Im Westen was Neues?

Strategic Command - The Great War Test

Nachdem sich die Strategic-Command-Serie seit 2002 dem Zweiten Weltkrieg in Europa, später im Pazifik und zuletzt global widmete, geht der neuste Ableger in den Ersten Weltkrieg, auch als Großer Krieg bekannt. Dem altbekannten Spielprinzip wurden Detailänderungen wie Nationale Moral, Artillerie-Trommelfeuer und Grabenbau spendiert.
Jörg Langer 12. April 2011 - 12:34 — vor 9 Jahren aktualisiert
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Alle Screenshots im Artikel wurden von uns selbst erstellt, wie bei fast allen Tests und vielen Previews.

Weihnachten und Ostern gleichzeitig für Strategen? Nur ein Jahr nach dem von uns mit 7.5 gut bewerteten Strategic Command WW2 Global Conflict ist bereits der Nachfolger erschienen, der offiziell auf den noch längeren Titel Strategic Command WW1 The Great War 1914-1918 hört. Erster Weltkrieg also statt Zweitem, Mittelmächte (inklusive Türkei) statt Achse. Entente (England, Frankreich, Russland, später noch Italien und Nordamerika) statt Alliierte. Grabenkrieg statt Blitzkrieg.

Der Erste Weltkrieg
Die Tat eines bosnischen Serben, Gavrilo Princip, wurde zum Auslöser des Ersten Weltkriegs: Nachdem Princip am 28.6.1914 in Sarajewo den Thronfolger Österreich-Ungarns ermordet hatte, wollte die k.u.k. Monarchie Serbien für das Attentat bestrafen und "verkleinern". Aufgrund der europäischen Bündnisse wurde aus der regionalen Krise ein Weltkrieg.
 
Da die Militärplaner die größten Heere der Geschichte mobilisieren und an die Front bringen und deshalb strikte Zeitpläne einhalten mussten, kam es zu einem verhängnisvollen Automatismus: Österreich-Ungarn erklärte, vom deutschen Kaiser Wilhelm II. seiner bedingungslosen Bündnistreue versichert, am 28.7. Serbien den Krieg. Russland befahl am 27.7. die Teil- und am 30.7. die Generalmobilmachung. Nun "musste" das Deutsche Reich, seiner Militärdoktrin folgend, den Kriegszustand ausrufen (31.7.) und Frankreich den Krieg erklären (am 1.8.). Ziel war, Frankreich zu besiegen, bevor die Russen mit ihrem  riesigen Heer Deutschland vom Osten her erobern konnten. Da der deutsche Plan Belgien als Aufmarschgebiet vorsah, fielen die Deutschen dort ein -- so wurde sofort Großbritannien in den Konflikt gezogen, das Belgiens Neutralität garantierte. Anfang August standen fast alle europäischen Staaten im Krieg, dazu deren Übersee-Gebiete und weitere Länder. Im Oktober 1914 trat das Osmanische Reich auf Seiten der Mittelmächte in den Konflikt ein, Italien erklärte im Mai 1915 Österreich-Ungarn den Krieg und stieß somit zur Triple Entente hinzu. Spätestens mit dem Kriegseintritt der USA am 6.4.1917 wurde die Lage der Mittelmächte chancenlos.

Im Ersten Weltkrieg siegte fast immer die Defensive über die Offensive, dafür sorgte vor allem das Maschinengewehr in Verbindung mit tief gestaffelten Grabensystemen und Artillerie-Sperrfeuer. Extrem  verlustreiche Stellungskämpfe mit teils Zehn- und Hunderttausenden Toten, oft ohne nennenswerten Geländegewinn, waren die Folge. Selbst Giftgas-Angriffe, Trommelfeuer aus Tausenden von schweren Geschützen auf begrenzte Frontabschnitte oder der Einsatz neuer Waffen wie Bomber und Panzer änderten daran nichts. Als ab 11.11.1918 offiziell die Waffen schwiegen, waren 17 Millionen Menschen gestorben, davon rund 7,5 Millionen Zivilisten. Im Friedensvertrag von Versailles musste das Deutsche Reich und damit ihr Rechtsnachfolger, die Weimarer Republik, die alleinige Kriegsschuld übernehmen, dazu kamen die Beschneidung der Streitkräfte, große territoriale Verluste und hohe Reparationszahlungen.
Den Faschismus gibt es noch nicht, übersteigerter Nationalismus auf allen Seiten reicht aus, um die Welt an den Abgrund zu führen. Während an der Front in nie dagewesener Zahl gestorben wird, brechen, oft noch während des Kriegs, reihenweise die alten Mächte zusammen: In Russland verbannen und ermorden die Kommunisten den letzten Zaren, die Sowjetunion entsteht. Die "kaiserliche und königliche Monarchie" Österreich-Ungarn zerfällt, Jugoslawien bildet sich. Polen erhält seine Unabhängigkeit zurück. Vom Osmanischen Reich bleibt nur das türkische Kernland übrig. Aus dem "zweiten" Deutschen Kaiserreich wird die Weimarer Republik, sämtliche deutschen Kolonialgebiete gehen verloren. Der "Große Krieg" stellt in vielerlei Hinsicht eine historische Zäsur dar – nicht zuletzt legte er die Saat für den noch grausameren Zweiten Weltkrieg.
 
Wird Strategic Command The Great War diesem großem Thema gerecht, stellt es die nächste Evolutionsstufe der bei Insidern heißbegehrten Serie dar? Zur ersten Frage kommen wir noch, die zweite können wir sofort beantworten: Nein, das eigentliche Spielsystem ist weitgehend dasselbe geblieben. Wir sparen uns deshalb dessen ausführliche Erklärung und verweisen auf unseren nicht einmal ein Jahr alten Vorgänger-Test. Im folgenden soll es um die Neuerungen gehen, das Szenario sowie die Frage, wie sich die KI im Spiel schlägt.
 
Andere Truppentypen,
andere Strategien
 
Kenner der Vorgängerspiele müssen sich auf einige Änderungen bei den Truppentypen einstellen: Weder Jäger noch Bomber haben die gewohnte Effizienz, Flugzeugträger dienen eher der Aufklärung als dem Kampfeinsatz. Die neuen Luftschiffe führen wenig effektive Bombenangriffe durch, Fallschirmjäger oder Kommandoeinheiten sind unbekannt. Panzer gibt es zu Beginn noch nicht, die beweglichste Kampfeinheit ist die Kavallerie. Und "Marines" sind keine Elitesoldaten, sondern hastig bewaffnete Seeleute. Doch der Großteil der Armeen besteht aus Infanteriekorps. Diese teilen im Vergleich zu Global Conflict wesentlich stärker aus – die Verluste insbesondere im Grabenkrieg sind enorm. Apropos: Konnten in den Vorgängern nur Pionier-Einheiten umständlich und zeitraubend Befestigungen anlegen, darf dies in The Great War jede Infanterie- und Kavallerieeinheit jederzeit tun: Per Rechtsklick "Entrench" ausgewählt, schon hat die Einheit zu einer oder zwei Seiten hin schicke Stacheldraht-Zäune angelegt. Die eigentlichen Pioniereinheiten bauen nun ausgewachsene Festungen.

Von oben: deutsche, englische und französische Infanterie sowie Panzer in ihren drei Upgradestufen (Tech 0, 1, 2).

Da die Luftstreitkräfte, zumindest ohne umfangreiche Verbesserung durch Forschung, nicht viel ausrichten, erzielt ihr Vorstöße vor allem durch massierten Einsatz von Infanterie, die unter großen Verlusten angreifen, sich zurückziehen und weiteren Angreifern Platz machen. Idealerweise setzt ihr vorher schwere Artillerie ein. Deren berüchtigtes Trommelfeuer, das im Ersten Weltkrieg die immer selben Frontabschnitte in mondähnliche Kraterlandschaften verwandelte, wird im Spiel wie folgt simuliert: Jede Artillerieeinheit muss zunächst Munition ansparen (1 pro Runde, durch Forschung steigerbar), bis zu maximal 10 Salven – die weniger effektiven, ans Schienennetz gebundenen Eisenbahngeschütze können maximal 5 Salven bunkern und zudem nicht geupgradet werden. Diese Salven könnt ihr, wenn ihr wollt, in einer einzigen Runde abfeuern, wenn ihr wollt, aufs immer gleiche Ziel – das senkt Moral, Kampfbereitschaft, Verschanzungswert und irgendwann auch die Ist-Stärke. Spart ihr Salven auf, hilft die Artillerie auch in der Verteidigung (was sich auch unterbinden lässt). Alles in allem ist die Kriegsführung zu Lande also auf wenig mobile Abnutzungsschlachten ausgelegt.
 
Das Cambrai-Szenario behandelt die erste größere Panzerschlacht der Militärgeschichte, die 1917 stattfand.
Tank oder Land Raider?

Nur bei einer Kampfeinheit wirkt The Great War seltsam modern, zumindest optisch: Die Tanks (Panzer), die historisch zunächst auf alliierter Seite zum Einsatz kamen, ähneln stark den Land Raidern aus Warhammer 40K. Natürlich verhält es sich in Wahrheit umgekehrt: Die Games-Workshop-Designer entwarfen ihre SF-Schwergewichte nach dem optischen Vorbild der britischen Mark-II-Tanks, inklusive seitlich angebrachter Geschütze (in 40K: Laserkanonen). Die deutschen A7V-Panzer hingegen ähnelten eher einem fahrenden Stahl-Container. Überhaupt waren die frühen Stahlkolosse noch nicht vergleichbar mit der Durchschlagskraft der Panzerwaffe im Zweiten Weltkrieg – es fehlte ihnen vor allem an Geschwindigkeit und Reichweite. Aufgrund der ungefähr gleichen Kosten würden wir euch jederzeit empfehlen, lieber auf schwere Artillerie statt auf Panzer zu setzen. Auch Infanterie verändert bei Upgrades (auf die ihr im Forschungsmenü durch MPP-Einsatz quasi würfelt) ihr Aussehen, so werden aus deutschen Pickelhauben-Trägern Soldaten im Landser-Look. Die Einheitengrafiken sehen überwiegend nur semiprofessionell aus, die schwächeren Detachments werden größer dargestellt als die Korps. Auch bringt längst nicht jedes Upgrade neue Einheiten-Icons mit sich, am meisten Vielfalt gibt es bei den Flugzeugen.

Die Westfront 1916: Unsere überwiegend bereits aufgewerteten Infanteriekorps (grüner Look statt gelbe Pickelhauben) haben die französische Front im Süden aufgelöst und im Norden durchbrochen, Paris (gelb umkreist) ist nicht mehr fern.
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