristen noch ein Plus in der Bilanz vorweisen können. Spätestens hier wird klar: Tropico 3 mag "nur" ein Aufbauspiel sein. Das Wirtschaftssystem ist jedoch sehr komplex, und euer Erfolg als El Presidente hängt von sehr vielen einzelnen Faktoren ab.

Lebendige Welt

In Tropico 3 bleibt ihr auf dem Laufenden, ohne ständig einen Blick auf Linien und Tabellen zu werfen. Texteinblendungen und sonstige Hinweise sind da nur der Anfang: Aus den Boxen erschallt neben Latino-Musik auch die Stimme eines DJs, der Ereignisse kommentiert und euch auf Missstände aufmerksam macht. Doch so hilfreich der DJ auch ist, auf Dauer nervten uns seine Kommentare, und wir haben ihn abgeschaltet. Umso praktischer, dass die größte Hilfe direkt vor eurer Nase liegt: eure Stadt. Bewohner und Touristen laufen real durch die Gegend und gehen ihrem Tagesablauf nach. Jedes Gebäude und jede Person lässt sich anklicken. Dann seht ihr etwa anhand mehrerer Balken, wie zufrieden euer Untertan ist, erfahrt ob er für euch wählen wird, wer Bestandteil seiner Familie ist und vieles mehr.

Außerdem habt ihr hier die Möglichkeit, ein Kopfgeld auf diese Person auszusetzen oder sie durch Bestechung auf eure Seite zu ziehen. Welche Aktionen möglich sind, hängt davon ab welche Gebäude ihr besitzt und welche Edikte ihr proklamiert habt. Ohne Polizeistation könnt ihr keine Geheimpolizei aufbauen und ohne Geheimpolizei ist kein gezieltes Attentat möglich. Nach dem Bau einer Kathedrale dürft ihr den Papst einladen. Wenn eure Untertanen einen gewissen Grad an persönlicher Freiheit erreicht haben, könnt ihr gleichgeschlechtliche Ehen erlauben. Auch der Test einer Atombombe ist gegen eine entsprechende Geldinvestition möglich, treibt jedoch die Umweltschützer auf die Barrikaden.

Die Wirtschaft von Tropico 3
Geld strömt auf vielfältige Weise in eure Taschen. 1 Holz zu fällen und weiterzuverarbeiten ist eine der einfachsten Methoden. 2 Touristen lieben es, für den Eintritt in alte Ruinen zu bezahlen. 3 Erdöl ist die ertragreichste und instabilste Möglichkeit, Geld zu scheffeln. 4 Auch andere edle Rohstoffe wie Gold lassen sich auf dem Weltmarkt sehr gut verkaufen. 5 Mietshäuser (hier noch im Bau) machen die Untertanen glücklich und spülen Geld in die Kasse. 6 Doch alles Rohstoff-farmen brächte nichts, wäre nicht dieses Containerschiff, das regelmäßig unsere Waren abholt.

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