Profi-Hacker auf Rachetour

Watch Dogs Test

Der Platzhirsch im Open-World-Genre heißt GTA 5. Watch Dogs ist ebenso ambitioniert, vertraut auf ähnliche Spielmechanismen, erweitert diese jedoch um einzigartige Hacker-Features. Vor allem verzichtet Ubisoft auf Satire und schlägt ernstere Töne an. Kann Watch Dogs den Meister besiegen? Spielt es zumindest in derselben Liga?
Benjamin Braun 27. Mai 2014 - 9:00 — vor 5 Jahren aktualisiert
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Alle Screenshots stammen von GamersGlobal. Sie stammen von der PS4, soweit nicht anders gekennzeichnet.

George Orwell skizzierte in seinem Roman 1984 die düstere Zukunftsvision eines modernen Überwachungsstaates. Was im Jahr 1949 noch reine Fiktion war, findet im digitalen Zeitalter zahlreiche Parallelen. Auf der einen Seite steht der NSA-Abhörskandal, der Informationen auch über unbescholtene Bürger hortet, auf der anderen Seite der wachsende Drang der Menschen, in sozialen Netzwerken gedankenlos persönlichste Informationen preiszugeben. In Ubisofts Watch Dogs ist Big Brother keine Fiktion, sondern harte Realität, was automatisch den Ton von Spielwelt und Handlung ernsthafter macht als beim großen Konkurrenten GTA 5 (GG-Test: 10.0), das zwar schön zynisch die Abgründe der modernen Welt auf die Schippe nimmt, damit aber erkennbar nicht die Realität für den Normalbürger beschreibt. Watch Dogs aber nimmt man seine Zukunftsvision jederzeit ab.

Spannungsgeladene StoryDie Stadt Chicago speichert in Watch Dogs sämtliche Informationen über die Bürger im so genannten ctOS. Angeblich, um Verbrechen zu verhindern und schneller aufklären zu können. Doch was gut klingt, lockt auch Kriminelle an, die sich ins ctOS-Netzwerk hacken und so die Informationsflut für ihre Zwecke nutzen. Zu ihnen gehört auch der Hacker Aiden Pearce. Er nutzt die Daten aus dem ctOS, um sich persönlich zu bereichern. Ob es richtig ist, was er tut, hinterfragt er nicht, bis zu jenem Tag, als ein Job schief geht. Beim Versuch, die wohlbegüterten Gäste des Merlaut-Hotels digital auszurauben, fliegt die Tarnung der Hacker auf. Die Flucht vor der Polizei gelingt, doch irgendjemand beauftragt Gangster, einen Anschlag auf Aidens Familie zu verüben. Als dabei seine Nichte Lena ums Leben kommt, verfolgt er nur noch ein Ziel: Er will die Mörder zur Rechenschaft ziehen.

Aiden ist euer Alter Ego in Watch Dogs. Obwohl er ein Krimineller ist, gelingt es Ubisoft Montreal schnell, Sympathien für ihn zu wecken. Sein Rachemotiv ist nachvollziehbar und gibt auch dem Spieler Motivation, sich durch die in fünf Akte mit zig Missionen unterteilte Kampagne zu kämpfen. Die Handlung ist spannend und wendungsreich, führt Mission für Mission Freunde und potenzielle Widersacher ein und lässt uns immer tiefer in die Abgründe Chicagos eintauchen. Korrupte Politiker, Straßengangs, die Mafia oder die an Anonymous erinnernde Hacker-Gruppe DedSec: Sie alle verfolgen ihre eigenen Pläne und stecken teilweise doch unter einer Decke. Das alles ist so geschickt miteinander verwoben, dass wir über die eine oder andere Logiklücke in der Handlung hinwegsehen können. Wie schnell ihr die Geschichte zu ihrem Ende bringt, bleibt euch überlassen, denn im leicht futuristischen Chicago gibt es auch abseits der Hauptmissionen viel zu tun.
Chicago ist ein lebendiger Ort. Wir befinden uns am Rande von Downtown, im Hintergrund erkennen wir die Hochhäuser. Nicht nur zur Mittagszeit (siehe Sonnenstand) ist viel los. Auch nachts läuft der Verkehr und Passanten kreuzen unseren Weg.

Vergleich: Watch Dogs vs. GTA 5
Watch Dogs und Grand Theft Auto 5 buhlen um die Spitzenposition im Open-World-Genre. Wir möchten die wichtigsten Teilaspekte gegenüberstellen und bewerten. Welches Spiel wo besser abschneidet, entnehmt ihr der unten angeführten Übersicht.

  Watch Dogs GTA 5
Vielfalt der Spielwelt
Glaubwürdigkeit des Settings
Interaktion mit der Spielwelt
Fahrzeuge
Missionsvielfalt (Kampagne)
Nebenmissionen
Freizeitbeschäftigungen
Umfang
Waffenangebot
Mehrspieler-Modus
Integration des MP-Modus in Solospiel
Grafik
Barrierefreie SpielweltSobald die erste Mission abgeschlossen ist, steht es euch frei, die fünf Bezirke zu erkunden. Chicago präsentiert sich als Spielwelt der Kontraste: Downtown (The Loop genannt) ist gekennzeichnet von Hochhäusern, Banken, edlen Hotels und kulturellen Einrichtungen. Aber auch von Trickbetrügern, die euch beim Hütchenspiel ausnehmen wollen. In den Vorstädten geht es schon etwas gediegener zu. Industrie- und Hafenviertel nehmen genauso viel Platz ein wie die heruntergekommene Wohngegend The Wards. Dort findet man allerorts Graffiti auf den Hausfassaden, die Bürger versetzen im Pfandhaus ihre Wertsachen, um irgendwie durchzukommen. Außerhalb der Stadt gibt es noch ländliche Gegenden mit dichten Wäldern und Seen. Hier tragen die Menschen keine Anzüge wie im Geschäftsviertel oder Gangfarben wie in den Wards, sondern Holzfällerhemden oder Anglerkluft.

Zielgerichtet eine Bar aufsuchen, um einen Trinkwettstreit zu beginnen oder Geld im Automaten zu versenken, dürft ihr, sobald ihr die Gebietskarte vollständig aufgedeckt habt. Das geschieht ähnlich wie in der Assassin's Creed-Reihe, indem ihr an eine erhöhte Stelle klettert (wobei euch eure Hackerfähigkeiten Einlass durch gesicherte Tore geben), wo eine Art überdimensionaler ctOS-Funkturm den Netzwerkzugriff im aktuellen Gebiet beschränkt. Solange ihr den Turm nicht umgepolt habt, sind keine Hacks von Passanten möglich, eines der wesentlichen Spielelemente.

Lebendiges ChicagoChicago und das Umland wirken lebendig und vielfältig und bieten mit speziellen Orten wie einer Sternwarte auch zahlreiche lohnenswerte Erkundungsziele. Viel Mühe hat Ubisoft Montreal in die Simulation der Spielwelt gesteckt, sei es bei den Passanten, den fahrenden Mitbürgern, der leicht ins Futuristische driftenden Darstellung Chicagos. Im Vorbeigehen lauscht ihr Gesprächen von Passanten, die teils eure Handlung referenzieren. Die Spielwelt ist sehr überzeugend, sodass kleinere Gegenindikatoren (beim Ausräuchern von Gangsterverstecken etwa tauchen die Gangster erst auf, wenn ihr die Mission startet) kaum ins Gewicht fallen.

Die anderen Verkehrsteilnehmer sind weniger konfliktbereit als in der GTA-Serie: Versuchen dort einige, euch wieder aus ihrem Auto zu ziehen, wenn ihr nic
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ht gleich damit abhaut, greifen die Bestohlenen in Watch Dogs lieber zum Handy und rufen die Polizei. Das versuchen sie auch, wenn sie euch bei einem anderen Verbrechen beobachten, und teils auch, wenn ihr einfach mit gezogener Waffe umherlauft. Ihr habt nun eine kurze Zeitspanne, in der ihr den Telefonierenden niederschlagen könnt, um die Alarmierung der Ordnungshüter zu verhindern. Natürlich könnt ihr den Passanten auch einfach erschießen, aber das wiederum wird dann von anderen beobachtet, sodass ihr mit einiger Garantie die Polizei am Hals habt.

In welcher Regelmäßigkeit die Notrufe erfolgen, hängt von Aidens Ruf ab. Nutzt ihr eure Überwachungsfähigkeiten, um etwa den geplanten Bombenanschlag eines Geisteskranken zu vereiteln, sammelt ihr Bonuspunkte. Überfahrt ihr hingegen ständig Fußgänger oder erschießt Polizisten, anstatt vor ihnen zu flüchten, werden euch die Bürger Chicagos hassen und auch für kleinste Vergehen anschwärzen. Das ist ein sinnvolles System, das eine, nennen wir sie mal "konträr zu GTA angesiedelte Verhaltensweise im Straßenverkehr" belohnt, ohne euch das Herumheizen, Zäune zerdeppern und Autos schrotten zu verbieten.
Vielfältige Kampagne
Die Kampagne lebt von ihrer Missionsvielfalt. In diesem Kasten möchten wir euch einen groben Überblick geben. 1 Häufig müsst ihr feindliche Einrichtungen infiltrieren, um an Informationen zu gelangen. Ihr könnt versuchen, unbemerkt zu bleiben, müsst es aber nicht. 2 In dieser Mission sollt ihr einer anrückenden Gang einen Hinterhalt legen. Wenn ihr sinnvoll Sprengladungen platziert, könnt ihr sie über die Kameras fernzünden und müsst euch nicht mal aus eurem Versteck erheben. 3 Mit dem Profiler spürt ihr eine Zielperson in der Menge auf und hackt dann ihr Handy, um etwa den Aufenthaltsort eines Angehörigen rauszufinden. 4 Manchmal müsst ihr euch Zielen an die Fersen heften. In diesem Fall besteigt ihr ein Motorrad, um ein Schiff auf dem Kanal im Blick zu behalten. 5 Da ihr nicht aus dem Fahrzeug schießen könnt, müsst ihr flüchtende Fahrzeuge lahmlegen, indem ihr zum Beispiel Dampfrohre unter der Straße explodieren lasst. Bei dieser Verfolgungsjagd hat sich die Polizei eingeschaltet, was die Sache schwierig macht. 6 Kameras könnt ihr nutzen, um die Umgebung zu erkunden und zu manipulieren. In diesem Fall müsst ihr sie verwenden, um Charakter Bedbug an den Feinden vorbei zum Zielpunkt zu lotsen.
 
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