Brutal, verstörend, witzig

Wolfenstein - The New Order Test

Nazi-Deutschland, Verzeihung, das Regime hat den Zweiten Weltkrieg gewonnen und überzieht die Welt mit seiner Schreckensherrschaft. Doch ein Mann stellt sich den braunen Robotern, Supersoldaten und Panzerhunden entgegen. Sein Name: B. J. Blazkowicz.
Benjamin Braun 20. Mai 2014 - 5:00 — vor 5 Jahren aktualisiert
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Alle Screenshots stammen von GamersGlobal

Langsam lassen wir uns durch einen Schacht in einen Keller gleiten. Unten landen wir auf einem Berg von Leichen von Menschen, die sich im Internierungslager des Regimes zu Tode geschuftet haben. Als wäre dieser Anblick nicht schon grausam genug, erspähen wir im Raum dahinter mehrere große Öfen, die nicht zufällig genügend Platz für je einen Menschen bieten, unter den Bodengittern türmt sich die Asche meterhoch auf. Es ist harter Tobak, den Bethesda hier in Wolfenstein - The New Order den Spielern zumutet. Um dann im nächsten Moment Hauptfigur B. J. Blazkowicz einen Spruch auf die Lippen zu legen, der selbst dem Duke die Schamesröte ins Gesicht treiben würde. Ob The New Order der Spagat zwischen Ernst und groteskem Humor gelingt – und vor allem, was der id-Tech-5-Shooter spielerisch auf dem Kasten hat, haben wir für euch herausgefunden.
 
Der Duke auf Regime-JagdEntwickler MachineGames, zu denen auch einige ehemalige Mitarbeiter der Starbreeze Studios gehören, hat sich einiges einfallen lassen, damit Wolfenstein - The New Order kein bloßer Abklatsch seiner Vorgänger wird. Im Spiel – das ohne Multiplayer-Modus auskommt – gilt es zwar, die Herrschaft der Nazis zu beenden. Anders als in den meisten der Vorgänger versucht MachineGames jedoch, eine Dramaturgie zu spinnen und eine ernstzunehmende Geschichte zu erzählen. So beginnt Blazkowicz' Abenteuer im Jahr 1946, immer noch tobt der Krieg der Alliierten gegen Nazi-Deutschland (das aber in der deutschen Version nie genannt wird, es ist nur die Rede vom Regime, sämtliche Hakenkreuze wurden ersetzt).
 
Wir sind Teil eines letzten, verzweifelten Versuchs, den Kriegsverlauf doch noch zu wenden – in dem Phantasieszenario stehen die Alliierten kurz vor der Niederlage. Natürlich scheitert das Unterfangen, und zu allem Überfluss bohrt sich ein Granatsplitter in Blazkowicz' Hirn, was ihn 14 lange Jahre in ein Wachkoma stürzt. Irgendwie landet er in einer Nervenheilanstalt im ehemaligen Polen und muss dort an den Rollstuhl gefesselt mit ansehen, wie die Regime-Schergen Jahr für Jahr Patienten abtransportieren. Was ihn am Leben hält, sind die Gedanken an Schwester Anja, die B.J. im Krankenhaus pflegt, und an ein gemeinsames Familienleben mit ihr. Als die Soldaten im Jahr 1960 erneut auftauchen, Anja misshandeln und sämtliche Patienten töten, erwacht er aus seinem Dornröschenschlaf und erhebt sich, um dem Regime und seinem Führer, General Totenkopf, doch noch den Garaus zu machen.

Untreu der Linie
Im fiktiven Jahr 1960 ist Hitlers gigantomanische "Halle des Volkes" Wirklichkeit. Zumindest in der deutschen Fassung heißt die Kuppel aber anders.
The New Order ist von Beginn an deutlich stärker auf die erzählerischen Elemente ausgelegt als frühere Teile der Serie. Dass wir uns in einem Wolfenstein befinden, bemerken wir deshalb zu Beginn eher am Rande. Natürlich sind die Regimesoldaten und allen voran General Totenkopf gnadenlos überzeichnete Bösewichte, die zur Belustigung des Spielers ganz bewusst brutal ums Bildschirmleben gebracht werden. Natürlich greifen uns neben verdächtig nach Wehrmacht und Waffen-SS aussehenden Gegnern auch Deutsche Schäferhunde an. Und natürlich setzen die Feinde auch futuristische Waffen wie mechanische "Panzerhunde", riesige Invasionsroboter oder pervers zu Maschinensoldaten umgewandelte Menschen ein.
 
Eines aber ist anders, als wir es aus der Serie gewohnt sind: Blazkowi
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cz ist kein stummer Rächer mehr, sondern meldet sich regelmäßig zu Wort. Mal ist er sehr ernst, berichtet nach einem Aufenthalt in einem KZ von den Gräueln, die er mit ansehen musste. Bei anderen Gelegenheiten allerdings versucht er, dem Duke Konkurrenz zu machen. Einen verstörten Kameraden macht er mit einigen Ohrfeigen wieder einsatzbereit. Als wir beim Kampf auf einer Brücke in die Tiefe stürzen, kommentiert er das mit den Worten "Was für ein blöder Tod". An anderer Stelle kann er sich in einer Werkstatt in ein nicht funktionsfähiges Auto setzen, dreht Brumm-Brumm-Geräusche machend am Lenkrad und tut so, als wenn er mit seiner Karre eine Frau am Straßenrand beeindrucken wollte. Sehr unterhaltsam ist auch eine Szene in einem Fahrstuhlschacht. Wir hören Stimmen aus der gestoppten Kabine, die sich über die Wahrscheinlichkeit eines Absturzes unterhalten. "Da passiert nichts. Der Fahrstuhl hat vier Sicherungsklötze", sagt der eine, kurz bevor wir einen Klotz nach dem anderem außer Betrieb nehmen. Keine Frage, das sind witzige Momente. Aber der Kontrast zwischen dem Ernst, das Elend von KZ-Gefangenen zu erleben, und den humorvollen Einsprengseln ist uns zu hoch.
Die Maschinensoldaten halten BJs Freunde fest – und er muss entscheiden, wer General Totenkopf (Mitte) als Versuchskaninchen dient. Große Auswirkungen hat eure Entscheidung auf den Spielverlauf allerdings nicht.
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