Film-Epilog zum Spielen

The Amazing Spiderman Test

Ein neuer Superhelden-Film im Kino, das bedeutet in den meisten Fällen eine mehr oder minder vermurkste Videospiel-Umsetzung. So gesehen ist es eine positive Überraschung, was Activision mit Amazing Spiderman liefert. Hat der Spinnenheld sogar das Zeug zur Superwertung? Tim Arachnagrossia ist der Frage nachgehüpft.
Tim Gross 5. Juli 2012 - 22:29 — vor 7 Jahren aktualisiert
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Eine offene Welt in einer großen Stadt, ein Held, der sich allerlei technischen Schnickschnacks bedient, jede Menge Bösewichte -- und das alles verpackt in einer klassischen Superhelden-Geschichte. Habt ihr den gesuchten Spieletitel erraten? Ein paar Tipps: Es handelt sich nicht um das düstere Gotham City, und ein dunkler Ritter ist weit und breit nicht in Sicht. Der vorliegende Titel spielt in Manhattan und setzt auf Spinnen statt Fledermäuse. Klar, die Rede ist von Spiderman. Trotzdem ist der Vergleich zum hervorragenden Batman: Arkham City nicht unangebracht, denn die Entwickler von The Amazing Spiderman orientieren sich stark am großen Vorbild. In Manhattan wie in Gotham könnt ihr euch frei durch die Stadt bewegen, der Story folgen oder diverse Nebenmissionen erfüllen. Dazu kommt ein eingängiges Kampfsystem, mit dem ihr Verbrechern mit Komboattacken sowie Angriffen aus dem Schatten heraus ordentlich einheizt. 

Ein kurzes und wichtiges Wort zur Story: Wer den gleichnamigen Film noch nicht gesehen hat, dies aber in der nahen Zukunft plant, der sollte mit dem Kauf des Spiels warten, bis der Vorhang gefallen ist. Denn die Spielgeschichte setzt direkt nach dem Film ein und verrät euch viele Details, die euch den Kinogang ruinieren könnten. Wer nicht gespoilert werden möchte, der springt bitte jetzt zum übernächsten Absatz!

[SPOILER]
Alle Filmfreunde weg? Gut. Der Forscher Dr. Connors hat während seiner Zeit bei der Firma Oscorp Experimente mit Artenkreuzungen betrieben und wurde dadurch zum Antagonisten “Die Echse”. So weit, so Filmstory. Im Spiel laufen diese Artenkreuzungen nun frei durch Manhattan und infizieren nach und nach fast die gesamte Bevölkerung. Dem Treiben wollen wir als Superheld vom Dienst natürlich Einhalt gebieten, doch wie soll man eine drohende Pandemie aufhalten, deren Opfer zu angriffslustigen Riesenechsen werden? Spiderman entschließt sich, den scheinbar geläuterten Dr. Connors aus seiner Zelle zu befreien, damit dieser ein Heilmittel herstellen kann. Doch da wartet noch eine ganz andere Bedrohung auf uns und die Stadt … welche, wollen wir aber nicht verraten, nur so viel: Euch erwartet eine klassische Superhelden-Geschichte mit einigen Wendungen, die zwar nie wirklich überraschen, aber dennoch gut unterhalten.
[ENDE SPOILER]

Von Wand zu Wand und durch die StadtHabt ihr als Peter Parker euren rot-blauen Latexanzug übergestreift, geht das Superhelden-Dasein auch schon los. Per Spinnennetz könnt ihr frei durch die Stadt schwingen (auf magische Weise ist oberhalb von euch, außerhalb des Bildes, immer eine "Aufhängung" für euer Netz). Und wie der achtbeinige Kamerad in der Natur dürft ihr an Oberflächen hochkrabbeln, ja sogar Wolkenkratzer hochrennen. Haltet ihr beim Xbox-Controller die RB-Taste gedrückt, schaltet das Spiel in die Ego-Perspektive und verlangsamt das Geschehen um euch herum stark. So habt ihr alle Zeit der Welt, euren nächsten Schritt zu planen und beispielsweise gezielt eine Straßenlaterne oder das Dach eines Gebäudes ins Visier zu nehmen und Spidey dorthin zu schicken -- was er dann automatisch erledigt. Sehr praktisch, denn ihr könnt wirklich jeden noch so kleinen Winkel des Spiels erreichen, auch ohne dass ihr wahre Meisterspringer seid. Diverse Ziele sind schon durch gelbe Spiderman-Symbole vorgegeben. Ihr könnt aber wirklich jede Stelle auswählen in dieser Sicht. Auf dieselbe Weise könnt ihr in Kampfsituationen gezielte Stealth-Angriffe durchführen (siehe nächster Screenshot).

Insgesamt geht die Steuerung nach kurzer Eingewöhnung gut von der Hand, auch wenn wir nie das Gefühl hatten, Spiderman hundertprozentig genau durch Manhattan steuern zu können. Gerade wenn ihr im Inneren von Gebäuden von Wand zu Wand springt oder an der Decke herumkrabbelt, verliert ihr schnell die Orientierung. Auch im Freien sind wir erstaunlich häufig ungewollt an Wolkenkratzern kleben geblieben. Aber dank der "Springe zu"-Funktion kommen wir dennoch immer dort an, wo wir wollen.

Wo wir gerade beim Thema Orientierung sind. Eine Übersichtskarte hilft euch bei eben dieser. Unterschiedliche Symbole zeigen euch an, wo die nächste Storymission startet oder wo eine der zahlreichen Nebenmissionen auf euch warten. Hier könnt ihr auch jederzeit Markierungen setzen, um schneller zum Ziel zu kommen und nicht immer die Karte öffnen zu müssen. Zwischen den Missionen gibt es leider häufige, recht lange Ladezeiten, die aber durch die sogenannten New York City Thoughts teils interessanten bis witzigen Lesestoff bieten. In einer Art Ingame-Twitter schreibt die Bevölkerung hier, was sie gerade bewegt, beispielsweise "Noch kein Wort von Oscorp. Schätze, die schreiben noch an der Version, die alles vertuscht". Wie in anderen Open-World-Titeln habt ihr in The Amazing Spiderman auch eine eigene Wohnung beziehungsweise Hauptquartier, wo ihr Gespräche führt, euer Kostüm wechselt (sofern ihr neue freigeschaltet habt) oder bereits absolvierte Story-Missionen erneut angehen könnt. Viel mehr könnt ihr hier allerdings nicht machen.

Angreifen, ausweichen, zurückziehen
Wenn ihr nicht wisst, wo ihr hin sollt, müsst ihr nicht gleich vom nächstbesten Gebäude springen, sondern nur einen kurzen Blick auf die Übersichtskarte werfen.
Wenn ihr gerade nicht von A nach B schwingt, seid ihr wahrscheinlich damit beschäftigt, böse Buben zu verhauen beziehungsweise unfreundliche Roboter in ihre Einzelteile zu zerlegen. Das Kampfsystem von Amazing Spiderman erinnert, wie so vieles, an Arkham City. Auf dem Xbox-Controller schlagt und tretet ihr mit der X-Taste auf eure Gegner ein und baut dabei Komboattacken auf, mit B könnt ihr sie direkt mit Spinnenfäden beschießen und kurzzeitig bewegungsunfähig machen. Ist ein Feind besiegt, führt Spiderman automatisch ein paar ansehnliche Aktionen durch und wirbelt seine Widersacher durch die Luft oder gegen die nächstbeste Wand. Ist ein Gegner seinerseits kurz davor, euch Schaden zuzufügen, erkennt ihr das an kleinen Blitzen über Spidermans Kopf. Dann heißt es ausweichen - oder zurückziehen. Denn ihr könnt euch jederzeit mit der LB-Taste von euren Widersachern entfernen, um kurz durchzuatmen und den nächsten Angriff zu planen. Außerdem stehen in den Levels oft Gegenstände wie Getränkeautomaten herum, mit denen ihr eure Gegner bewerfen könnt. Besser (und einfacher) als der direkte Kampf ist es aber, eine Tarnattacke von der Wand oder Decke aus zu starten und einen oder mehrere Gegner damit sofort unschädlich zu machen. Alternativ könnt ihr euch öfters an einigen Gegnergruppen vorbeischleichen.

Das Ganze klingt spaßig -- und ist es auch. Zumindest am Anfang. Doch leider ändern sich die Kämpfe im Verlauf des Spiels nicht großartig. Ja, später gibt es mehr Gegner und die halten auch mehr aus als zu Beginn, manche Gegner sind sogar gegen eure Netze teilweise resistent. Aber letzten Endes spielen sich alle Kämpfe quasi gleich. Die eher zweckmäßige künstliche Intelligenz eurer Widersacher macht es nicht besser. Seid ihr von einer größeren Gruppe umzingelt, reicht es, euch mit zwei Tastendrücken zurückzuziehen und die Gegner vergessen meist, dass sie gerade noch attackiert wurden. Selbst wenn das mal nicht der Fall ist, suchen sie nur wenig enthusia
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stisch nach euch. Das macht das Spiel stellenweise viel zu einfach, denn die Taktik “zum Gegner, angreifen, zurückziehen, wieder zum Gegner, angreifen und so weiter” fruchtet auch im späteren Spielverlauf ein ums andere Mal. Und irgendwann habt ihr euch an den Finishing-Animationen satt gesehen, gerade bei den Tarnattacken.

Wenn Spidey sich gekonnt und leise von der Decke herabseilt, seinem Gegner auf die Schulter tippt, um ihn direkt im Anschluss in einen Kokon unter die Decke zu verbannen, macht das Zusehen durchaus Spaß. Auch beim zweiten und dritten Mal, aber darüber hinaus nicht mehr. Der Schwierigkeitsgrad steigt im Spielverlauf eigentlich gar nicht an. Das Gleiche gilt leider auch für die oft in Erscheinung tretenden Bosskämpfe, die zwar fast immer wunderbar in Szene gesetzt sind, euch aber nie vor große Schwierigkeiten stellen. Habt ihr einmal die richtige Taktik herausgefunden, wie ihr diesen Riesenroboter oder jenes Mensch-Rhinozeros besiegt, müsst ihr die Vorgehensweise nur oft genug wiederholen und am Ende noch ein Quick-Time-Event überstehen, um den gewünschten Erfolg zu erzielen. Ein bisschen mehr Taktikanspruch wäre schön gewesen.
Die Kämpfe, sei es gegen normale Gegner oder einen Zwischenboss wie hier, sind allesamt hübsch inszeniert, aber durchweg wenig fordernd.
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