Test: Die Legende kehrt zurück

Secret of Monkey Island Special Edition Test

Wir nehmen alles zurück! In unserem letztwöchigen Special zu Monkey Island haben wir noch über die Special Edition gelästert, und geschrieben, der alte Grafikstil sei so toll. Doch tatsächlich schlägt das Remake das Kultadventure-Original (mit ein paar Ausnahmen) bei Grafik, Sound und Bedienung. Und Witz.
Jörg Langer 16. Juli 2009 - 12:05 — vor 10 Jahren aktualisiert
PC 360
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Klar, ihr erwartet hier einen Test, in dem zu lesen ist, wieso früher alles besser war. War es ja auch, zumindest was die körperliche Verfassung dieses Autors, dessen Freizeit und dessen Fähigkeit, sich mehr als zwei Sachen gleichzeitig zu merken, anbelangt. Aber in Bezug auf The Secret of Monkey Island - Special Edition müssen wir sagen: Die Neufassung ist ein gutes Stück besser geworden als das Original – und erhält seine hohe Wertung nicht aus Nostalgiegründen, sondern als Adventure des Jahres 2009. Zunächst wollen ihr euch per Video einen kleinen Einblick in das Szenario von Monkey Island geben, von dem anfänglichen Dorf zum penetranten Verkaufsgenie Stan. Dabei könnt ihr zum einen die sehr gute deutsche Übersetzung (von Boris Schneider) lesen, zum anderen die gelungene englische Sprachausgabe hören.
 
Wir wandern vom Hafendorf zum Gebrauchtschiffshändler Stan -- und feilschen in aberwitzigen Dialogen.

Wie ihr im obigen Video sehen könnt, erlaubt es euch Monkey Island S.E.  jederzeit, also auch mitten in einer Cutscene oder während eines Gesprächs, per Tastendruck nahtlos auf die Originalversion (weniger Musik, keine Sprachausgabe, alte Grafik) umzuschalten. Als Service für euch schalten auch wir in unseren Artikel-Videos mehrfach zwischen alter und neuer Grafik um – und jeden einzelnen Screenshot dieses Tests könnt ihr euch auch in der Originalversion anschauen, per Link in der Bildbeschreibung. Auch wenn es, außer für beinharte Nostalgiker, nicht unbedingt so aussieht: Es gibt durchaus Situationen, an denen die alte Version der neuen überlegen ist. Dazu später mehr.
 
Die Story
 
Zur Story hinter Monkey Island, Ron Gilbert und Co. schaut ihr euch am besten den Report aus unserem Special an. Zumindest die Story des Spiels aber sei hier nochmal soweit rekapituliert, wie es die GamersGlobal-Spoilerpolizei zulässt: Ihr spielt Guybrush Threepwood, der neben seinem Namen ein zweites Problem hat: Ihm ist langweilig, und er will Pirat werden. Deswegen versucht er auf Melee Island, in diesen ehrwürdigen Berufsstand zu gelangen. Und in der Tat: In der einzigen Bar des einzigen Dorfes auf dem karibischen Eiland trifft er Minuten nach Spielstart auf "drei wichtig aussehende Piraten", die ihm drei Prüfungen auferlegen: Er muss toll fechten können (Schwertmeister besiegen), ein super Dieb sein (eine Goldstatue stehlen) und den Schatz von Melee Island finden.

[HIER KLICKEN FÜR DIE CLASSIC-VERSION] Die drei Piraten stellen uns die drei Prüfungen. Pudel betäuben? Oh-oh.
 
So lernen wir im ersten von drei Kapiteln (das zweite ist eher ein Intermezzo auf einem Piratenschiff, das dritte spielt auf Monkey Island) das Eiland und seine schrulligen Bewohner kennen – und freuen uns, dass diese seit 1990 das Sprechen gelernt haben: Die Stimmen sind durchweg klasse besetzt, auch wenn sie nur auf Englisch zu hören sind. Vom meist recht unsicher klingenden Möchtegernhelden Guybrush selbst bis zum Gebrauchtschiffsverkäufer Stan – man hat schnell das Gefühl, als hätten diese diese Stimmen schon immer zum Spiel gehört, und vermisst sie bei der stimmlosen Originalversion. Bald macht Guybrush die Bekanntschaft von Elaine, Gouverneurin der Insel, und kommt ihr wenig später, in einer der denkwürdigsten romantischen Szenen der Spielegeschichte (auf einem Pier stehend), näher. Doch ach, wie könnte es anders sein, kurz darauf wird Elaine entführt, vom Geisterpiraten LeChuck. Und zwar nach Monkey Island, von wo seit Ewigkeiten kein Mensch mehr lebend zurückgekehrt ist...

[CLASSIC-VERSION] Gouverneurin Elaine hat einen unangenehmen Effekt auf Guybrush: Es verschlägt ihm die Sprache.
 
Dramaturgie und Spielwitz
 
[CLASSIC-VERSION] LeChuck auf seinem Geisterschiff: In "neu" viel überzeugender als in "alt", oder nicht?
Wie seit dem allerersten LucasArts-Adventure Manic Mansion arbeitet Secret of Monkey Island mit "Inzwischen..."-Cutscenes, die ihr mit dem Erreichen bestimmter Orte oder dem Erfüllen von Aufgaben auslöst. So habt ihr kaum die drei Prüfungen der Piraten erledigt – was etwa die ersten drei bis vier Stunden des Spiels beansprucht –, als Elaine entführt wird. Natürlich wollt ihr sie sofort retten, doch da wäre noch ein kleines Problem zu lösen: Ihr habt weder Schiff noch Crew. Die Genialität von Ron Gilberts Spieldesign ist, dass ihr immer überschaubare, nachvollziehbare Aufgaben habt, die ihr lösen wollt – und dass sich dann zwischen diesem Ziel und der Realität immer wieder Verkomplizierungen schleichen, die ihr natürlich schnellstens aus dem Weg räumen müsst. So arbeitet ihr (meistens) keine Aufgaben ab, sondern löst Dinge, um zum eigentlichen Ziel zu kommen. Das klingt nach der selbstverständlichsten Sache der Welt, nach einer Kopie der ersten Seite des Buches "Adventure-Design leichtgemacht" – und ist doch offensichtlich so schwer umzusetzen, wenn man sich die vielen Genre-Vertreter anschaut, die es eben nicht so gut hinbekommen wie Monkey Island 1.
 
Hilfreich dabei ist natürlich der Humor, der sich durchs gesamte Spiel zieht. Und der nicht einfach aus ein paar platten Witzen besteht, sondern in vielerlei Gestalt auftaucht: Als Situationskomik, wenn etwa ein Blinder als Ausguck beschäftigt wird. In der liebevollen Charakterisierung der Figuren, seien es Guybrushs sprichwörtliche Probleme, mit Frauen zu reden, oder die diversen gar nicht so gefährlichen Piraten, auf die wir treffen. Der Humor steckt in zahlreichen Puzzles der Marke "aberwitzig, aber innerhalb des Spieluniversums logisch". Und er taucht als Wortwitz in den vielen lustigen Dialogen auf. Obwohl letztere 1 zu 1 aus dem Original übernommen wurden, wirken sie übrigens auch gesprochen nie zu lange – mit einer gewollten Ausnahme beim Feilschen um das Piratenschiff.

[CLASSIC-VERSION] Die Goldstatue stellt ein sprichwörtlich schwerwiegendes Problem dar. Einfach mal nachdenken...

Jenseits des humorvollen Szenarios schafft The Secret of Monkey Island das Kunststück, sich einerseits ernst zu nehmen – also etwa bei der Puzzlequalität, aber auch mit der im Grunde ja ernsten Story um Liebe und Entführung –, und andererseits auch auf die Meta-Ebene zu wechseln und sich selbst oder Adventures im allgemeinen auf die Schippe zu nehmen. So gibt es eine Szene, bei der Threepwood unterwasser festsitzt, angekettet, knapp außerhalb seiner Reichweite befindet sich ein halbes Dutzend Waffen oder Werkzeuge. Die Situation scheint unlösbar zu sein, solange man auf rein real-physikalische Annahmen vertraut. Ein anderes Mal findet man einen Roten Hering (ein Red Herring bezeichnet in Adventures traditionell ein sinnloses Objekt, das den User nur verwirren soll). Das allein hat schon etwas für sich – wieso sollte es auf einer karibischen Pirateninsel einen solchen Fisch nicht geben –, doch wenn man auf eine Art grünen Troll trifft, der einen nur über die Brücke lassen will, wenn man ihm etwas "Völlig Nutzloses, das aber nach viel aussieht" gibt, findet der rote Hering erstmals in der Adventuregeschichte tatsächlich eine Verwendung.

[CLASSIC-VERSION] Über Melee Island laufen wir per Karte; hier gibt's wenig Unterschiede zwischen den Fassungen.

 
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