Motivierender Retro-Cyberpunk

Technobabylon Test

Cyberpunk und Point-and-Click – da werden Erinnerungen an den Klassiker Beneath A Steel Sky wach. Auf dessen Spuren wandelt auch das Adventure Technobabylon. Wir haben uns in das düstere Jahr 2087 gestürzt und das Werk des kleinen Indie-Teams Technocrat unter die Lupe genommen.
Stephan Petersen 21. Mai 2015 - 16:32 — vor 5 Jahren aktualisiert
Alle Screenshots stammen von GamersGlobal

Es begab sich zu einer Zeit, dass Adventures hoch in der Gunst der Spieler standen. Ihre Helden zierten die Cover von Fachmagazinen, in denen Loblieder auf die Abenteuer von Guybrush Threepwood und Co. gesungen wurden. Diese Zeiten liegen zwar nicht in biblischen Epochen, sind gefühlt aber schon verdammt lang her. In den frühen 90ern des letzten Jahrhunderts stand das Adventure-Genre in seiner Blüte. Kaum ein anderes Genre schaffte es, derart unterhaltsame Geschichten zu erzählen oder einfach mit einer gehörigen Portion Humor zu begeistern. Einer der Vertreter dieser Ära war Beneath A Steel Sky: Das Cyberpunk-Adventure der Macher von Baphomet’s Fluch sowie generell die Rätselspiele dieser Zeit dienten ganz offensichtlich als Inspiration für das kleine Indie-Team Technocrat und dessen Spiel Technobabylon.

Kein Unbekannter
Was für ein Massaker. Wir ermitteln am blutigen Tatort.
Der ein oder andere Abenteurer wird vielleicht wissen, dass das von Technocrat alias James Dearden mit der offenen Spiel-Engine AGS entwickelte Technobabylon bereits Ende 2010 schon einmal erschienen ist. Technocrat veröffentlichte drei kostenlose Episoden, fertig gestellt wurde der Titel jedoch nicht. Dafür erkannte aber das Indie-Studio Wadjet Eye Games, das sich unter anderem durch die Blackwell-Reihe und Gemini Rue (GG-Test: 8.0) einen Namen gemacht hat, das Potenzial des Cyberpunk-Abenteuers und ging eine Kooperation mit Technocrat ein. Die fertige Version hat mit den Mini-Episoden von 2010 nur noch einige wenige Schauplätze und Rätsel gemein, ansonsten wurde Technobabylon umfangreich überarbeitet und erweitert. Dazu gehören unter anderem der Retro-Look sowie der Soundtrack von Nathan Allen Pinard, der auch schon für die atmosphärischen Klänge in Gemini Rue verantwortlich war.

Eure Reise führt in das Jahr 2087 und die fiktive Stadt Newton, die mit ihrem düsteren Look und ihren Hochhausschluchten an Blade Runner erinnert. Wer sich ein wenig mit Cyberpunk auskennt, der wird viele bekannte Genre-Elemente in Technobabylon entdecken. Die Geschicke der Stadt werden von einer Künstlichen Intelligenz gelenkt, Gentechnik sowie High-Tech gehören zum Alltag, zahlreiche Menschen verbringen ihre Leben in einer virtuellen Realität namens Trance, und Synths bevölkern die Hochhausschluchten.
In dieser Welt schlüpft ihr in die Rolle von drei Protagonisten. Charlie Regis ist ein Mann mittleren Alters, der als Agent bei der Geheimpolizei CEL arbeitet. Als ihn ein Unbekannter mit der Ermordung seiner ungeborenen Kinder erpresst und von ihm den Diebstahl von potenziellem Beweismaterial verlangt, steckt der CEL-Agent in der Zwickmühle. In solch einer befindet sich auch Protagonist Nummer Zwei, Charlies Partnerin Max Lao, die eine kriminelle Vergangenheit hinter sich hat und zwischen der Loyalität für ihren Arbeitgeber und ihrem Partner wählen muss. Die dritte im Bunde ist die Trance-süchtige Latha Sesame, die anscheinend bei irgendjemandem auf der Abschussliste steht und sich den Gefahren der richtigen Welt stellen muss, ohne zu wissen, wem sie vertrauen kann. Ganz genau genommen spielen wir sogar fünf Personen. Hin und wieder unternimmt Latha Ausflüge in die Trance, wo wir als ihr Avatar Mandala agieren. Zudem gibt es einige kurze Abschnitte in der Vergangenheit. Wessen Rolle wir dort übernehmen, soll an dieser Stelle aus Spoiler-Gründen aber nicht verraten werden.

Anspruchsvolle Rätsel
Die Story wird spannend erzählt: Es gibt Rückblenden, Handlungsüberschneidungen zwischen den Protagonisten sowie Wendungen und Überraschungen. Auch schwarzer Humor kommt nicht zu kurz. Bemerkenswert ist die Liebe zum Detail, mit der hier eine lebendige Cyberpunkwelt erschaffen wird. Seien es nun die Deta
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ils in den zahlreichen Dialogen oder allgemein in der Spielwelt, der Mittendrin-Faktor ist jedenfalls hoch. Klar, Genre-kundige erkennen etliche Elemente wieder. Insbesondere Beneath A Steel Sky kam uns immer wieder in den Sinn. Zwar kann es ein Retro-Point-and-Click-Adventure in Bezug auf die Inszenierung nicht mit einem aktuellen AAA- oder einem Telltale-Titel aufnehmen – atmosphärisch ist das Gezeigte aber allemal, vor allem wenn man selbst ein Faible für die damalige Adventure-Zeit hat.

Spielerisch bekommt ihr überwiegend klassische Objektknobeleien serviert. Die Rätseldichte ist allgemein hoch. Der Schwierigkeitsgrad richtet sich an fortgeschrittene Adventure-Spieler und hat neben motivierenden Rätselketten immer wieder Überraschungen und tolle Ideen auf Lager. So müsst ihr etwa eine ungewöhnlich versteckte Audiobotschaft entschlüsseln oder auf kreative Weise einen Nahrungsverteiler manipulieren, um statt Plastikbesteck etwas anderes zu erhalten. Gut gefallen hat uns, dass es gelegentlich verschiedene Lösungswege gibt. So konnten wir beispielsweise einen Attentäter zur Aufgabe überreden oder ihn von einem Scharfschützen ausschalten lassen.
Des Öfteren gibt es mehrere Lösungswege: In der U-Bahn hat sich ein Attentäter verschanzt. Wir können ihn nun entweder zur Aufgabe überreden oder von einem Scharfschützen ausschalten lassen.
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