Trendsetter oder Couch Potatoes?

Spielemarkt USA Report

Der amerikanische Spielemarkt ist um ein Vielfaches größer, konsolenlastiger und umsatzstärker als der deutsche. Die meisten Spieletrends werden dort gesetzt, die meisten westlichen Entwicklungsstudios sitzen dort, die meisten Publisher haben dort ihr Hauptquartier. Wir nennen euch Fakten, entlarven und bestätigen Vorurteile.
Jörg Langer 11. September 2010 - 14:03 — vor 6 Jahren aktualisiert

Im einen Land leben 81 Millionen Menschen auf 357.000 Quadratkilometern und erwirtschaften 3,7 Billionen Dollar (GDP). Im anderen leben über 300 Millionen Menschen auf 9,6 Millionen Quadratkilometern und erwirtschaften 14,3 Billionen Dollar. Wenn Deutschland auf die USA schaut, kommt es sich manchmal ganz klein vor. Aber was, wenn Spiele-Deutschland auf Spiele-Amerika blickt? Dann erweisen sich viele gelernte Wissensbrocken plötzlich als unrichtig.


Die Zahlen

In Deutschland wurden in 2009 1,56 Milliarden Euro mit Spielen umgesetzt (ein kleiner Rückgang um 2% im Vergleich zu 2008), davon entfielen 413 Millionen oder 26% auf die größte Einzelplattform, den PC. In USA waren es letztes Jahr insgesamt 8 Milliarden Euro, wovon die PC-Spiele nur 5% ausmachten, 415 Millionen Euro. Mit anderen Worten: Der deutsche PC-Spielemarkt ist fast exakt gleich groß wie der amerikanische PC-Spielemarkt (allerdings mit der massiven Einschränkung, dass Download-Käufe, Browserspiel-Umsätze und MMO-Abos nicht in den Zahlen enthalten sind). Bei den Konsolen macht das deutsche Umsatzvolumen hingegen gerade mal 11% des amerikanischen aus. Die US-Zahlen täuschen zudem, da sie in Euro umgerechnet sind – für den US-Amerikaner aber ist der Dollar im Binnenverkehr bei Elektronik und Spielen ungefähr gleich viel wert wie der Euro. Während in Deutschland mit 57,7 Millionen verkauften Spielen quasi der Vorjahreswert erreicht wurde, sanken die Stückzahlen in den USA um mehr als 8% auf 273,5 Millionen Einheiten. Damit machen die deutschen Stückzahlen etwa 21% der amerikanischen aus, bei den Umsätzen sind es jedoch nur 19,5% – in Deutschland werden Spiele also, direkt umgerechnet, etwas billiger verkauft als in USA.

Games stellen einen wahrnehmbaren Wirtschaftsfaktor in den USA dar. 24.000 Menschen sind direkt in der US-Spieleindustrie beschäftigt, mit einem Durchschnittseinkommen von 92,300 Dollar. Dazu kommen 56.000 indirekt Beschäftigte. Ob in dieser Zahl allerdings auch die vielen Ein- und Zweimann-Teams erfasst sind, die Apps und andere „kleine“ Spiele programmieren? Immer mehr US-Spieler gehen dazu über, günstige oder kostenlose Inhalte herunterzuladen, um die 50 bis 60 Dollar auszugleichen, die neue Spiele im Handel kosten – und tragen so insgesamt weniger Geld zu den Spielehändlern.

Ein Grund dafür ist sicherlich auch, dass bereits 42% aller Haushalte auf mobilen Geräten spielen. Darunter fallen insbesondere iPhone, iPod Touch und iPad; der App Store ist der größte Downloadshop der Welt mit einem Umsatz von rund 1,8 Milliarden Euro in 2009 – Tendenz rasant steigend. Was aber nicht heißt, dass es dem amerikanischen Einzelhandel schlecht geht. Im Gegenteil: Zwei der wichtigsten Marktteilnehmer auf Handelsseite in den USA sind immer noch GameStop (über 6,3 Mrd. Dollar jährlicher Umsatz in USA) und Ingram Entertainment, der führende Spiele-Großhändler in Amerika (insgesamt 813 Millionen Dollar Konzernumsatz in 2007).

Aber auch die Handelsriesen Wal-Mart (405 Mrd. Dollar), Target (65 Mrd. Dollar Jahresumsatz) und Sears (44 Mrd. Dollar) steuern enorme Spiele-Umsätze bei. Konsequenterweise sitzen diese Gemischtwaren-Giganten zusammen mit Best Buy, Blockbuster, Kmart, Toys R Us, GameStop und einigen anderen Handelsketten im ESRB-Handelskomitee. Dieses berät insbesondere darüber, wie Altersempfehlungen vor Ort in den Läden umgesetzt werden.
 

Das Silicon Valley in Nordkalifornien ist das bekannteste Industriegebiet der USA. Unzählige namhafte Firmen wie EA, eBay, Microsoft, Google, Sony, AMD, Apple oder nVidia haben hier ihren Firmensitz oder zumindest eine Niederlassung.
McStroke 14 Komm-Experte - 2276 - 11. September 2010 - 18:56 #

Haben die Publisher auf der Karte im Teaserbild eigentlich wirklich an besagten Stellen ihren Firmensitz (also EA in Kalifornien, Sega in Arizona, id in Texas etc.) oder ist das rein zufällig gewählt?

Rondrer (unregistriert) 11. September 2010 - 19:18 #

Also id ist in Texas und EA in Kalifornien, aber Microsoft an der Ostküste haut nicht so richtig hin (zumindest vom Hauptsitz her).
Von daher würd ich sagen es ist teils richtig, teils zufällig ;)

Rubio The Cruel 12 Trollwächter - 1078 - 11. September 2010 - 19:22 #

seit wann ist microsoft in virgina? d'oh!

Jörg Langer Chefredakteur - P - 323799 - 11. September 2010 - 19:36 #

Nee, die würden sich ganz stark im Westen drängeln.

DELK 16 Übertalent - 5488 - 11. September 2010 - 20:24 #

Wobei man bei den Altersfreigaben auch darauf aufmerksam machen sollte, dass bei Gewalt in Spielen generell lascher als von der USK gewertet wird.

Ketzerfreund 16 Übertalent - 5978 - 12. September 2010 - 3:49 #

"...Umsätze wie die Retail-Zahlen, die NPD meldet." - Ich glaub, da fehlt ein 'wie'.

CrazyChemist 14 Komm-Experte - P - 2039 - 12. September 2010 - 7:39 #

Interessanter Artikel für einen baldigen Auswanderer, danke!

Christoph 17 Shapeshifter - P - 6483 - 13. September 2010 - 7:30 #

...na dann viel Glück! Wenn Du am PC spielst, geht dann ohne downloads nicht mehr viel; ich hatte in den USA echte Probleme, die PC-Spiele in irgendwelchen Läden überhaupt nur zu finden ;) ...aber Super-Donuts gibt's überall!

Bernd Wener 19 Megatalent - 13635 - 12. September 2010 - 8:11 #

Danke, sehr interessanter Artikel.

Andreas (unregistriert) 12. September 2010 - 19:35 #

Solche Artikel gibt es nur auf Gamer's Global - fantastisch.

Slomo86 06 Bewerter - 95 - 12. September 2010 - 21:28 #

Wirklich interessant, danke.

Ganon 22 AAA-Gamer - P - 33743 - 13. September 2010 - 10:44 #

Höchst interessanter Bericht. Diese Serie ist echt super. Ich hoffe, es geht noch weiter. Schließlich fehlen noch Deutschland und andere europäische Länder.

Anonymous (unregistriert) 14. September 2010 - 0:12 #

Hallo!

Das mit den Preisen kann ich nicht nachvollziehen,
die "UVP"-Dollar-Preise bei amazon sind meistens
günstiger als bei uns die "UVP"-Euro-Preise.
(Ist bei uns vielleicht der Zweitverwertungsmarkt
grösser und drückt den Umsatz pro Spiel?).

Das Gehalt mit 92 000 Dollar ist sehr hoch und
ist ja nur ein Durchschnittswert.
Das klang neulich noch ganz anders:
gamersglobal.de/news/19011
Und das ist ja nur der Durchschnitt.
Das war zwar keine amerikanische Umfrage, aber auch
für die USA habe ich generell niedrigere Zahlen im Kopf:
payscale.com/research/US/Country=United_States/Salary

Jörg Langer Chefredakteur - P - 323799 - 14. September 2010 - 17:31 #

Hallo Anonymous, das ist etwas anders gemeint:

Pro Dollar bekommst du in Amerika (insbesondere im Elektronikbereich, aber auch im Spielebereich) in vielen Fällen den Gegenwert, den du in Deutschland für einen Euro bekommst -- obwohl der Euro nominell mehr wert ist. Dein Beispiel (Dollarpreise sogar unter Europreisen) unterstreicht das noch, der Dollar ist dann also auf dieses Spiel bezogen sogar noch mehr wert, als dein Euro hier in Deutschland.

Das bedeutet, da es ja um Umsatzzahlen und Marktgröße geht, dass der US-Spielemarkt von USA aus betrachtet sogar noch etwas wichtiger/größer ist in tatsächlicher Kaufkraft, als er, in Euro umgerechnet, von hier aus betrachtet wirkt.

Ist jetzt nicht die Riesenerkenntnis, aber so war das gemeint im Text :-)

Christoph 17 Shapeshifter - P - 6483 - 16. September 2010 - 15:56 #

Es verdient aber nicht der durchschnittliche computerspielkaufende Amerikaner über 90.000 Dollar im Jahr. Wegen größerer arm-reich-Unterschiede in den USA sagt der Durchschnitt auch nicht so viel aus. Der Median wäre mal interessant, und zwar der Median der Spielekäufer-Einkommen.

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