Nox Archaist User-Artikel

Ist das nicht Ultima V?

StefanH / 10. Januar 2021 - 10:44 — vor 1 Woche aktualisiert

Teaser

Die Optik dieses neuen Spiels für den Apple II hat große Ähnlichkeit mit der klassischen Ultima-Serie. Ist dies der Nachfolger im Geiste, auf den Fans gewartet haben? Dieser User-Test soll es klären.
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Via Kickstarter hatte das kleine Entwickler-Team 6502 Workshop ein 8-bit Rollenspiel für Apple II finanziert, das auch auf Mac und PC läuft. Ursprünglich war geplant, im Mai 2019 mindestens 8.500 US-Dollar für die Entwicklung zu sammeln. Dank der Aussicht auf eine Stoffkarte sowie der auf Twitter sichtbaren Vorfreude des Ultima-Erfinders Richard Garriott wurde dieses Ziel am Ende mit über 42.000 US-Dollar aber bei weitem übertroffen. Der seltsame Name des Spiels Nox Archaist dürfte jedenfalls auch locker an die Aussagekraft des Namens Ultima heranreichen. Generell haben die Unterstützer offensichtlich große Erwartungen an dieses Spiel.
 

Spielen mit dem Apple II

Aufgrund von Zeitverzug und Problemen bei der Entwicklung verschob sich die Veröffentlichung von ursprünglich März 2020 auf den 12. Dezember 2020. An jenem Tag wurden per Mail die Download-Links und per Post die ersten physischen Versionen verschickt. Für diesen Test stand mir nur die digitale Version zur Verfügung, weswegen ich vorerst nichts zu den Beilagen der eigentlichen Collector‘s Edition schreiben kann. Mit den digitalen Placebos war das Spiel für mich jedenfalls auch problemlos spielbar.

Nox Archaist wurde eigentlich für Apple-II-Maschinen entwickelt. Da dieses System heute eine relativ geringe Verbreitung hat, empfiehlt der Entwickler einen Apple-II-Emulator zu nutzen, um auch unter Windows oder Mac spielen zu können. Ich habe den kostenlosen Open-Source-Emulator AppleWin (auch bekannt als Apple //e Emulator für Windows) verwendet. Das Spiel wird auch mit einer direkt startbaren App ausgeliefert, die einen anderen Emulator enthält. Die in der Anleitung dieser App angegebenen Tastatur-Kürzel haben bei mir aber überhaupt nicht funktioniert und die Schrift wirkte auf mich auch stärker verfärbt als mit AppleWin, weshalb ich diesem den Vorzug gab.
 

Charaktererstellung und -Entwicklung

Für die Charaktererstellung stehen euch fünf Fantasy-Rassen zur Wahl. Jede steigert eine Fähigkeit oder eines der drei Charakterattribute um zwei Punkte. Ihr könnt sowohl das Geschlecht als auch einen eigenen Namen wählen. Neben den Attributen Stärke, Geschick und Intelligenz gibt es die Fertigkeiten Nahkampf, Fernkampf, Kritischer Treffer, Ausweichen/Parieren und Schlösserknacken. Durch den Einsatz der jeweiligen Fertigkeit könnt ihr diese langsam steigern. Pro Erfahrungsstufe könnt ihr jeden Charakter auch sechsmal bei einem passenden Trainer trainieren lassen.

Bei jedem Stufenaufstieg durch gewonnene Erfahrungspunkte darf der Charakter auch zwölf Attributspunkte verteilen. Von den Attributen werden andere Werte wie Lebenspunkte, Magiepunkte, Treffer- sowie Ausweichchancen abgeleitet. Die maximale Erfahrungsstufe 10 ermöglicht daher enorm mächtige Charaktere. Manche Gegenstände lassen sich nur verwenden, wenn bestimmte Mindestwerte in den Attributen erreicht sind. Ausrüstung dürft ihr auch nur anlegen, solange die Tragkraft des Charakters in der Summe nicht überfordert wird. Magische Ausrüstung ist dabei leichter als ihre nicht-magischen Pendants.

Jede im Spiel gefundene Zauberformel landet automatisch im Zauberbuch der Gruppe und kann dann auf eine der Zifferntasten gelegt werden, sodass ihr zwischen zehn Zaubern per Tastendruck auswählen könnt. Allerdings konnte ich zu Beginn des Spiels nicht alle gefundenen Zauber verwenden, da sie jeweils einen bestimmten Intelligenzwert erfordern.
Anissa ist eine weibliche Elfe und hat daher Intelligenz +2 bei der Erschaffung erhalten.
 

Untergang zum Auftakt

Direkt nach der Charaktererstellung blendet das Spiel einen umfangreichen Text ein, um die Hintergrundgeschichte zu erzählen. Der eigene Spielercharakter wurde auf den Inseln von Wynmar geboren und im Orden Nox Archaist ausgebildet. Der Orden hat geschworen, Königin Isa zu dienen und zu beschützen. Nach einem niedergeschlagenen Aufstand einer Reformistenbewegung gegen die Königin hat sie alle Markgrafen im Reich gegen Loyalisten ausgetauscht. Danach kommt es aber zu Missernten und ganze Dörfer werden von Monstern niedergebrannt. In diesem Chaos erscheint ein Kult auf der Bildfläche, der behauptet all die Probleme lösen zu können. Die Bürger müssen ihnen nur ihr Land und Gut überschreiben…

Der Spielercharakter hat Gerüchte über einen „Dark Void“ gehört, den der Kult auf einer der Inseln von Wynmar verehrt. Um für seine Nachforschungen dorthin zu kommen, hat er sich die Überfahrt auf einem Schiff gebucht. Leider offenbaren sich während der Überfahrt Mitglieder des Kults auf dem Schiff und fesseln ihn im Laderaum. In der Nacht schreit jemand „Der Dark Void!“ und das Schiff geht nach einer Kollision unter. Nun müsst ihr euch aus dem sinkenden Schiff befreien und ans Festland retten, wo dann die Suche nach Antworten beginnt.
 

Technik aus dem letzten Jahrhundert

Optisch erinnert das Spiel sehr stark an Ultima V auf dem Apple II. Auch mit der Steuerung habe ich mich als Fan der alten Ultima-Teile sofort zurechtgefunden. Das Spiel wird auch komplett mit der Tastatur gespielt. Fast jede Taste steht für ein Kommando wie zum Beispiel „A“ für Angriff oder „W“ für Warten. Wie in Ultima dürft ihr auch ausführliche Gespräche mit anderen Charakteren führen. Werden Begriffe durchgehend großgeschrieben, reagieren die Nicht-Spielercharakter auf das Eintippen dieser Worte. Die Standardfragen nach „Name“, „Job“ und „Join“ sind direkt aus Ultima übernommen worden. Musik und Sound sind wohl auch vorhanden, was bei ihrer Spärlichkeit aber auch schon genug gesagt ist.

Auf der Weltkarte steuert ihr das Spieler-Icon über die in Kacheln aufgebaute Weltkarte und beim Erreichen von Kacheln, die einen Ort darstellen, wechselt die Ansicht automatisch. Nur im Kampf werden die einzelnen Gruppenmitglieder taktisch einzeln gesteuert. Allerdings bietet Nox Archaist zu Beginn die Option, den schnellen Kampf zu wählen, der dann rundenweise ohne Bewegungen oder Befehle des Spielers automatisch abläuft. Bei schwächeren Gegnern hat mir das echt viel Zeit gespart. Sterben im Kampf alle Charaktere, müsst ihr tatsächlich den Emulator/Apple II neustarten, um vom Startbildschirm aus einen der beiden Spielstände laden zu können.
 

Fazit: Ultima V, bist du es?

Ich habe neben den Monstern auch mit der „Langsamkeit“ des Spiels kämpfen müssen. Erst nach etwa zwei Spielstunden habe ich es nicht mehr als störend wahrgenommen, wie zäh das emulierte Apple-II-System läuft. Ähnlich wie damals in Ultima V auf dem Amiga war ich dann aber wieder vollends in die Spielwelt eingetaucht. Die englischen Texte sind ansprechend geschrieben und steigerten bei mir die Neugier herauszufinden, was denn hinter dem Kult und den Problemen auf den Inseln steckt. Dazu kommen die zwei Fraktionen der Loyalisten und Revisionisten, mit denen ich interagieren muss und die mich auf weitere komplexe Entwicklungen hoffen lassen.

Beim Komfort mangelt es Nox Archaist aber durch das Design bedingt massiv. Nur über die beigelegten Tabellen konnte ich herausfinden, welche Waffen oder Rüstungen stärker sind. Die Weltkarte war für die Orientierung auch unverzichtbar. Auf der Karte sind absichtlich ein paar wichtige Orte nicht eingezeichnet worden. Aber die Erforschung dieser neuen Welt hat mir wirklich viel Spaß gemacht. Das Optimieren der Gruppe und ihrer Ausrüstung artet hier natürlich wieder in Arbeit wie damals aus, bereitete mir aber auch wieder viel klassischen Rollenspiel-Spaß.
Wer also gerne ein „Ultima V Part 2 – The Wynmar Isle“ spielen will und sich mit den alten Problemen sowie fehlendem Komfort von damals abfinden kann, wird auch mit diesem Spiel seinen Spaß haben. Entsprechend viel Geduld und Zeit sind dabei aber essenzielle Voraussetzungen.
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Drei Charaktere kämpfen gegen drei Gegner auf der Waldebene.
StefanH 10. Januar 2021 - 10:44 — vor 1 Woche aktualisiert
Drapondur 30 Pro-Gamer - - 145505 - 10. Januar 2021 - 12:37 #

So toll ich solche Projekte auch finde, für mich ist das nichts. Da habe ich keine Geduld (mehr) für und bin zu sehr verwöhnt. Sowohl was Bedienbarkeit als auch Präsentation betrifft. Danke für den informativen Bericht!

SupArai 22 AAA-Gamer - P - 35720 - 10. Januar 2021 - 13:45 #

Danke für diesen Artikel, StefanH. :-)

Spannende Sache, dieses Nox Archaist. Ich bin aber raus, diese Retropackung ist mir zu viel Retro.

Wie lange dauert denn ein Durchgang?

StefanH 18 Doppel-Voter - - 11559 - 10. Januar 2021 - 14:36 #

Gern geschehen :)
Also selbst wenn ich schon ganz durch wäre, könnte ich das gar nicht so genau sagen. Ich habe das Spiel ja direkt heruntergeladen und da gibt es keine Zeitmessung, so weit ich das sehen kann. Bald soll aber auch eine Steam-Version kommen, bei der das dann sichtbar sein müsste.

SupArai 22 AAA-Gamer - P - 35720 - 11. Januar 2021 - 8:17 #

Eine geschätzte Spieldauer hätte mir als Antwort auch ausgereicht... ;-)

Mich interessiert, wie umfangreich ein solches Spiel ist. Ich habe bislang kein einziges Ultima gespielt, glaube ich. Zumindest ist mir keins in Erinnerung geblieben.

StefanH 18 Doppel-Voter - - 11559 - 11. Januar 2021 - 21:15 #

Ich würde mal 80 Stunden RATEN (!!!). Aber ich habe ein ganz miserables Zeigefühl beim Spielen.

Du hast noch nie Ultima gespielt?!? Das kann man doch nicht so lassen... "Ultima VII - The Black Gate" ist mein absoluter Lieblings-Teil der Reihe. Kann man immer wieder spielen... Und dann aufhören, weil man vergessen hat, was die nächste Aufgabe in einer Kette von 20 Quests war :D Ja, die damalige Zeit.

SupArai 22 AAA-Gamer - P - 35720 - 12. Januar 2021 - 0:22 #

Krass, achtzig Stunden ist doch mal eine Ansage. Dann steckt da ja ordentlich Spiel in dem Programm.

Als ich 91/92 meinen ersten Computer bekommen habe, war ich so 14, 15. Da habe ich andere Sachen gespielt, keine tiefschürfenden, anstrengenden Rollenspiele... ;-)

Mersar 15 Kenner - P - 3907 - 10. Januar 2021 - 16:13 #

Danke für den Artikel.

Alles hat seine Zeit und - so sehr ich Retro-Charme auch mag - die Zeiten solcher Spiele ist lange vorbei. Es ist etwas anderes, wenn ich alte Sachen rauskrame, um nochmal Gedanken an meine Jugend zu verschwenden (wie z.B. alte Ultimas etc.), oder ob ich etwas "Neues" ausprobiere, das unbedingt so wie in alten Zeiten sein will.

Auch wenn der Vergleich hinkt: Warum sollte jemand in der heutigen Zeit einen Nadeldrucker neu konstruieren und benutzen, wenn die Entwicklung längst solche Technik überholt hat. Sorry, aber dafür ist mir meine Zeit echt zu schade...wie gesagt: Alles hat sein (eigene) Zeit.

StefanH 18 Doppel-Voter - - 11559 - 10. Januar 2021 - 19:26 #

Ich kann deinen Standpunkt echt gut verstehen. Für mich steht aber in der Regel die technische Leistung im Vordergrund und da bin ich eben schwer beeindruckt, wenn jemand nochmal richtig so alte Maschinen ausreizen kann. Stell dir mal vor der Nadeldrucker würde plötzlich Laser-Qualität ausdrucken?!? WOAH! Das wäre echt... Laser? :D Bei mir ist das aber vermutlich auch eine Berufskrankheit, da ich als Softwareentwickler arbeite.

Ganon 24 Trolljäger - P - 62222 - 11. Januar 2021 - 17:27 #

Ich bin auch Software-entwickler und kann die technische Faszination in gewisser Weise verstehen. Spielen würde ich so ein in allen Punkten hoffnungslos überholten Werk aber dennoch nicht wollen. ;-)
Aber wenn es über Crowdfunding Erfolg hat, gibt es ja offenbar genug Leute, die das mögen, also warum nicht.

Labrador Nelson 30 Pro-Gamer - - 190287 - 10. Januar 2021 - 16:30 #

Ganz tolles Ding. Könnt ich mir auch vorstellen. Ob ich die Geduld aber wirklich aufbringen kann? Danke für den Artikel!

StefanH 18 Doppel-Voter - - 11559 - 10. Januar 2021 - 19:29 #

Danke für das Lob! Jetzt muss ich mal nachdenken, worüber ich als nächstes schreibe. Vielleicht wie mich die SSI Gold Boxen angefixt haben und ich heute noch die Pen & Paper Version der AD&D 1st Edition für etwas Spaß und was zu essen leite?!? :D Mal schauen...

Q-Bert 21 Motivator - - 25269 - 11. Januar 2021 - 0:34 #

Wenn das Spiel auf Steam kommt, schau ich es mir vielleicht mal ein Stündchen an. Aber auf Rumgefummel mit Apple II Emulatoren hab ich keine Lust, zumal mich mit der Hardware nix verbindet. Auf jeden Fall ein schön nischiger Artikel :)

euph 28 Endgamer - P - 100658 - 11. Januar 2021 - 8:26 #

Interessanter Artikel, immer wieder faszinierend, was es so für Projekte gibt.

Edelstoffl 16 Übertalent - P - 4002 - 11. Januar 2021 - 17:51 #

Wäre eigentlich genau die Art von Spiel, die mich ansprechen würde. Das Dumme daran ist immer, dass man auch die umständliche Spielführung mit Tabellen, Karten etc. aus den 80ern "importiert" hat. Die Grafik, Sound und der Stil wären für mich völlig o.k. und ausreichend.
Zudem sind diese Spiele dann recht umständlich per Original-Hardware oder spezielle Emulatoren spielbar.
Ich würde mir solche Spiele eher mit eingänglicher bzw. modernerer Steuerung/Menüführung wünschen - Gimmicks wie Zauberbücher etc. sind nett, aber es sollte auch ohne, also "ingame" gehen.
So eine Art mobiles Ultima, dass ich auch mal nebenher auf'n Tablet oder gar Smartphone weiterzocken kann.
Hab' das neulich mit Ultima V versucht: zum Laufen bekomme ich es ganz gut und Steuerung ist auch o.k. - aber ich bräuchte nebenher eben die ganzen Referenzkarten, Magiebücher etc. - von der Runenschrift ganz zu schweigen.
Und dann wird's irgendwie umständlich und man verliert die Lust ein Spiel am hochgerüstetet PC spielen zu müssen, welches auch auf'm Taschenrechner laufen würde - aber aus besagten Gründen schon fast zwei Monitore braucht!
Da fällt mir ein: "Homeoffice" ruft! Ich muss wieder ranklotzen...Ciao!

Necromanus 19 Megatalent - - 13910 - 11. Januar 2021 - 19:44 #

Puh lustig darüber zu lesen, den Nerv das selber wieder zu erleben/ zu spielen habe ich nicht mehr.