Rückkehr des (Taktik-RPG-)Königs

Tactics Ogre Test

Zwanghaft fesselnde Rollenspiel-Rundenkämpfe für Mikromanagement-Möger: Die kunstvoll verbesserte Neuauflage des Klassikers Tactics Ogre: Let Us Cling Together ist ein Tüftler-und-Taktiker-Fest. Aber macht sie auch jenseits tränenreicher Nostalgiegefühle langfristig Spaß?
Heinrich Lenhardt 25. Februar 2011 - 22:16 — vor 9 Jahren aktualisiert
PSP
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Alle Screenshots in diesem Artikel wurden von uns selbst erstellt und dann zwecks besserem Betrachtungskomfort pixelgenau verdoppelt (die Originalauflösung der PSP beträgt 480 mal 272 Punkte).

"Nur noch einen Zug..." sind üblicherweise die fatalen Worte, die bei Civilization-Spielern eine Marathon-Session einläuten, die nicht vor den frühen Morgenstunden endet. Denn bei spannenden rundenbasierten Spielen ist es ja wie mit Kartoffelchips: Man kann nicht einfach nur einen essen, wenn die Tüte erst mal geöffnet ist. Ähnliche Zugzwang-Motivation birgt das Subgenre der Rundentaktik-Rollenspiele (oder sind es Rollenspiel-Rundentaktikspiele?).
 
In den frühen 90er Jahren ging's los mit Klassikern wie Shining Force oder Fire Emblem, prominentester Vertreter der Gattung ist die Final Fantasy Tactics-Reihe. Der unter Kennern am meisten respektierte Klassiker ist aber das 1995 in Japan zunächst fürs Super Nintendo veröffentlichte Tactics Ogre: Let Us Cling Together. Der Zusammenhalt beschwörende Untertitel ist übrigens eine Referenz an den Gänsehaut-schönen Queen-Song Teo Torriatte. Viele westliche Spieler kamen erst durch die Veröffentlichung des Game-Boy-Advance-Prequels The Knight Of Lodis auf den Ogre-Geschmack. Und jetzt ist ein neues, liebevoll verbessertes Remake des ersten Spiels als einer der letzten großen Titel für Sonys PSP erschienen -- und entpuppt sich auch nach 15 Jahren als Deluxe-Zeitvernichter auf hohem Niveau.

Die Karte der Spielwelt: Hier bekommt ihr einen ungefähren Eindruck, wie viel Zeit Tactics Ogre verschlingt...

Geduld ist eine Runden-Tugend
 
Wenn Euer Helden-Dutzend auf die Feindesgruppe trifft, herrscht regelrechtes Sprite-Gedränge.
Dass solche Taktik-RPGs als Nischengenre gelten, liegt sicher daran, dass die nüchterne Beschreibung des Spielablaufs auf der Aufregungs-Entfachungsskala irgendwo zwischen Briefschach und Sudoku anzusiedeln ist. Pro Schlacht stehen sich rund ein Dutzend Eurer Helden und eine ähnlich große Anzahl Feinde auf einer isometrischen Karte gegenüber. Agiert wird im gemütlichen Rundentakt: Sobald eine Einheit an die Reihe kommt, bewegt man sie im Rahmen ihrer Reichweite herum und darf exakt eine Aktion auslösen (zum Beispiel auf einen Gegner hauen oder einen Kollegen heilen). Eine Vielzahl von Faktoren wie Terraintyp, Geländehöhe, Position zum Gegner und sogar Wetterverhältnisse wirken sich auf die Trefferwahrscheinlichkeit aus. Zwischendurch kommen natürlich auch feindliche Einheiten zum Zuge. Wer wann wieder dran ist, das verrät eine Leiste unten, die alle Kombattanten zeigt.
 
Dieses extreme Mikromanagement scheint zunächst etwas mühselig und sorgt dafür, dass ein einziger Kampf über eine halbe Stunde dauert. Aber hierin liegt auch der Reiz: Die totale Kontrolle über eine so große Heldentruppe ist der Gegenentwurf zur Kampfverdummung, die das Rollenspiel-Genre in Form von Echtzeit-Action-Geprügel seit nunmehr einigen Jahren heimsucht. Die Befriedigung, sich erfolgreich durch eine harte, langwierige Schlacht geplant und geschlagen zu haben, ist umso größer. Zumal ihr genretypisch keine anonymen Truppentypen einsetzt, sondern einzelne Charaktere, die ihr vorher liebevoll ausgerüstet und in früheren Kämpfen hochgepäppelt habt.
 
Viele Einheiten-Flöhe hüten
 
Vor und während des Kampfs rufen sich die Akteure mitunter ein paar energische Worte zu.
Die Tactics-Ogre-typischen Gruppengrößen lassen die kleineren Partys von Final Fantasy Tactics wie Minigrüppchen wirken. Das bedeutet aber auch, dass beim Knuddelmuddel der aufeinanderprallenden Einheitenmassen Aufmerksamkeit gefragt ist, um bei so viel Freund und Feind durchzublicken. Das Geschehen lässt sich aus größerer Zoomstufe betrachten und als Alternative zur isometrischen Ansicht gibt es auch eine flache Schachbrett-Perspektive. Das Flöhe hüten artet schon mal in Arbeit aus. Dass sich die Kontrolle einzelner Party-Mitglieder der von Suizid-Gefühlen beherrschten Künstlichen Intelligenz anvertrauen lässt, fordert eher die Bildung von Magengeschwüren. Diese Pseudo-KI macht auch die Gegner ziemlich berechenbar, doch das ist gut so: Die Karten sind nach wenigen Spielstunden so designt und die Zahl der Feinde so angesetzt, dass ihr ziemlich aufpassen müsst, um siegreich zu bleiben.

Die taktischen Kämpfe machen süchtig und machen einen großen Teil des Reizes aus.
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Strategie
Rundentaktik
12
Square Enix
Square Enix
25.02.2011 (PSP)
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8.5
7.8
PSP
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