Das Erbe des Flight Simulators

Flight Test

Die ganze Welt auf der heimischen Festplatte, über 20.000 Flughäfen, zwei Dutzend Flugzeuge, realistisch klingender Funkverkehr und, und, und… Der Flight Simulator war bis zu seiner letzten Version stets ein echtes Simulationsschwergewicht und setzte Maßstäbe. Jetzt kommt der Nachfolger und ist ein laues Lüftchen.
Mick Schnelle 5. März 2012 - 21:53 — vor 7 Jahren aktualisiert
Alle Screenshots stammen von GamersGlobal

Schriftgelehrte und Branchenphilosophen streiten bis heute darüber, was Microsofts schlechteste Entscheidung in Sachen Computerspiele war: die Ensemble Studios (Age of Empire) zu schließen oder die Entwicklung des Flight Simulators einzustellen. Spielehistorisch dürfte die zweite Entscheidung deutlich schwerer wiegen, stürzte sie doch 2009 per Federstrich ein ganzes Genre samt über mehr als 20 Jahre gewachsener Sekundärindustrie und Flieger-Community ins Nichts. Vorausgegangen war die Version X, die bei Erscheinen vor allem technisch patzte und durch extrem hohe Hardwareanforderungen viele Flugwillige abschreckte. Man blieb und bleibt bis heute gern beim Vorgänger, dem gut etablierten Flight Simulator 2004. Warum wir das alles erzählen? Weil das "Nix mit Flight Simulator X" vielleicht erklärt, warum Microsoft jetzt einen komplett anderen Weg einschlägt. Einen Weg, der dummerweise direkt ins Bermuda-Dreieck geführt hat. Denn um die Zahl potentieller Spieler zu erhöhen, hat man den "Simulator" nicht nur aus dem Namen, sondern auch aus dem Spiel entfernt. Herausgekommen ist mit Flight ein schön anzuschauendes Leichtgewicht für alle und jeden. Oder für niemanden?

Nur die Hauptinsel von Hawaii ist in der Basis-Version drin.

Ein Viertele Hawaii
Unser erster selbstgekaufter Flight Simulator II kostete uns irgendwann im letzten Jahrtausend noch stolze 140 D-Mark. Das ist keine Spielwährung, liebe Nachgeborenen, sondern stand für Deutsche Mark und war einmal der Stolz unseres wirtschaftswunderlichen Volkes. Doch genauso wie eine harte Währung heute Vergangenheit zu sein scheint, hat sich auch die Vermarktungsstrategie von Flight von solch altmodischen Konzepten gelöst: Ihr erhaltet Flight für lau, völlig kostenlos und einfach so zum Runterladen. "Wie erfreulich, dass Microsoft so ein großes Herz für Hobbypiloten hat!", mag man da denken.

Bei der Icon 5A lassen sich noch nicht einmal die Landeklappen ausfahren.
Doch wie bei allen vermeintlich kostenlosen Angeboten steckt auch hier der Haken im Detail. Denn in der Basisversion finden sich gerade mal zwei Flugzeuge, die zudem noch reichlich unspektakulär geraten sind. Die Icon 5A ist ein wasserlandungstauglicher Kleinstflieger, und der Stearman-Doppeldecker ein Kunstflug-Untersatz. Dazu gibt’s als Fluggebiet Hawaii. Was, nur Hawaii, sonst nichts? Sogar noch weniger, nämlich nur die sogenannte Big Island ganz im Osten der Inselkette. Wer den Rest der hawaiianischen Inselkette haben will, wird kräftig zur Kasse gebeten: Rund 20 Euro kostet die erste und derzeit einzige Map-Erweiterung, die es für Flight zu kaufen gibt. Zusätzlich sind noch zwei weitere Flugzeuge vorhanden. Eine Transportmaschine namens Maule M-7-260-C Orion für stolze 15 Euro, und den Jagdflieger P-51, der mit seinen "nur" 9 Euro im Vergleich fast schon als Schnäppchen durchgeht. Dann sind wir also schon bei 44 Euro, also einem normalen PC-Spielepreis, für ein immer noch nicht großes Fluggebiet und gerade mal vier Flugzeuge.
 
 
Keine Herausforderung
Doch bevor man frei und nach eigener Laune ein bisschen losrattern darf, haben die Entwickler zwei Trainingsmissionen zur Pflichtübung gemacht. Erst wenn beide Einsätze erfolgreich absolviert sind, erscheint eine Karte von Hawaii, auf der die Flughäfen frei ausgewählt werden können. Die beiden Einsteigermissionen sind gut gemacht und werden von ein paar netten Zwischensequenzen eingeleitet. So bekommt ihr die Kontro
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lle der Flugzeuge beigebracht, und am Ende wartet sogar eine Wasserlandung neben einer Luxusjacht auf euch. Dank hervorragender deutscher Vertonung bewältigt man diese Einsätze auch ohne Vorkenntnisse – und das auch nur mit einer Maus als Steuergerät binnen kürzester Zeit.

Sehr praktisch sind die Kontrollpunkte, die glücklose Bruchpiloten nach dem Crash an die letzte erfolgreich absolvierte Stelle zurücksetzen. Profis werden jetzt spätestens das Optionsmenü aufrufen, um den Realismusgrad kräftig raufzustellen. Aber hier wartet die erste massive Enttäuschung: Viel mehr als eine automatische Flugstabilisierung und Landehilfe, nebst automatischer Gemisch- und Propellerkontrolle lassen sich nicht deaktivieren. Die beiden Maschinen stellen auch an ungeübte Piloten keinerlei Herausforderungen. Vom Hangar zur Piste rollen, abheben, ein bisschen herumkurven und wieder landen beherrscht wirklich jeder binnen einer halben Stunde. Zumindest dann, wenn er auch mit Doppelklicks auf normal große Icons oder dem Verschieben eines Windows-Fensters keine größeren Probleme hat. Und wer den Flight Simulator kennt, darf 29 Minuten von unserer Zeitprognose abziehen...
Die interaktiven Trainingsmissionen sind gut vertont und tatsächlich lehrreich.
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