Gewaltiges Drachenepos

Dragon Age Inquisition Test

Nach dem teils kritisierten Dragon Age 2 liefert Entwickler Bioware den mit Abstand größten Teil der RPG-Serie ab. Statt Schlauchlevels erkundet ihr riesige, individuelle Zonen. Doch reicht das, um auch enttäuschte Fans zu versöhnen und ein würdiges Finale hinzulegen? Wir haben uns gut 65 Stunden in Ferelden und Orlais herumgetrieben.
Karsten Scholz 11. November 2014 - 9:04 — vor 4 Jahren aktualisiert
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Alle Screenshots stammen von GamersGlobal. Wir erweitern den Artikel am Vormittag noch mit einigen Zusatzkästen und 6er Boxen.

Zwischen den Veröffentlichungen von Dragon Age Origins (GG-Test: 9.0) und Dragon Age 2 (GG-Test: 8.5) lagen gerade einmal 16 Monate - ein recht kurzer Zeitraum, um ein episches Rollenspiel-Abenteuer zu entwickeln, das für Wochen faszinieren, begeistern und bestens unterhalten soll. Nachdem der erste Teil – trotz Schlauchlevels und anderer Mängel – aus dem Stegreif in den Rollenspielolymp der Videospielgeschichte sprang, konnte der Nachfolger die hohe Messlatte von Origins nicht erreichen; manchem schien die damalige GG-Wertung zu hoch gegriffen. Denn zu stark beschnitten kamen viele Rollenspiel-Elemente daher, zu oft kämpfte sich der Heldentrupp durch recycelte, enge Levels.

Umso löblicher, dass Entwickler Bioware mit Dragon Age Inquisition nun alles besser machen möchte und sich knapp vier Jahre Zeit nahm, um dieses Ziel in die Realität umzusetzen. Und die nackten Zahlen klingen gar nicht mal schlecht: Zehn Zonen dürft ihr im Spiel frei erkunden, und allein das "Hinterland" soll größer als die Areale in den ersten beiden Teilen zusammen sein. Zudem gibt es mehr als 80.000 Dialogzeilen, die von hunderten Charakteren gesprochen werden, darunter neun Begleiter, die sich im Laufe des Abenteuers eurem Trupp anschließen können. Doch ist Größe nicht alles, wie euch unser Chefredakteur jeden Tag aufs Neue beweist. Wie gut ist Dragon Age Inquisition also? Setzt der dritte Teil der RPG-Serie den freien Fall auf hohem Niveau fort oder kann er sogar das starke Origins überflügeln?
 
Savegame-Import und World State
Per Tapestry (Wandteppich) ändert ihr über 300 Entscheidungen aus Teil 1 und 2 – wobei nicht jede Auswirkungen auf Dragon Age Inquisition hat.
Wenn ihr bereits die Vorgänger gespielt und die Savegames noch habt, könnt ihr diese... nicht in Dragon Age Inquisition importieren. Den Entwicklern war der Wechsel zwischen Plattformen und Engines offensichtlich zu komplex – in Mass Effect 3 klappte das ja noch problemlos. Ihr habt einen oder beide Vorgänger nie gespielt? Dann bringt euch die Dragon Age Keep auf den neuesten Story-Stand und lässt euch beim Anschauen einiger animierter, gut vertonter Videosequenzen gleich einige wichtige Entscheidungen fällen. Habt ihr das getan oder steigt als Veteranen ein, dürft ihr für beide Titel inklusive der großen DLCs per interaktiver "Tapestry" über 300 Geschehnisse festlegen, also etwa welche Charaktere überlebt haben oder wie ihr euch in wichtigen Quests entschieden habt. Lohn der zeitlich durchaus aufwändigen Mühe: Der resultierende "World State" kann ins Spiel übernommen werden, sodass ihr auf Charaktere und Situationen trefft, auf die ihr Einfluss genommen habt; für den, der's braucht, lassen sich sogar neun World States erstellen und vorhalten. Ihr könnt das aber auch alles sein lassen und den vorgefertigten Stand nehmen.

Wie auch immer ihr das Abenteuer beginnt, eine große Änderung wird euch bereits in der ersten größeren Region, den Wildlanden auffallen: Die Zeit enger Schlauchlevels ist definitiv vorbei, ihr erkundet großflächige Regionen, die an Open-World-Spiele wie Assassin's Creed oder Mittelerde - Mordors Schatten erinnern. Dort warten eine Vielzahl von Aufgaben auf euch, darunter das Einrichten von Lagern, um die Kontrolle der Inquisition auszuweiten, das Schließen von Spalten und eine Vielzahl von Miniquests. Der Immersion dienlich ist nicht nur die mal sonnig-schöne, mal verregnet-nächtliche Landschaft, durch die ihr gerade lauft, und in der ihr zahlreiche, ohne Ladepause betretbare Häuser findet. Sondern auch der Umstand, dass ihr frei herumlaufen und auch springen könnt, wodurch die Welt besser erfahrbar wird als bei "Geralt darf nicht über eine Bordsteinkante hüpfen"-Konkurrenzprodukten (in diesem Fall das mittlerweile betagte Witcher 2).
 
Der Heldenbaukasten
Der Helden-Baukasten erlaubt euch filigrane Einstellungen.
Bevor ihr euch ins Abenteuer stürzen dürft, steht genretypisch noch die Charaktererstellung an. Hier entscheidet ihr euch, ob ihr einen weiblichen respektive männlichen Menschen, Elfen, Zwergen oder Qunari spielen wollt. Bereits diese erste Entscheidung hat durchaus Auswirkungen auf das weitere Spiel. Als Mensch erhaltet ihr zu Beginn einen zusätzlichen Fähigkeitspunkt, die gehörnten Qunari stecken körperliche Nahkampfangriffe besser weg, Zwerge sind magisch komplett unbegabt, dadurch aber auch gegen Magie besser gewappnet. Und Elfen – sind eben Elfen (und gehören in der Lore von Dragon Age eher zur Unterschicht der Rassen). In den Dialogen später wird immer wieder Bezug auf euer Volk genommen; unser Elf wundert sich an einer Stelle zum Beispiel, dass er sich bisher nur wenige Spitzohr-Anfeindungen gefallen lassen musste. Letztlich bestimmt ihr mit eurer Wahl auch, welche Romanzen möglich sind und welche nicht. Manche Figuren stehen nur auf Elfen und Menschen, andere sind dem eigenen Geschlecht besonders zugetan.

Nach der Volkswahl entscheidet ihr euch für einen von fünf Spielstilen. Als Schurke stürzt ihr euch mit zwei Nahkampfwaffen an die Front oder greift zum Bogen, um eure Feinde aus der sicheren Distanz zu besiegen. Auch beim Krieger gibt es zwei Varianten, die defensive mit Schild und Einhandwaffe oder die deutlich offensivere mit einem mächtigen Zweihandprügel. Zu guter Letzt steht auch der Magier zur Verfügung, der im Kampf, nun ja, magische Sprüche wirkt.

Nach der Wahl des Schwierigkeitsgrads - vier stehen zur Verfügung, ihr dürft den Schwierigkeitsgrad aber auch jederzeit in der laufenden Partie anpassen - bestimmt ihr schließlich das Aussehen eures Alter Egos. Bringt dafür aber ein wenig Zeit mit, denn tatsächlich war bisher kein Bioware-Baukasten derart optionsreich wie der in Inquisition. Neben den üblichen Einstellungsmöglichkeiten wie Frisuren, Gesichtsform oder Augenfarbe könnt ihr auch ins Detail gehen und die Größe der Nasenlöcher oder den Adamsapfel anpassen. Wem das alles zu viel des Guten ist, wählt einfach aus fünf vorgegebenen Profilen eines aus.
 
Ein Riss im Gefüge
Wieder dabei: den Armbrust-Zwerg Varric kennen wir schon.
Einige Jahre nach den Ereignissen des Vorgängers Dragon Age 2 herrscht in der aus zwei Kontinenten bestehenden Fantasywelt Thedas das schiere Chaos: Die Herrscherin von Orlais (dem westlichen Kontinent, der östliche, Ferelden, war Schauplatz von Dragon Age Origins) wird öffentlich von verfeindeten Adelshäusern angegangen. Zudem haben sich die Templer von der Kirche losgesagt, um Jagd auf die verbleibenden abtrünnigen Magier zu machen. In einem großen Konklave im Tempel der heiligen Asche sollen diese und weitere Zwiste ein für alle Mal aus der Welt geschafft werden. Doch kommt es zu einer gewaltigen magischen Explosion, die alle Anwesenden, bis auf euch, tötet und zudem eine Bresche am Himmel öffnet. Der riesige Spalt lässt fortan überall in Thedas Risse entstehen, durch die Dämonen ins Land strömen.

Als einziger Überlebender werdet zuerst ihr für den Anschlag verantwortlich gemacht. Die Anschuldigungen verstärken sich noch, weil euer Held an seiner Hand ein magisches Mal trägt, das mit der Bresche irgendwie in Verbindung zu stehen scheint. Das Blatt wendet sich erst, als klar wird, dass ihr mit der magischen Kraft die Dämonenrisse schließen und so die Invasion aufhalten könnt. Doch wer steckt hinter dem Angriff? Die grauen Wächter, die zeitgleich zur Explosion untergetaucht sind? Die fanatischen Templer, die der Kirche und den Magier
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n gleichermaßen den Krieg erklärt haben? Oder gar ein neuer Erzdämon, der die Dunkle Brut zur alten Stärke führen will? Jedenfalls wird in Folge der Ereignisse der ehrwürdige Orden der Inquisition neu belebt, dem es zu Beginn jedoch an allem mangelt: an Truppen, an Decken, an Ausrüstung, an Waffen, an Pferden. Von eurer anfänglichen Basis aus habt ihr als Rahmenhandlung also nicht nur den Kampf gegen das Böse, sondern immer wieder das Ziel, die Inquisition zu stärken und "Machtpunkte" zu sammeln.

Tiefer wollen wir an dieser Stelle gar nicht auf die Hauptgeschichte von Dragon Age Inquisition oder die unzähligen Nebenschauplätze eingehen. Denn auch im dritten Teil der RPG-Reihe unterhält der Plot dank der erwachsenen Erzählweise, den glaubwürdigen Charakteren und den diversen Wendungen über die gesamte Laufzeit hinweg blendend. Manchmal klauen die Entwickler zwar etwas zu sehr bei großen Vorbildern wie den Herr der Ringe-Filmen (samt emotionaler Gesangseinlage) und die Post-Credit-Szene riecht uns etwas zu sehr nach "DLC", doch unterm Strich ist es einfach ganz großes Fantasy-Kino, was die kanadischen Entwickler hier abliefern.
Die Spielwelt macht durch ihre Offenheit und Schönheit Lust aufs Erkunden. (PC, mittlere Einstellungen)

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