Viel Licht, wenig Schatten!

The Darkness 2 Test

Gut fünf Jahre mussten vergehen, ehe Mafiosi Jackie Estacado wieder auf Rachefeldzug gehen darf. The Darkness galt 2007 unter Fans der Comic-Vorlage als Vorzeigeversoftung einer Lizenz. Teil 2 möchte per Cel-Shading-Technik noch näher dran sein und zugleich auch spielerisch neue Akzente setzen.
Benjamin Braun 10. Februar 2012 - 20:52 — vor 8 Jahren aktualisiert
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von Daniel Wendorf

Der einundzwanzigste Geburtstag ist in den USA eigentlich eine fröhliche Angelegenheit. Endlich ist das Ende der Kindheit auf dem Papier besiegelt und endlich darf das Geburtstagskind ungestraft Alkohol die Kehle runterfließen lassen. Doch wo andere das Erreichen der Volljährigkeit mit einer riesigen Sause feiern, um am nächsten Tag nach einer durchzechten Nacht verkatert und mit Filmriss aufzuwachen, verläuft dieser Tag für Jackie Estacado ganz anders. Jackie ist Mitglied der Franchetti-Mafia und muss schnell begreifen, dass sie alles andere als ein Refugium ist. An seinem 21. Geburtstag überschüttet ihn die „Familie“ nämlich nicht mit Küssen und Geschenken. Stattdessen schickt ihm Onkel Paulie seine Killer auf den Hals. Nur knapp entgeht er dem Anschlag auf sein Leben. Ein unverhofftes Geschenk erhält Jackie dann aber doch. Auf seinem Rachefeldzug nutzt er eine uralte, dunkle Macht namens Finsternis. Sie verschafft ihm Zugang zur Hölle und gibt ihm die Möglichkeit, seine bösen Gedanken in der Realität zu manifestieren. In Jackies Fall in Form zweier riesiger Tentakel mit Gesicht, die ihm aus dem Rücken wachsen. Dummerweise ergreift die Macht Stück für Stück Besitz von seinem Wesen, und als dann noch seine Freundin Jenny von Gangstern qualvoll getötet wird, startet Jackie in The Darkness eine Vendetta sondergleichen.

Eigentlich schwörte er der Macht danach ab, doch fünf Jahre nach den Ereignissen des ersten Teils muss Jackie in The Darkness 2 abermals die Tentakel auspacken: Die "Bruderschaft" will die in Jackie schlummernde Dunkelheit in ihren Besitz bringen, um damit die Welt zu unterjochen. Dazu ist Oberbösewicht Victor offenbar jedes Mittel recht, aber sein Plan hat eine große Schwachstelle: Jackie hat nichts mehr zu verlieren und ist bereit alles zu tun, um das zu verhindern. Was euch in den nächsten Stunden erwartet ist storytechnisch großartiges Popcorn-Kino, das wir nicht weiter spoilern möchten. Nur so viel: Der innere Zwiespalt, in dem sich Jackie im Verlauf des Spiels wiederfindet, spielt in einer Liga mit Bioshock und gehört damit zu  den intensivsten Erfahrungen, die Ego-Shooter für gewöhnlich bieten können.

Stilsicher und mit SubstanzDer auffälligste Veränderung zum fünf Jahre alten Vorgänger ist der Grafikstil. Starbreeze, der Entwickler des Erstlings, setzte anno 2007 noch auf ein möglichst realistisches New York. Digital Extremes kreierte den Schauplatz  des Nachfolgers im Cel-Shading-Look im Stile von XIII. Das ist in den ersten Minuten ungewohnt und wirkt dabei beinahe wie eine Anbiederung an eine jüngere Zielgruppe. Spätestens als Jackie zum ersten Mal  seine Tentakelarme einsetzt, wird uns aber schnell klar, dass sich The Darkness 2 eindeutig an ein erwachsenes Publikum richtet. Das gilt schon für den düsteren Grundstil des Spiels, das euch durch dunkle Hinterhöfe New Yorks führt oder auch mal über einen verregneten Friedhof. Vor allem aber der Gewaltgrad des Spiels spiegelt eindeutig wider, weshalb die USK – trotz einiger Kürzungen – nicht an einem roten „Ab 18“-Siegel vorbeikam. Schon bei den Schusswechseln spritzt deutlich mehr Blut als in den meisten anderen Shootern, und es kommt auch immer wieder vor, dass ihr euren Widersachern die Rübe von den Schultern ballert.

Im Laufe der Handlung müsst ihr Entscheidungen treffen. Bleibt ihr in der Traumwelt an Jennys Seite?
Das ist allerdings noch nichts im Vergleich zu dem, was eure dunklen Mächte so anstellen. Mit den Tentakeln zerlegt ihr eure Gegner fast ausschließlich auf äußerst perfide, sadistische Art und Weise. Mit ihnen reißt ihr Köpfe ab oder zerlegt die überwiegend menschlichen Gegner in Hälften. Spätestens, wenn ihr eure Opfer greift und eure bezahnte Zusatzarmee durch ihre Eingeweide fressen lasst, stößt das Spiel trotz leichtem Comic-Stil an die Grenzen der Erträglichkeit. Die Gegner sind nicht weniger zimperlich und nageln Jackie schon mal ans Kreuz, sperren ihn in eine Eiserne Jungfrau oder fetzen ihm ein ganzes Bein weg. Die Comicgrafik reduziert diese Wahrnehmung nicht wesentlich.

Aber halt! Ganz so brutal ist das Geschehen in der geschnittenen USK-Fassung nicht. Um die 18er Freigabe in Deutschland zu erreichen, wurden einige Dinge massiv geschnitten. In der deutschen Version bleiben die Gegner immer in einem Stück. Anstatt eure Feinde zu vierteilen, dreht ihr sie lediglich um, die Finsternis spreizt deren Beine und wirft den toten Körper einfach weg. Lediglich an den Bluteffekten an sich wurde kaum gespart. Der rote Lebenssaft spritzt auch in der USK-Version genauso stark.

Stimmungsvoll fernab der Gewalt Dabei kann die Grafik-Engine mehr, als nur Metzeleien zu zeigen. Während der ruhigeren Momente, wenn die handelnden Figuren mit ihren Geschichten und Emotionen in den Vordergrund rücken, dann verleihen ihnen Mimik und Gestik eine für Shooter ungewohnte Tiefe. In solchen Phasen entfernt sich The Darkness 2 vom Stereotyp eines „n
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ur möglichst brutalen Shooters" und wird zu einem Trip in ein trauriges, kaputtes New York. Der abgedrehte Johnny Powell, seines Zeichens persönlicher Berater Jackies für Themen rund um die Darkness, neigt gar zu Wahnvorstellungen. Der eigene Finsterling wird in der Parallelwelt zum Quasimodo-Hausmeister, die verstorbene Jenny erwacht zum Leben und lädt euch auf ein Tänzchen ein. Und im nächsten Moment werdet ihr aus der Traumwelt und der trauten Zweisamkeit mit Jenny herausgerissen, um in die beängstigende und brutale Wirklichkeit zurückzukehren.

Protagonist Jackie muss auch im zweiten Teil schwere Entscheidungen treffen, wird von persönlichen Schicksalsschlägen aus der Bahn geworfen, gerät in einen Konflikt mit sich selbst oder hadert mit der Bürde, die ihm durch die Dunkelheit aufgeladen wurde. Wichtige Fragen wie die, woher die Dunkelheit nun eigentlich genau kommt und was sie ist, werden allerdings nur ansatzweise beantwortet. Die Option auf eine Fortsetzung wollte sich der Entwickler offenbar nicht nehmen lassen. Trotzdem ist die Geschichte in sich geschlossen und wird gerade aus Sicht der Comic-Fans optisch authentisch dargestellt.

Diesen Gegner müsst ihr in der PEGI-Fassung extrem brutal hinrichten. Die USK-Version ist hier (und anderswo) "gecuttet".
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