Die beste Deus-Ex-Version

Deus Ex H.R. Director's Cut Preview

Die späte WiiU-Version des gerühmten Actionspiels nutzt das Touchscreen-Gamepad clever aus und enthält Spielverbesserungen wie generalüberholte Bosskämpfe – spätere Adaption für andere Systeme nicht ausgeschlossen. Wir schlichen uns bei Eidos Montréal durch die Lüftungsschächte, um Impressionen der quasi fertigen Beta zu stibitzen.
Heinrich Lenhardt 22. März 2013 - 16:42 — vor 6 Jahren aktualisiert
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Jean-François Dugas, den wir in Montréal treffen, bemüht sich um eine diplomatische Antwort. Wir haben ihn gerade gefragt, ob ein Director's Cut des cleveren Action-Rollenspiels Deus Ex Human Revolution nicht auch für andere Systeme eine coole Sache wäre: "Ich stimme dir zu, dass es cool wäre. Die Zeit wird es zeigen, ob es passiert oder nicht", lacht der Game Director für die Serie. Bei unserem Besuch geht es vornehmlich um die eine Plattform, für welche Deux Ex: Human Revolution Director's Cut bislang angekündigt ist: Nintendos WiiU.

Auf den ersten Blick scheint die 2013er Umsetzung eines im Sommer 2011 erstveröffentlichten Spiels nur bedingt dafür geeignet zu sein, WiiU-Besitzer von ihrer aktuellen Softwarenachschub-Depression zu befreien. Aber zum einen handelt es sich hier um ein sehr cleveres Actionspiel, das vorteilhaft gealtert ist. Und zum anderen gibt es neben der sorgfältigen Unterstützung des WiiU-Gamepads eine ganze Menge an Erweiterungen und Verbesserungen. "Für uns ist das nicht einfach eine Umsetzung. Es ist eine erweiterte Edition – die ultimative Version von Human Revolution, die wir schon immer machen wollten", bekräftigt Dugas.

Level-Anbau lindert BosskrampfUnschuldige Controller wurden an Wände geworfen, Tastaturen mit Fäusten malträtiert, gepeinigte Spielerschreie hallten durch die Nacht: Eines der größten Ärgernisse von Human Revolution waren die deplatziert wirkenden Bosskämpfe, die abrupt den sonst eher sanften Schwierigkeitsgrad verschärften und nicht zum sonstigen Spielgefühl passten. Denn das Faszinierende an Deus Ex ist die Entscheidungsfreiheit: Unentdeckt schleichen wir durch die Levels, entdecken alternative Routen, hacken Computerterminals und ziehen einzelne Wachen leise aus dem Verkehr. Frontalgeballer ist möglich, aber trotz Deckungssystem schwer: Die Gegner sind stark und unser Held kann nicht viele Treffer einstecken. Entsprechend irritierend war da die erste Boss-Begegnung, bei der uns das wandelnde Maschinengewehr Barrett in Rekordzeit mit Blei vollpumpte. Schleichen und entdecken konnte man knicken, erst wiederholte Treffer mit explosiven Fässern zwangen den Obergegner in die Knie.

Bei Eidos Montréal hat man den Unmut der Spieler registriert: »Die Bosskämpfe waren nicht konsistent mit dem Rest des Spiels. Doch als wir damals Human Revolution fertig stellten, konnten wir das nicht mehr angehen«, erinnert sich Jean-François Dugas. "Wir wussten nicht, dass es ein derartig großes Problem werden würde. Für viele Spieler waren die Bosskämpfe frustrierend, weil sie ihren Spielstil ändern mussten." Die ungeliebten Konfrontationen einfach zu entfernen, war im Hinblick auf die damit verbundenen Storyentwicklungen nicht praktikabel. Für den Director's Cut wurden die Boss-Levels deshalb komplett überarbeitet und erweitert, um eine Deus-Ex-typische Vielfalt an Herangehensweisen zu gewähren.

Das WiiU-Gamepad wird sinnvoll genutzt, etwa für die Übersichtskarte (oben) oder Mission Log (unten).
Dugas demonstriert uns den Barrett-Kampf als Beispiel. Eine Leiter führt zu einer zusätzlichen Etage, während der Bösewicht verdutzt zurück bleibt (klettern war noch nie eine Stärke der Gegner...). Von hier oben aus können wir hinterlistig Scharfschützentreffer landen. Eine neue Boss-Lebenspunkteanzeige verdeutlicht den Fortschritt unserer Bemühungen. Wer die Situation eleganter lösen will, forscht weiter: Das Hacken eines Computers führt in den nächsten neuen Bereich, Schächte wollen durchkrochen werden, weiterte Hilfsmittel sind im Level versteckt. Dugas greift sich zum Beispiel einen umprogrammierten Geschützturm, der automatisch auf Barrett ballert, sobald der Bösewicht in Reichweite kommt. Auch die anderen Boss-Showdowns sollen alternative Stealth- und Hacking-Siegesstrategien bieten: "Du kannst jetzt alle Bosse killen, ohne selber auch nur eine Kugel zu feuern, indem du sie durch Erforschung des Levels überlistet", verspricht Dugas.

Acht Stunden Hintergrund-InfosBei DVDs schätzen Filmbetrachter die Extratonspur mit Kommentaren der Kreativen. In dieser Hinsicht lässt sich der Director's Cut von Human Revolution nicht lumpen: Mitglieder des Entwicklungsteams haben insgesamt rund acht Stunden englischer Kommentare aufgenommen ("inklusive franko-kanadischem Akzent", wie Jean-François Dugas grinsend anmerkt). Durch Aktivierung von Symbolen in der Spielwelt wird eine Erläuterung gestartet. So erfahren wir zum Beispiel nach der Bezwingung von Barrett mehr über den Schauspieler, der dem Bösewicht seine Stimme leiht. Mancher Kommentar enthält auch "Hast du das schon probiert?"-Tipps: Angesichts einer Laserschranke beim Schleichen durch eine Polizeistation werden wir darauf hingewiesen, diese mit einem ohnmächtigen Ordnungshüter im Schlepptau zu passieren. Die Kommentare werden passend präsentiert, rechts oben erscheint ein im Spielstil gehaltenes Portraitbildchen des plaudernden Entwicklers.

Wer handfestere Hilfestellungen benötigt, kann einen digitalen Spiele-Guide aufrufen, um auf dem WiiU-Gamepad Hinweise zum derzeitigen Schauplatz zu lesen. Smart Vision verrät nun Lebensenergie, Rüstungstyp und Beute eines anvisierten Gegners. Auf Wunsch der Fan-Basis gibt es außerdem eine "New Game +"-Funktion, um nach dem Durchspielen erneut von vorne zu beginnen und dabei alle erworbenen Augmentierungen zu übernehmen. Immer wünschenswert sind realistisch reagierende Gegner; überarbeitete Sichtfelder sollen die Künstliche Intelligenz cleverer wirken lassen.

Das fehlende Glied ist jetzt da, wo's hingehörtDie erschienenen DLC-Zusatzinhalte für Human Revolution sind im Director's Cut an der richtigen
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Stelle in die Hauptstory integriert, statt davon unabhängig gestartet zu werden. Dadurch steigt die Durchspielzeit um etwa sechs Stunden und beträgt nach Dugas' Hochrechnung insgesamt 25 bis 40 Stunden (je nachdem, wie viele Nebenmissionen Ihr erledigt). Bereits beim Addon The Missing Link vorgenommene grafische Verbesserungen werden beim Director's Cut auch auf den Rest des Spiels angewandt. "Als wir damals Human Revolution fertigstellten, fehlte es an der Zeit, um all die grafischen Tricks anzuwenden, die wir inzwischen gelernt hatten", erklärt Dugas. Beim Director's Cut kommen die Charaktermodelle langsam in die Jahre, aber die für die Spielatmosphäre wichtige Ausleuchtung wird verfeinert. Das bedeutet realistischere Lichtreflektionen und neu ausbalancierte Shader, um den Kontrast zwischen hellen und dunklen Stellen zu erhöhen. Das Anti-Aliasing der WiiU-Hardware soll ebenfalls ausgenutzt werden.

All diese Verbesserungen, bis vielleicht das Anti-Aliasing, wären auch bei den alten PC-, PS3- und Xbox-360-Versionen denkbar. Bisher ist der Director's Cut aber nur für Wii U angekündigt und nutzt den Touchscreen des Gamepad-Controllers weidlich aus.

Gezielter schießen: Dank WiiU-Pad haben wir die Gegner immer im Blick, auch wenn sie nicht auf dem Hauptscreen sind.
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