Geisterjagd im verfluchten Kloster

Koudelka User-Artikel

CharlieDerRunkle 2. Oktober 2021 - 9:22 — vor 19 Wochen aktualisiert
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Nach jedem Level-Aufstieg verteilen wir Fertigkeitspunkte.
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Wie man ein Spiel kaputt macht

Die bereits beschriebenen Probleme von Koudelka sind tatsächlich nicht so gravierend und auch sehr subjektiv. Man könnte darüber hinwegsehen, hätten die Entwickler sich nicht dazu entschieden, den Spieler am Ende des Spiels ein klein wenig zu verscheißern.
 
Es beginnt damit, dass wir an einem Punkt ankommen, ab dem es kein Zurück mehr gibt. Haben wir rechtzeitig gespeichert, lässt sich das umgehen, ansonsten hat man schlechte Karten. Wir müssen zwei Mal gegen merkwürdige Tentakel-Pflanzen kämpfen, was durchaus ok ist. Problematisch ist, wenn man bisher das Attribut Agilität, also Schnelligkeit, vernachlässigt hat, weil es bis zu diesem Punkt eine eher untergeordnete Rolle spielt. Vielleicht ging es ja nur mir so, aber ich musste noch etwas grinden und ein paar Level aufsteigen, um ein paar Punkte in dieses Attribut zu investieren, weil diese Boss-Gegner mich sonst noch vor meinem ersten Zug fertiggemacht haben.
 
Dann kommt es endlich zum finalen Kampf. Also vielleicht. Habt ihr ein paar Stunden (!) vorher Koudelkas Kette gefunden, aufgehoben und angelegt? Wenn nicht, wird an dieser Stelle das erste mögliche Ende des Spiels getriggert – unserer Gruppe zerschmelzen die Gesichter und das war's. Game over. Und nein, durch den bereits erwähnten „Point of no Return“ kann man nicht zurückgehen und die Kette holen.
 
Spielen wir Koudelka nicht zum ersten Mal (und das Spiel brüllt an dieser Stelle regelrecht „Spiel mich noch mal!“) und wissen daher um die Wichtigkeit der Kette oder haben diese durch puren Zufall gefunden und mitgenommen, geht es weiter. Koudelka kann eine Energieladung, die die mutierte Elaine auf uns abfeuert und unsere Gruppe in verrottende Kadaver verwandeln würde, abwehren.
 

Und jetzt kommt wirklich der finale Kampf

Wir besiegen Elaine. Dabei erklimmen wir den höchsten Turm des Klosters. Nur um dann erneut von ihr angegriffen zu werden. Und ja, die Monstrosität, die einmal Elaine war, ist der mit Abstand heftigste Boss-Gegner im Spiel. Und nein, man bekommt zwischen diesen beiden Kämpfen keinerlei Nachschub an Heiltränken oder Ähnlichem. So gehen wir angeschlagen in die zweite Runde, nur um dann ganz oben anzukommen und festzustellen, dass sich Monster-Elaine erst jetzt in ihre finale Form verwandelt.
 
Im Innenhof des Klosters finden wir eine Statue, die ein mächtiges Schwert in ihren Händen hält. Mit diesem Schwert kann man im finalen Kampf gegen Elaine kräftig austeilen – falls man denn alle Vorbedingungen erfüllt hat. Sonst lässt die Statue das Ding nicht los und man muss ohne weiterziehen. Ohne zu wissen, dass das Ding für den finalen Kampf ziemlich wichtig sein kann. Einige dieser Vorbedingungen erschließen sich einem nicht; man kann beispielsweise nicht wissen, dass man zu einem bestimmten Zeitpunkt, abhängig vom spiel-internen Echtzeit-Timer, das Spiel speichern muss. Mit einer bestimmten Anzahl von Objekten im Inventar. Um bestimmte Gegenstände zu erhalten, ohne die das Spiel viel schwerer ist. Was für ein Quatsch! In solchen Momenten wird offensichtlich, dass dieses „Wir lassen dich einfach mal machen, mal sehen, ob du am Ende alle wichtigen Gegenstände dabei hast oder nicht“-Konzept nicht ganz aufgeht und der vermoderte Geruch von schlechtem Game-Design aufsteigt…
 
Schaffen wir es, allen Widrigkeiten zum Trotz, Elaine zu besiegen, bekommen wir das gute Ende zu sehen: Die drei Helden sitzen auf dem Turm und betrachten die Sonne, die über dem Meer aufgeht. Es gab schon bessere Enden, aber es ist ok, endlich kehrt Frieden in das Kloster ein. Werden wir jedoch besiegt, wird das schlechte Ende getriggert – James opfert sich, Elaine wird vernichtet und Koudelka und Edward entkommen als einzige aus dem Kloster.
Koudelka wird von den Eindrücken des Ortes übermannt.

Man könnte damit leben, hätten die Entwickler nicht darauf hingearbeitet, dass man mit einer hohen Wahrscheinlichkeit das schlechte Ende zu sehen bekommt. Koudelka ist der erste Teil der Shadow Hearts-Reihe. Wenn es stimmt, was Fans und diverse Webseiten über Koudelka sagen, ist lediglich das schlechte Ende kanonisch. Mit anderen Worten: Es ist vorgesehen, dass man am Ende scheitert. Das ist so ähnlich wie mit den Enden von Far Cry 5, da hatte ich ein ähnlich schlechtes Gefühl. Wozu reißt man sich ein Bein aus und investiert etliche Stunden, nur um dann ein „Ha ha, du kannst gar nicht gewinnen!“ reingewürgt zu bekommen? Aber vielleicht sehe nur ich das so verbissen…
 

Ein (subjektives) Fazit

Ich mag Happy Ends. Und Koudelka ist ein Spiel, das das nicht bietet (zumindest, wenn man es als Teil der Shadow-Hearts-Reihe betrachtet). Ich mag auch keine Filme, in denen am Ende alle sterben und alles umsonst war. Aber das ist nur meine Sicht der Dinge. Was ich auch nicht mag ist, wenn ein Spiel mich nötigt, es noch einmal zu spielen. Klar gibt es Titel, bei denen es sich lohnt, immer wieder von vorne anzufangen und neue Wege zu beschreiten und Dinge auszuprobieren, beispielsweise in jedem Spiel der The Elder Scrolls-Reihe (zumindest die Hauptserie). Bei Koudelka ändert sich jedoch nichts an der Geschichte, der Level oder der Gegner. Eigentlich müsste man das Spiel von Anfang an mit einer Komplettlösung spielen und sich eins zu eins daran halten.

Oder es so oft spielen, dass man es in- und auswendig kennt und genau weiß, welchen Fertigkeitspunkt man nach welchem Level-Aufstieg in welches Attribut investieren muss. Was eine Wissenschaft für sich darstellt. Wenn man mit irgendwelchen Heuristiken arbeiten muss, um das Beste aus seinen Figuren heraus zu holen, um am Ende eine Chance zu haben, das Spiel zu meistern, bin ich raus. Meiner Meinung nach sollte der eigentliche Inhalt des Spiels, also die Figuren und die Handlung, im Mittelpunkt stehen. Wenn es zwangsläufig darauf hinausläuft, dass man sich eingehend mit dem Fertigkeitswerten der Figuren und den Spielmechaniken beschäftigen muss und das eigentliche Spiel dabei in den Hintergrund rückt, ist der kleine Charlie, wie gesagt, raus.
 
Trotzdem finde ich, dass Koudelka ein sehr schönes Spiel ist. Lassen wir das Ende, also in etwa die letzte halbe Stunde, weg, hatte ich sehr viel Spaß damit. Die Atmosphäre war sehr dicht und beklemmend, wie es sich für ein Horrorspiel gehört, die Figuren haben Ecken und Kanten (ja, wegen der PlayStation-Grafik, ich meine aber charakterlich) und sind gut geschrieben, sodass wir hier kaum auf irgendwelche Klischees stoßen. Die Gegner sind liebevoll designed und man merkt immer wieder, dass die Entwickler sich etwas dabei gedacht haben. Die Kämpfe funktionieren recht gut, ebenso die Steuerung und die Interaktion mit Objekten. So werden beispielsweise Quest-Gegenstände an den entsprechenden Stellen automatisch benutzt, wir müssen sie nicht extra über das Inventar auswählen.
 

Story und Spielmechanik funktionieren

Auch grinden müssen wir in der Regel nicht, um den immer stärker werdenden Gegnern die Stirn bieten zu können. Kommen wir in einen bereits besuchten Bereich zurück, erkennen wir unsere Progression: Gegner, die uns am Anfang des Spiels durchaus ins Schwitzen bringen konnten, hauen wir jetzt mit Leichtigkeit um und lachen nur darüber, wenn sie uns ein paar HP abziehen. Was uns einige Spielstunden früher hätte gefährlich werden können, ist jetzt nicht mehr als ein Kratzer. Auch wenn Koudelka den Anschein hat, eine offene Spielwelt zu bieten, ist es doch recht linear, was aber nicht weiter stört. So werden wir nicht permanent von A über C und einen weiteren Umweg über D nach B gescheucht. Natürlich stehen wir auch mal vor einer verschlossenen Tür und müssen später wiederkommen, wenn wir den passenden Schlüssel gefunden haben. Aber wir müssen nicht wegen irgendeinem Quest-Gegenstand durch die halbe Spielwelt laufen, auch, wenn man diese irgendwann wirklich auswendig kennt und sich nicht mehr so oft verläuft (was natürlich vom Orientierungssinn des Spielers abhängt).
 
Gehört Koudelka zu den Spielen, die man unbedingt gespielt haben muss? Abgesehen davon, dass es so etwas grundsätzlich nicht gibt und jeder für sich selbst entscheiden sollte, welche Games er zockt, welche Filme und Serien er sich anschaut und welche Bücher er liest – oder ob – gehört Koudelka zu jenen Titeln, zu denen man früher wohl gesagt hätte „Für Genrefans“, womit alle Bescheid wussten. Klar, die Grafik ist gewöhnungsbedürftig und die Spielmechanik hat ihre Macken, aber wenn man diese Art von Rollenspielen mag und auch klassischem Horror nicht abgeneigt ist, kann man schon mal einen Blick auf Koudelka werfen. Und wenn man kein Angsthase ist natürlich. Wobei Koudelka jetzt auch nicht unbedingt so gruselig ist, dass man nach dem Spielen nachts das Licht anlassen muss, um schlafen zu können. Wobei… na, vielleicht lass ich es heute Nacht doch lieber an. Sicher ist sicher. Oder ich ziehe mir einfach die Bettdecke über den Kopf. Bis zum nächsten Mal!
Nur, wenn wir den richtigen Pfad nehmen, öffnet sich die gegenüberliegende Tür.
 
CharlieDerRunkle 2. Oktober 2021 - 9:22 — vor 19 Wochen aktualisiert
Maverick 34 GG-Veteran - - 1334851 - 2. Oktober 2021 - 9:23 #

Ein sehr schöner User-Artikel zu einem mir bisher unbekannten Titel bzw. Spiele-Reihe, hat Spaß gemacht zu lesen. :)

thoohl 20 Gold-Gamer - - 23925 - 2. Oktober 2021 - 9:41 #

Danke für die Beschreibung.

Schön finde ich:"Klar gibt es Titel, bei denen es sich lohnt, immer wieder von vorne anzufangen und neue Wege zu beschreiten und Dinge auszuprobieren, beispielsweise in jedem Spiel der The Elder Scrolls-Reihe"

War nach Spielzeit im dreistelligen h Bereich froh, auch relativ durch zu sein. Es ist aber auf jeden Fall so, dass mich das Wissen der Alternativen in diesen Spielen immer reizt, was wäre wenn, ich das aber meist nachlese. Also auch Entscheidungsstränge im Spiel.

Schönes Wochenende.

direx 22 Motivator - - 37052 - 2. Oktober 2021 - 11:08 #

Ich erinnere mich wieder, das Ding auf meine PS1 gespielt zu haben. Hat Spaß gemacht damals ...

Hendrik 28 Party-Gamer - P - 105596 - 2. Oktober 2021 - 12:06 #

Koudelka war cool seinerzeit. Aber Elaine fand ich zum kotzen schwer.

Saphirweapon 17 Shapeshifter - 7236 - 2. Oktober 2021 - 22:47 #

Dann hast du dich zuwenig mit dem Kampfsystem beschäfigt. Die Statuswerteverändernden Zaubersprüche waren einfach absolut OP. Auf maximalem Level (3) waren es entweder +9 für die eigenen Leute oder auch -9 für den Gegner. Spätestens damit verkamen alle Kämpfe zum Spaziergang. Aber auch ohne diese Sprüche war es viel zu einfach. Einfach bei Edward alles in Konstitution und keiner kam je an ihm vorbei und an deine magischen Glaskanonen in den hinteren Reihen ran.

Hendrik 28 Party-Gamer - P - 105596 - 3. Oktober 2021 - 12:25 #

Kann durchaus sein. Ist zulange her. :)

Claus 31 Gamer-Veteran - - 422067 - 2. Oktober 2021 - 13:34 #

Wieder mal ein starker Artikel. Danke!

Sven Gellersen 23 Langzeituser - - 45170 - 2. Oktober 2021 - 16:07 #

Toller Artikel, Charlie!
Ich selbst habe damals nur über Gaming-Magazine von Koudelka gelesen, es aber nie gespielt. Das Einzige, woran ich mich glaube, zu erinnern, ist dass die Kampfumgebungen wohl schachbrettmäßig funktioniert haben.

Saphirweapon 17 Shapeshifter - 7236 - 2. Oktober 2021 - 22:48 #

Das ist korrekt. Die eigene Gruppe beginnt auf der unteren Seite des "Schachbretts" und die Gegner auf der oberen. Oberste Regel beim bewegen ist es, dass du nur dann eine Reihe nach vorne vorrücken kannst, wenn du damit nicht an einem Gegner vorbeiziehst. Steht zum Beispiel einer deiner Leute auf der 3. Reihe von unten, müssen die Gegner ihn erst besiegen ehe sie an dieser Reihe vorbei und im Nahkampf an die unteren Reihen kommen. Andersrum gilt das Konzept natürlich genauso und auch man selber kommt nicht gleich im Nahkampf an alle Gegner ran.

Q-Bert 25 Platin-Gamer - P - 57085 - 2. Oktober 2021 - 16:27 #

Das Spiel ist an mir vorbei gegangen, aber dieser tolle Artikel natürlich nicht! Prima, Charlie!

Saphirweapon 17 Shapeshifter - 7236 - 2. Oktober 2021 - 22:35 #

Schöner Artikel und eines meiner Lieblings-Spiele und eine Perle auf der PS1. Die Athmosphäre die das Spiel verströmt ist einmalig. Dazu die sehr gute Deutsche Synchronisation und die vielen launigen Gesprächsmomente innerhalb der Gruppe.

Leider ist der Umfang eher gering und der Schwierigkeitsgrad quasi nicht vorhanden.

CharlieDerRunkle 17 Shapeshifter - 7630 - 4. Oktober 2021 - 8:56 #

Nur so aus Interesse: Es gab eine deutsche Version von Koudelka??

Hendrik 28 Party-Gamer - P - 105596 - 4. Oktober 2021 - 9:21 #

Ja, viele der PS 1 RPGs wurden eingedeutscht. Auch Koudelka.

CharlieDerRunkle 17 Shapeshifter - 7630 - 4. Oktober 2021 - 12:16 #

Ich hatte keine Ahnung ^^ hab danach gescuht, aber irgendwie nichts gefunden^^

Hendrik 28 Party-Gamer - P - 105596 - 4. Oktober 2021 - 16:07 #

Du hast über Emu gespielt? Mit legaler ISO? Oder eher nicht so legal?

CharlieDerRunkle 17 Shapeshifter - 7630 - 4. Oktober 2021 - 17:34 #

ehrliche Antwort oder eine nette? :D oder eine sarkastische?

Hendrik 28 Party-Gamer - P - 105596 - 4. Oktober 2021 - 21:01 #

Gerne per PN. Und dann such es dir aus. :D

TheRaffer 23 Langzeituser - P - 40512 - 3. Oktober 2021 - 18:53 #

Danke für den Artikel. Ich hatte noch nie von dem Spiel gehört. Klingt atmosphärisch toll, aber nach Spieldesign aus der Hölle. :(

Ganon 27 Spiele-Experte - - 84276 - 17. Oktober 2021 - 17:01 #

"sonst gibt es drei weitere Leichen im Kloster, was nicht weiter auffällt, aber dennoch ärgerlich ist."

Hehehe! Von dem Spiel habe ich noch nie gehört. Siet auf den ersten Blick wie Resident Evil aus, spielt sichtbar wohl eher sie ein JRPG? Interessant. Der Artikel war jedenfalls sehr schön zu lesen.