Test: Olympisches Grauen

Vancouver 2010 Test

Durch das kanadische Vancouver nebst Umgebung wird vom 12. bis 28. Februar 2010 der Geist der Olympischen Winterspiele wehen. Wir hoffen sehr, dass die nicht ähnlich abwechslungsarm, finessenlos und motivatorisch totgeboren werden wie dieser Versuch von Sega, mit der Olympia-Lizenz ein misslungenes Sportspiel-Stückwerk zu verkaufen.
Philipp Spilker 19. Januar 2010 - 15:22 — vor 10 Jahren aktualisiert
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Wir wollen zunächst kurz innehalten, um an dieser Stelle des Jahres 1986 und des kollektiven Völkermords an Joysticks zu gedenken, den insbesondere das Spiel Winter Games (C64) zur Folge hatte. Es galt, sich durch acht Wintersportarten zu kämpfen und dabei sowohl Stick als auch Knöpfe des Eingabegeräts in möglichst penetranter Art und Weise zu benutzen, um als Erster ans Ziel zu gelangen. Nicht jeder Joystick war dieser Tortur auf Dauer gewachsen, und der Begriff des Button-Mashing war geboren. Vancouver 2010, das offizielle Spiel zu den diesjährigen olympischen Winterspielen, kommt größtenteils ohne diese Design-Macke aus. Dafür scheitern PC-Spieler eventuell an einem anderen Problem. Nämlich daran, ins Startmenü zu gelangen.

Tastatur? Ham' wa nich!

Als wir zu Beginn unseres Tests in das Spiel einstiegen, wurden wir noch vor dem Startmenü mit der Bitte konfrontiert, die Taste "A" (dargestellt im Design der A-Taste des Xbox 360-Controllers) zu drücken. In Ermangelung einer solchen Taste auf der Tastatur versuchten wir es mit "Enter", aber nichts geschah. Einen wilden Ausflug über die gesamte Tastatur später wurde uns endlich Eintritt gewährt: die Taste "J" durfte sich dafür verantwortlich zeichnen. Ein Blick ins Handbuch nährte dann endgültig unseren Verdacht: Eurocom hat sich mit der Portierung von Konsole auf PC keine Mühe gegeben. Die Steuerung der einzelnen Disziplinen ist ebenfalls nur auf den Xbox-360-Controller abgestimmt. Ein Blick ins Steuerungsmenü verriet uns schließlich die Tastaturbelegung, die immerhin frei konfigurierbar ist. Und auch unter der Kategorie "Training" wurden uns in den einzelnen Disziplinen die Tastaturkommandos erklärt, wenn kein Gamepad angeschlossen war. Dennoch: nachdem Capcom kürzlich die Qualität von PC-Portierungen hochgeschraubt hat, geht Vancouver 2010 den entgegengesetzten Schritt.

Mit einem gewissen Willen zur Einarbeitung sind die 14 in Vancouver 2010 enthaltenen Disziplinen zwar auch per Tastatur einigermaßen spielbar, ernsthaft empfehlen wollen wir das aber niemandem. Mit einem Gamepad zur Hand geht die Steuerung weit bequemer vonstatten. Wie in so ziemlich jedem Wintersportspiel sind einige Disziplinen weniger gut gelungen. Im Eisschnellauf über 1500 m beispielsweise müsst ihr auf den Geraden zu eurem Laufrhythmus passend abwechselnd Tasten drücken. Wenn ihr dabei scheitert, gibt euch das Spiel leider nur ungenügend Rückmeldung darüber, was genau ihr falsch gemacht habt. Ähnlich auch beim Bobfahren: Wenn ihr euch zu lange zu weit oben in die Kurven legt, stürzt ihr und werdet disqualifiziert. Wie lange "zu lange" ist, ist jedoch gerade zu Beginn nur schwer ersichtlich. Und beim Skisprung wird euch das Korrigieren eurer Haltung im Flug schwer gemacht, da ihr in dieser Disziplin nur über die Ego-Perspektive verfügt und eure Position nur anhand eines Zahlenwerts von 1 bis 100 erkennen, nicht aber aus der Schulterperspektive nachempfinden könnt.

Beim Zweierbob erhaltet ihr bei Fehlern leider wenig Rückmeldung darüber, was genau ihr falsch gemacht habt.

Tempogefühl

Ohne die permanente Gefahr der Fingerverknotung könnt ihr euch mit Gamepad auch gleich viel besser auf das in allen Disziplinen sehr gut gelungene Geschwindigkeitsgefühl konzentrieren. Durch geschickt eingesetztes und den Fahrtwind darstellendes Motion Blur habt ihr hier wirklich das Gefühl, in halsbrecherischem Tempo unterwegs zu sein und werdet alleine dadurch schon dazu angespornt, mit jedem Versuch noch einen Tick schneller zu werden. Auch der Skisprung ist atmosphärisch sehr gut gelungen. Wenn ihr euch vom Balken abstoßt, hört ihr auf einmal den Herzschlag des Sportlers ganz deutlich, er hält seinen Atem an, der Fahrtwind ist deutlich zu hören. Ein gutes Beispiel für geschickt eingesetzte Soundeffekte. Ihr könnt euch außerdem generell (außer beim Skisprung) zwischen einer Third- und First-Person-Perspektive entscheiden. In letzterer seht ihr das Geschehen dann wirklich durch die Brille eures Athleten. Ein nettes Feature, dass wir allerdings nur selten genutzt haben. Denn seltsamerweise ist das Geschwindigkeitsgefühl just in der First-Person-Perspektive (die bei Rennspielen die Geschwindigkeit meist am besten vermittelt) etwas schlechter als beim Schulterblick.

In der Third-Person-Perspektive exzellent, in der First-Person-Perspektive näher dran am Geschehen, aber nicht ganz so schnell: Das Geschwindigkeitsgefühl ist die größte Stärke von Vancouver 2010.

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