Test: Die Schrecken des Krieges

Spec Ops - The Line Test

Yager ist ein deutsches Entwicklungsteam, das mit Spec Ops einen typischen „Ami-Deckungsshooter“ vorlegt. Peng, Knall, Adrenalin, Rumms, Aus. Auf den ersten Blick. Doch auf den zweiten bietet es einige Szenen, die so wohl kaum in einem US-Shooter zu finden wären. Wir spoilern nichts, nur dies: Strahlende Helden seid ihr am Ende nicht.
Jörg Langer 28. Juni 2012 - 2:14 — vor 7 Jahren aktualisiert
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Manchmal passiert das eben beim Spieletesten: Man daddelt einen Shooter, knallt pro Stunde mehr Soldaten über den Haufen, als selbst in schlimmen Echtwelt-Konflikten in einem Monat sterben, und plötzlich wird man philosophisch. Das kann nun mehrere Ursachen haben: Entweder sucht man für sich nach dem tieferen Sinn im mundanen Alltag des Pixel-Umfärbens, nach dem Motto: Das kann doch nicht alles sein! Oder man strebt generell nach Höherem, will beispielsweise nicht mehr Spiele-Schreiberling sein, bemitleidet von seiner Peer Group, die samt und sonders gehaltvolleren Berufen nachgeht, weshalb man lieber, um nur ein Beispiel zu erfinden, auf Spiegel Online Geistreiches über Spiele absondern möchte. Drittens aber soll es vorkommen, dass man wirklich einmal das Gefühl hat, ganz unverhofft dort etwas Bedeutungsgold durchschimmern zu sehen, wo man nur Rost- und Blutfarben vermutet hatte. Doch ach, was immer auch sein Antrieb sein mag: Die Chance ist groß für unseren philosophierenden Spieletester, sich komplett lächerlich zu machen.

Von Joseph Conrad zu John KonradWas hatten diese Sätze eben mit dem Spiel Spec Ops - The Line zu tun? Ha! Das muss man im New Games Journalism nicht erklären, ihr Tulpen, vielmehr leben progressive Grenzerfahrungsartikel geradezu davon, in ihrer inhaltlichen Stringenz an dadaistische A-Capella-Werke zu erinnern. Super Satz, oder? Dummerweise habt ihr euch verklickt: Ihr seid doch nicht bei der alles-so-gefühlig-formuliert-hier-Fraktion gelandet, sondern nur bei der drögen Internetpräsenz GamersGlobal.de. Und folglich hat die Einleitung sehr wohl etwas mit dem neuen Deckungshooter von 2K Games zu tun. Das Philosophieren fängt nämlich, wenn wir denn wollen, schon beim Namen an. The Line – der Strich oder die Linie – kann man so oder so deuten. Zum einen als Spitzname für das im Aufmacherbild zu sehende Riesenhotel Burj Khalifa, das mit seinen 828 Meter Höhe die Skyline Dubais (wo auch Spec Ops spielt) wie eine Trennlinie durchschneidet. Mit der Linie im Titel kann aber auch jene gemeint sein, die man nicht übertreten sollte. Auch als Elitesoldat der Delta Force nicht, der auf Menschen trifft, die sie schon längst weit hinter sich gelassen haben. Jene Linie übertreten wir im Spiel mehrfach, ob wir wollen oder nicht, und wir tun eigenhändig Dinge in der virtuellen Welt, für die wir uns – wiederum: wenn wir wollen – schämen. Und über die wir, wenn wir müssen, nachdenken.

Und was hat die Zwischenüberschrift oben mit Spec Ops zu tun? Joseph Conrad war ein nicht gänzlich unbekannter Literat, der in seinem nicht gänzlich unbedeutenden Wirken eine nicht gänzlich langweilige Novelle geschrieben hat, die teils auf eigenen Erlebnissen beruhte: Heart of Darkness. Darin dringt ein britischer Flusskapitän mit seinem Boot immer tiefer in den Kongo vor, zur Zeit der belgischen Kolonialherrschaft. Er sucht einen charismatischen Elfenbeinhändler namens Kurtz, den die Eingeborenen halb fürchten, halb verehren. Vordergründig geht es um diese Suche, in Wahrheit aber um das finster Dräuende des Urwalds und das Dunkle in den handelnden Charakteren: Die Finsternis, das Abgründige, scheint direkt unter der Oberfläche der Zivilisation zu liegen und jederzeit die Überhand gewinnen zu können. Von der Novelle gab es mehrere Radio- und Filmadaptionen, die bekannteste ist Francis Ford Coppolas Apocalypse Now, das einen Teil der Handlung nimmt und nach Kambodscha verlegt, während jenseits der Grenze der Vietnamkrieg tobt. Auch hier heißt das Ziel der Reise Kurtz, und auch dieser sagt zum Schluss: "Das Grauen". In Spec Ops kann man eine weitere Variante der Geschichte ausmachen. Diesmal heißt der charismatische Anführer John Konrad, ist aber wie Kurtz in Apocalypse Now ein Colonel der US Army. Und zwar ebenfalls einer, der weitab der Zivilisation die Menschen um ihn herum zu zivilisieren versucht. Wer den Film kennt, ahnt, auf welche Reise er sich begibt (ob die Ahnung freilich stimmt, verraten wir hier nicht). Alle anderen erwarten erst mal nur einen Standard-Shooter.

Wettervorhersage: SandsturmWie der Sandsturm entstand, erfahren wir nicht, aber es ist nicht irgendein Sandsturm, sondern der größte und schlimmste und längste seit Menschengedenken. Ab und zu ebbt er ab, dann heult er von neuem los. Riesige Sandmassen hat der Sturm Richtung Küste getragen und dadurch Dubai sprichwörtlich unter sich begraben: Viele der mittelgroßen Prachtbauten und Wolkenkratzer stehen nur noch mit den oberen Etagen aus den Dünen hervor, normale Häuser sind nicht mehr zu sehen. Und selbst die überdimensionierten Luxushotels, für die Dubai heute berühmt ist, gleichen zugewehten Wegmarkierungen in der Wüste. In den ersten Minuten von Spec Ops laufen unser Alter Ego Captain Walker und seine beiden Kameraden über den Sand, bis sie unter sich und in der Ferne die Geistermetropole sehen, die einst Dubai war.
 
Wieso sie hier sind? Als der Jahrhundert-Sandsturm nicht nachlässt, Flugzeuge über Dubai abstürzen lässt und die Stadt von der Außenwelt abschneidet, schickt die US Army Hilfe: Das 33. Battalion unter dem hochdekorierten Colonel John Konrad wird von Afghanistan nach Dubai-Stadt verlegt und soll dort helfen, die verbliebenen Menschen zu evakuieren. Der Colonel scheitert mit seinem groß angelegten Rettungskonvoi, viele Menschen sterben. Doch statt sich nun mit seinen Truppen aus dem Staub zu machen, missachtet er seine Befehle und beschließt, in Dubai zu bleiben. Wer sonst könnte dem dort ausbrechenden Chaos aus Plünderungen, Kampf um Nahrung und Töten um etwas Wasser willen Einhalt gebieten, den Menschen Schutz und Ordnung geben? Der Delta-Force-Soldat Walker kennt Kurtz von einem früheren Einsatz, er verehrt ihn fast wie einen Filmstar. Darum war es keine Frage für ihn, den Auftrag anzunehmen: Was ist in Dubai los, warum meldet sich die Dreiunddreißigste nicht mehr? Doch wer fürchtet, versehentlich ein Drama oder einen Thriller in den Laufwerksschacht eingelegt zu haben, kann beruhigt sein: Wenige Minuten nach Spielbeginn befindet ihr euch schon im ersten Scharmützel mit irregulären Bewaffneten, die euch ans Leben wollen. 
 
* SPOILER-WARNUNG * SPOILER-WARNUNG * SPOILER-WARNUNG * SPOILER-WARNUNG * SPOILER-WARNUNG * SPOILER-WARNUNG *
Immer tiefer in die Bredouille
Ist der Radiomann ein Freund, ein Irrer, oder einfach aus Apocalypse geklaut?
Während ihr durch fleißiges Deckungnehmen sowie simple „Töte den hier“-Kommandos an eure beiden Squadmitglieder problemlos durch die Irregulären pflügt und die ersten Schauplätze untersucht, fragt ihr euch, ob die ungestüm attackierenden Gegner wirklich einem Elite-Verband wie der 33. gefährlich werden konnten. Binnen weniger Viertelstunden werden dann die Parallelen zu Apocalypse Now unübersehbar und -hörbar: Garstige Collagen aus Blut und Leichen, aus US-Symbolen und höhnischen Graffitis, dazu die Stimme eines durchgeknallten Radiomoderators. Und viel Rockmusik im Stil der 60er und 70er. Wir geben es ungern zu, aber wir haben gerne zu den schmissigen Beats geschossen, nachgeladen und weitergeschossen.
 
Dummerweise kannten wir diese Versatzstücke längst aus dem Coppola-Film, und so war die spannende Frage nach etwa 30 Minuten für uns nicht mehr, was mit der 33. passiert ist und ob wir dem armen Colonel helfen können. Sondern nur noch diese: Wann würden wir endlich offiziell erfahren, dass in Wahrheit Kurtz der Böse ist? Das dauert dann tatsächlich erstaunlich lange: Wer sämtliche Zeichen ignoriert, glaubt vielleicht wirklich bis zum 9. Kapitel, er habe es mit einigen wild gewordenen Soldaten zu tun. Aber immerhin: Jene Spieler ohne Heart-of-Darkness-Vorkenntnisse werden eine Weile in der Schwebe gehalten, und halten die eigentlich Guten für die Bösen. Wobei auch diese "Guten" ihre Anführu
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ngszeichen verdient haben, gerade die hilfreichen CIA-Agenten ... – aber alles müssen wir jetzt auch nicht verraten!

Das erste Treffen mit den Soldaten der 33. ist – wie einiges andere im Spiel – spannend inszeniert, und immerhin: Wenn wir dann endlich Kurtz, Verzeihung, Konrad persönlich treffen, ist es gar nicht mehr so leicht, ihn für das übergeschnappte Monster und uns selbst für den strahlenden Helden zu halten. Weil zu viel passiert ist in den etwa vier bis fünf Spielstunden zuvor. Und weil es Konrad ja nur gut meint mit seiner Schreckensherrschaft über die in Dubai verbliebenen Menschen. Und bei alledem denken wir uns: Colonel Konrads Stimme ist echt gut gewählt, sie erinnert uns (ohne dass wir jetzt die DVD extra noch mal eingelegt hätten) an die des Colonel Kurtz (Marlon Brando) in Apocalypse Now. Wobei das, was Konrad sagt, weniger wahnsinnig ist...
* ENDE DES SPOILERS * ENDE DES SPOILERS * ENDE DES SPOILERS * ENDE DES SPOILERS * ENDE DES SPOILERS * ENDE DES SPOILERS*
 
Im Freien seid ihr vor allem im ersten Spieldrittel unterwegs, diese Szene stammt hingegen aus Kapitel 11.
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