Roland Austinat fragt:

"Nichts für Erwachsene?" Meinung

Unser eigentlich in San Francisco lebender Autor war auf Deutschlandreise und ist auf alte Games-Bekannte gestoßen, die kaum oder nicht mehr spielen. Wieso? Sind Computerspiele im Großen und Ganzen nichts für Erwachsene? Roland Austinat sagt Ja: Auch fast 40 Jahre nach ihrer Erfindung seien Games nicht wirklich für Erwachsene gemacht.
Roland Austinat 17. Oktober 2009 - 20:11 — vor 9 Jahren aktualisiert
Anfuehrung
Vor genau vier Wochen gab's bei mir ein Wiedersehen mit alten Kampfgefährten -- nicht etwa aus der Zeitschriften-, sondern der Schulzeit: Ein Abi-Treffen war angesagt. Zwar hatten sich die meisten Teilnehmer im Vergleich zu früher optisch nur unwesentlich verändert, doch so gut wie niemand, so stellte sich heraus,  verbringt seine Freizeit noch mit PC- und Videospielen. Und dass, obwohl wir zu Schulzeiten stundenlang Listings aus Magazinen wie 64'er und Happy Computer abgetippt hatten -- egal, ob die daraus resultierenden Spiele dann etwas taugten oder nicht. Ja, liebe jüngeren Computerspiele, vor den Demo-Datenträgern und vor dem Internet hat man Programme und Spiele abgetippt. Zeilenweise, mit Prüfsumme.

Wo ist die Begeisterung hin?

Auf jeden Fall: Von der Begeisterung, die meine Freunde und mich damals zu Zak-McCracken-Telefonkonferenzen trieb, ist bei ihnen nicht mehr viel übrig geblieben. Ich finde es interessant, dass PC- und Videospiele auch 29 Jahre nach Pac-Man beziehungsweise 37 Jahre nach Pong ein relatives Nischendasein fristen beziehungsweise als Kinderkram abgetan werden. Moment, höre ich da jetzt etliche Leser protestieren, Grand Theft Auto, Halo und Mario seien doch echte Massenthemen? Sicher, sicher. Doch wer spielt die denn? Wie alt sind die Spieler? Und wenn Spiele so etabliert sind, warum schreibt dann die Branche in diesem Jahr zweistellige Minuszahlen, weil eben die großen Hits des Vorjahres fehlen? Selbst Nintendos Wii-Verkaufszahlen sind rückläufig.
 
Natürlich brauchen manche Dinge wie eine kulturelle Breitendurchdringung von Videospielen Zeit. Aber sind knapp 40 Jahre nicht langsam genug? Nehmen wir die Filmindustrie, mit der die Häuptlinge von Hard- und Software-Firmen ihr Geschäft immer gerne vergleichen. 40 Jahre nach den ersten Vorführungen der Gebrüder Lumière gingen die Oscar-Verleihungen in Hollywood bereits in die siebte Runde. Doch die Spielebranche hat noch immer keine ernstzunehmende, fernsehtaugliche Preisverleihung hervorgebracht. Sie sind eben kein Massenthema: In die ersten Filme strömten nicht nur Kinder und Jugendliche, sondern Menschen aller Altersschichten, um sich von heranbrausenden Stummfilm-Lokomotiven das Fürchten lehren zu lassen. Und nach 40 Jahren hatten sich schon zahlreiche Filmkategorien wie Dokumentarfilm, Film Noir, Komödie, Historien-Epos, Western und zahlreiche andere etabliert.

Dieselben Themen nach fast 40 Jahren
 
In der Spielebranche geht es nach knapp 40 Jahren immer noch vorwiegend darum, Außerirdische, Fantasy-Monster, Ganoven und Polizisten um die Ecke zu bringen, Rennautos und Sportteams zu lenken oder so geschickt wie möglich von einem Ort zum anderen zu gelangen. Kein Wunder also, dass von meinen Freunden keiner mehr spielt -- ich würde auch nicht mehr ins Kino gehen, wenn dort nur noch Action-, Sport- oder Parkour-Filme gezeigt würden.
 
Wenn nur die ins Kino gingen, die Film-Zeitschriften studieren ...
Manche Vertreter der Spiele-Industrie ziehen spätestens jetzt Statistiken aus der Tasche, nach denen der durchschnittliche Spieler weiblich und mindestens 70 Jahre alt ist. Doch warum sehe ich dann so wenig zum Thema in den Medien, die von Leuten jenseits ihrer 20er gesehen, gehört und gelesen werden? Warum findet die überwiegende Mehrheit aller Berichte zu PC- und Videospielen in Print- und Online-Fachmagazinen statt, die von der breiten Masse (und vielen Spielern!) überhaupt nicht gelesen werden? Wenn nur die ins Kino gingen, die Film-Zeitschriften studieren, wären die Besucherzahlen in den Lichtspielhäusern nicht viel größer als die Verkaufszahlen von PC- und Videospielen.
 
Wenn Spiele sich zu einem akzeptierten Massenmedium entwickeln sollen, dann müssen sie auch in akzeptierten Massenmedien stattfinden. Nur haben diese Medien verständlicherweise kein Interesse daran, über ein Spiel zu berichten, das sich von seinem Vorgänger durch fünf neue Waffen oder sieben neue Levels unterscheidet und dessen Chefentwickler in einem Interview ein abwehrendes "Ich war's nicht, das war alles Teamarbeit" murmeln. Die neuesten Werke von Steven Spielberg, Brad Pitt oder Megan Fox sind da verständlicherweise spannender, wenn auch nicht immer gehaltvoller -- immerhin steht da eine mehr oder weniger attraktive Person im Vordergrund, mit der man sprechen und über die man schreiben kann. Doch die Vorzeige-VIPs der Spieleszene -- und es sind wenig genug -- kennt in den allgemeinen Medien kein Mensch.
 
Ich habe keine Lösung -- aber vielleicht ihr?
 
Wer jetzt erwartet, dass ich eine Lösung für dieses Wahrnehmungsproblem aus der Schublade ziehe, den muss ich leider enttäuschen. Über dieses Thema haben sich schon viele Leute Gedanken gemacht, allesamt bestimmt viel schlauer als ich. Nintendo probiert ja immerhin seit ein paar Jahren, mit der Wii-Konsole beziehungsweise dem DS neue Käuferschichten zu erreichen. Doch den Willen, wirklich etwas für Erwachsene zu entwickeln beziehungsweise diese Entwicklungen in "erwachsenen" Medien vorzustellen, kann ich nirgendwo entdecken. Sicher, mit zunehmendem Alter wetteifern immer mehr Dinge um unsere freie Zeit: Beruf, Familie, Haus, das ganze Programm. Aber wir besitzen immer noch so viel Freizeit wie keine Generation vor uns. Warum sollte die nicht auch für PC- und Videospiele genutzt werden? Was müssen Spiele leisten, um mit Büchern, Fernsehen und Kino zu konkurrieren? Und wie können sie jenseits von Mord und Totschlag auf sich aufmerksam machen?
 
Ich freue mich auf Eure Kommentare -- und verratet doch auch immer euer Alter. Das hilft, die Antworten einzuordnen. Und ich fände es schön, noch Leser jenseits der 35 begrüßen zu können...
 
Euer Roland Austinat (39, Videospieler seit 29 Jahren)

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