Komplett-Test zur 1. Staffel

The Walking Dead Test

Telltale Games ist Publisher und Entwickler in einem und tanzt auf vielen Hochzeiten – und kündigte in den letzten zwei Jahren mehr Spiele an, als sie veröffentlichte. Der Episoden-Spezialist versuchte sich zuletzt vermehrt an Lizenzversoftungen von Filmen und fügt nun mit The Walking Dead eine Comic-Lizenz zum Portfolio hinzu.
Benjamin Braun 12. Oktober 2012 - 16:52 — vor 7 Jahren aktualisiert
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Alle Screenshots stammen von GamersGlobal.
Stand des Tests: Gesamtbesprechung Staffel 1.

Zombies übten auf Horror-Fans schon immer eine große Faszination aus. Die Tötungsuntoten sind nicht nur überaus grässlich entstellt, auch ihre Geist- und Willenlosigkeit wirkt schaurig. Dazu kommt die Angst ihrer Opfer, durch einen Biss selbst zum Zombie zu werden. Sie bewegen sich langsam, aber zielstrebig in großen Massen auf ihre Opfer zu, sind übernatürlich stark und zäh. An diesem Zombiebild hat sich seit dem Klassikerfilm Die Nacht der lebenden Toten aus den Sechzigern bis heute kaum etwas geändert. Nun gut, mittlerweile fahren Zombies gerne auch Motorrad und rennen ihren Opfern hinterher, und manchmal zeigen sie sogar Gefühle. Nicht so in The Walking Dead! Die seit 2010 ausgestrahlte TV-Serie widmet sich dem klassischen Zombiebild, das so auch in der Comic-Vorlage zu finden ist. Auf letzterer fußt auch Telltale Games neuestes, gleichnamiges Episoden-Adventure. In den vergangenen Monaten haben wir die vier ersten Episoden getestet und eine Wertungsprognose abgegeben, nach dem gestern erschienenen fünften und letzten Teil der Season 1 ist es Zeit für eine abschließende Bewertung (inklusive Überarbeitung der bisherigen Texte). Wer diesem Episoden-Testbericht bislang schon gefolgt ist, kann jedoch beruhigt direkt auf die letzte Seite springen, dort erfährt er alles zu Epiosde 5 – jedoch keine Story-Spoiler!

Mein Name ist Lee
Die iOS-Version
Prinzipiell macht es große Freude, Walking Dead auf dem iPad zu spielen (auf dem iPhone ist das Bild arg klein). Doch immer wieder stören technische Probleme, insbesondere Lags. Auch die Steuerung funktioniert mit Maus (und mehr noch mit dem Gamepad) besser, insbesondere in manchen Szenen, in denen man den Charakter quasi Schritt für Schritt über den Bildschirm "ziehen" muss.
Telltale Games ist dafür bekannt, Lizenzen so umzumodeln, dass nicht jegliche Überraschung verloren geht. Und so ist es nicht wie in der Vorlage der Polizist Rick Grimes, der die Hauptrolle im Spiel übernimmt, sondern der Sträfling Lee Everett. Zu Beginn des Abenteuers ist er in einem Polizeiauto auf irgendeiner Schnellstraße im US-Bundesstaat Georgia unterwegs. Was genau er verbrochen hat, verrät das Spiel zunächst nicht. Klar ist nur, dass es sich um ein Kapitalverbrechen handeln muss. Der Polizist am Steuer unterhält sich dennoch locker mit ihm und übersieht dabei eine Person auf der Straße. Der Polizeiwagen rast in sie hinein und landet im Straßengraben. Lee überlebt mit einer schweren Schnittwunde im Oberschenkel, der Polizist liegt leblos einige Meter weiter in einem kleinen Waldstück.

Unser Held befreit sich, und siehe da: Von einer Sekunde auf die andere regt sich wieder Leben im Körper des Polizisten. Doch er fletscht die Zähne und gibt unnatürliche Ächzlaute von sich. Wir stürzen und krabbeln rückwärts sitzend zum Polizeiwagen zurück. Nur noch wenige Meter liegen zwischen uns und dem nicht mehr menschlichen Cop, wir greifen das Schrotgewehr neben dem Wagen und laden sie mit der letzten Patrone, die wir in der Nähe finden. Wir legen an und treiben dem Untoten mit einem Kopfschuss jede Regung aus. Wir haben keine Ahnung, was um uns herum passiert. Überall erheben sich Leichen und klemmen sich an unsere Fersen. Wir retten uns zu einem nahe gelegenen Haus, in dem wir auf die kleine Clementine treffen. Ihre Eltern sind weg, also beschließen wir, sie mitzunehmen. Auf der Straße treffen wir schließlich zwei Männer, die im Begriff sind, aus der Stadt zu fliehen. Wir schließen uns ihnen an. Und wollen unsere Familie in Macon suchen.

Entscheidungen mit Folgen
Neben fünf großen Entscheidungen wählt ihr unter Zeitdruck auch Gesprächsoptionen aus. Sie beeinflussen den Verlauf späterer Dialoge, eine Lüge kann sich zudem rächen.
Quantic Dream hat es mit Spielen wie Fahrenheit und Heavy Rain in bester Manier vorgemacht: Wenn eine dichte Atmosphäre, glaubhafte Charaktere und Entscheidungen mit Konsequenzen zusammen kommen, verzeiht der Spieler auch ein eher simples Quicktime-Gameplay. The Walking Dead springt eindeutig auf diesen Zug auf, denn es sind nicht etwa harte oder wenigstens kreative Kopfnüsse, wie sie uns die Macher von Episodenreihen wie Sam & Max oder Tales of Monkey Island in der Vergangenheit präsentiert haben. Stattdessen erleben wir die Geschichte von Lee wie einen Spielfilm zum Mitspielen, bei dem wir in den Dialogen oft nur eine begrenzte Zeit haben, um unsere Antwort zu wählen. Und unsere Wahl hat Folgen: Belügen wir beispielsweise einen Helfer über unsere kriminelle Vergangenheit oder bleiben wir ehrlich? In letzterem Fall kann es aber sein, dass wir am Ende der Episode auf uns allein gestellt sind...

Allerdings: Im Normalfall führte eure Dialogzeilen-Auswahl nur zu alternativen Gesprächsverläufen. Anders sieht das bei den fünf größeren Entscheidungen aus, die ihr im Verlauf der etwa zwei- bis dreistündigen ersten Folge treffen müsst. Ihr entscheidet zum Beispiel bei eurer Flucht aus der Stadt, ob ihr sofort oder erst in der Dämmerung aufbrechen wollt. Je nachdem erlebt ihr einen etwas anderen Handlungsabschnitt. Spätere Entscheidungen haben weitreichendere Konsequenzen. Das wird am Ende auch in der Vorschau auf Episode 2 deutlich, in der (bei uns) Chara
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ktere eine zentrale Rolle spielen, die nach Episode 1 bereits tot sein könnten. Anders als bei Heavy Rain werdet ihr also den Handlungsverlauf entscheidend beeinflussen. Ob das in Inkonsequenzen und Anschlussfehlern mündet oder erfolgreich einen Schritt weitergeht als Heavy Rain, ist für uns die spannendste Frage für die vier noch ausstehenden Episoden. Groß gerätselt wird in A New Day nicht. Dafür wird in einer Szene klassisches Adventure mit Action und Stealth verknüpft:

[SPOILER] Wir wollen das Zimmer einer Frau erreichen, die lautstark um Hilfe ruft. Vier Zombies stehen aber zwischen uns und der Treppe zum Zimmer. Hinter eine Mauer gekauert schleichen wir umher, erledigen einen Zombie, indem wir bei einem Auto die Bremse lösen und ihn damit an eine Hauswand matschten. Sobald wir einen Schraubenzieher als Waffe haben, können wir zwei andere Untote hinterrücks beziehungsweise aus einer Deckung heraus töten. Das ist sehr spannend gemacht und erfordert ein vorausschauendes Vorgehen. Davon würden wir in den kommenden Episoden gerne mehr sehen![/SPOILER]
Besonders spannungsgeladen sind die (seltenen) Quick-Time-Events. Hier muss sich Lee gegen einen Zombie verteidigen.
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