Fallende Tendenz

The Walking Dead Staffel 2 Test

Zig Auszeichnungen zum Spiel des Jahres sprechen eine deutliche Sprache: Die erste Staffel von Telltale Games' Zombie-Apokalypse hat viele Spieler zu Recht begeistert. Nun erreichte die zweite Staffel das Finale. Wir verraten euch, ob die Episodenexperten noch einen oben drauf setzen konnten.
Benjamin Braun 27. August 2014 - 14:35 — vor 5 Jahren aktualisiert
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Alle Screenshots stammen von GamersGlobal

Im Mittelpunkt der ersten Staffel von The Walking Dead (GG-Test: 8.5) stand der Mörder Lee, dem wir nach dem Ausbruch der Zombie-Apokalypse auf seinem Pfad zur Läuterung folgten. Er nahm sich der kleinen Clementine an, die den eigentlichen Hauptcharakter mit jeder Episode zunehmend an den Rand drängte. Nach Lees Tod am Ende der ersten Staffel und dem Auseinanderbrechen der Gruppe, steht die zweite Staffel nun ganz im Zeichen von Clementine. Sie ist immer noch ein kleines Kind, aber der Überlebenskampf hat sie schnell erwachsen werden lassen. Vielleicht etwas zu schnell...

Mini-KommandantinZu Beginn der zweiten Staffel haben Clementine und der klägliche Rest der Überlebendengruppe Savannah verlassen. Clementine hat nun endgültig Gewissheit, dass sie ihre Familie nicht mehr wiedersehen wird. Der Lebensmut hat die Kleine allerdings noch nicht verlassen, und statt Lee am Rockzipfel zu hängen, gibt sie zunehmend selbst den Ton an. Die Entwicklung vom kleinen Mädchen hin zur Erwachsenen hatte zwar bereits im ersten Teil begonnen, in Staffel 2 verläuft dieser Reifeprozess allerdings rasend schnell, was den Dreh- und Angelpunkt des Abenteuers bildet und die neuen fünf Episoden qualitativ immer wieder aufs Glatteis führt.

Clementine, der heimliche Star von Staffel 1, bildet einen grundlegenden Schwachpunkt. Für eine 10-jährige ist sie zu tough, die Erwachsenen richten sich zu sehr nach ihr.
Telltale Games ist zwar um ein ausgeglichenes Bild bemüht, wenn hier und dort Erwachsene ihren Ratschlag ignorieren oder Bösewichte wie Carver beinahe grundsätzlich einen feuchten Kehricht um das geben, was Clementine zu sagen hat. Den Entwicklern gelingt aber insgesamt nur mit Abstrichen eine glaubwürdige Charakterentfaltung Clementines, wenn zähe Männer und toughe Frauen der neu formierten Gruppe die kleine Göre nach ihrer Meinung fragen und sich massiv davon beeinflussen lassen. Ähnlich verhält es sich in Situationen, in denen sich Clementine anstelle einer der zahlreichen Alternativen in einen Büroraum schleicht oder sich alle auf sie verlassen, wenn sie Nachtwache schiebt. Dass Clementine diejenige ist, die am Ende alles macht, ist aufgrund ihrer Hauptrolle quasi unumgänglich. Genau diese Grundproblematik hätte Telltale Games jedoch bewusst sein müssen, weshalb man den Kaliforniern diese Entscheidung einfach negativ ankreiden muss.

Starke MomenteTrotz der suboptimalen Ausgangslage mit einem kleinen Mädchen als Hauptcharakter, die Zombies und selbst mutierte Ex-Gruppenmitglieder wie nichts mit einem kleinen Handbeil auseinander nimmt, gibt es dennoch einige starke, teils höchst emotionale Momente. Wir meinen damit weniger die rasanten Quick-Time-Events, die immer wieder das Blut gehörig in Wallung bringen, als viel mehr die ruhigeren Sequenzen. Wenn Clementine im Dialog mit den anderen mehr über deren Geschichten erfährt, etwa wenn Charakter Luke von seinem Verhältnis zu seinem Vater erzählt, dann sitzen wir wie gebannt vor dem Bildschirm. Auch so manche Schleichsequenz gewinnt dank der dramatischen Musikuntermalung an Intensität. Letztlich bleiben es in der zweiten Staffel von The Walking Dead aber wirklich nur Momente, während Telltale das Große und Ganze mit jeder Folge zunehmend aus dem Blick verliert.

Wer warst du noch gleich?Über den Tiefgang in den Dialogsequenzen können wir uns wahrlich nicht beklagen. Eine der großen Stärken des Vorgängers, nämlich die Bindung an die Spielfigur und die starke Entwicklung der Beziehungen innerhalb der Gruppe, sind aber nur begrenzt gegeben. Zu einem gewissen Teil liegt das auch daran, dass Telltale sich oft nicht genügend Zeit nimmt, die neuen Charaktere sinnvoll einzuführen. Charaktere wie den Arzt Carlos und seine Tochter Sarah würden wir nicht unbedingt mit dem Begriff austauschbar belegen. Aber allein die Tatsache, dass wir uns einige der Namen der Beteiligten nicht so sehr einprägten wie in Staffel 1, spricht eine deutliche Sprache.

Besonders bei Jane, die erst in Episode 3 auftaucht, ist diese Schwäche auffällig. Wir wollen nicht zu viel verraten, aber von der wortkargen Außenseiterin zu einem wichtigen Bestandteil der Gruppe zu werden, geht let
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ztlich einfach zu schnell. Solche Dinge waren in der ersten Staffel einfach besser geregelt. Die Bindung an die aus der ersten Staffel bekannten Nichtspieler-Charaktere funktioniert hingegen sehr gut. Eines der Gruppenmitglieder scheint durchzudrehen und Clementine muss sich entscheiden, ob sie der Person die Treue hält oder sich zugunsten der anderen von ihr abwendet. Bei Personen außerhalb der Gruppe hat Telltale aber nicht immer ein glückliches Händchen. Carver, der Anführer einer anderen Überlebendengruppe, ist zum Beispiel ein vollkommen übertrieben dargestellter Psychopath. Es wird zwar angedeutet, dass die Zombie-Apokalypse ihn dazu gemacht haben könnte, und er früher ganz anders war. Aber Telltale hätte mehr dafür tun können und müssen, um diesen Wandel nachvollziehbarer zu beschreiben. So wirkt Carver nämlich mehr wie ein Klischee-Bösewicht, wie man ihn genauso gut auch in einem Shooter mit 08/15-Story vermuten würde. Viel mehr als das stört uns aber, dass einige der Actionsequenzen bei der Gewaltdarstellung überziehen. Staffel 1 war diesbezüglich auch nicht zurückhaltend, in Staffel 2 aber wirken einige dieser Szenen wie billige Effekthascherei.
Telltale gibt den neuen Charakteren zu wenig Raum, um sich zu entfalten. Als Spieler fällt es schwer, eine Beziehung zu ihnen aufzubauen. Jane (links) ist nur eine von vielen Figuren, die nicht so einprägsam sind wie die Charaktere aus Staffel 1.
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