Test: Spionage im 2. Weltkrieg

Velvet Assassin Test

Dieser Inhalt wäre ohne die Premium-User nicht finanzierbar. Doch wir brauchen dringend mehr Unterstützer: Hilf auch du mit!

Die Offiziersuniform leistet Violett oftmals sehr gute Dienste – und sieht auch noch schick aus.

Schwankende Intelligenz

In vielen Situationen schwankt die Intelligenz der deutschen Armeeangehörigen stark. So bemerken euch Gegner zwar auch im Schatten, wenn sie nur wenige Meter an euch vorbeilaufen. Und sie schauen auch nicht tatenlos zu, wenn ihr in ihrer Nähe einen Kollegen tötet. Aber besonders im Alarmmodus scheinen sie ihr Gehirn in der Panik zu verlieren und lassen sich von Violett bereits durch das Umrunden einer Säule irritieren. Am Nahkampf scheitern sie sogar völlig und stehen oft sekundenlang vor euch, bevor sie entweder danebenschießen oder damit beginnen, euch eins mit dem Kolben überzubraten.

Einfach ist Velvet Assassin dennoch nicht, da Violett nur sehr wenige Treffer aushält und eure Gegner sehr gut zielen. Nur in wenigen Levels findet ihr eine Kevlarweste, die euch für einige Sekunden zusätzlichen Schutz bietet. Außerdem habt ihr, im Gegensatz zu Sam Fisher aus Splinter Cell, keine High-Tech-Gadgets zur Verfügung. Violett Summer kann nur pfeifen (lockt Gegner an) und in manchen Leveln auf eine Offizierinnen-Uniform zurückgreifen. Und selbst diese ist kein Freikarte: Kommen euch Wachen zu nahe oder beobachten euch bei verdächtigen Aktionen wie dem Ziehen einer Waffe, entlarven sie euch sofort. Anschleichen und leise töten geht dank der hochhackigen Stiefel genauso wenig. Selbst auf ihren Pfiff kann sich die Spionin oft nicht verlassen: In einigen Levelabschnitten muss sie sich durch gasverseuchte Räume bewegen und stirbt ohne Gasmaske innerhalb von Sekunden. Unter der Gasmaske hört sie jedoch niemand pfeifen. Solche Situationen bringen Abwechslung ins Spiel und fordern ein Umdenken, erhöhen aber auch den sowieso schon hohen Anspruch an eure Überlebenskünste - selbst auf dem niedrigsten der beiden verfügbaren Schwierigkeitsgrade ist Velvet Assassin kein Kindergeburtstag.

Aus Erfahrung lernen



Briefe und Wertgegenstände fördern die Sammelsucht. Die Statistik am Ende des Levels mehr den eigenen Drang nach Perfektionismus.
Neben unzähligen Gegnern findet ihr auf euren Weg zum jeweiligen Missionsziel (meist müsst ihr einen bestimmten Offizier töten) auch versteckte Wertgegenstände. Wenn ihr diese Ringe, Orden oder Goldbarren findet, erhaltet ihr Erfahrungspunkte. Die gibt es ferner für geheime Ziele, etwa zwei U-Boot-Kapitäne auszuschalten oder eine edle Weinflasche zu finden. Sind 1.000 Punkte voll, bekommt ihr einen Upgrade-Stern, mit dem ihr Violett verbessern könnt. Drei Kategorien stehen euch dafür zur Verfügung: Dauer eures Morphiumtrips, Anzahl der Lebenspunkte oder Schleichgeschwindigkeit. Was in der Theorie ganz interessant klingt, reduziert sich in der Praxis darauf, kontinuierlich das Schleichen zu verbessern. Zum einen, weil ihr im letzten Level sowieso kein Morphium mehr habt, und zum anderen, weil es sich negativ auf eure Statistik auswirkt, wenn ihr als weiblicher Rambo durch die Levels zieht. Wie in der Hitman-Serie bewertet auch Velvet Assassin am Ende einer Mission eure Taten und vergibt Ränge von "Anfänger" bis "Assassine". Ausschlaggebend für eine gute Bewertung ist dabei vor allem, wieviele Soldaten ihr heimlich getötet habt, aber auch wie viele Wertgegenstände ihr finden konntet.

Streng linearer Tunnelblick

Der Drang nach einer perfekten Statistik ist so ziemlich der einzige Grund, einen Level mehrfach zu spielen. Aufgrund eines stark linearen Levelaufbaus hält sich der Wiederspielwert ansonsten stark in Grenzen. Besonders in Innenräumen blockieren auffällig platzierte Kisten und anderes Gerümpel künstlich euren Weg und zwingen euch, die einzig mögliche Route zu nehmen. Das grämt den Spieleliebhaber umso mehr, als dass das Leveldesign ansonsten äußerst gelungen ist. Der Aufbau jedes der zwölf Levels ist einzigartig und durchdacht. Durch die teils beeindruckenden Licht- und Schatteneffekte und vor allem die Soundkulisse wird eine äußerst bedrückende Atmosphäre erzeugt. Die Schreie, das Mündungsfeuer hinter den Fenstern des Warschauer Ghettos sind fast noch schlimmer als die Leichen, die die Hinterhöfe pflastern. Zusammen mit den visuell schwachen, aber stilistisch interessanten Zwischensequenzen, fühlt man sich hier nicht wie ein typischer Action-Held. Violett hinterfragt in ihren Monologen philosophisch ihre Aktionen, ihr Handeln, den gesamten Krieg. Da wird der einfache Akt, einem gefangenen Spion die erlösende Zyanid-Kapsel in die Zelle zu werfen, zu einem Symbol. In Zeitlupe seht ihr wie die Kapsel langsam durch die Luft segelt. Daneben erscheint Violetts trauriges Gesicht in Großaufnahme und sanfte, tiefsinnige Worte ertönen aus den Lautsprechern. Wenn ihr dann später mit Violett aus dem Krankenhaus flieht und sie wie wild auf einen Wachmann einsticht, bekommt ihre augenscheinliche Brutalität dank solcher Zwischensequenzen eine ganz neue Bedeutung.

Die Wache hatte nicht bemerkt, dass wir ihren Kollegen getötet haben. Erst jetzt findet sie die Leiche.

Tereck (unregistriert) 13. Juni 2009 - 1:29 #

Toller Bericht! Ich mag Weltkriegsspiele, aber eigentlich keine Schleichshooter, aber der Test hat mir Lust auf Velvet Assasin gemacht.

Marco Büttinghausen 20 Gold-Gamer - 20481 - 13. Juni 2009 - 20:09 #

sehr schön geschriebener Test, ich werde es aber wohl doch verschmähen das Spiel. Als ich damals einen Artikel für gamersglobal.com schrieb, habe ich mal die Hintergründe der Person Violette Szabo nachgelesen und fand ihre Geschichte so spannend und auch deprimierend, das ich mir jetzt nicht mehr vorstellen kann als Buffy SummersViolet Summer im Nachthemd rumzulaufen.

Ist keine Kritik am Artikel, eher bedauere ich das der Entwickler nicht mehr aus der Figur gemacht hat und das Thema etwas ernster vertieft hat.

Marco Büttinghausen 20 Gold-Gamer - 20481 - 18. Juli 2011 - 22:36 #

Jetzt 2 Jahre später hab ich das glaub ich überwunden, ich hab es gerade für 5€ bei Steam gekauft.

JakillSlavik 17 Shapeshifter - 7253 - 28. Oktober 2011 - 17:43 #

Allein deswegen bin ich hier am nachlesen = )

Maverick 33 AAA-Veteran - - 800092 - 14. Juni 2009 - 1:32 #

Sehr gutes Review zu Velvet Assassin, hab die Xbox 360 UK-Version gespielt. Im Test wird sehr schön auf die Stärken und Schwächen des Spiels eingegangen.

Ein Level im Spiel nervte mich aber ungemein mit dämlich platzierten Checkpoints, sonst waren sie eigentlich recht fair platziert.

Christoph Licht 25 Platin-Gamer - 55862 - 14. Juni 2009 - 8:49 #

Danke fürs Lob. Welchen Level meinst du den? Ich hatte nur eine Stelle an der ein Checkpoint absolut ungünstig platziert war und zwar in der Kanalisation hat er dort direkt nach Betreten eines Gasraumes gespeichert - und ich hatte natürlich nicht meine Gasmaske vorher aufgesetzt. Habs aber zum Glück dennoch geschafft schnell nachm Neuladen die Maske anzulegen bevor ich keine Lebenspunkte mehr hatte.

Philipp Spilker 20 Gold-Gamer - P - 22744 - 15. Juni 2009 - 2:44 #

Wundert mich doch, dass das Spiel hier so gut abschneidet. In den USA kommt es ja mal gar nicht gut weg, Giant Bomb gaben mit Ach und Krach einen von 5 Sternen, Joystiq schrieben die in der Geschichte der Site allererste JoystiQuitter-Review, in der sie darauf eingingen, wieso sie es nicht ertragen hätten, das Spiel zu Ende zu spielen.

Hätte deswegen zunächst auch hier mit Schmach und Schande gerechnet. ;)

Christoph Licht 25 Platin-Gamer - 55862 - 15. Juni 2009 - 6:44 #

Ich hab das Spiel auf jeden Fall nicht so gut bewertet, nur weil es aus Deutschland kommt oder ich gar dafür bezahlt wurde (Kontonr. für etwaige Bestechungen auf Anfrage). Nur um entsprechenden Vorwürfen in dieser Richtung gleich mal eine Absage zu erteilen! :)

Aber als langjähriger Leser der PC Gamer (US) und EGM (US) wundert mich das Wertungsverhalten der amerikanischen Kollegen, vor allem in Bezug auf Titel aus deutschen Landen egal wie gut, sowieso nicht mehr.

Philipp Spilker 20 Gold-Gamer - P - 22744 - 15. Juni 2009 - 13:21 #

Da kann ich auch ein Lied von singen, was UK-Magazine angeht. Mit was für Wertungen da Jack Keane und Spellforce 2 abgestraft wurden, das geht als Schmierenkomödie durch.

maddccat 19 Megatalent - 13591 - 13. März 2011 - 20:40 #

Gestern gekauft (Steam 4,99€) und heute schon einige Stunden gespielt. Tolles MGS Light! Den GG-Test habe ich gerade zufällig über Google gefunden. ;)

Action
Schleich-Action
ab 18
18
Replay Studios
08.05.2009
7.5
6.9
PC360
Amazon (€): 11,99 (), 11,99 (PC)
GMG (€): 1,59 (STEAM)