Alle Episoden im Gesamttest

The Wolf Among Us Test

Bei Telltales Adventures stehen nicht mehr Rätsel im Mittelpunkt, sondern Geschichten mit starken Charakteren und moralischen Entscheidungen. In ihrem ersten Fantasy-Werk ist das nicht anders. Wir verraten euch nach Erscheinen der letzten Episode, wieso die neue Comic-Adaption den bisherigen Primus The Walking Dead noch übertrifft.
Benjamin Braun 9. Juli 2014 - 16:26 — vor 4 Jahren aktualisiert
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Alle Screenshots stammen von GamersGlobal

Als Telltale Games vor ziemlich genau zehn Jahren gegründet wurde, hatte kaum jemand die Kalifornier auf der Rechnung – und das, obwohl gleich mehrere ehemalige LucasArts-Mitarbeiter an Bord waren. Mit Auftragsarbeiten für Ubisoft und kleineren Titeln wie Texas Hold'em hielt man sich finanziell über Wasser und bereitete gleichzeitig eine kleine Revolution vor. Die Comic-Adaption zu Bone war zwar nicht sonderlich erfolgreich und nach Episode 2 war bereits Schluss. Am Experiment Episoden-Konzept allerdings hielten die Entwickler fest. Und es blieb nicht der einzige experimentelle Ansatz in der Geschichte des Unternehmens, denn nach den ersten Sam & Max-Staffeln wagte man, sich zunehmend vom klassischen Adventure zu verabschieden. Immer weniger Rätsel in den Spielen wie Wallace & Gromit's Grand Adventures und oft suboptimale neue Steuerungsvarianten wie in Tales of Monkey Island statt simplem Point-and-Click waren die Folge dieser Entwicklung. Ende 2011 legte Telltale schließlich den Grundstein für den heutigen Erfolg, der weit über die Zielgruppe der Adventure-Fans hinausgeht – mit wenigen Rätseln, aber Quick-Time-Events und einem hohen Fokus auf Dialoge und Inszenierung der Geschichte.

Dem Experiment Jurassic Park - The Game wurde jedoch noch nicht der Erfolg zuteil, den Telltale Games schließlich mit The Walking Dead (GG-Test: 8.5) hatte, das 2012 international gleich reihenweise Preise für das beste Spiel des Jahres abräumte. The Wolf Among Us greift dasselbe Konzept auf. In der Adaption der Fables-Comicreihe von Bill Willingham werdet ihr in ein fiktives New York versetzt, in dem allerlei Märchenwesen wie Schneewittchen oder die Schöne und das Biest leben. Ihr selbst seid der "böse Wolf" Bigby, der als Sheriff über die Fabelwesen wacht. Der Wolf geht mit harter Hand vor und ist deshalb unter den Fables nicht allzu beliebt. Dem Spieler obliegt es aber nicht nur, daran etwas zu ändern, sondern auch, eine rätselhafte Mordserie aufzuklären, der zu Beginn des auf fünf Episoden aufgeteilten Abenteuers die Prostituierte Faith zum Opfer fällt.

Schaf im Wolfspelz
Die Prostituierte Faith (links) fällt schon bald einem Mord zum Opfer und Bigby will das Verbrechen um jeden Preis aufklären.
Bigby Wolf ist nicht gerade ein gern gesehener Gast bei den Bewohnern New Yorks. Wer ihm nicht die Antworten liefert, die er will, erhält im Gegenzug eine Faust ins Gesicht. Mit der Bezeichnung "Einzelgänger" wäre er wohl am besten beschrieben, denn nicht mal das Schwein Colin, mit dem er gemeinsam ein Apartment bewohnt, lässt er wirklich an sich ran. Er ist aber kein chronischer Unsympath, sondern vielmehr ein Typ, der weit mehr mit seinem eigenen Schicksal hadert, als seine raue Fassade vermuten lassen würde. Denn trotz seines unausgeglichenen Gemüts will er partout den Wolf in sich unterdrücken. Klammheimlich ist er zudem in seine Kollegin Snow White (Schneewittchen) verliebt, die als einzige in der Lage zu sein scheint, den gleichsam unterkühlt wirkenden und aufbrausenden Bigby auch in kritischen Situationen zu mäßigen.

Die größte Stärke von The Wolf Among Us steht in engem Zusammenhang mit Bigbys Wesenszügen. Wie üblich seid ihr es, die im Laufe des Abenteuers darüber entscheiden, ob der Sheriff am Ende noch derselbe ist, und wie sich seine Beziehung zu den so genannten Fables verändert. Ob wir zum Beispiel im Verhörraum versuchen, die Wahrheit aus einem Verdächtigen herauszuprügeln oder einen Kollegen sogar davon abhalten, dies an unserer Stelle zu tun, sorgt für eine unnachahmliche Nähe zum Charakter. Gerade aufgrund der vielen Ecken und Kanten Bigbys ist die dadurch erreichte Identifikation des Spielers mit dem "Helden" beachtlich.

Knifflige EntscheidungenWie schon in The Walking Dead stellt euch The Wolf Among Us immer wieder vor kleinere und größere Entscheidungen, vor allem in den Dialogen. Ihr entscheidet etwa, ob Bigby das Versprechen abgibt, ein Geheimnis nicht zu verraten, und ob er sich dann auch daran hält. Im Rahmen der Mordermittlungen könnt ihr Verdächtige der Tat bezichtigen, auch wenn ihr mehr eurem Bauchgefühl folgt, statt echte Beweise vorlegen zu können. Gerade bei den innerhalb von wenigen Sekunden getroffenen Entscheidungen in den Multiple-Choice-Dialogen beeinflusst ihr damit, was andere Charaktere über Bigby denken. Und natürlich auch, wie ihr selbst ihn seht. Entscheidungen zwischen Schwarz und Weiß müsst ihr dabei nicht befürchten: Die Optionen gewähren euch zumeist viele Nuancen.

Einige eurer Entscheidungen haben direkte Folgen, and
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ere werden sich erst mittel- und langfristig auswirken. Zum Beispiel könnt ihr durch geschickte Dialogauswahl jemanden ohne Gewalt zum Sprechen bringen. Oder die Haltung der anderen Fables verändert sich, wenn ihr brav in einer Schlange wartet, statt euch vorzudrängen. Es trägt einfach zur Glaubwürdigkeit bei, wenn sich ein Charakter eine Handlung von uns merkt und sich dann später in der Episode entsprechend verhält uns gegenüber.

Besonders stark sind Telltale Games die Szenen mit Snow White gelungen. Denn sie zeigt uns immer wieder ein anderes Gesicht und plant Dinge, bei denen wir uns schwer tun, uns auf ihre Seite zu schlagen. In einer Situation will Snow White etwa das Besitztum einer Verdächtigen zerstören, das für die Betroffene einen hohen ideellen Wert hat. Wir können Snow White unterstützen oder sie von ihrem Plan abbringen – immer mit dem Ansatz im Kopf, ja eigentlich in sie verliebt zu sein. Anstatt euch später im Spiel dann aber einfach zu sagen, ob eure Wahl nun richtig oder falsch war, schafft es Telltale Games immer wieder, euch diesen Schluss selbst ziehen zu lassen. Der moralische Zeigefinger bleibt sozusagen in der Hosentasche.
Der Woodsman könnte mehr wissen, als er zugibt. Helfen wir unserem Kollegen, die Wahrheit aus ihm herauszuprügeln, oder versuchen wir es auf die sanfte Tour? Die Entscheidung liegt ganz bei uns.

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