Test: Konkurrenz für Portal?

Twin Sector Test

Die geniale Physik-Spielerei Portal schlug 2007 ein wie eine Bombe. Dennoch hat bis heute niemand ernsthaft versucht das Erfolgsprinzip zu kopieren. Mit der Veröffentlichung von Twin Sector startet DnS Development nun den ersten Angriff. Vom fiesen Schwierigkeitsgrad und der steilen Lernkurve werden sogar Profis gefordert
Christoph Licht 12. September 2009 - 12:00 — vor 10 Jahren aktualisiert
PC
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Update: Bis 13.10.2009 wurden zwei Updates für Twin Sector veröffentlicht. Unter anderem ist es nun nicht mehr möglich, auf Gegenständen durch die Lüfte zu reiten. Zudem wurden Schaden und Tempo der Drohnen sowie der Fallschaden verringert, was das sehr schwere Spiel etwas vereinfacht. Unsere Wertung bleibt unverändert.

In der Zukunft ist die Erdoberfläche unbewohnbar geworden. Die letzten Überlebenden wurden in riesige unterirdische Komplexe ("Sectors") verfrachtet, um im Kälteschlaf die Zeit zu überdauern. Eine der Überlebenden ist Bewohner Nr. 61/9,  Ashley Simms, 24 Jahre alt, Wartungsingenieur. Sie ist es auch, die von einer KI namens O.S.C.A.R. aufgeweckt wird: Der Generator ist ausgefallen, es bleiben nur noch wenige Stunden,  bis die Kältekammern versagen und alle verbliebenen Menschen sterben werden. Dank massiver Erinnerungslücken gehorcht Ashley ohne nachzufragen, und macht sich auf den Weg. Doch ist O.S.C.A.R. tatsächlich auf ihrer Seite? Wieviel Zeit ist seit ihrem Einfrieren vergangen? Und vor allem: Was ist der namensgebende Twin Sector? Die spannende Hintergrundgeschichte von Twin Sector hält einige Überraschungen bereit. Und nein, dass O.S.C.A.R. eine Kopie von G.L.A.D.O.S. auf Portal ist, gehört nicht dazu: Das ist offensichtlich. Doch obwohl sich Twin Sector auch sonst in einigen Punkten beim großen Vorbild bedient, ist es ein eigenständiges Spiel mit eigenen Ideen.

Vorsicht, Spoiler: Im Video zeigen wir euch ungekürzt den Anfang der siebten Mission mit deutscher Sprachausgabe. Enthalten sind ein Kampf gegen einen Tracer sowie mehrere Rätselräume.

Praktische Handschuhe

Der  deutlichste Unterschied zu Portal ist die Abwesenheit einer Art Portal Gun: Ashley ist mehr der direkte Typ und im Besitz zweier ganz besonderer Handschuhe. Der linke erlaubt es ihr, Objekte an sich heranzuziehen, der rechte, sie wegzustoßen. Ein einfaches Beispiel: Durch Ashleys Augen blickend, stehen wir an einem Abgrund. Als wir nach unten schauen, entdecken wir tiefer auf der gegenüberliegenden Seite eine Tür. Zum Springen ist es zu weit, und der tiefe Fall würde uns sowieso sofort töten. Darum laden wir zunächst unseren linken Handschuh mit Energie auf, zielen auf die gegenüberliegende Wand und lassen los. Da die Wand unbeweglich ist, können wir sie nicht an uns heranziehen. Stattdessen überträgt sich die physikalische Energie auf uns und reißt uns auf die andere Seite. Die andere Seite des Abgrunds hätten wir also erreicht, doch unangenehmerweise fallen wir nun dem sicheren Tod entgegen. Also schnell nach unten geschaut, den rechten Handschuh aufladen und kurz vor dem Aufprall die Taste loslassen. Der Rückstoß bremst den Fall. Geschafft. Die Energie beider Handschuhe lädt sich übrigens genauso automatisch wieder auf wie die Lebensenergie von Ashley, sollte sie beim Fall Schaden genommen haben.

Selbst ist die Frau

Sieht simpel aus, doch die naheliegenste Lösung (zu der wir gerade ansetzen) führt in den sicheren Tod.
So einfach wie in unserem Beispiel ist Twin Sector jedoch nur zu Beginn.  Während Portal euch den größten Teil des Spiels über behutsam in die Spielmechanik einführt, euch immer wieder neue, klar umrissene Konzepte beibringt und erst am Ende in die freie Wildbahn entlässt, pfeift Twin Sector auf Einsteigerfreundlichkeit: Schon früh müsst ihr komplexe Rätsel durch Kombination des simplen Grundprinzips "Anziehen und Wegstoßen" lösen. Ein umfassendes Tutorial dürft ihr deswegen auch nicht erwarten. Erklärt werden im ersten Level nur die allerwichtigsten Regeln der Steuerung. Was eure Handschuhe jedoch wirklich können und wie ihr ihre Fähigkeiten richtig in die Praxis umsetzt, das müsst ihr selbst herausfinden. Das führt zunächst zu einem nervtötenden Trial-&-Error-Spiel.

Doch auch wenn ihr die Spielmechanik verinnerlicht habt, lässt der Schwierigkeitsgrad nicht nach. Euer Weg zum Ziel ist gespickt mit tödlichen Laserfallen, stationären Geschützen und vielen anderen Hindernissen. Darunter auch der der einzige "lebendige" Gegnertyp im Spiel: die Tracer. Das sind fliegende Kugeln, die Ashley bei Berührung per Stromschlag schweren Schaden zufügen. Zwei solcher Stromstöße hintereinander, und ihr dürft neu laden. Die Tracer zu zerstören, ist nicht einfach. Ohne einen schweren Gegenstand wie eine Tonne braucht ihr es erst gar nicht versuchen. Flucht ist besonders zu Beginn meist die beste Lösung – auch, weil sich an einigen Stellen im Spiel die Tracer unendlich oft vermehren. Und obwohl sich die Blechdosen nur stupide und zielstrebig auf euch zu bewegen, sind sie äußert hartnäckig und öffnen Türen. Habt ihr hingegen einen schweren Gegenstand in der Hand, könnt ihr in die langwierige Offensive gehen: Mehrmals müsst ihr den Tracer treffen, auf den Boden zwingen und zur Explosion zwingen -- nur, um ihn sofort wieder aufsteigen zu sehen. Gegen Ende des Spiels könnt ihr eure Handschuhe zwar elektrisch aufladen und damit direkt Schaden austeilen, aber die effektive Reichweite eures Geschosses ist gegen die flinken Tracer stark begrenzt.

Frust pur?

Bockschwere Rätsel, übermächtige Gegner und somit ein fast unmenschlicher Schwierigkeitsgrad? Wer schnell frustriert ist, wird mit Twin Sector keinen Spaß haben. Wer jedoch die Herausforderung liebt und dieselbe Stelle auch 10mal probiert, bevor er sie perfekt meistert, den belohnt das Spiel mit knackigen, fairen und vor allem abwechslungsreichen Rätseln. Immer wieder stellen euch die Entwickler neue Hindernisse in immer neuen Kombinationen in den Weg. So wird die Schwerkraft im einen oder anderen Raum auf den Kopf gestellt. Oder ihr stellt fest, dass unter Wasser eure Handschuhe nicht funktionieren und müsst Brände mit sehr empfindlichen Hochdruckbehältern löschen. Das befriedigende Gefühl, ein Hindernis endlich überwunden zu haben, wird somit noch von den Erwartungen an das nächste übertroffen. Die Hintergrundgeschichte, vorangetrieben durch Dialoge zwischen Ashley und der KI sowie durch Zwischensequenzen, motiviert dabei zusätzlich. Die Levels sind allerdings streng linear aufgebaut, nach Wunsch erkunden könnt ihr die Sektoren nicht.

Ein Zugeständnis an den hohen Schwierigkeitsgrad hat DnS Development gemacht: Ihr dürft jederzeit speichern und laden, zusätzlich zum ebenfalls fairen Checkpoint-System. Doch Schnellspeichern und Schnellladen werden im Laufe der 8 bis 10 Stunden Spielzeit eure meistgenutzten Tasten. Tatsächlich ist das Spiel zwar kürzer, aber wir haben in die Zeitangabe bereits die vielen Wiederholungen mit eingerechnet.

Das Ziel liegt unter uns -- genauso wie mehrere rote Laserbarrieren. Hier bewegen sie sich jedoch zum Glück nicht.

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