Infocom lebt -- auch auf iOS: Frotz 1.5.3 erschienen

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KritikloserAlleskonsument 1449 EXP - 13 Koop-Gamer,S2
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9. August 2011 - 9:14 — vor 5 Jahren zuletzt aktualisiert

Frotz ist ein Programm, mit dem textbasierte interaktive Adventures aus der PC-Urzeit ausgeführt werden können. Diese wurde vom damaligen Marktführer Infocom und diversen Nachahmern in einer Art Skriptsprache abgelegt, sodass es zur Portierung auf unterschiedliche Systeme jeweils nur einen neuen "Interpreter" benötigte, so hieß der Client.

Frotz ist für Infocom- und andere Textadventures ungefähr dasselbe wie der bekanntere ScummVM für LucasArts-Grafikadventures und Derivate. Seit kurzem liegt er für iOS (iPad, iPhone, iPod) in der Version 1.5.3 vor. Diese bietet unter anderem folgende Verbesserungen:

  • Lesbarkeit durch breitere Spalten und größeren Zeilenabstand
  • Unicode: Verbesserte Unterstützung für Unicode-Text bei Spielen, die nichtlateinische Zeichen enthalten
  • Grafikverbesserungen: Die Leistung und Stabilität von Spielen, die glk-Grafiken nutzen, wurde verbessert: Frotz unterstützt nun auch Grafiken innerhalb von Textzeilen
  • Tastatur: Erweiterte Unterstützung für Bluetooth-Tastaturen: Es kann nun mit der Tastatur statt nur über den Touchscreen gescrollt werden
  • Diverse Fehlerbeseitigungen: Der FTP-Server ist nun mit einer größeren Zahl von Clients kompatibel; die 'Öffnen in'-Funktion, um Frotz aus anderen Anwendungen heraus zu starten, wurde wieder hergestellt.
Totgeglaubte leben länger: Das Genre der Textadventures, auch Interactive Fiction (IF) genannt, stammt aus den Anfängen der Computer(spiel)geschichte, als mangels Rechenleistung und Speicherkapazität grafische Abenteuerspiele unvorstellbar erschienen. IF-Spiele könnt ihr euch wie ein interaktives Buch vorstellen, bei dem der Computer in Textform kurze Abschnitte aus Geschichten präsentiert ("Du betrittst eine dunkle Halle. Vor dir tut sich ein Abgrund auf ..."), auf die der Spieler durch Textbefehle reagieren kann  ("Nimm Lampe, gehe Norden") und so den weiteren Spielverlauf beeinflusst.

Seine Blütezeit hatte das Genre etwa vom Ende der 1970er an bis zum Ende der 1980er Jahre. Aus dieser Periode stammen auch einige der bekanntesten Textadventures, darunter die Zork-Serie, The Hitchhiker's Guide to the Galaxy oder Trinity. Danach wurde diese Spielegattung durch die aufkommenden Grafikadventures zunehmend in ein Nischendasein gedrängt.

Leider fehlen die genannten Titel (bis auf Zork in der M.I.T.-Version von 1978/1979), stattdessen sind nur "Freeware-Textadventures" zu finden. Auch in der Online-Datenbank, auf die man vom Programm aus zugreifen kann, sind sämtliche Infocom-Klassiker als "Commercial Game" gekennzeichnet und nicht downloadbar. Was das Ganze dann soll? Keine Panik: Mit dem Menüpunkt "File Transfer" bekommt ihr Story-Files, die ihr vielleicht von einer PC-Sammlung der Infocom-Klassiker habt, auf euer iOS-Gerät. Dazu müsst ihr per FTP oder Browser auf eine vom inkludierten FTP-Client genannte Web-Adresse zugreifen und dort euer (nur wenige KByte großes) Story File hochladen.

Die "neuesten" Infocom-Adventures wie Journey, Shogun, King Arthur und Zork Zero (sogenannte V6-Adventures), die Grafiken und teilweise Mausbedienung boten, laufen allerdings nicht oder, nach einer Umbenennung des Storyfiles, nur stark eingeschränkt (eben ohne Grafiken). Beyond Zork, das eine aus Zeichensatz generierte simple Automap bot, läuft hingegen problemlos.

Noch ein Tipp: Aktuell kostet Frotz 79 Cent, laut Autor wird es aber "in einigen Tagen" wieder kostenlos sein.
 

Claus 28 Endgamer - - 108720 - 8. August 2011 - 23:31 #

Das klingt ja schonmal sehr vielversprechend.
Auf Geschäftsreise im Hotelzimmer wäre ich doch sehr viel eher motiviert, mir die Infocom Klassiker zu Gemüte zu führen, die ich in den 80ern irgendwie einfach weder zu fassen bekam noch hätte spielen wollen (mein Englisch war damals so gut oder schlecht, wie es bei einem Schüler sein kann, der noch versucht, die Schule mit möglichst wenig Aufwand zu durchlaufen, hihi).

Labrador Nelson 27 Spiele-Experte - - 86537 - 9. August 2011 - 0:56 #

Ich hatte mal einen CBM, da hab ich tatsächlich mal, ich glaub 3 verschiedene Textadventures drauf gespielt. Obwohl ich parallel n C64 besaß, hatten diese IFs einen gewissen Charme. Dank der eigenen Fantasie verlor ich mich völlig darin, da man ja nie genau wissen konnte wie tief das Game denn gehen würde. Man hat sich dann alles mögliche ausgemalt, wie und wo es weiterginge, welche Worte das Programm verstehen würde, wie weit die Handlung ausholen würde, etc... Sehr faszinierend! Sogut wie ausgestorben ist es mMn nicht weil das Genre schlecht wäre, oder überholt. Ich glaube eher, dass die optiklastigen Games einfach nur mehr Aufmerksamkeit erregt haben im Lauf der Zeit. Ich würde es fast mit dem Stummfilm oder dem klassischen Radio vergleichen. Diese Medien wurden bzw. sind ja auch nicht zwingend schlechter.

KritikloserAlleskonsument 13 Koop-Gamer - 1449 - 9. August 2011 - 8:16 #

Es ist schon verwunderlich, warum es allein in Deutschland zwar Millionen von Buchlesern und Millionen von Spielern gibt, jedoch geschätzt nur einige Hundert bis Tausend Leute, die sich ein "spielbares Buch" zu Gemüte führen.

Meine persönliche Theorie ist, dass ein wesentlicher Grund für den Niedergang der Interactive Fiction darin bestand, dass die Titel als (Computer-)Spiele und nicht als Literatur vermarktet wurden. Durch diese Entscheidung wurden sie in Konkurrenz zu all den Grafik- und Soundgranaten des sich rasend entwickelnden Spielesektors gestellt. Dabei konnten die Textadventures nur verlieren. Zugleich bedeutete die Kategorisierung als "Computerspiel", aufgrund der hinlänglich bekannten Akzeptanzprobleme des "Gamings" dass der andere potentielle und große Markt, nämlich der gediegenen Literaturfans, niemals erschlossen werden konnte. Dabei sind die Textadventures ihrer Natur nach eigentlich eher was für Leser, als für Spieler im heutigen Sinne.

Jörg Langer Chefredakteur - P - 324491 - 9. August 2011 - 9:09 #

"für Leser": Heutzutage vielleicht, aber die meisten Infocom-Spiele waren ziemlich harte Knochen, wo es ums Rätsellösen ging, und nicht so sehr ums Lesen. Längere Textpassagen waren eher Belohnung für geschaffte Kapitel oder Großaufgaben, meist wurden dir nur sehr kurze Beschreibungen angezeigt. Außerdem konnte man in vielen alten Textadventures auf die unterschiedlichsten Arten sterben, der Frustfaktor bei einm Spellbreaker z.B. war wahnsinnig hoch.

Teilweise (Beyond Zork) gab es Rollenspiel-Elemente, es gab schon in Zork Kämpfe gegen andere Figuren, mit "Nur Lesen" hat das wenig zu tun. Überhaupt ähnelt die heutige Interactive Fiction den alten Infocoms nicht sonderlich, da geht es in der Tat oft ums seitenlange Lesen.

AticAtac 14 Komm-Experte - 2128 - 9. August 2011 - 7:44 #

Ein DOS-Emulator für iOS wäre vielleicht auch eine Variante um die alten Text-Adventures laufen zu lassen.

Thomas Barth 21 Motivator - 27449 - 9. August 2011 - 10:05 #

Ich habe mir gerade 6 neue Textadventures für den C64, auf Kassette bei Eway10 gekauft. Auf CSDB (C64 Scene Database) gibt es auch noch hunderte Public Domain Textadventures zur freien Verfügung, die man heute noch ohne Probleme auf Original-Hardware, oder per Emulator spielen kann.

Das Genre ist noch nicht komplett ausgestorben. Man muss nur wissen wo man sucht, oder wen man fragt.

tintifaxl 12 Trollwächter - 856 - 9. August 2011 - 10:06 #

Plundered Hearts und Lurking Horror waren meine Lieblings-Infocom-Adventures. Aber ob ich heute noch Textadventures spielen möchte ... ich denke nicht.

Anym 16 Übertalent - 4962 - 9. August 2011 - 10:36 #

Naja, weiß ja nicht, ob das die richtige Plattform für sowas ist. Auch das Interface überzeugt mich nicht wirklich. Da wäre etwas wie das Interface der frühen Legend-Adventures, beispielweise mit einer anklickbaren Liste der häufigsten/letzgebrauchten Verben, vielleicht besser gewesen.

Ansonsten eine gute News, nur nehme ich etwas Anstoss an der Formulierung "nur Freeware-Textadventures", denn diese sind den Infocom-Klassikern oftmals mindestens ebenbürtig und dürften für die meisten Leute, die sich Frotz auf ihr iPhone lasen, von größerem Interesse sein (sofern sie nicht ohnehin den JavaScript-Z-Code-Interpreter Parchment verwenden).

KritikloserAlleskonsument 13 Koop-Gamer - 1449 - 9. August 2011 - 11:29 #

Wenn man auf die Eingabeaufforderung tappt, erhält man eine Liste mit den gebräuchlichsten Befehlen eingeblendet, aus denen man dann wählen kann. Man kann darüber hinaus, die Befehle auch eingeben, indem Wörter aus dem vorherigen Text antippt und sich auf diese Weise ganze Sätze zusammen baut. Zum Beispiel schreibe ich nur "Nimm" und tippe dann auf die Wort "Buch" "im" "Schrank" im Fließtext und erhalte den Befehl "Nimm Buch im Schrank" et cetera. Mitunter sind auch hint und help Features eingebaut, falls man mal auf dem Schlauch steht.

Das iPad als Plattform finde ich dabei optimal, so kann man auch Abends im Bett mal 30 Minuten ein Textadventure spielen ohne dass man am Schreibtisch hocken muss.

Anym 16 Übertalent - 4962 - 9. August 2011 - 11:31 #

Oh, OK, da hat ja anscheinend wirklich jemand mitgedacht. Danke für die Klarstellung. Ich hätte zugegebenermaßen nicht von einem Screenshot auf das ganze Interface schließen sollen.

Dominius 17 Shapeshifter - P - 6906 - 9. August 2011 - 15:32 #

Hm, ich habe mich vor einer längeren Weile mal mit Frotz auseinandergesetzt, damals noch auf dem 'Nintendo DS' (Ja, das gibts auch für den DS und andere Plattformen!). Dabei habe ich auch selbst so ein Bruckstück eines Textadventures "programmiert", das hat auch zu meiner Zufriedenheit funktioniert.

Es gibt Frotz übrigens für zahllose Plattformen:
http://www.ifarchive.org/indexes/if-archiveXinfocomXinterpretersXfrotz.html

Nochmal die SF-Seite von Frotz:
http://frotz.sourceforge.net/

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