Report: Verkehrte Welt

Spielemarkt Osteuropa Report

Der osteuropäische Spielemarkt tickt anders als der westliche, speziell der russische: Sind bei uns Konsolenspiele immer mehr im Kommen, verkaufen sich im Osten weiterhin PC-Spiele wie geschnitten Brot und werden gar trotz aufwendiger Lokalisierung zu Schleuderpreisen verkauft. Wir werfen einen Blick auf den Spielemarkt Osteuropa.
Jörg Langer 4. Juni 2010 - 21:07 — vor 6 Jahren aktualisiert

Online-Distribution auf dem Vormarsch? Nicht im Spielemarkt Osteuropa. In den letzten drei Jahren explodierte im wichtigsten Teilmarkt, dem russischen, nicht etwa die Bedeutung von Steam, sondern vielmehr der Anteil der großen, nationalen Handelsketten. Spiele werden immer noch in einer Verpackung gekauft. Aber auch welche Spiele das sind, unterscheidet sich deutlich von dem, was in der Mitte oder im Westen Europas verkauft wird. Sind dort PC-Spiele immer weiter auf dem Rückmarsch (Ausreißer wie das bald erscheinende Starcraft 2 vergessen wir für diese Aussage), machen sie im Osten immer noch den überwältigenden Anteil bei den Stückzahlen aus, und auch (noch) bei den Gesamtumsätzen. GamersGlobal hat sich den osteuropäischen Spielemarkt einmal genauer angesehen -- und teils Erstaunliches herausgefunden.

Das ist ein russischer Media-Markt-Prospekt. Wir lernen: In Russland ist die PSP wichtiger als PS3, Xbox 360 und Wii. Und Spiele auf Konsole werden bis zu fünfmal teurer verkauft als auf PC.

PC-Spiele weit vor den Konsolen

Ein ganz wesentlicher Unterschied in Russland, Polen, Ungarn und Co.: Noch immer sind PC-Spiele die klar wichtigste Plattform. Während die installierte Basis von Spiele-tauglichen PCs in Russland bei rund 9 Millionen liegt, sind jeweils nur etwa 250.000 PS3- und Xbox-360-Geräte in den Wohnzimmern zu finden. Eine verschwindend geringe Menge für ein 140-Millionen-Volk, das allerdings immer noch mit einem Pro-Kopf-Einkommen von etwa 500 Euro im Monat auskommen muss. Immerhin gibt es etwa 600.000 PSPs in Russland, was wiederum verglichen zum westlichen Europa ein sehr hoher Anteil ist. Nintendo hingegen scheint weder die Wii noch den DS in Mengen abzusetzen, die auch nur entfernt mit den Erfolgszahlen in anderen Teilen der Welt zu vergleichen sind. Die meistverbreitete Konsole aber ist sowieso die alte PS2, rund 1 Million Stück wurden in Russland verkauft.

Nikolay Baryshnikov ist International Sales Director von 1C Company.

Mittlerweile unterhalten die Firmen EA, Microsoft (Games Division) und Sony Büros in Moskau, Nintendo sucht aktuell nach passendem Personal, und auch einige andere große Publisher sollen Insidern zufolge eigene Niederlassungen planen. Zumindest eigene Repräsentanten gibt es zudem von einigen weiteren Publishern: Man will den Märkten vor Ort auf die Finger schauen; aktuell gehen alle Publisher (Third Partys), mit Ausnahme von EA, über lokale Distributoren und Publisher.

Wie groß ist aber nun der legale Markt mit Spielen in Russland? Die Angaben schwanken stark, von etwa 400 bis zu 800 Millionen Euro – je nach Befragtem und Berechnungsmodell. Da unabhängige Marktdaten fehlen, strickt sich jeder Distributor seine eigene Statistik. In einem aber stimmen die Aussagen überein: Im letzten Jahr sind im russischen Spielemarkt, je nach Hersteller, enorme Umsatzeinbrüche von 20 bis 50 Prozent zu verzeichnen gewesen. Dem vorausgegangen waren allerdings mehrere sehr gute Jahre, in denen die Umsatzzahlen um bis zu 50 Prozent jährlich stiegen. So wird auch bereits für 2010 wieder ein Wachstum von 15 bis 20 Prozent für möglich gehalten. Daran sollen die Konsolenspiele zunehmend Anteil haben. Nikolay Baryshnikov, International Sales Director von 1C., prognostiziert: „Auch wenn PC-Spiele ein wichtiger Faktor bleiben werden: Die Situation hat sich zuletzt sehr in Richtung der Konsolen verändert.“

Russland: Preispunkte und Retail

Die Preise für Konsolenspiele entsprechen denen im Westen oder sind sogar teurer. PS3-Spiele kosten etwa 2000 bis 3000 Rubel (etwa 67 bis 100 Dollar), die PS3-Platinumserie liegt bei etwa 50 Dollar pro Spiel. Während PS3-Spiele von Piraterie verschont zu bleiben scheinen, machen der Xbox 360 Raubkopien stark zu schaffen. Die Preise beginnen für Xbox-360-Titel bei etwa 40 Dollar für Spiele der Classics-Serie und gehen bis 100 Dollar für neue AAA-Titel. Wii-Spiele kosten zwischen 20 und 100 USD, spielen aber nur eine untergeordnete Rolle; auch der DS scheint in Russland keinen nennenswerten Einfluss zu haben.

PC-Spiele werden in Russland selbst lokalisiert, hergestellt und konfektioniert. Deshalb sind PC-Spiele deutlich günstiger als im Westen; als letzter weltweiter Publisher hat kürzlich Electronic Arts damit aufgehört, eine Hochpreisstrategie zu fahren. Vielmehr kosten AAA-Titel – also aktuelle Top-Produkte wie zum Beispiel Assassin’s Creed 2 (PC), 17 bis 20 USD, während A-Titel bei 15 Dollar liegen und alles andere bei 8 bis 10 USD. Diese für westliche Augen sehr niedrigen Preise rechnen Sonderangebote à la „3 Spiele für 10 Dollar“ noch gar nicht ein. Erst seit relativ kurzem sind die russischen Distributoren davon abgerückt, den Preis eines PC-Spiels direkt von der Zahl der enthaltenen Datenträger abhängig zu machen. Nun zählen Qualität und Markenname.

Russland ist immer noch eine Bastion des physischen Handels. So sagt uns Irina Semenova, Business Development Manager bei Akella: „Nur große Städte und wirtschaftliche Zentren bieten eine gute Internetverbindung, in den kleineren Städten und auf dem Land ist die Situation immer noch schlecht. Elektronische Verkäufe wachsen deswegen zwar von Jahr zu Jahr, aber das betrifft eigentlich nur die Großstädte.“ Auf dem Land hätten sehr viele Menschen noch gar kein Internet. Dementsprechend gering schätzt Semenova die Digitale Distribution ein, auf wenige Prozentpunkte Anteil am Gesamtumsatz.

Viel wichtiger sind die landesweiten Multimedia-Ketten Soyuz, Hit-Zone und Nastroenie, dazu kommen die ebenfalls landesweiten Elektronik-Ketten Eldorado, M-video, Technosila und Media Markt. Letztere ist erst 2006 in Moskau gestartet und mittlerweile in elf Städten mit 25 Märkten aktiv – zwölf davon in Moskau und St. Petersburg. Auch die „Hypermärkte“ Auchan, The 7th Continent und Perekrestok tragen zu den Spieleverkäufen bei.

Wieso erscheint auf der Herstellerwebsite zu Disciples 3 Werbung für Prince of Persia und Assassin’s Creed 2? Weil Akella, Hersteller von Disciples 3, diese Ubisoft-Spiele in Russland vertreibt.

insaneRyu 13 Koop-Gamer - P - 1396 - 4. Juni 2010 - 21:45 #

Interessant, danke für die Zusammenfassung über den spielerischen Osten Europas

bebop 08 Versteher - 190 - 4. Juni 2010 - 21:51 #

Bei den Entwicklerstudios sollte man vielleicht auch Illusion Softworks dazuzählen, das jetzt 2K Czech heißt(passend auch zur Mafia 2-Geschichte^^).

Aber ein schöner und interessanter Artikel über den osteuropäischen Spielemarkt. Ohne den Russen wäre auch nicht mein heißerwartetes Disciples 3 erschienen. =)

Jörg Langer Chefredakteur - P - 324509 - 4. Juni 2010 - 21:56 #

Ach, was ist schon Mafia 2... :-o

Trickster 09 Triple-Talent - 292 - 4. Juni 2010 - 23:24 #

Ist mir der Release von Disciples 3 entgangen? Ich warte seit Jahren. Oder sprichst du von der russischen Version?

Zum Artikel: Ein Gebiet das ich noch gar nicht kannte, sehr schön. Auch wenn es viele Zahlen waren. Die Probleme der Konsolen scheinen hausgemacht, hohe Preise fördern nicht wirklich den Markteintritt. Zumindest Nintendo scheint für die Zukunft bessere Pläne zu haben.

Anonymous (unregistriert) 5. Juni 2010 - 2:44 #

Release ist am 24 Juni durch Kalypso Media (Tropico3, MudTV...)

forum.kalypsomedia.com/showthread.php?tid=4744

Daeif 19 Megatalent - 13770 - 5. Juni 2010 - 15:27 #

Artikel vllt nicht zu Ende gelesen? Zu Beginn auf Seite 3 kannst du begründet lesen, warum die Preise für Konsolenspiele so exorbitant sind. Als hausgemacht würde ich das nicht bezeichnen.

Sehr guter Artikel. Ich hab ja schon mal von den paradischen Preisen in Russland gehört, jetzt hab ich auch die Bestätigung.^^

sPEEDfREAK 11 Forenversteher - 582 - 4. Juni 2010 - 21:58 #

Ein wirklich Interessanter Artikel. Ich hätte nicht gedacht, das in Russland der PC so Stark ist.

Faxenmacher 15 Kenner - 3981 - 4. Juni 2010 - 22:18 #

Schöner Report! Haha POD, war damals bis auf die Steuerung sehr cool, eines meiner ersten PC Games *nostalgischwerd* ;):

Hoschimensch 14 Komm-Experte - 2045 - 5. Juni 2010 - 9:42 #

Ich habe POD auch geliebt, eines der wenigen Rennspiele die ich bisher wirklich bis zum Erbrechen gespielt habe.

crishan 10 Kommunikator - 538 - 4. Juni 2010 - 23:59 #

Womit sich natürlich auch die Frage stellt:
Lohnt es sich, (nicht lokalisierte) Spiele sich
aus Polen bzw. Russland zu bestellen?
Gibt es einen Preisvorteil ggü. Bestellungen aus England?

Es wäre schön, wenn GG hier noch einmal nach haken würde.

Olphas 24 Trolljäger - - 47025 - 5. Juni 2010 - 9:33 #

Sehr interessanter Artikel. Es ist immer interessant, mal über den Tellerrand zu schauen. Und dass Ost-Europa immer mehr auch für unseren Markt an Bedeutung gewinnt, sieht man in den letzten Jahren ja immer deutlicher an den teils wirklich tollen und oft auch erstaunlich ambitionierten Titeln, die aus dem Osten kommen. Manchmal mögen da Ambition und Erfahrung/Mittel etwas gegenläufig sein, wie beim ersten STALKER, aber niemand kann bestreiten, dass Stalker trotz all seiner vor allem technischen Macken eine erstaunliche Leistung war. Erstmals wurde mir das damals durch Mafia und Operation Flashpoint bewusst, aber z.B. gehört mit The Witcher auch eines meiner absoluten Lieblingsspiele dazu und mit Mafia 2 kommt schon der nächste potentielle Kanditat für meine Liste der Lieblingsspiele aus dem Osten!

Ceifer 13 Koop-Gamer - 1783 - 5. Juni 2010 - 10:11 #

Man hätte noch darüber schreiben können, dass es leider auch manche Spiele gar nicht in den westlichen Markt schaffen, da fällt mir das Spiel "Boiling Point" ein, der angekündigte Nachfolger "White Gold - War in Paradise" ist schon lange fertig und in Russland bereits erhältlich, schafft es aber nicht einen Publisher für den Westen zu finden. Collapse ist auch ein Titel, der seit 2008 in Russland draussen ist, sieht finde ich ganz gut aus, aber schafft es nicht in unsere Gegenden.

Aber schöner Bericht über den hießigen Markt im Osten.

Anym 16 Übertalent - 4962 - 5. Juni 2010 - 21:04 #

Wenn man originelle PC-Spiele will, lohnt es sich wirklich, nach Osten zu schauen, von King's Bounty über The Witcher und S.T.A.L.K.E.R bis hin zum (leider nicht erwähnten) Space Rangers. Sehr schöner Artikel, nur dass CD Projekt und IL-2 Sturmovik beide fälschlicherweise mit "c" geschrieben wurden stört mich (nur mich, ich weiß) ein wenig. Trotzdem, wie Ivan Dolvich sagen würde: "Xорошо, хорошо."

ChrisnotR (unregistriert) 5. Juni 2010 - 22:23 #

Ich muss mich noch bei 1C Company bedanken: Solche außergewöhnlichen Spiele wie Cryostasis sind fern von jeder Konsolenshooter-Einheitsgrütze und schaffen es mich positiv zu überraschen.

Soul (unregistriert) 6. Juni 2010 - 22:25 #

Für mich sind die Osteuropäer auch die besten PC Spieleentwickler.
Die machen wirklich noch richtige PC Spiele und keine Konsolenportierungen. Auch machen sie oft noch richtige Hardcorespiele und keine 08/15 Wischi-Waschispiele und bedienen Genre, die kaum noch jemand in der westlichen Welt bedient. So sind sie die einzigen die noch die Kreativität und Vielfalt wahren, sonst gebe es irgendwann nur noch die Call of Dutys usw.
Ich bin ein großer Fan osteuropäischer Entwickler.

Spiritogre 18 Doppel-Voter - 11042 - 7. Juni 2010 - 10:02 #

Was ich bei Aussagen über die Vormachtstellung der Konsolenspielverkäufe im Westen immer vermisse ist eine Differenzierung zwischen Handheld und Stationär! Und nimmt man alleine Nintendo aus der Gleichung raus und betrachtet ausschließlich XBox 360 und PS3, dann liegen die Verkaufszahlen von PC Spielen weit(!) vor den Konsolen. Das vergessen amerikanische und seit einiger Zeit europäische Medien und Entwickler immer.

Auch in Asien, außerhalb der Konsolendomäne Japan, verkaufen sich PC Spiele besser! So ist die Wii in Südkorea sogar erst vor ein bis zwei Jahren überhaupt veröffentlicht worden!

BFBeast666 14 Komm-Experte - 2062 - 8. Juni 2010 - 2:04 #

Hmmm, da wäre dann noch die Frage, wie die russische Version von Assassin's Creed II bitte kopiergeschützt ist... wenn man die Aussage dazunimmt, daß es wohl nur in den Großstädten Internet gibt, dürfte der Kopierschutz, der ja eine konstant aktive Breitbandverbindung braucht, wohl so nicht funktionieren. Oder wird da ganz dreist regional diskriminiert?

Wenn man den Artikel so liest, könnte man meinen, daß die Lösung für all die Probleme der Spielebranche (Raubkopien, das Absterben der Printmedien etc.) dadurch behoben werden könnten, wenn man das Internet ausknipst...

Andererseits: Ohne Internet wäre ich nie auf die grandiosen Shooter eines Kenta Cho aufmerksam geworden...

Anonymous (unregistriert) 10. Juni 2010 - 7:53 #

Bitte schreibt nicht solche Sätze wie "Ohne die komischen Wörter könnte man denken, man steht in einer deutschen Mediamarkt-Filiale". Da rollen sich mir echt die Fußnägel hoch. Wieso soll Polnisch oder jede andere nicht-deutsche Sprache komisch aussehen? Ich dachte wir sind hier nicht bei der "Bild" oder der "Bunten".

Maturion 11 Forenversteher - 655 - 9. Oktober 2010 - 10:55 #

Jap, das fand ich auch nicht so gelungen. Ohne die "anderssprachigen Wörter" hätte es auch getan.

Ganon 22 AAA-Gamer - P - 33857 - 10. Juni 2010 - 15:51 #

Interessant. Die Preisspanne zwischen PC- und Konsolenspielen ist ja echt krass. Aber warum werden die Rubelpreise im Artikel in Dollar umgerechnet und nicht in Euro?

Novachen 18 Doppel-Voter - 12754 - 26. Oktober 2011 - 0:42 #

Der Artikel ist noch immer sehr informativ. Das es manche Spiele leider nicht schaffen ist ja leider richtig. Gerade für uns Sci-Fi Gamer sind ja einige Schätzchen verloren gegangen in den vergangenen Jahren. Und die Spiele die es doch mal nach NA/EU geschafft haben wurden eher nur schludrig für den jeweiligen Markt angepasst. Ein Tarr Chronicles ist im russischen Original drei Klassen besser als die deutsche Version. Gilt auch für den Nachfolger. Ein The Precursors ist durchaus ein ernstzunehmender Mass Effect Killer, aber eben auch nur in der Originalfassung. Die beiden Xenus Spiele sind eigentlich auch ganz super tolle RPGs. Wobei Xenus: Boiling Point ja sogar noch den Sprung schaffte, hier aber auch an dem fehlerbehafteten Release scheiterte und sich der Publisher gar nicht mehr die Mühe gab den letzten offiziellen Patch für die westliche Fassung anzupassen, weswegen auch hier Xenus 1 nebst den beiden recht unbekannten AddOns auch im Original genießbarer ist, wobei Xenus ja sogar auch in der russischen Fassung Englisch, Deutsch, Französisch, Spanisch und Italienisch als Textsprache hat.

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