Auch auf Deutsch klopft das Herz

To the Moon Test

Es sieht mit seiner 16-Bit-Grafik unscheinbar aus, ist technisch dürftig und nur "gerade so" ein Spiel. Aber To the Moon hat es mit einer exzellenten und rückwärts erzählten Geschichte, einem tollen Soundtrack und liebenswerten Charakteren geschafft, gleich reihenweise die GamersGlobal-Redakteure für sich einzunehmen. Aber nicht alle!
Philipp Spilker 17. November 2011 - 14:27 — vor 6 Jahren aktualisiert
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To The Moon, das immer noch einzige Spiel mit Herz-Wertung auf GamersGlobal, erscheint im September 2012 auch in einer deutschen Übersetzung als Retailversion im Handel. Wir haben unseren ursprünglichen Test daher mit einem Screenshot der deutschen Version, Infos zur Retailbox und Eindrücken zur Qualität der Übersetzung ergänzt. An der Wertung ändert das nichts: Wir halten das Spiel weiterhin (jetzt erst recht) für unbedingt spielenswert.

Johnny ist sehr alt und liegt im Sterben. Er bereut sein Leben. Er weiß nicht mehr, wieso, aber eine einzige Sache hätte er vor seinem Tod gerne noch geschafft: zum Mond fliegen. Doch ans Sterbebett gefesselt und mittlerweile im Koma liegend, wird das kaum mehr funktionieren. Sollte man denken. Aber Johnny hat Glück, denn in der Welt des Indie-Adventures To the Moon haben Forscher eine Maschine entwickelt, mit der kurz vor dem Tod eines Menschen noch einmal sein gesamtes Leben umgekrempelt werden kann. Dazu reisen Wissenschaftler in der Erinnerung des Sterbenden zurück und manipulieren sie so, dass sich der Lebenswunsch des Patienten hätte erfüllen können. Es reicht also nicht einfach, dem Sterbenden einzureden, er wäre beispielsweise ein Fußballstar geworden: Alle relevanten Erinnerungen seit frühester Kindheit müssen so verändert werden, dass er wirklich ein Starkicker hätte werden können. Den Rest erledigt dann sein Gehirn: Klappt alles, kann der Patient, kurz bevor er seinen letzten Atem aushaucht, auf sein Leben so zurückblicken, wie er es am liebsten gelebt hätte. Sein lang gehegter Lebenstraum hat sich für ihn, zumindest in seinem Kopf, nun nämlich tatsächlich erfüllt.

Hollywood würde aus dieser Prämisse ohne Schwierigkeiten eine fürchterliche Schnulze produzieren, mit vorhersehbaren Wendungen und kitschigem Drücken auf die Tränendrüse. Kan Gao, Gründer von Freebird Games, Designer und Komponist des Spiels, umschifft die meisten Kitsch-Klippen gekonnt – und sorgt dennoch für den "Austritt von Flüssigkeiten aus den Augen", um es mit einem der Charaktere zu sagen. Wieso er uns mit To the Moon nicht nur begeistern, sondern auch tief berühren konnte, wollen wir euch im Folgenden andeuten.

Memento lässt grüßen
Der in To The Moon oft auftretende, die Dramatik auflockernde Humor, wurde ausgezeichnet ins Deutsche übertragen.

In To the Moon seid ihr als die Wissenschaftler Eva Rosalene und Neil Watts unterwegs, die kaum unterschiedlichere Persönlichkeiten haben könnten. Wo Eva besonnen ist und sich stets um gute Etikette bemüht, hangelt sich Neil von einem One-Liner zum nächsten. Beide wären daher auch gut als Charaktere für ein Buddy-Movie geeignet. Erfreulicherweise beleuchtet To the Moon in seinen etwa fünf Stunden Spielzeit aber nicht nur die Oberfläche seiner beiden „Hauptdarsteller“: Eva und Neil sind tiefgründiger, als man es zunächst vermuten mag. Und sie haben einen schwierigen Job zu erledigen: Johnny soll schließlich zum Mond! So sagt er es den beiden, als sie ihn in seiner letzten Erinnerung vor dem Koma befragen. Weshalb er genau das will, weiß er jedoch nicht – ein schwieriger Fall.

Um ihren Auftrag zu erfüllen, reisen Eva und Neil im längsten Spielteil, dem ersten von drei Akten, in kleinen Rückwärtsschritten bis in die Kindheit ihres Patienten zurück. To the Moon wird also rückwärts erzählt, und wie im Film Memento gelingt dieser schwierige Kniff. Mit jedem Rückwärtsschritt werdet ihr vor ein neues Mysterium gestellt. Wieso etwa hat River, die verstorbene Frau von Johnny, vor ihrem Tod manisch Origamihasen gefaltet? Wieso stellt sie Johnny dazu immer wieder dieselben Fragen, die dieser offensichtlich nicht zu ihrer Zufriedenheit beantworten kann? Wieso kann Johnny sich den Drang, zum Mond zu wollen, nicht erklären? Was hat es mit dem Leuchtturm auf sich, in dessen Nähe Johnny und River ihr Haus bauten?

Nun gut: Mysterien aufwerfen kann jeder. Mysterien auflösen aber können nur wenige. Die Fernsehserie Lost hat mit ihrem Ende viele Fans derbe enttäuscht, da sie dutzende Fragen aus sechs Staffeln völlig unbeantwortet ließ. Wir können euch versprechen, dass euch das mit To the Moon nicht passieren wird. Jede einzelne Frage, die ihr euch beim Spielen s
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tellen werdet, und sei sie auch noch so klein, wird, wenn der Abspann läuft, schlüssig geklärt sein. Und wenn euch To the Moon auch nur ansatzweise so berühren kann wie uns, könnte euch bei der ein oder anderen Szene auch eine Träne über die Wange laufen. Manchmal weil ihr lacht und manchmal weil ihr weint. Denn To the Moon ist tragisch, ohne dabei kitschig zu sein, und hochgradig witzig, ohne dabei albern zu sein. Die Auflösung des Mysteriums um die oben genannten Origamihasen ist beispielsweise genial umgesetzt.

Was uns bei den Antworten, die To the Moon liefert, insbesondere gefallen hat: Sie erfordern immer noch ein wenig Mitdenken unsererseits, statt uns einfach vorgekaut zu werden. Über einiges haben wir noch mehrere Tage nach dem Abspann immer mal wieder nachgedacht. Allein die Grundidee, nachträglich Erinnerungen zu manipulieren, damit ein Mensch glücklich sterben kann, kann viele Fragen aufwerfen. Ist das moralisch vertretbar? Eine Form von Gedanken-Freitod? Selbstbetrug? Stehlen aus der Verantwortung? An einigen dieser Fragen werden auch die beiden Protagonisten zu knabbern haben. Kurzum: Die Story ist ein Meisterstück.
Mit der Wissenschaftlerin Eva Rosalene untersuchen wir das Haus von Johnny, der zum Mond reisen will.

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