Mixed-up Mother Goose

Mixed-up Mother Goose User-Artikel

Jede Menge Reime

Name / 19. März 2023 - 1:21 — vor 1 Jahr aktualisiert

Teaser

Hey diddle diddle / The cat and the fiddle / The cow jumped over the moon / The little dog laughed to see such sport / And the dish ran away with the spoon.
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1987 war Roberta Williams schon ein Urgestein der Adventure- und Entwicklerlandschaft. Nachdem sie mal eben im Handstreich mit Mystery House die Abenteuerspiele um Grafiken bereichert und mit King’s Quest eine der erfolgreichsten Serien aus der Taufe gehoben hatte, war es wohl mal Zeit für etwas Neues. Sie war allerdings noch nicht so weit, mit Phantasmagoria mal eben eines der Splatter-lastigsten Full-Motion-Video-Spiele aus der Taufe zu heben. Nein: nach all den eher Fantasy-angehauchten, aber auch leicht soap-opera-mäßigen Titeln speziell der Saga um die Familie des Königs Graham ging Roberta noch einen Schritt weiter und wandte sich Kinderreimen zu.
 

Donald Duck? Emil Erpel? Mutter Gans?

Sierra hatte schon früh mit Titeln wie Donald Duck’s Playground oder Mickey’s Space Adventure auch Kinder als Käufer im Visier. Was jeden Spieler, der jemals auch nur aus der Ferne ein Sierra-Adventure aus dem Augenwinkel gesehen hat, sehr verwundern dürfte. Nicht umsonst haben diese Perlen der Computerspielmaus-Vernichtungsindustrie den Ruf, ziemlich schwer zu sein. Es hat schon seinen Grund, dass mittlerweile eine ganze Industrie an „How to die in… (hier x-beliebiges Sierra-Spiel einsetzen)“-Videos entstanden ist. Die durchaus sehr unterhaltsam sind. Und lang. Wirklich wirklich lang. Mit den Sterbe-Videos der Quest-Reihen könnte jeder Interessierte schon mal locker ein verregnetes Wochenende rumkriegen. Ist jetzt nicht unbedingt meine Empfehlung. Aber es geht.
 
1987 jedenfalls hatte Roberta DIE Idee: was wäre, wenn ich mal ein Spiel mache, bei dem die Spielfigur nicht alle Nase lang vom Baum fällt, in einem Brunnen ertrinkt, verhext oder von einem Ork zerkaut wird? Was, wenn ich ein Spiel für kleine Kinder machen würde? Und was, wenn – das war für ein Adventure 1987 wirklich eine bahnbrechende Idee – das Spiel ohne Text steuerbar wäre? Letzteres war wichtig, weil Robertas Zielgruppe im Wortsinne ziemlich klein war: Schon Vierjährige sollten Mixed-up Mother Goose bedienen können. Und die können nun mal noch nicht lesen. Sprachausgabe schied zu diesem Zeitpunkt ebenfalls aus. Also blieb nur noch eine rein graphisch zu erfassende Steuerung übrig. Aber dazu komme ich gleich noch.
 

Ein wenig Literaturgeschichte

Erst einmal möchte ich den etwas seltsamen Titel erklären. Wobei: Seltsam wirkt er eigentlich nur in nicht englisch-sprachigen Ländern. Die titelgebende Mother Goose kennt im Lande der angelnden Sachsen jedes Kind. Und das, obwohl diese Bezeichnung das erste Mal 1697 als Untertitel einer französischen Märchensammlung von Charles Perrault namens "Contes de ma mère l’Oye" auftaucht. Im Jahre 1729 erschien die englische Übersetzung von Robert Samber – und damit schaffte es Mother Goose ganz hochoffiziell auch literarisch in den britischen Figurenfundus. Die Figur an sich muss aber schon um einiges älter sein, weil bereits in den 1620er-Jahren die Beschreibung "wie eine Mother-Goose-Geschichte" in Sammlungen schon ausreichte, um die Art der Erzählung zu beschreiben. So wie heutzutage "wie Stephen King" ausreicht, um klarzumachen, dass hier gleich irgendwas Rotes aus den Seiten spritzt.
Wir kommen bei Mutter Gans an.
 

Und ein wenig Geschichts-Geschichte

Mutter Gans wird in den Geschichten gerne als etwas betagte Bauersfrau charakterisiert. Eine liebenswerte Dame mit wahlweise spitzem oder rundem Hut mit Blumen obendrauf. Das passt allerdings überhaupt nicht zu neueren Forschungen, die als historische Vorlage die Frau des französischen Königs Robert II. ausgemacht haben wollen. Vielleicht passender ist die Geschichte, dass die Frau des Bostoner Einwohners Isaac Goose die Vorlage geliefert haben soll. Der verwitwete Isaac Goose schloss seine zweite Ehe mit Elisabeth Foster, die in die Ehe sechs Kinder mitgebracht hat. Dazu dann noch Isaacs zehn eigene Nachkommen aus erster Ehe. Lasst das mal auf euch wirken und freut euch, wie ruhig euer eigenes Leben ist. Jedenfalls soll diese lebenslustige Dame nach dem Tod ihres Mannes zu ihrer ältesten Tochter gezogen sein und dort ihren Enkeln Reime und Lieder beigebracht haben. Wer sich ein wenig für diese Geschichte interessiert, kann hier noch ein wenig weiterlesen. Aber seien wir mal ehrlich: ist ja egal, ob es eine Mother Goose wirklich gegeben hat. Wichtig ist, dass sie heutzutage für Reime wie diesen hier steht:
Humpty Dumpty sat on a wall,
Humpty Dumpty had a great fall,
All the King’s horses and all the King’s men,
Couldn’t put Humpty together again.
Oder auch:
Jack and Gill went up the hill
To fetch a pail of water.
Jack fell down and broke his crown
And Gill came tumbling after.
Wer übrigens die volle Dosis samt satten Farben und alter Musik haben möchte, kann ja mal bei Youtube nach Mother Goose Rock ‚n‘ Rhyme suchen. In dem Film aus dem Jahre 1990 geben sich Little Richard, ZZ Top, Art Garfunkel, die Stray Cats oder auch Katy Sagal alias Peggy Bundy zusammen mit ungefähr 500 anderen bekannten Namen die Klinke in die Hand. Alles ganz zuckersüß und garantiert nicht gesund. Oder sucht nach Mother Goose Treasury. Sieht ein wenig wie die Muppets aus, allerdings ist jede GamersGlobal-Greenscreen-Aufnahme zehnmal professioneller als die dort gezeigten Szenen.

Zusammengefasst: Mother Goose ist eine sehr bekannte Figur in den USA. Ihre Reime kennt buchstäblich jedes Kind. Und vermutlich aus diesem Grund nimmt sich Roberta Williams dieser Frau denn an und packt sie in ihr neuestes Werk.
Die zuckersüße VGA-Version.
 

Dream on

Die Hintergrundgeschichte des Spiels ist recht simpel: zu Beginn schläft ein Kind wohlig verpackt in seinem Bettchen ein. Zur Auswahl stehen 8 verschiedene Racker. Jungs und Mädchen, blond oder schwarzhaarig. Für jeden Spieler um die 5 Jahre herum gibt es ein ungefähres Ebenbild. Und das liegt dann eben in diesem Bett. Die Mutter löscht das Licht und wünscht eine Gute Nacht. In der urspünglichen Fassung des Spiels wird es stockdunkel im Zimmer. Nur die Augen des Kinds blinzeln noch ein wenig, bevor sie sich langsam schließen. Eine Traumblase steigt auf – und in dieser sehen wir, wie das Kind auf dem Rücken einer Gans fliegend über den Himmel gleitet und zum Haus von Mother Goose fliegt. Diese erklärt dem kleinen Racker, dass ihre schönen Reime ganz durcheinandergekommen sind und bittet das Kind, ihr zu helfen. Und das war es auch an Einführung. Mother Goose geht zurück in ihr Haus und der kleine Steppke läuft alleine durch die Pampa, wo er allerlei Figuren aus den besagten Reimen trifft. Das Ei Humpty Dumpty zum Beispiel steht an einer Mauer und braucht von uns jetzt dringend eine Leiter, damit er daran hochklettern kann. Mary benötigt für ihr Feld eine Gießkanne, Jack eine Kerze und so weiter und so weiter. Das ganze Spiel ist zwar nicht besonders groß, aber auf 35 schön gestaltete Bildschirme kommt es doch. Wir als Spieler steuern also durch diese Landschaft und nehmen die Aufträge an. Die gesuchten Gegenstände werden zusätzlich zu den eingeblendeten Texten jeweils in einer Sprechblase dargestellt, so dass auch jüngere Kinder hier problemlos zurecht kommen sollten und das Spiel tatsächlich alleine bedienen können.
Die gesuchten Gegenstände werden auch bildlich dargestellt.

Das Inventar ist mit seinem einen einzigen Inventarplatz sehr… nennen wir es mal übersichtlich. Wer sich in der Ur-Version des Spiels keine Karte anfertigt, kann schon mal eine Weile durch die Gegend irren und dabei an fünf anderen Sachen vorbei kommen, die er gerne einsacken würde. Geht aber nicht. Einerseits kommt das einer künstlichen Spielzeitstreckung schon verdächtig nahe. Andererseits lebt dieses Spiel hier mehr vom Umherlaufen und vom kindlichen Staunen als vom Lösen der Aufgaben. Aber wenn eine Figur ihren gesuchten Gegenstand bekommen hat, gibt es dafür auch eine sehr schön inszenierte Belohnung.
 
Nehmen wir die Aufgabe mit dem lebensmüden Ei: Hat Humpty Dumpty seine Leiter bekommen, klettert er flink daran hoch auf die Mauer. Der erste Vers wird eingeblendet: Humpty Dumpty sat on a wall. Und schon fällt Mister Eierkopf wieder runter. Der zweite Vers kommt auf den Bildschirm: Humpty Dumpty had a great fall. Ein sehr langer und schmerzhafter Riss beginnt, an unserem tragischen Helden entlang sichtbar zu werden. Bisher sieht alles recht niedlich, aber noch machbar aus. Dann kommt vom linken Bildschirmrand ein uniformierter Reiter ins Bild und „All the King’s horses and all the King’s men“ erscheint. Während der Reiter bedauernd den Kopf schüttelt, kommt noch „Couldn’t put Humpty together again“ dazu. Und ähnlich aufwendige Animationen gibt es bei jedem einzelnen Vers, den der Spieler sich freigeschaltet hat. Dort bekommen kleine Kinder gänzlich pädagogisch falsch einen Klaps auf den Hintern, hier kullern zwei Leutchen einen Hügel hinunter, dort fiedelt eine Katze… Es macht einfach unglaublich Spaß, sich das alles anzuschauen und zu erleben, wie die Reime zum Leben erweckt werden. Freunde der Heilen Welt können sich übrigens beruhigt zurücklehnen: wenn die eigene Figur einmal den Bildschirm verlassen hat und wieder zurückkommt, sitzt Humpty Dumpty wieder in seiner ganzen ovalen Pracht auf der Mauer, als wäre nie etwas geschehen.
Omelette
 

Germany twelve points

Neben diesen Animationen als Belohnung gibt es natürlich auch Punkte, die es zu erreichen gilt. Sierra-Fans kennen das ja schon: In Leisure Suit Larry 7 müssen wir zum Beispiel 1000 Punkte ergattern. Ganze 7325 sind es in Conquest of the longbow. Und in Mixed-up Mother Goose? 18. Doch. Wirklich. 18 Punkte. Für jeden zusammengepuzzelten Reim gibt es einen einzigen lausigen Punkt. Und natürlich die Animation, die die eigentliche Belohnung ist. Aber es gibt 20 Gegenstände im Spiel. Wie passt das zusammen? Nun, ein einziger Märchenlandbewohner weigert sich standhaft, sich so einfach abspeisen zu lassen. Natürlich handelt es sich um einen Adligen. Der zugehörige Reim lautet

Old King Cole
Was a merry old soul,
And a merry old soul was he;
He called for his pipe,
And he called for his bowl,
And he called for his fiddlers three!

Der arme Kerl kann also fast gar nichts dafür, dass er immer mehr haben möchte. Er ist ein Opfer der Umstände! Aber auch er stellt kein unüberwindliches Hindernis dar. Wer lange genug in der Gegend rumläuft, stolpert zwangsläufig über die zufällig verteilten Gegenstände und die zugehörigen Figuren. Letztere laufen dann übrigens brav hinter der Spielfigur her, bis sie ihren Bestimmungsort erreicht haben. Und irgendwann habt ihr alles geschafft, was es zu schaffen gibt, Mother Goose samt der ganzen Bagage bedankt sich bei euch und die Gans fliegt das Kind zurück in sein eigenes Bettchen. Der Traum endet und der Tag beginnt. Schön wars.
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Es gibt noch viel zu tun.
Drapondur 30 Pro-Gamer - - 161913 - 19. März 2023 - 8:23 #

"Computerspielmaus-Vernichtungsindustrie" Alleine für den Begriff hat sich das Lesen gelohnt, lass Dir das sichern! :) Das Spiel kenne ich nur vom Namen her, hab es nie selbst gespielt. War auf jeden Fall sehr interessant, vor allem welche Fassungen es davon gab.

Jürgen (unregistriert) 19. März 2023 - 9:05 #

Vielen Dank :)

TheLastToKnow 30 Pro-Gamer - - 125277 - 19. März 2023 - 9:26 #

Es bestätigt sich ein ums andere Mal, dass Jürgens Artikel über Sierra-Spiele deutlich unterhaltsamer sind, als die Spiele selbst. :)

Jürgen (unregistriert) 19. März 2023 - 9:46 #

Danke? Denke ich :)

Danywilde 30 Pro-Gamer - P - 163010 - 19. März 2023 - 9:48 #

Die beiden Mother Goose Teile habe ich Anfang der 2000er mal nachgeholt und musste sagen, da hatte ich nichts verpasst.

Jürgen, danke für den schönen Artikel.

Nischenliebhaber 18 Doppel-Voter - 10921 - 19. März 2023 - 12:05 #

Ich persönlich finde ja die beiden Eco Quest Spiele schöner! :-)

Jürgen (unregistriert) 19. März 2023 - 12:10 #

Die stehen auf meiner Liste für einen Artikel. Erst möchte ich durch die Legend-Historie durchkommen.

TheRaffer 23 Langzeituser - P - 40437 - 24. März 2023 - 20:55 #

Krass Jürgen. Hervorragende Arbeit :)

Jürgen (unregistriert) 24. März 2023 - 21:02 #

Danke. Hat viel Spaß gemacht.

Ridger 22 Motivator - P - 34776 - 29. Mai 2023 - 10:10 #

Wieder was dazu gelernt. :)

Jürgen (unregistriert) 30. Mai 2023 - 10:05 #

Das freut mich :)