Test: Worse with Kinect

Steel Battalion Heavy Armor Test

Die ersten beiden Teile schreckten manchen Spieler ab. Weniger wegen des hohen Anspruchs, sondern vielmehr, da sie nur mit einem sündteuren Control-Panel spielbar waren. Der neueste Teil, Heavy Armor, setzt hingegen als erstes Core Game voll auf Kinect – büßt damit aber sowohl seinen speziellen Reiz als auch seine Spielbarkeit ein.
Benjamin Braun 6. Juli 2012 - 20:53 — vor 8 Jahren aktualisiert
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Alle Screenshots stammen von GamersGlobal.

Es gibt Eingabegeräte, die so gut wie jeder hat, aber auch solche, die nur die wenigsten ihr Eigen nennen. Der Controller zum 2002 veröffentlichten Steel Battalion gehört zur letzten Gruppe und findet unter Spieleliebhabern auch heute noch zahlungswillige Abnehmer. Immerhin war der Controller mit seinen zwei Sticks, Pedalen und dutzenden Knöpfen nicht nur unerlässlich fürs Spielen, sondern auch das Markenzeichen der Reihe schlechthin. Beim neuesten Teil von Capcoms Serie, Steel Battalion Heavy Armor, seid ihr darauf nicht angewiesen und dürft – nein, müsst – auf Microsofts Kinect ausweichen. Aber nicht ausschließlich, denn im Spiel von From Software gilt es, ständig zwischen Kinect- und Gamepad-Eingabe zu wechseln, um euren "vertikalen Panzer" zu fahren und gleichzeitig die diversen anderen Funktionen der Kriegsmaschine auszulösen. Sollte Steel Battalion tatsächlich das erste Kinect-Spiel sein, das auch für Core Gamer genügend Anspruch bietet? Wir sind mit unseren virtuellen Kameraden in den Stahlkoloss geklettert und haben wedelnd und schießend herausgefunden, ob es für Kinect vielleicht doch noch Coregame-Hoffnung gibt.

Sergeant Powers meldet sich zum Dienst
Wir schreiben das Jahr 2082. Wieder einmal wollen die bösen Russen die Welt erobern und terrorisieren die Vereinigten Staaten. Moment, falsches Spiel. Wir schreiben das Jahr 2082. Einst waren die Vereinten Nationen der große Hoffnungsträger der Völker dieser Erde, um dauerhaft friedlich miteinander zu leben. Damit ist allerdings schon lange Schluss, denn die UN in Steel Battalion ist zu einem totalitär geführten militärischen Machtapparat geworden. Das letzte freie Land sind die Vereinigten Staaten von Amerika. Aber nur, weil die US Army aus allen Rohren schießt und kräftig flucht – denn die UN-Truppen sind in New York an Land gegangen, um die USA zu unterjochen. Mit dem F-Wort und diversen Fäkalausdrücken ausgestattet, wollen die toughen Amis nun zum Gegenschlag ausholen und das besetzte Gebiet zurückerobern. Ein Kriegsheld und Hoffnungsträger ist Sergeant Powers, in dessen Haut wir zu Beginn des Spiels schlüpfen. Powers ist ein hochdekorierter Offizier, Kommandant und Steuermann der mächtigen Vertical Tanks, kurz VT, die genauso gut auch Mech genannt werden könnten. 

Noch haben wir den vollen Durchblick. Bis wir aber in diese Sichtfensterposition kommen, kann ein Weilchen vergehen.
Bedienung gründlich misslungenGleich zu Beginn bekommen wir einen, nennen wir ihn "kontaminierten " Apfel (ihr wollt es nicht wissen!) zugeworfen, den wir per Kinect-Erkennung mit der Hand fangen – netter Gag. Bald darauf vergeht uns aber der Spaß, denn dann steht die Kinect-Bedienung des Vertical Tanks an. Im Cockpit sitzend gilt es allerei Hebel zu bedienen und Knöpfe zu drücken, die ihr mit der Hand überfahrt. Dann greift ihr automatisch zu und müsst die Hand nach hinten oder vorne, nach unten oder oben ziehen, um den Hebel zu bewegen. Schon das ist relativ unpräzise, denn selbst wenn eure Hand genau über der Bremse ist, bedeutet das nicht automatisch, dass ihr die Geste zum Lösen ausführen könnt. Durch schwenkende Bewegungen mit der Hand, also mehr oder weniger so wie die Wischbewegungen auf dem iPhone, dreht ihr euch innerhalb des Panzers um euch etwa euren beiden Ladekanonieren links und rechts von euch zuzuwenden.

Anders als bei vielen anderen Spielen, die zwingend Kinect erfordern, läuft die Eingabe aber nicht vollständig über Microsofts Bewegungssteuerung. Ihr wechselt in Steel Battalion Heavy Armor aber auch nicht von Spielabschnitt zu Spielabschnitt zwischen Gamepad und Kinect. Stattdessen müsst ihr beides nebeneinander verwenden. Was in der Theorie vielleicht interessant klingen mag, ist den Entwicklern in der Praxis  gründlich misslungen. Die Gamepad-Anteile bilden jedoch nicht den Krisenherd der Steuerung: Sowohl die Fortbewegung als auch das Zielen regelt ihr komplett per Gamepad und setzt die Sticks zudem ein, wenn ihr etwa oben aus der Luke herausschaut, um mit dem Fernglas die Umgebung zu untersuchen. Innerhalb des Mechs geht das, wie bereits erwähnt, aber nicht, da müssen es die Wischbewegungen sein. Also: Sofern ihr per Gamepad lenkt oder schießt, läuft alles tadellos (naja, nicht alles, wenn wir ans Zielen denken, aber in der Tendenz). Dummerweise regelt ihr alles andere aber via Kinect. Aktionen, für die ihr den Controller komplett aus der Hand legen könntet, sind noch relativ gut umzusetzen, wenngleich sich bereits hier einige Ungenauigkeiten ergeben. Doch das große Problem entsteht, sobald ihr – was im Gefecht selbst ständig der Fall ist – Gamepad und Gestensteuerung zusammen braucht.
Schon beim Umlegen der Hebel oder dem Drücken der Knöpfe im VT kann es zu Erkennungsproblemen von Kinect kommen, da selbst einfachste Gesten manchmal nicht erkannt werden. Das ist allerdings nicht das einzige Problem.

Hin und her, auf und nieder – ein Fitness-Spiel?Ganz besonders ist das beim Blick durch das Guckloch des Piloten der Fall. Theoretisch zieht ihr euch vom Fahrersitz heran, indem ihr beide Hände nah zusammen mit der Handfläche nach vorne ausrichtet. Mit derselben Geste stoßt ihr euch sozusagen wieder zurück. Das Problem ist nur, dass Kinect ständig beim Bedienen des Gamepads diese Geste erkannt haben will und es gerne einige Male munter hin und hergeht, bis ihr endlich in der gewünschten Position seid. Darüber könnten wir höchstens dann hinweg sehen, wenn es nicht auch im Kampf passieren würde. Hier sorgt dieser Fehler dafür, dass wir quasi tatenlos in Dauerschleife die Projektile des Feindes einfangen. Verschärft wird das Ganze dadurch, dass ihr bei einem Treffer mit einem größeren Kaliber praktisch immer vom Spiel in euren Fahrersitz zurückgeschleudert werdet und nicht automatisch wieder in der alte Position zurückkehrt. Das könnte zwar das Mittendrin-gefühl steigern. Doch da das Spielchen mit Vorlehnen und Zurückstoßen damit jedes
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mal aufs Neue beginnt, ist es nur eines: ein massiver Spielspaßkiller. Da hilft es auch wenig, dass eure Gegner selten wirklich clever agieren.
 
Gerne passiert es auch mal (weil ihr euch stark zur Seite lehnt oder jemand hinter euch vorbeigeht), dass die Kinect-Erkennung neu gestartet wird -- was ungeheuer demotivierend ist, wenn es mitten im Kampf passiert: Sitzend beide Arme ausbreiten, stehend beide Arme ausbreiten, weiter. Wir hatten vereinzelt den Verdacht, Steel Batallion Heavy Armor sei insgeheim vom deutschen Sportbund gesponsert. Wenn all diese Bedienungsprobleme nicht wären, könnten wir uns womöglich daran erfreuen, dass uns das Spiel mehr abverlangt als die meisten der üblichen Kinect-Titel. Ihr müsst die Übersicht wahren, hier und dort vergleichsweise schnell reagieren und profitiert zudem davon, wenn ihr mehrere Sachen auf einmal macht. Zum Beispiel dauert es manchmal etwas länger, bis eure Ladeschützen nachladen und ihr könnt ihnen dann persönlich unter die Arme greifen. Aber auch hier verhindern die Fehl-Erkennungen regelmäßig, dass ihr daraus Profit schlagen könnt. Vielmehr sinkt die Frusttoleranz immer mehr.
before
after
... indem wir unsere Aggressionen an unseren virtuellen Kameraden auslassen und uns gleichzeitig denken: "Nimm dies, Kinect!"
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