Test: Kleine Taschenlampe brenn

Silent Hill - Shattered Memories Test

Es ist eine Weile her, dass ein Spiel der Marke Silent Hill uns wirklich vorbehaltslos begeistern konnte. Doch hier kommt eine gute Nachricht: Ausgerechnet auf der Wii findet der Urvater des psychologischen Horror zu neuer Stärke zurück. Und wir verraten euch, warum das so ist, und wie sich das Spiel an euch und eure Ängste anpasst.
Philipp Spilker 6. März 2010 - 17:07 — vor 9 Jahren aktualisiert
Wii
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Große Dinge werfen ihre Schatten voraus. Wenn man dem Sprichwort Glauben schenkt, müsste Silent Hill - Shattered Memories ein ziemlich großes Ding sein. Denn wie für das Genre des Survival Horror üblich, seid ihr auch im neuesten Teil der Silent-Hill-Serie verschwindend selten bei Tageslicht unterwegs. Ihr macht euch als Schriftsteller Harry Mason stattdessen mitten in tiefster Nacht auf die Suche nach eurer Tochter Cheryl, die nach einem durch euch verschuldeten Autounfall am Rand der Stadt Silent Hill plötzlich verschwand. Und dabei kommen dann die Schatten ins Spiel. Diese könnt ihr zwar mit eurer Taschenlampe (also der Wiimote) vertreiben, aber in Shattered Memories leuchtet nicht nur ihr das Spiel aus, sondern das Spiel auch euch. Wir haben uns auf dieses Experiment eingelassen und dabei auch das diesen Text einleitende Sprichwort auf seine Wahrheit überprüft.

Silent Hill ist ausgestorben, doch ab und zu begegnet ihr (auch in Rückblenden) dann doch anderen Menschen.


Erzähl mir von deinem Sexleben!
 
Für die Wii gemacht


Silent Hill - Shattered Memories erscheint auch für PS2 und PSP (Bild zeigt die PSP-Version). Wir haben die Wii-Version getestet und möchten sie jedem Spieler, der die Wahl hat, am ehesten empfehlen. Sehr viele Elemente des Spiels (gut funktionierende Gestensteuerung, ständige Einbindung der Wiimote als Handy und auch die Grafik) sind deutlich für die Wii optimiert. All diese Elemente steigern die Einbindung des Spielers in die Spielwelt deutlich und wir würden sie beim Spielen der anderen Versionen vermissen. Die psychologischen Aspekte sind aber auch bei PS2/PSP vorhanden.
Schon nach wenigen Spielminuten bringt uns Shattered Memories das erste Mal in Verlegenheit. Wir befinden uns im Sprechzimmer eines Psychiaters. Der begrüßt uns freundlich, dankt uns für die Bereitschaft, uns von ihm behandeln zu lassen („Alleine, dass sie hier aufgetaucht sind, zeigt schon ihre Entschlossenheit, etwas zu ändern“) und lenkt unsere Aufmerksamkeit dann auf ein Blatt mit sieben Multiple-Choice-Fragen. Ob uns ein Drink dabei helfe, zu entspannen und ob wir immer auf die Gefühle andere Leute achten, werden wir dort beispielsweise gefragt. Auch, ob es uns leicht fällt, Freunde zu gewinnen. Das stellt uns vor keine großen Probleme. Als wir uns plötzlich dazu äußern sollen, ob wir Rollenspiele beim Sex genießen oder nicht, stocken wir dann aber doch kurz. Und auch, ob wir je einen Partner betrogen haben, möchte der Psychiater wissen. Ein ziemlich neugieriges Kerlchen. Oder besser gesagt: ein ziemlich neugieriges Spiel.

Diese Neugierde zieht sich durch das gesamte Spiel hindurch. Noch öfters werdet ihr euch plötzlich beim Psychiater wiederfinden, und immer wird er euch Fragen stellen. Ob ihr an der Schule zum Beispiel ein Rüpel oder noch Jungfrau wart. Ob ihr Personen, die er euch auf Bildern zeigt, als schlafend oder als gestorben einschätzt. Wieder ein anderes Mal sollt ihr mit Buntstiften ein Bild eurer Traumfamilie ausmalen. Oder der Psychiater erzählt euch eine traurige Geschichte mit Todesfall, an deren Ende ihr die Frage beantworten sollt, welche der vier in der Geschichte vertretenen Personen die meiste Schuld auf sich geladen hat.

Shattered Memories durchleuchtet euch aber nicht nur in diesen Szenen, sondern auch während der verzweifelten Suche nach eurer Tochter. Habt ihr in Bars per Zoom einen genauen Blick auf die alkoholischen Getränke geworfen oder in einem verlassenen Bordell die überall an der Wand vorzufindenden Pin-Up-Girls eingehend begutachtet? Schaut ihr eurem weiblichen Gesprächspartner in das Gesicht oder in den Ausschnitt? Unterschiedliche Herangehensweisen werden mit ungeahnten Überraschungen belohnt.

Polizistin Cybil Bennett im zugeknöpften und im eher offenherzigen Dress. Ob wir mit der Polizistin den Rest des Spiels über eher den Mutti-Typ oder die Sexbombe an unserer Seite haben, hängt von unserem psychologischen Profil ab.

Du hast dich verändert, oder? 
 
Wir wollen euch auf keinen Fall die Überraschung nehmen, aber zumindest ein kleines Beispiel erlauben wir uns. Schon nach kurzer Zeit nämlich trefft ihr im Spiel auf die Polizistin Cybil Bennett, und es wird nicht euer einziges Zusammentreffen sein. Aber ihr Aussehen variiert je nach eurer Spielweise. Bei unserem ersten Durchgang war sie eine sehr zugeknöpfte Person, sehr um uns und unsere Tochter besorgt. Bei unserem zweiten Durchgang hingegen staunten wir nicht schlecht, als uns aus dem Polizeiwagen eine blonde Schönheit mit üppigem und weit ausgeschnittenem Dekolleté entgegenkam. Diese äußerliche  und unübersehbare Änderung war aber nicht die einzige Neuerung. Denn statt ernsthafter Besorgnis brachte uns „diese“ Cybil Bennett deutlich Skepsis und Feindseligkeit entgegen.
 
Wir haben natürlich eine mehr als leise Ahnung, durch welche unserer Entscheidungen (denn allzu viele konnten wir in der ersten Spielstunde nicht treffen) diese Änderung ausgelöst worden ist, aber mit Sicherheit sagen können wir es nicht. Und das ist auch gleichzeitig der größte Kritikpunkt unsererseits an dem Feature des psychologischen Profils. So gut uns die Idee auch gefällt und so gespannt wir immer wieder auch auf die minimalsten Änderungen waren, so sehr stört es uns doch andererseits, dass uns das Spiel ein wenig zu sehr im Dunkeln lässt. An die Hand genommen werden wir bei unseren Entscheidungen nur sehr selten (wenn der Psychiater uns beispielsweise nach dem Beantworten einer Frage entgegnet, ob wir uns damit auch wirklich sicher seien) und nur durch Herausprobieren können wir herausfinden, ob das Spiel eine bestimmte Handlung von uns nun besonders stark, eher schwach oder sogar überhaupt nicht gewichtet. Auf die Tatsache, dass das Spiel sogar das Heranzoomen an Poster, Getränke und sonstige Gegenstände im Spiel in unser Profil einbaut, mussten wir sogar ganz von alleine kommen. Ein bisschen mehr Durchsichtigkeit würde Shattered Memories in dieser Hinsicht gut tun, denn dann könnte man auch gezielter auf die fünf Endsequenzen hinarbeiten.
 
Psycho-Test: Es weiß, was du letzten Sommer getan hastSilent Hill - Shattered Memories erstellt ein psychologisches Profil von euch und ändert davon ausgehend euer Spielerlebnis und auch das Spielende. Einige Beispiele: 1 Diese "Warn"-Meldung erscheint direkt zu Beginn.  2 Wie antwortet ihr auf Fragen, die euch der Psychiater in regelmäßigen Sitzungen stellt?  3 Lauft ihr an in der Spielwelt verteilten Postern von Pin-Up-Girls vorbei oder schaut ihr sie euch per Zoomfunktion genauer an?  4 Ist euch Alkohol egal oder nutzt ihr jede Gelegenheit, um alkoholische Getränke im Spiel genauer zu betrachten?  5 In diesem Bild sollt ihr eure perfekte Familie malen.  6 In der darauffolgenden Szene besucht ihr das im vorigen Ausmalbild zu sehende Haus. Unschwer zu erkennen: Haus, Haustür und Briefkasten haben genau die Farbe, für die wir uns zuvor entschieden haben.
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