Test: Müder Beginn, starkes Ende

Starcraft 2 Test

Mehr als zwölf Jahre sind seit der Veröffentlichung von Starcraft 1 vergangen, und genauso lange warten viele Fans bereits auf einen Nachfolger. Nun ist der Traum vieler Echtzeitstrategen in Erfüllung gegangen: Starcraft 2 ist da! Ist SC2 so gut wie erhofft – oder eine Enttäuschung wie Command&Conquer 4? Wir haben eine klare Meinung.
Jörg Langer 27. Juli 2010 - 21:33 — vor 8 Jahren aktualisiert
PC
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Unser FAQ zu Installation und Offline-Modus

Es ist Montagabend gegen 22:30 Uhr. Anderthalb Stunden vor der angekündigten Zeit lässt Blizzard die europäischen Spieler Starcraft 2 installieren, patchen und auch spielen. Die Installation läuft und in wenigen Minuten kann es losgehen: Starcraft 2 – Hell, it's about time! In der verbleibenden Zeit erinnern wir uns leicht melancholisch: Zwölf Jahre sind mittlerweile seit dem Erscheinen von Starcraft vergangen, dem Spiel, das die Herzen vieler Echtzeitstrategie-Liebhaber im Sturm eroberte – obwohl es damals mit den etablierten Serien Age of Empires und Command & Conquer starke Konkurrenz gab. Heute hat sich das einst so ruhmreiche Genre stark gewandelt. Immer mehr Serien wenden sich ab vom traditionellen Basisbau und suchen stattdessen ihr Heil im Mikromanagement kleiner Truppenverbände; ein Paradebeispiel dafür ist Dawn of War 2 nebst Addons. Starcraft 2 enthält in der Mehrzahl der Missionen Basisbau als Element, lässt den Spieler aber fast immer schon mit einer Anfangssaufstellung an Gebäuden und Truppen beginnen: Rein in die Action, heißt die Devise – doch dabei kommen Taktik und Klickgeschick nicht zu kurz. Ist Blizzard also tatsächlich das Kunststück gelungen, alt und neu zu verbinden? Haben die kalifornischen Entwickler ein neues Meisterwerk geschaffen? Ist insbesondere die Story so gut wie beim Vorgänger? 

Diesen Fragen sind wir seit gestern im Team nachgegangen. Da die Battlenet-Beta von Starcraft 2 bereits ausgiebig vorgestellt worden ist, nicht zuletzt auch bei GamersGlobal, und viele unserer Leser die Multiplayer-Schlachten bereits kennen, legen wir den Schwerpunkt unseres Tests auf die Solo-Kampagne. Sie gibt dem Spiel seinen Untertitel: Wings of Liberty, Schwingen der Freiheit.

Anders als bei der Konkurrenz spielt in Starcraft 2 der Basisbau immer noch eine wichtige Rolle.
 
Was bisher geschah

Installation, Offlinemodus


Installation und Co.

1. Starcraft 2 müsst ihr vor der Installation zwingend online aktivieren, die Seriennummer ist ab diesem Zeitpunkt fest an euren Battlenet-Account geknüpft. Ein Weiterverkauf ist unmöglich.

2. Es ist aber möglich, die Aktivierung auf einem anderen PC oder Mac als dem Spiel-PC durchzuführen, und das Spiel offline mittels eines speziell angeforderten Codes zu installieren.

3. Dennoch muss man beim aller-ersten Spielstart, zwecks Festlegen eines Namens und um das Spiel zu patchen, online sein.

4. Ihr könnt euch auch als Käufer von z.B. einer deutschen Retail-Version jederzeit anderssprachige Versionen, darunter Englisch, downloaden. Diese sind 7 GB groß. Bei der Installation darf aber nicht eure SC2-DVD im Laufwerk sein.

Gibt es einen "Online-Zwang"?

1. Ihr könnt Starcraft 2 nach der Installation auch ohne Internet-Verbindung spielen – es wird euch (aber wirklich nur bei fehlender Internetverbindung) dann der Offline-Modus angeboten.

2. Im Offline-Modus könnt ihr (klar) nicht an Multiplayer-Partien teilnehmen und keine Erfolge sammeln. Kampagne, Szenarios, Spiele gegen die KI und die Replays funktioniert aber auch offline.

3. Während die Spielstände offline gespeichert werden (und auf andere PCs / Accounts übertragbar sind), werden Erfolge und euer aktueller Status im Battlenet online verwaltet.
Die Story von Starcraft 2 spielt vier Jahre nach den Geschehnissen in Brood War, dem 1999 erschienenen Addon zum ersten Teil (das unter anderem die Medics einführte). Die Handlung von Starcraft ist ziemlich umfangreich, weswegen wir euch an dieser Stelle nur einen kurzen Überblick geben können. Speziell die Terranerkampagne stellt euch außerdem GamersGlobal-Redakteur Philipp Spilker in seinem fast 30minütigen, kommentierten Video vor. Wer also ein Update seiner Erinnerungen benötigt oder Starcraft 2 noch gar nicht kennt, der sollte sich die Zeit nehmen.

In der Terraner-Kampagne von Starcraft 1 kämpfen wir auf der Seite von Jim Raynor und erleben, wie er von einem angesehenen Kommandanten zum Feind der Konföderation wird und fortan den Söhnen von Korhal dient. Hier lernt er Sarah Kerrigan kennen, eine typische Rauhe-Schale-weicher-Kern-Liebesgeschichte scheint sich anzubahnen. Doch die Stellvertreterin von Korhal-Anführer Arcturus Mengsk wird von diesem hintergangen und den Zerg zum Fraß überlassen. Dieses Schlüsselereignis gehört zu den bewegendsten im Strategie-Genre, was nicht nur daran liegt, dass wir eine in der Terraner-Kampagne liebgewonnene Begleitung ganz plötzlich entrissen bekommen. Wir erleben außerdem die Rücksichtlosigkeit von Mengsk, der sich vom Verbündeten zum Feind und vom Rebellenführer zum dikatorischen Imperator der neuen "Terranischen Liga" entwickelt. Drittens erschafft dieser Handlungstwist... die Königin der Klingen.

Denn Kerrigan überlebt, wie wir in der zweiten, den Zerg gewidmeten Starcraft-Kampagne erfahren. Von den Zerg assimiliert, dient Kerrigan fortan unter neuem Namen und mit neuen Moralvorstellungen dem Schwarm. Sie wird nach vielen Kämpfen gegen innen und außen schließlich zur Anführerin aller Zerg. Als solche muss sie sich insbesondere mit den Protoss messen, einer technologisch weit fortgeschrittenen Rasse und zufälligerweise die Erzfeinde der Zerg. In der dritten Kampagne von Starcraft erlebt ihr auf Seiten der Protoss, wie die Zerg eure Heimatwelt Aiur angreifen. Jim Raynors Terraner kommen euch zur Hilfe, dennoch sieht es schlecht aus für diejenigen Parteien, die nicht bevorzugt kriechend von A nach B kommen und dabei Schleim aussondern. Im großen Finale opfert sich der Protoss-Templer Tassadar, um den oder das Zerg-Overmind zu töten.

Diese Geschehnisse werden im Addon Brood War, abermals in drei Kampagnen, fortgesetzt. Dieses Mal gehört die letzte Kampagne den Zerg, es kommt zur Zusammenarbeit der Königin der Klingen und Jim Raynor. Doch Ex-Kerrigan verrät ihren Quasi-Ex, und wird die vorherrschende Macht im Koprulu-Sektor, in dem beide Spiele stattfinden. Dann aber kehrt Ruhe ein, eine Ruhe, die in echt elf Jahre und in der Spielwelt vier dauert. Die Protoss versuchen derweil, ihre beiden zerstrittenen Hauptfraktionen (Aiur-Protoss und Dunkle Templer) zu versöhnen und sich auf einen neuerlichen Waffengang vorzubereiten. Arcturus Mengsk hat sich erneut zum Herrscher der Terraner aufgeschwungen, Jim Raynor kämpft mit seinen "Raiders" gegen die Terranische Liga – und seine Erinnerungen. Er will die Königin der Klingen endgültig töten, aber eigentlich will er seine Kerrigan zurück haben. Die Bühne ist bereitet für Starcraft 2.

Ist das alles nur geklaut?

Jim Raynor trägt immer noch ein Foto von Sarah Kerrigan aus schöneren Zeiten mit sich herum.
Wie bei Blizzard üblich, hat sich die Firma so ziemlich alles in Starcraft 1 von bestehenden Sciencefiction- und Fantasy-Epen zusammengeklaut. Wir wollen uns gar nicht die Mühe machen, die einzelnen Quellen aufzudecken, aber natürlich sehen die Zerg verdächtig nach H.R. Gigers Aliens in den gleichnamigen Filmen aus, die Protoss entsprechen frappierend den Eldar in Warhammer 40K, und auch viele Truppentypen und Fahrzeuge der Terraner kommen denen der Space Marines aus 40K sehr nahe. Dazu finden sich diverse Story-Versatzstücke frei nach Star Wars und anderen Sagen. Diese Zitierwut zieht sich übrigens auch durch Starcraft 2, und zwar bis ins optische Detail. Wenn ihr die Königin der Klingen in einer Render-Cutscene erstmals ausgiebig erleben dürft, so achtet auf ihren Mund und ihre "Füße" – sie ist eine schamlose Kopie von Grendels Mutter ("verkörpert" von Angelina Jolie) im letzten Beowulf-Film, nur dass ihr noch ein Paar Knochenflügel aufgepappt wurden. Doch diesen Mangel an eigenschöpferischer Kreativität gleicht Blizzard traditionell durch den gelungenen Mix verschiedener Einflüsse aus, verbunden mit einer spannenden Story und anspruchsvollen Missionen.

Trifft das auch für Starcraft 2 zu? Die ersten zwei, drei Stunden leider nicht: Wer danach aufhörte, müsste glauben, dass die Entwickler von Blizzard alt und satt und faul geworden sind. Zäh schleppt sich die offensichtlich für Teenager konzipierte Handlung dahin, ein weltmüder Jim Raynor schaut so traurig und matt aus seinen alkoholvernebelten Augen, wie es bislang nur William Hurt in der TV-Serie Dune im Negativen übertroffen hat. Die drei ersten Missionen sind an Simplizität und Einfallslosigkeit nur schwer zu überbieten, zumal wir mit einer stark eingeschränkten Einheitenauswahl antreten müssen. Das ist zwar eigentlich konform zum Regelbuch der modernen Spiele-Entwicklung, übersieht aber, dass alle Welt eh schon die Multiplayer-Beta oder zumindest den Vorgänger kennt. So klicken wir uns etwas lustlos durch den Auftakt des Spiels – und siehe da: Mit fortschreitender Spieldauer werden die Missionen abwechslungsreicher und schwerer, und auch die Story gewinnt an Fahrt. Dranbleiben lohnt sich also!

Vorteil des zähen Kampagnenbeginns: Einheiten wie den Marine oder den Sanitäter lernen wir sehr zu schätzen.

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