Test: Müder Beginn, starkes Ende

Starcraft 2 Test

Um solch schicke Briefings zu erstellen (also in Spielgrafik erstelle Videos, die wiederum in Cutscenes auf einem Monitor erscheinen), reicht der Editor zwar nicht aus, aber eine eigene Kampagne ist grundsätzlich möglich.

Der Editor

Bonus: Lost Viking


Auf dem Arcade-Automaten in der Schiffsmesse der Hyperion könnt ihr den Vertikal-Shooter Lost Viking (der nichts mit dem ähnlich klingenden Lost Vikings zu tun hat) spielen. Alles, was man von einem solchen Titel erwarten würde, ist vorhanden: Viele Power-ups, schnelles Scrolling, große Bossgegner und ein sehr knackiger Schwierigkeitsgrad.

Lost Viking könnte so auch auf Xbox Live Arcade angeboten werden! Vor allem zeigt es, dass ihr mit dem Editor von Starcraft 2 nicht nur simple Mehrspieler-Maps, sondern auch umfangreiche Total Conversions erstellen könnt.

Gute Nachrichten für alle Modder und Kartenbastler unter euch: Auch Starcraft 2 enhält wieder einen mächtigen Leveleditor. Wer bereits in der Betaphase dabei war, zu der sich das Tool in einer abgespeckten Form schon ausprobieren ließ, der weiß, dass vor allem Komfortfunktionen Einzug gehalten haben, die euch beim Levelerstellen behilflich sind. So lassen sich nun Skripte einfacher anpassen. Zudem könnt ihr Levels und Einheiten deutlich individueller gestalten. Von diesen Details einmal abgesehen, erinnert die Benutzeroberfläche des Editors in weiten Zügen an sein Warcraft-3-Pendant. Wer also bereits für Blizzards andere Strategieserie Maps entworfen hat, der wird von seinem Wissen in Starcraft 2 profitieren. Übrigens lassen sich auch Starcraft-1-Karten in den Editor laden.

Natürlich empfiehlt es sich, zunächst mit einer Mehrspieler-Map zu beginnen, bevor ihr euch an ein Solo-Szenario samt Skripts wagt. So lernt ihr, ausgewogene Maps mit fair verteilten Ressourcen-Feldern zu erstellen. Und wenn euch euer Ergebnis gefällt, dann stürzt euch einfach in eine Partie mit Freunden und testet eure Karte in einer Mehrspieler-Partie aus.

Ein großer Punkt, in dem die Entwickler von Warcraft 3 gelernt haben, ist der Karteneditor. Dieser wurde komplett überarbeitet und um viele neue Funktionen erweitert. Selbst wenn weder im Einzelspieler- noch im Mehrspielermodus von Starcraft 2 ein Heldensystem implementiert wurde, die Funktion wurde im Editor beibehalten und wird sicherlich noch oft eingesetzt werden. Wieso das so wichtig ist? Denkt an die berühmte Warcraft-3-Map "Defense of the Ancients" (DotA), die ein ganz neues Spielprinzip etablierte, das seitdem von Titeln wie  League of Legends, Heroes of Newerth und Demigod kopiert wurde...

Der Starcraft 2-Editor ist ein mächtiges Werkzeug, mit dem ihr nicht nur neue Karten, sondern auch komplett neue Spiele erstellen könnt. Bereits in der Betaphase gab es beispielsweise einen Tetris-Klon.

Das beste Echtzeit-Strategiespiel?

Starcraft 2 gefällt uns im Multiplayer-Modus ausgezeichnet, hier bewegt sich das Spiel nahe an der Perfektion – obwohl wir sicher sind, dass Blizzard noch viele Patches nachschieben wird in den kommenden Jahren, um immer wieder kleinere Balanceprobleme auszugleichen. Vom Solomodus sind wir ebenfalls sehr angetan, doch hier reicht es nicht für die Bestnote. Vor allem der schleppende Beginn, die gekünstelt wirkende deutsche Sprachausgabe und einige Detailmängel wie die Wegfindungsprobleme streuen etwas Sand ins Getriebe. Wir vermissen außerdem die gesteigerte Abwechslung der beiden zusätzlichen, vollständig integrierten Rassen wie im Vorgänger. Da kann Blizzard behaupten, was sie will – selbstverständlich wäre es möglich gewesen, dieselbe Geschichte auch auf drei Kampagnen verteilt zu erzählen. Aber wir meckern auf hohem Niveau: Mitbewerbern jüngeren Datums (insbesondere Supreme Commander 2 und Command & Conquer 4) ist Starcraft auch im Solomodus deutlich überlegen.

Über die klischeehafte Story und die klischeehaften Helden wollen wir uns nicht weiter negativ auslassen: Glaubwürdige Charaktere mit einem Innenleben, das nicht nur auf die zwei Dimensionen eines Pappaufstellers passt, haben nach wie vor Seltenheitswert bei Computerspielen. Deswegen loben wir ihre seltenen Gastspiele, kritisieren ihre Abwesenheit aber nicht übermäßig. Was Starcraft 2 aber immerhin bietet, sind diverse humorige Einlagen. Ob die Kampfkoloss-Einheit Thor mit Schwarzenegger-Dialekt spricht oder die Besatzung der Kampfhubschrauber-ähnlichen Banshees mit "Apokalypse... Now" den Vietnam/Kambodscha-Kriegsfilm von Francis Ford Coppola zitiert – es wimmelt von kleinen Seitenhieben und Anspielungen. Auch eine fast schon slapstickreife Einlage, bei der eine malträtierte Voodoopuppe den falschen Rezipienten beeinflusst, hat uns zum Lachen gebracht. Gleichzeitig entwickelt die Story mit zunehmender Spielzeit auch eine gewisse Gravität, auch wenn es die Gravitas eines bemühten Festspiel-Schauspielers ist, nicht die eines gereiften Tragödien-Darstellers.

Ist Starcraft 2 der beste Echtzeitstrategie-Titel aller Zeiten? Mit Sicherheit nicht, wenn man alte Perlen wie Command & Conquer oder auch Warcraft 3 im Umfeld ihrer damaligen Zeit betrachtet. Und auch ein Dawn of War 2 macht mit seinem basislosen, RPG-Elemente betonenden Konzept manche Dinge besser als der Blizzard-Titel. Rechnen wir jedoch alles zusammen, dann ist Starcraft 2 das beste RTS der letzten paar Jahre –  und damit ein Pflichtkauf für jeden Echtzeitstrategen.

Redaktion: Jörg Langer, Carsten Justenhoven, Christoph Hofmann
Nacht mit durchgemacht, SC2 durchgespielt, einige Screenshots: Peter Einberger (GG-Praktikant)

Einstieg/Bedienung Separates Tutorial Vier Schwierigkeitsgrade, vor jeder Mission änderbar  Umfangreiche Ingame-Hilfe  Dünnes Handbuch erzählt nur die Hintergrundstory
Spieltiefe/Balance Eine lange Kampagne mit 26 Missionen Neun "Szenarien" Ab Mitte des Spiels sehr abwechslungsreiche Missionsziele Schwierigkeitsgrad steigt kontinuierlich an Viele freischaltbare Erfolge Leistungsstarker Editor Wegfindung der Einheiten könnte besser sein; frisch produzierte Einheiten können in Sackgassen geraten
Grafik/Technik Ansprechender Grafikstil Passende Beleuchtungen und Lichteffekte Moderate Hardware-Anforderungen Viele herumfliegende Kleinteile Polygonarme Gebäude und Einheiten Abstürze auf einem Test-PC
Sound/Sprache Gelungene Dialoge Umfangreicher, toller Soundtrack  Andere Sprachversionen können heruntergeladen werden Deutsche Sprecher klingen an mehreren Stellen gekünstelt
Singleplayer Viel Spiel fürs Geld, unter 20 bis 25 Stunden Spielzeit werden die wenigsten durch sein Vielfältige Einsatztypen Detaillierte Gestaltung der Hyperion mit mehreren Upgrade-Optionen Story wird nach anfänglicher Tristesse richtig spannend Anfangs eher langweilig Die "Abschlussüberraschung" wird nicht plausibel erklärt
Multiplayer Sehr gute Balance zwischen den drei Rassen und deren Truppentypen Umfangreiche Komfortfunktionen (Replay etc.) Viele Maps und Spielmodi Mehrstufiges Matchmaking-System über Ligen und Platzierungsmatches  Mangels "Training" via Solokampagne sind Zerg & Protoss für Einsteiger schwer zu spielen Viel Mikromanagement für Einsteiger
Jörg Langer 27. Juli 2010 - 21:33 — vor 8 Jahren aktualisiert
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