Brutaler Überlebenskampf

The Last of Us Test

Mit ihrem neuesten Spiel zeigt Naughty Dog, dass sie auch anders können und zelebriert statt Bombast-Balleraction ein packendes Survival-Abenteuer mit Ressourcenmangel, Exploring und Crafting. Warum sich PS3-Besitzer dieses Spiel nicht nur aufgrund der starken Technik keinesfalls entgehen lassen sollten, verrät unser Test.
Benjamin Braun 5. Juni 2013 - 23:08 — vor 5 Jahren aktualisiert
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Alle Screenshots stammen von GamersGlobal

Der Ausbruch der Epidemie liegt schon lange zurück. Doch 20 Jahre nachdem ein rätselhaftes Virus Millionen Menschen in angriffslustige Kannibalen verwandelte, hat sich an der niederschmetternden Lage wenig verändert. Die meisten der Davongekommenen leben im vom Militär errichteten Sicherheitszonen und versuchen das Bisschen, was ihnen noch geblieben ist, zu verteidigen. Die Soldaten setzen rigoros ihre Machtposition durch, erzwingen Sperrzeiten mit der Androhung der Todesstrafe, verteilen Lebensmittel nur gegen Bezugskarten (der Währung im Spiel) und zögern beim Verdacht auf eine Infektion keine Sekunde, den Abzug zu ziehen. Neben den vom Militär kontrollierten Gebieten haben sich verschiedene Fraktionen wie die der Fireflies und Hunter ihre Enklaven geschaffen. Während erstere zwar nicht zimperlich agieren, aber doch hehre Ziele verfolgen und (anders als das Militär) die Suche nach einem Heilmittel noch nicht aufgegeben haben, nehmen sich die Hunter einfach das, was sie wollen. Ein Menschenleben zählt in diesen Tagen nicht viel.

Bei den beiden Haudegen Joel (männlich, unser Alter Ego) und Tess (weiblich) sieht das nicht viel anders aus. Sie versuchen, im Armeesektor mit Waffenschmuggel und anderen illegalen Aktionen ihr Überleben zu sichern. Wer ihnen in die Quere kommt, hat schneller eine Waffe im Gesicht, als ihm lieb ist. Nächstenliebe oder Gnade stehen nicht gerade weit oben auf dem Kodex der beiden – oder ihrer Mitmenschen: Wer seine Angehörigen nicht durch die Infizierten oder die Infektion selbst verloren hat, muss damit rechnen, dass sie Opfer des Selbsterhaltungsdrangs der anderen werden. Eine harte Welt, mit der sich der 40jährige Joel mittlerweile abgefunden hat. Die 14jährige Ellie hingegen kennt nichts anderes – und wie das Schicksal es will, kreuzen sich einige Zeit nach Spielstart die Wege der beiden. Der bärtige Mann im Holzfällerhemd nimmt sich der Kleinen nur widerwillig an, verspricht aber, sie quer durch die Wildnis und die von Infizierten bevölkerten Städte und Dörfer zum Lager der Fireflies zu bringen.

Mal väterlich, mal abweisend
Eigentlich will Joel Ellie nicht mit sich "rumschleppen", mit der Zeit findet er aber etwas an dem kleinen Mädchen.
The Last of Us stammt von den Machern der erfolgreichen PS3-Exklusivserie Uncharted, Naughty Dog. Es beginnt mit einer Rückblende in Joels Vergangenheit, in der wir hautnah die Wirren seiner Flucht beim Ausbruch der Epidemie erleben. Danach können wir nachvollziehen, wieso er später so agiert, wie er es tut. Weshalb er es ablehnt, für Ellie verantwortlich zu sein und in anderen Situationen einen fast väterlichen Umgang mit seiner Schutzbefohlenen pflegt. Neugierig stellt Ellie ihm Fragen, die Joel so gut er kann beantwortet – außer wenn sie seine persönliche Geschichte betreffen. Tatsächlich sind dem vom Schicksal gebeutelten Mann seine Mitmenschen keinesfalls gleichgültig. Doch er hat gelernt, sich auf niemanden einzulassen, wenn es sich irgendwie vermeiden lässt. Selbst seinen Bruder Tommy ließ er ziehen, weil er zu viel Nähe nicht ertragen konnte.

Ihn beeindruckt auch wenig, dass Ellie ein ganz besonderes Kind ist, das bedeutender sein könnte als andere Überlebende. Diesen Widerspruch in Joel schlüsselt Naughty Dog in The Last of Us allerdings sehr gut auf, weshalb sein Wandel im Denken durchweg glaubwürdig bleibt. Die gleiche Schlüssigkeit stellt sich bei der Härte im Spiel und dem unmenschlichen Umgang der Überlebenden miteinander ein. Die Spielwelt vermittelt glaubwürdig, dass die Menschen hier tatsächlich ums nackte Überleben kämpfen.

Inszenierung ohne BombastNaughty Dog gibt sich mit der wendungsreichen Story und der zumeist feinen Charakterzeichnung der Hauptfiguren deutlich mehr Mühe als bei der vergleichsweise eindimensionalen Handlung der Uncharted-Serie. Die Kalifornier setzen zwar wie gewohnt auf unzählige Skript-Events und filmreife Zwischensequenzen, verzichten aber auf Over-the-Top-Bombast Marke Call of Duty. Das macht The Last of Us nicht weniger packend und intensiv, im Gegenteil: Wenn Joel, Ellie und Tess nachts durch die Ruinen schleichen, während S
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oldaten die Umgebung mit Taschenlampen absuchen und mit ihren Jeeps über eine nur wenige Meter entfernte Brücke fahren, ist das Nervenkitzel pur. Gerne schiebt The Last of Us in solchen Szenen kleinere Zwischensequenzen ein und entzieht die Kamera kurz unserer Kontrolle. Und zwar oft genug, um die Intensität eines spannenden Films zu erreichen, aber auch nicht so häufig oder lang, dass wir uns zum Zuschauer degradiert fühlen. Das sieht in Uncharted oft anders aus.

Da wir nur sehr selten ohne Begleiter unterwegs sind, ergeben sich immer wieder interessante Dialoge zwischen den Akteuren. Wir folgen den Gesprächen Unbeteiligter oder finden spannende Hinweise in verlassenen Häusern. Besonders gelungen sind die Gespräche zwischen Joel und Ellie, von denen ein paar nur manuell an bestimmten Punkten abgerufen werden können. In einem Café entdeckt Ellie etwa einen Spielautomaten, der sie fasziniert. Ein andermal zeigt Joel Interesse daran, wer Ellie das Reiten beigebracht hat. Ellenlange Dialoge müsst ihr dabei nicht befürchten, und dennoch kommen uns Ellie und vor allem Joel auf diese Weise immer näher.
The Last of Us bietet eine fantastische, stimmungsvolle Welt. Den Knall-Bumm-Bombast von Uncharted spart das Spiel aus.

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