Test: Epische Rundenstrategie

Panzer Corps: Grand Campaign Test

140 Schlachten, von 1939 bis 1945, von Warschau über Paris bis nach Moskau – der komplette Zweite Weltkrieg in Europa. Die gigantische Zusatzkampagne für Panzer Corps macht aus dem Rundenstrategie-Spiel ein wahrhaft episches Unterfangen und bietet Hexfeld-Generälen die ultimative Herausforderung für weit über 100 Stunden Spielzeit.
Rüdiger Steidle 11. März 2013 - 20:14 — vor 6 Jahren aktualisiert
Alle Screenshots stammen von GamersGlobal

Am 24. Dezember 2009 durften Rundenstrategen gleich doppelt Weihnachten feiern: Unter seinem Spitznamen Rudankort veröffentlichte der russische Programmierer Alexander Shargin das Spiel PG Forever, ein grafisch und inhaltlich aufpoliertes Remake des Klassikers Panzer General. Zwei Jahre Arbeit und sehr viel Liebe steckten in dem Projekt, und doch wollte Shargin keinen Cent für den Download sehen. Noch heute können sich Interessierte unter www.pgforever.info die vorbildgetreue Neuauflage gratis herunterladen. Die Mühe zahlte sich für Rudankort dennoch aus: Mit den britischen Strategieexperten von Slitherine fand Shargin einen Partner und Publisher für eine zeitgemäße Fortsetzung: Panzer Corps erweiterte 2011 das bewährte Konzept um moderne und motivierende Features wie Helden oder Truppentransport. Einziger Kritikpunkt: Der Feldzug war allzu schnell vorbei. Dieses Manko ist inzwischen behoben – insgesamt zehn offizielle Download-Kampagnen stellen den kompletten Zweiten Weltkrieg aus Sicht der Wehrmacht und ihrer europäischen Verbündeten nach – und zwar so detailliert, spannend und fordernd wie nie zuvor.

Warum einfach, wenn es kompliziert geht?
Die Hauptprogramme
Das ursprüngliche Panzer Corps (GG-Userwertung: 8.6) erschien bereits 2011. Ein Jahr später folgte der allein lauffähige Ableger Afrika Korps (GG-Userwertung: 8.7), der den Afrikafeldzug nachstellt, der in der Grand Campaign nicht enthalten ist. Um die Grand Campaign spielen zu können, braucht ihr eines der beiden Spiele. Beide sind wahlweise als Download (25 Euro respektive 17 Euro) oder gegen Aufpreis als Boxed-Version erhältlich.
Für die Grand Campaign braucht ihr wahlweise Panzer Corps oder dessen Stand-Alone-Erweiterung Afrika Korps (siehe Extrakasten). Genau wie die Hauptprogramme sind die Addons sowohl zum Herunterladen (jeweils rund 5 Euro) wie auch als Disc-Version (rund 13 Euro) erhältlich. Der Einkauf gestaltet sich jedoch deutlich unkomfortabler, als etwa von Steam oder Gamersgate gewohnt. Nach der Bezahlung via Kreditkarte oder Paypal über einen externen Service bekommt ihr eine E-Mail mit den Seriennummern und Download-Links, die nur zwei Wochen lang funktionieren. Ladet ihr die Installationsdateien in dieser Zeit nicht herunter oder löscht ihr sie später einmal aus Versehen, müsst ihr per Mail einen neuen Zugang anfordern. Weil jedem Installer der jeweils aktuelle Patch beiliegt, sind die Dateien mit 300 bis 600 MB unnötig groß geraten. Das nervt, weil Slitherines Server extrem langsam sind – mehr als 100 bis 200 Kilobyte pro Sekunde dürft ihr kaum erwarten. Immerhin: Dank einer Petition stehen die Chancen gut, dass Panzer Corps bald über Steam erhältlich sein wird.

Die zehn kleineren Feldzüge der Grand Campaign stellen jeweils ungefähr ein Kriegsjahr nach. Die einzelnen Abschnitte lassen sich zwar auch separat spielen. Wenn ihr die Missionen aber der Reihe nach erledigt, dürft ihr eure wichtigsten Truppen – die Kernarmee – in die folgende Kampagne übernehmen. Ausnahme: 1943 teilen sich die Pfade in einen für die West- und einen für die Ostfront. Während euch im Kampf gegen die Sowjetunion sämtliche Einheiten begleiten, müsst ihr auf der anderen Seite des Kontinents auf einen Teil eurer Getreuen verzichten. Wir empfehlen euch, erst den Feldzug im Osten zu beenden, bevor ihr in der Zeit zurückreist und euch den Amerikanern und Briten stellt. Anders als im Hauptprogramm oder in Afrika Korps, wo ihr bei besonders gutem Abschneiden den Verlauf der Geschichte ändern könnt und irgendwann in die USA einfallt oder Indien erobert, folgt die Grand Campaign weitgehend den historischen Ereignissen. Nur in den jeweils allerletzten Abschnitten könnt ihr das Schlachtenglück wenden und in hypothetischen Gefechten wieder in die Offensive gehen.

Zug um Zug zum Sieg
Hauptsächlich befehligt ihr Wehrmachts-Truppen, gelegentlich aber auch Einheiten anderer Nationen wie Italien oder Ungarn.
Am Spielprinzip hat sich in der Grand Campaign nichts geändert. Ihr befehligt eure Truppen rundenweise auf einer zweidimensionalen Wabenkarte, bewegt sie also nacheinander von Feld zu Feld und greift an, danach ist der Computergegner an der Reihe. Die Einheiten sind in verschiedene Klassen unterteilt: Infanterie, Panzer, Artillerie, Aufklärung und andere, mit jeweils eigenen Stärken und Schwächen. So können Feldgeschütze mehrere Hexfelder weit feuern, müssen aber mit verwundbaren Lastwagen an die Front gekarrt werden. Panzer sind schnell und schlagkräftig, erleiden aber in unwegsamem Gelände oder Städten herbe Verluste gegen Fußtruppen. Taktische Bomber wie Stukas können hinter den feindlichen Linien operieren, müssen sich aber vor Luftabwehr oder Jägern hüten. In einigen Szenarios leistet obendrein die Marine mit Schlachtschiffen, Zerstörern und U-Booten Unterstützung. Die Grundlagen sind schnell verinnerlicht, auch wenn das Tutorial nur aus einer Handvoll dröger Textbildschirme besteht. Aber das Prinzip ist einfach: Klickt eine Einheit an, dann wird ihr Bewegungsradius markiert. Schickt sie ran an den Feind, und der Mauszeiger verwandelt sich in ein Fadenkreuz, das die erwarteten Verluste anzeigt. Ein Klick auf den Gegner erteilt den Angriffsbefehl – und ihr stellt fest, wie exakt die Vorhersage zur Trefferwahrscheinlichkeit zutrifft (dank Zufallsfaktoren oft überhaupt nicht).

Natürlich ist Panzer Corps längst nicht so simpel, wie unsere Kurzbeschreibung klingt. Denn zum einen beeinflussen unzählige Faktoren die Gefechte, neben dem Zufallsgenerator etwa das Terrain, die Erfahrung der Kontrahenten oder das Wetter. Zum anderen stehen euch neben Ziehen und Schießen zahlreiche andere Möglichkeiten offen: So könnt und müsst ihr euren Schützlingen ab und an Pausen gönnen, damit sie Sprit und Munition auffüllen. Ihr dürft sie in Bahnhöfen auf Züge verladen, um sie weite St
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recken über Land zu transportieren. Auch gönnt ihr ihnen zwischen den Einsätzen neue Ausrüstung – rüstet etwa einen schwächlichen Panzer III J auf einen moderneren Panther A auf, der mit viel besseren Angriffs- und Verteidigungswerten aufwartet, die Erfahrung seiner Besatzung aber bleibt erhalten. Apropos: Eine der motivierendsten Feinheiten sind die Erfahrungsstufen. Mit jedem Scharmützel lernen eure Getreuen dazu und schlagen sich in folgenden Missionen spürbar besser. Obendrein verstärken im Lauf der Zeit Helden eure Truppen, die zufällige Boni bringen, etwa einen größeren Sichtradius oder eine gesteigerte Initiative (will heißen, sie treffen den Gegner, bevor dieser zurückschlagen kann). Vorausgesetzt sie überleben, könnt ihr eure Streitkräfte von Schlacht zu Schlacht übernehmen und verstärken, sodass sie euch immer weiter ans Herz wachsen.

Kehrseite der Medaille: Wer schon zu Beginn eines Feldzugs herbe Verluste erleidet oder gerade die Sollstärke zwischen den Missionen wiederherstellt, statt sich neue Truppen kaufen zu können, gerät in eine Abwärtsspirale. Dann lieber zu einem alten Spielstand zurück oder noch mal neu anfangen!
Einheiten eurer Kernstreitkräfte gewinnen im Spielverlauf an Erfahrung und locken Helden an, die die Schlagkraft steigern.
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