Für PC, Xbox One & PS4 getestet

The Witcher 3 Test

CD Projekt nahm den Mund im Vorfeld ziemlich voll und versprach für das wohl letzte Spiel um den kühlen Hexer Geralt von Riva Ultimatives, weshalb es manch ein RPG-Fan schon im Vorfeld zum heiligen Gral erklärte. Wir haben rund 75 Stunden mit Geralt, Ciri und Yennefer verbracht und verraten euch, wie gut das Open-World-Epos ist.
Benjamin Braun 12. Mai 2015 - 16:08 — vor 3 Jahren aktualisiert
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Alle Screenshots stammen von GamersGlobal und soweit nicht anders gekennzeichnet von der PS4

Hochkonzentriert wartet er kniend auf den Sonnenuntergang. Seine Tränke "Schwalbe" und "Donner" hat er sorgsam vor sich aufbereitet. Auf seinem Rücken zwei Schwerter, eines aus Stahl, das andere aus Silber. Die Sonne versinkt am Horizont, die Umgebung hüllt sich in Dunkelheit. Der Mann ist ein Hexer, ein Monsterjäger, der an jenem Abend nur ein Ziel hat: den Vampir zur Strecke zu bringen, der die Leichen der Verstorbenen auf dem Friedhof ausgräbt. Ein sonderbares Zischen dringt durch die klare Neumond-Nacht, kurz bevor das Wolfsmedaillon um des Hexers Hals zu pulsieren beginnt. Ohne Eile zieht er die Silberklinge aus der Scheide und erhebt sich wie eine Katze aus seiner meditativen Phase. Das blutsaugende Wesen kreischt hämisch, nicht ahnend, dass sein letztes Stündlein geschlagen hat.

Der Vampir holt zu einem wuchtigen Hieb mit seiner Pranke aus, doch der prallt wirkungslos am magischen Schutzschild ab, den der Weißhaarige mit seinem Zauber Quen gewirkt hat. Der Hexer nutzt den Moment der Irritation, um seinen Angriff zu starten, setzt einen schnellen Schlag und entzieht sich mit einer Pirouette der nächsten Attacke. Er nimmt alle Kraft zusammen und verpasst dem Biest noch aus der Drehung einen zerschmetternden Schwertstreich. Panisch schlägt es mit seinen Klauen um sich, doch der Mann duckt sich weg. Wie aus dem Nichts steht er plötzlich hinter seinem Gegner und lässt das Silberschwert erneut kreisen. Wie durch Butter schneidet die Klinge durch die gräuliche Lederhaut des Grabräubers. Der Mann steckt in einer fließenden Bewegung das Schwert zurück in die Scheide auf seinem Rücken. Die Elfen nennen ihn Gwynbleidd, die meisten aber Geralt von Riva.

Geralt und das Schicksalskind
Geralts Ziehtochter Ciri wird von der Wilden Jagd verfolgt.
The Witcher 3 - Wild Hunt knüpft an die Ereignisse in The Witcher 2 - Assassin's of Kings (GG-Test: 8.5) an. Seitdem sind einige Monate vergangen, der Krieg Nilfgaards gegen die Redanier im Norden ist noch in vollem Gange. Alles sieht danach aus, als wenn der Krieg schon bald die freie Stadt Novigrad erreichen könnte. Frei ist dabei allerdings nur begrenzt wörtlich zu nehmen. Denn die Truppen von König Radovid sind bereits in der Stadt aktiv und die Hexerjäger der Ritter des Flammenordens machen in der Großstadt gezielt Jagd auf Magierinnen. Darunter befindet sich auch Geralts Liebschaft Triss Merigold, die täglich mit der Angst leben muss, auf dem Scheiterhaufen verbrannt zu werden.

Geralt aber hat zunächst ein ganz anderes Ziel und folgt dem Ruf der Zauberin Yennefer, die ihn in eine Taverne nach Weißgarten gebeten hat. Angetrieben wird er aber nicht bloß von der seltsam schizophrenen Liebe zur schwarzhaarigen Magierin, sondern auch von den Visionen, die ihn seit einiger Zeit plagen. Darin sieht er Ciri, die Enkeltochter von Königin Calanthe und Geralts "Überraschungskind", die auf der Hexerfestung Kaer Morhen von der Geisterarmee der Wilden Jagd entführt wird. Da kann der Monsterjäger nach außen noch so kühl wirken: Seine väterlichen Gefühle für Ciri treiben ihn voran.

Doch dadurch wird er zum Rädchen in einem weit größeren Geschehen. Denn Ciri ist vom Älteren Blut und auch, wenn sie ihre Macht noch nicht kontrollieren kann, könnte sie ganze Kriege entscheiden. Nach und nach erfährt Geralt, welche Pfade Ciri beschritten hat, doch je näher er ihr zu kommen glaubt, umso größer scheint der Abstand zu ihr zu werden, stets in der Gewissheit, dass die wie gesichtslose Ritter gewappneten Dämonen der Wilden Jagd sie jederzeit vor ihm einholen könnten...

Frei wie ein Vogel
Die einzelnen Zonen der Spielwelt könnt ihr frei bereisen. Zum großen Baum im Hintergrund können wir tatsächlich laufen.
Anders als 2007 in The Witcher (GG-User-Wertung: 8.5) und 2011 in The Witcher 2 (GG-Test: 8.5) setzt Teil 3 auf ein Open-World-Konzept. Die Spielwelt umfasst einen großen Teil der nördlichen Königreiche, darunter etwa das von Sümpfen und großen Tälern gekennzeichnete Velen. Das Königreich der Skellige-Inseln ist das nordischste aller enthaltenen Gebiete und weist viele Parallelen zu der Kultur auf, die wir als Wikinger bezeichnen.

Obwohl ihr wirklich riesige Gebiete bereisen könnt, ist die Welt nicht aus einem Stück. Stattdessen ist sie in insgesamt fünf Regionen unterteilt, die extra geladen werden müssen und extrem in ihrer Größe variieren. Das weitläufigste Gebiet ist eindeutig jenes mit Velen und der Stadt Novigrad, das allein bereits die Ausmaße der Spielwelt von The Elder Scrolls 5 - Skyrim (GG-Test: 9.5) übertrifft. Auch Skellige ist riesig, wobei ihr dort nicht nur auf der zentralen Insel, sondern auch auf mehreren, teils recht großen Nebeninseln unterwegs seid. Zumindest gefühlt kann es dieser Teil der Welt ebenfalls mit den Ausmaßen von Skyrim aufnehmen. Aber nicht jede Region im Spiel ist so gigantisch. Die temerische Hauptstadt Wyzima, die im Zentrum des ersten Witcher-Abenteuers stand, umfasst gerade mal das Schloss, in dem ihr auf Kaiser Emhyr van Emreis trefft. Bevor sich euch die Spielwelt praktisch komplett öffnet (zur Hexerfestung Kaer Morhen nebst Umland, die ihr kurz im Tutorial betretet, könnt ihr erst zu einem späteren Zeitpunkt in der Story wieder zurückkehren), müsst ihr lediglich die ersten Storyquests in der Region Weißgarten erledigen.

Ob ihr danach erst nach Skellige reist oder nach Novigrad, bleibt euch überlassen. CD Projekt tut jedoch viel dafür, dass ihr beim Bereisen der Gebiete eine bestimmte Reihenfolge einhaltet. Die "empfohlene Charakterstufe" könnt ihr grundsätzlich ignorieren, wenn ihr möchtet. Aber 1000 Kronen für die Überfahrt nach Skellige muss man erst mal zusammenbringen! Grundsätzlich seid ihr in den Gebieten sehr frei in eurer Bewegung. Zu Fuß oder mit eurem jederzeit heranpfeifbaren Pferd Plötze (das sich auch schnurstracks auf Inseln teleportiert, auf die ihr selbst via Boot übergesetzt seid), reitet ihr an jeden Ort, zu dem ihr gelangen möchtet. Die äußeren Grenzen der Spielwelt sind allerdings nicht sehr kunstvoll gesetzt: Geht ihr zu weit, warnt euch das Spiel, dass dort draußen "nur noch die Drachen" warten würden und ihr umkehren sollt. Anstatt uns aber wenigstens einen unbesiegbaren Drachen auf den Hals zu hetzen, öffnet sich irgendwann schlicht das Charaktermenü, und wir werden nach dem Schließen zurück an die Grenze gesetzt.

Spannender Perspektivwechsel
In The Witcher 3 schlüpft ihr nicht nur in Geralts Rolle, sondern auch manchmal in die von Ciri.
Witcher 3 lebt von der verzweifelten Suche Geralts nach Ciri und den damit verbundenen Perspektivwechseln. Immer wenn Geralt jemanden findet, der Ciri begegnet ist, erfährt er per Dialog oder Zwischensequenz davon, was passiert ist. Damit nicht genug, schlüpft ihr in diesen Rückblenden immer wieder selbst in Ciris Rolle, führt Dialoge mit anderen Charakteren oder kämpft. Im Laufe der Haupthandlung erlebt ihr immer wieder Wendungen sowie einige überraschend emotionale Momente. Obwohl ihr euch in der Spielwelt ständig mit Quests beschäftigt, die nichts mit der Suche nach Ciri zu tun haben, gelingt CD Projekt der Kniff, euch eure Hauptaufgabe nie ganz aus den Augen verlieren zu lassen. Viele der Nebenquests und Charaktere sind nämlich geschickt mit der Kernhandlung verwoben. So begegnet ihr der Zauberin Keira Metz zunächst nur kurz. Ihre Rolle erlangt in dieser einen Szene aber bereits eine solche Bedeutung für die Kernstory, dass auch ihre Nebenhandlung quasi Teil der Hauptquest wird.

Die Nebengeschichten sind ähnlich komplex wie die Haupthandlung. Das gilt insbesondere für Charaktere wie Sigismund Dijkstra, den Geheimdienstchef des milden ehemaligen Königs Visimir von Redanien. Ja, es sind viele Namen, die man sich merken muss, und noch mehr Details und Querbezüge, die in den Dialogen offenbart werden. Fans von Andrzej Sapkowski, dem Schöpfer der Witcher-Romane und damit auch der Welt, müssen sich also keine Sorge
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n machen. Umgekehrt ist Fan-Wissen aus den Romanen nicht notwendig, um dem Spiel zu folgen, zumal es viele optionale Möglichkeiten gibt, sein Hintergrundwissen im Spiel selbst zu mehren.

Das gilt für Dijktras Vorgeschichte mit der ehemaligen Königsratgeberin Philippa Eilhart ebenso wie für Ciris und Geralts gemeinsame Vergangenheit. So könnt ihr euch an bestimmten Stellen in Dialogform berichten lassen, wie es zur ersten Begegnung kam, wie Ciri nach Kaer Morhen gelangte oder welche Abenteuer die beiden bereits miteinander erlebt haben. Wer das nicht will, muss es aber nicht tun. CD Projekt markiert wie schon im Vorgänger, welche Teile der Multiple-Choice-Dialoge geführt werden müssen und welche für Interessierte zur Vertiefung dienen. Wer in dieser Hinsicht schon von Inhalt und Qualität der Zusatzdialoge in Dragon Age - Inquisition (GG-Test: 9.5) angetan war, der wird von denen in The Witcher 3 begeistert sein. Auch viele Bücher und andere Schriftstücke offenbaren Hintergrunddetails zu Charakteren und Spielwelt. Erwartet aber keine gigantische Büchersammlung à la The Elder Scrolls: Skyrim.
Der Gabelschwanz in der Nähe von Kaer Morhen muss weg. Beißt er uns, gerät Geralt kurz ins Taumeln.

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