Luft anhalten

Sniper – Ghost Warrior 2 Test

So spaßig es auch ist, mit einem Maschinengewehr tausende und abertausende Feinde aus nächster Nähe umzuballern, es muss mal was anderes her. Auftritt City Interactive, die 2010 mit ihrer Scharfschützensimulation Sniper – Ghost Warrior einen sehr ordentlichen Shooter herausbrachten. Der zweite Teil soll nun alles noch besser machen.
Tim Gross 19. März 2013 - 16:42 — vor 6 Jahren aktualisiert
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Alle Screenshots stammen von GamersGlobal
 
Zwei Kerle auf dem Steg, ziemlich gut bewaffnet. Da ist kein Durchkommen für unser Team, das nur wenige Meter entfernt in der Dunkelheit auf der Lauer liegt. Auf dem dahinter liegenden Gelände, das mehr nach einer teuren Hotelanlage denn einem Terroristenhort aussieht, wimmelt es nur so von ziemlich gut bewaffneten Söldnern mit ziemlich bösen Absichten. Per Fernglas lassen wir den Blick schweifen und entdecken ein Gebäude, das wie ein Restaurant aussieht. Anstelle von dampfenden Töpfen oder hungrigen Gästen erblicken wir einen gefangenen Soldaten, der gerade ziemlich übel zugerichtet wird. Klar, bei dem Mann handelt es sich um die Zielperson unseres Soldatentrupps, dem wir als Scharfschütze den Weg freiräumen sollen. Wir beobachten das Geschehen aus halbwegs sicherer Entfernung von einem Aussichtspunkt aus, etwa einen halben Kilometer entfernt. "Halbwegs sicher", weil hier kurz zuvor ein feindlicher Scharfschütze kniete, dem wir kurzerhand unser Messer in die Seite rammten.
 
Wir blicken durch das Zielfernrohr, berechnen den Wind, beobachten genau die Bewegungen der beiden Kerle auf dem Steg. Dann halten wir den Atem an, es gibt einen kurzen Ruck – ein Geschoss macht sich auf den Weg und trifft nacheinander beide Feinde. Unsere Leute können vorrücken! Stück für Stück "eskortieren" wir so unsere Kameraden Richtung Restaurant, schalten einen Feind nach dem anderen aus, sobald sie alleine stehen oder sich den Rücken zudrehen. Trotz unserer meisterhaften Leistung aus der Distanz gelangt das Geiselbefreiungs-Team nur in die Nähe des gut bewachten Eingangs. Eine Ablenkung muss her! Da kommt der nahe Gastank genau richtig, der dank unseres Zutuns mit ohrenbetäubendem Krach auf sich aufmerksam macht. Die feindlichen Söldner rennen aus dem Gebäude, direkt in die Arme unseres Teams. Der Zeitpunkt ist gekommen, den Gefangenen zu retten. Unsere Kameraden infiltrieren professionell das Restaurant, doch der letzte der Geiselnehmer entpuppt sich als harter Brocken: Er hält dem Entführten eine Pistole an den Kopf. Die Soldaten vor Ort können da nichts machen und wir auch nicht, da sich die dramatischen Szene hinter einer soliden Steinwand abspielt. Doch langsam aber sicher zwingen unsere Jungs den Kidnapper nach draußen, direkt vor unser Fadenkreuz. Wir setzen das Gewehr an, berechnen die Entfernung und sind dankbar, dass der Wind in der Zwischenzeit nicht gedreht hat. Ein letztes Mal halten wir den Atem an und feuern ein Projektil ab, das die Schulter des Geiselnehmers zertrümmert, ohne den Gefangenen zu treffen. Wir wischen uns den Schweiß von der Stirn. Erfolg auf der ganzen Linie!
 
Langsam, ganz langsam
Jetzt bloß nicht unüberlegt handeln. Mit langsamen, bedachten Schritten können wir die beiden Gegner unbemerkt mit dem Messer ausschalten.
Die oben beschriebene Szene gibt die Richtung von Sniper – Ghost Warrior 2 perfekt vor. Die Entwickler setzen erneut auf das Konzept des ordentlichen Vorgängers (GG-Test: 6.5, erweiterte PS3-Fassung: 7.0), der sich neben handelsüblichen Feuergefechten auch dem Fernkampf über lange Distanzen widmete. Und obwohl wir in der aktuellen Scharfschützensimulation ebenfalls für jede Menge leblose Körper sorgen, handelt es sich um keine Hollywood-Action à la Call of Duty oder einem dessen zahlreicher Klone.

Stattdessen tastet ihr euch als arg verletzlicher Angsthase von Beruf – verzeiht das klischeehafte Bild aus jedem beliebigen Multiplayer-Shooter – langsam von Deckung zu Deckung, am besten ohne die Aufmerksamkeit der zahlenmäßig stets überlegenen Gegner auf euch zu lenken. Denn einen direkten Kampf mit den Burschen werdet ihr kaum überstehen. So schleichen wir zu Beginn des Spiels zunächst im dichten Dschungel von Busch zu Busch, waten möglichst geräuschlos durch hüfthohes Wasser und nutzen jeden Schatten, um uns zu verstecken. Dabei nehmen wir Gegner nicht ausschließlich per Scharfschützengewehr aufs Korn, sondern scheuen auch den direkten Nahkampf nicht, den neu eingeführten Stealth-Angriffen sei Dank.
 
Zugegeben, das klingt alles eher nach Splinter Cell oder einem ähnlichen Schleichspiel. Eine Beschreibung, die auf Sniper – Ghost Warrior 2 nicht ganz zutrifft. Die Stealth-Einlagen gehen zwar gut von der Hand, sind aber nicht sehr detailliert umgesetzt. Es gibt beispielsweise keinerlei Anzeigen dafür, wie laut oder sichtbar ihr gerade seid, außerdem lassen sich erledigte Feinde nicht verstecken. Ebensowenig könnt ihr hinter Kisten oder Wänden in Deckung gehen, wie etwa in Deus Ex: Human Revolution, um die Umgebung gefahrlos auszukundschaften. Dafür verfügt Protagonist Cole Anderson wie sein Schleich-Kollege Sam Fisher über ein Nachtsicht- und ein Thermosicht-Gerät, mit dem er Gegner durch Wände hindurch oder in tiefster Dunkelheit sehen kann. Schade nur, dass es nicht mehr von diesen technischen Gerätschaften gibt. Wobei: Selbst die Nachtsichtbrille müsst ihr so gut wie nie einsetzen.
In Ghost Warrior 2 gibt es auch Krawumm-Action. Der Fokus liegt aber meist auf dem vorsichtigen Erkunden der Levels.
 
Schneller, etwas schnellerDie meiste Zeit sind wir also auf leisen Sohlen unterwegs. Das heißt aber nicht im Umkehrschluss, dass es an Action mangelt. Gerade ab dem zweiten Akt geht es teilweise ganz schön zur Sache, etwa wenn wir uns durch das umkämpfte Stadtgebiet des halb zerstörten Sarajevo im Balkankrieg kämpfen. Da muss dann schon mal ein Flakgeschütz mit C4 gesprengt werden, während um euch herum ständig etwas explodiert. Manchmal seid ihr so nah an den Gegnern dran, dass ihr das Scharfschützengewehr besser zur Seite legt und auf eure Handfeuerwaffe setzt – aber keine Angst, krasse Rambo-Einlagen wie im ersten Sniper – Ghost Warrior erwarten euch nicht. Zumal ihr auch im Kriegsgebiet Sarajevo die meiste Zeit unbemerkt durch die Levels kriecht. Insgesamt wechseln sich langsame und actiongeladene Abschnitte sehr gut ab.

Ein spannendes Beispiel aus dem zweiten Akt: Wir müssen uns in einer streng bewachten Tiefgarage auf engstem Raum an zirka 15 Soldaten vorbeischleichen. Leichter gesagt als getan, denn das Licht brennt so hell wie in einem Klassenraum voll übermüdeter Schüler. Also kriechen wir als erstes unter Autos hindurch bis zum nahen Sicherungskasten, der nach kurzer Manipulation die
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Lichter in der Tiefgarage ausknipst. Danach haben wir dank Nachtsichtgerät leichtes Spiel und gelangen ohne weitere Probleme an die Oberfläche.Draußen angekommen, erwartet uns wie zur Begrüßung ein hübscher, ruhiger Park. Das haben wir uns aber auch verdient, denken wir. Versteht sich von selbst, dass der Schein trügt, denn direkt im Anschluss werden wir von feindlichen Scharfschützen auf den Dächern überrascht. Spätestens jetzt ist es mit der Ruhe vorbei, wir hetzen von Deckung zu Deckung und bekommen es nebenbei mit allerhand Feinden auf dem Boden zu tun. Auch in solchen Situationen ist überlegtes Vorgehen von entscheidender Bedeutung. Solltet ihr entdeckt werden, habt ihr mit eurem ich-kann-immer-nur-einen-Schuss-abfeuern-Gewehr keine Chance gegen fünf Meter entfernt stehende Maschinenpistolen-Träger. Da wäre es praktisch, wenn ihr die Waffen bereits besiegter Feinde aufklauben könntet, um sie kurzzeitig einzusetzen. Genau das dürft ihr in Sniper – Ghost Warrior 2 aber nicht machen, was den Tod in einer Situation wie dem beschriebenen Park deutlich wahrscheinlicher macht. Umso ärgerlicher, dass einige Checkpoints im Spiel recht weit auseinander liegen!
Darf in keinem Spiel fehlen, das auf Stealth-Einlagen setzt: Suchscheinwerfer. In dieser Situation haben wir übrigens unser Scharfschützengewehr storybedingt verloren und müssen uns erst zu unserer bevorzugten Waffe schleichen.
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