Test: Spaß mit dem Hacke-Peter

The Cursed Crusade Test

Das sieht ja aus wie Assassin's Creed! Dieser Satz ist das wohl wundervollste Kompliment, das man The Cursed Crusade machen kann. Allerdings: Er stammt von einem Chefredakteur, der das Spiel nur im Vorübergehen gesehen hat. Geschätzte 1,7 Sekunden. Ohne seine Brille zu tragen. Was am Ende vom Ersteindruck blieb? Lest unbedingt weiter!
Harald Fränkel 29. September 2011 - 17:38 — vor 8 Jahren aktualisiert
The Cursed Crusade ab 2,87 € bei Amazon.de kaufen.
Zur größten Qual eines Journalisten gehört es, über Spiele zu schreiben, die weder total supergut noch abgrundtief schlecht sind. Bei Spitzentiteln macht es Spaß, sie zu konsumieren und dann Tausende von Buchstaben so aneinanderzureihen, dass der Leser die Begeisterung fühlt. Hat der Kritiker einen Totalausfall vor sich, tröstet ihn die Lust am Verriss. Er könnte beispielsweise genüsslich die rhetorische Frage stellen, was von einem ritterlichen Metzel-Spiel namens The Cursed Crusade zu halten ist, wenn die darin vorkommenden Finishing Moves beknackte Bezeichnungen wie „Superstecher“ tragen. Oder sich über phimosenhaft enge Schlauch-Levels lustig machen (wir raten an dieser Stelle aus ästhetischen Gründen dringend ab, das Wort „Phimose“ bei Wikipedia nachzuschlagen). Der Rezensent würde eventuell gar einen gemeinen Vergleich ziehen und fränkelhaft frotzeln, dass sich der „verfluchte Kreuzzug“ ähnlich aufregend spielt wie Modern Warfare 2 ohne Skriptsequenzen. Es wird also in Massen abgemurkst und sonst passiert nix?
 
Nein, nein, nein – derlei Unkenrufe wären nicht wirklich angebracht. Beim virtuellen Hauen und Stechen (Fachbegriff: Hack & Slay) der französischen Softwareschmiede Kylotonn Entertainment kommen einem zwar Worte wie „Zweite Liga“ in den Sinn. Ihr Action-Adventure, das mit netten Rollenspielelementen aufwartet, dürfte trotzdem einige Freunde finden. Den einen oder anderen reizt möglicherweise der historische Hintergrund. Vor allem aufhorchen sollten aber Fans kooperativer Schnetzeleien, die ja immer auf der Suche nach rar gesäten gemeinschaftlichen Abenteuern sind: Die Kampagne von Cursed Crusade ist sowohl online als auch via Splitscreen zu zweit spielbar, wobei im zweiten Fall der Bildschirm wahlweise horizontal oder vertikal geteilt wird. Das gibt schon mal einen Kudos!
 
 
Verfluchter Kreuzzug
Einer der Talentbäume für die Fertigkeiten im Gefecht: Rechts seht ihr die Kombos für den Kampfstil mit zwei Schwertern.
Cursed Crusade befördert euch ins Jahr 1198. Im Lauf des kampf- und storygetriebenen Abenteuers erlebt der Spieler in der Rolle eines gewissen Denz de Bayle die Jahrhundertwende, die Entwicklung des Jünglings zum Tempelritter und einige Schlachten des Vierten Kreuzzugs. Es verschlägt ihn unter anderem nach Konstantinopel, Venedig und Syrien. Die vielen Zwischensequenzen (nach Angaben des Herstellers über 60 Minuten) erzählen also eine fiktive Geschichte vor realhistorischen Hintergrund. Folgerichtig begegnen dem Alter Ego auch pixelgewordene Persönlichkeiten dieser Zeit. Bonifatius I. von Montferrat zum Beispiel. Und neun weitere.
 
Zur Geschichte: Unser Recke ist reichlich wütend, und zwar auf seinen Onkel. Dieser hat Denz' Mutter getötet und den Familienbesitz der de Bayles an sich gerissen. Klar, dass der Held den bitterbösen Verwandten zur Rechenschaft ziehen möchte. Dafür jedoch scheint es unumgänglich, den während der Kreuzzüge verschollenen Vater zu finden. Cursed Crusade, es könnte der große Bruder von The First Templar sein, liefert für ein sonst eher tumbes Hack and Slay erstaunlich vielschichtige Motive: Es geht um Rache und eine Vater-und-Sohn-Geschichte, aber auch um Freundschaft und – surprise, surprise – einen Fluch, den es zu brechen gilt.  

Einer der harmloseren Finishing Moves: Tempelritter Denz rammt seinem Konkurrenten ein Schwert zwischen die Rippen.
  Spaß im Doppelpack
Unserem Protagonisten steht mit dem spanischen Dieb Esteban Noviembre ein freundschaftlicher Begleiter zur Seite, der in der Solokampagne von der KI übernommen wird. So ist richtiges Teamwork möglich; gerade wenn ein zweiter menschlicher Spieler eingreift und zum Beispiel einen Gegner festhält, während sein Kumpan ihn mit einem tödlichen Schwertstich über die Wupper wuppt
Anzeige
. Doch auch der eine oder andere Dialog des Duos verfügt über Substanz, gerade in puncto Humor – Esteban ist wohl das, was man einen Dampfplauderer nennt. Übrigens: Die deutsche Sprachausgabe fällt zwar nicht weltklasse aus, ist aber handwerklich so solide, dass es nicht zu Ohrenblutungen kommt.
 
Blutung ist ein gutes Stichwort, denn im Kern präsentiert sich unser lieber Herr Denz als Hacke-Peter ersten Ranges. Er beseitigt übellaunige Krieger, sucht den Ausgang des Levels, fertig. Das wirkt bisweilen etwas monoton, muss für Hack-and-Slay-Kultisten aber nicht zwingend ein K.O.-Kriterium sein. Denn das Kampfsystem überzeugt uns weitgehend, sowohl durch Masse als auch Klasse. Die rund 130 Schwerter, Äxte, Schlägel, Speere und Schilde, die sich allerdings nur durch ihre teils albernen Namen („Langer Gladius“?) und nicht durch Kampfwerte unterscheiden, lassen sich fast ohne Einschränkung kombinieren. Weil Denz mit Axt und Schild völlig andere Manöver ausführt als mit einem Zweihänder, zwei Schwertern oder einem Speer, sind Hunderte von Angriffsvarianten und 100 teils sehr drastische Todesstöße (Finishing Moves) möglich.
Belagerungszenen wie diese sorgen für ein bisschen Abwechslung zwischen all dem Geschnetzel. In dieser Szene bedienen wir ein Katapult und sollen die hölzernen Wehrgänge am Turm zerstören.
Um über diesen Inhalt mitzudiskutieren (aktuell 28 Kommentare), benötigst du ein Fairness- oder Premium-Abo.