Brutale Grafikbombe

Ryse - Son of Rome Test

Crytek machte sich mit seinen Shootern und der leistungsstarken CryEngine einen Namen. Nun schicken sie uns ganz ohne moderne Waffen in den Kampf, als römischer Zenturio gegen üble Barbaren. Ob das brutale Gemetzel im antiken Rom seinem heimlichen Vorbild God of War nacheifern kann oder doch eher "schöne Grafik, nichts dahinter" ist?
Benjamin Braun 21. November 2013 - 12:00 — vor 5 Jahren aktualisiert
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Alle Screenshots stammen von GamersGlobal
 
Erinnert ihr euch noch an das Jahr 2000 und habt damals zufällig im Kino Ridley Scotts Filmepos Gladiator angeschaut? Dann erinnert ihr euch auch sicherlich noch an die mitunter brutalen Schwertkämpfe, die Hauptfigur Maximus im Kolosseum und anderswo ausfechten musste. Getrieben war er zudem von Rachegelüsten für den Mord an seiner Familie und wurde selbst Opfer der Intrigen der Mächtigen im römischen Imperium. Der Grund, weshalb wir euch das erzählen, ist einfach: Marius, die Hauptfigur aus Ryse - Son of Rome, erlebt etwas sehr Ähnliches als dem Leben seiner Familie während des Einfalls der Barbaren in Rom ein grausames Ende bereitet wird. Gemein haben der römische Soldat Marius und Maximus auch, dass sie nicht eine Sekunde lang zögern, die Sandalen neu zu schnüren und große Rachetaten an jenen zu vollführen, die da versuchen, seine Brüder zu vergiften und zu vernichten – und mit Grimm zu bestrafen. Nein halt, das war ein anderer Film.
 
Wir haben Cryteks blutige Prügelorgie jedenfalls für euch durchgespielt, uns an der schmucken Grafik erfreut und ganze Heerscharen von Barbaren auf brutalste Weise ins digitale Nirwana geschickt. Ob der exklusive Launch-Titel der Xbox One gute Argumente zur Anschaffung von Microsofts Nextgen-Konsole liefert oder wir durch knöcheltiefe Blutlachen der Langweile marschieren mussten, wollen wir euch im Folgenden verraten.

Von Rom nach York und zurück
Marius äußert seinen Unmut über die Behandlung der britannischen Gefangenen, die gekreuzigt und ausgepeitscht werden. Das hält ihn wohlgemerkt nicht davon ab, die "Barbaren" selbst auf übelste Weise zu massakrieren.
Marius sinnt nach dem Verlust seiner Familie also nach Rache und zieht mit der römischen Armee aus, um den Tod seiner Angehörigen zu sühnen. Und natürlich stellt sich irgendwann heraus, dass da eigentlich ganz andere finstere Mächte am Werk waren als die Barbaren mit ihren Lederschürzen und Ziegenmasken. So platt die Story ist, erlaubt euch Crytek erst beim erneuten Durchspielen der Kampagne, die Zwischensequenzen zu überspringen. Das ist aufgrund der ansonsten gelungenen Inszenierung der Handlung samt aufwendiger Kamerafahrten und fließenden Übergängen zwischen Cutscene und Spielszene auch in Ordnung so. Aber so ausführlich hätten die Frankfurter die schlichte Geschichte nun wahrlich nicht ausbreiten müssen. Denn von den rund sechs Stunden "Spielzeit" auf normalem Schwierigkeitsgrad entfällt eine ganze auf die Zwischensequenzen.
 
Die Abwechslung kommt aber zumindest bei der Auswahl der Schauplätze nicht zu kurz. Neben Rom seid ihr in York unterwegs, durchstreift des Nachts finstere britische Wälder oder wandelt im Kolosseum von Rom auf den Spuren von Russell Crowe. Dabei gelingt es Crytek immer wieder, ein packendes Mittendringefühl zu vermitteln. Bei der Landung an der englischen Küste schlagen auf dem Weg zu den Palisaden des Gegners immer wieder Feuergeschosse in unserer unmittelbaren Nähe ein, die den Strand förmlich zum Beben bringen. Eine römische Galeere rutscht indes aus dem Hintergrund mit krachender Gewalt über den flachen Sand in eine Barrie der Barbaren. Der Soldat James Ryan beziehungsweise Call of Duty in der Antike! Und auch sonst unterhält uns Crytek mit Anleihen aus Hollywood. Wir kämpfen uns beispielsweise über eine von Feinden gesäumte Brücke vor, die wir zunächst in einer spektakulären Kamerafahrt sehen, um dann direkt in der Schulterperspektive hinter Marius zu landen. Nur beim Timing bekleckert sich Crytek nicht immer mit Ruhm. Im genannten Beispiel müssen wir noch mehrere Sekunden Marius Rücken anschauen, bevor wir ihn auch wirklich steuern dürfen.
 
Alles in Dauerschleife
Die späteren Gegner fordern euch mehr. Allerdings habt ihr all ihre Facetten schon nach der Hälfte der kurzen Spielzeit erlebt.
Ryse - Son of Rome ist auf den ersten Blick nur ein ultrabrutales Hack-and-Slash für Button-Masher. Das ist es allerdings keineswegs. Stattdessen müsst ihr genau darauf achten, wann ihr einen Feind angreift, Schläge blockt oder zum Stoß ansetzt, um etwa die Deckung eines Schildgegners zu durchbrechen. Im späteren Verlauf bekommt ihr es mit stärkeren Gegnern zu tun, die eine besondere Kampftaktik erfordern. Feinde mit zwei Schwertern attackieren euch beispielsweise gleich mehrfach hintereinander. Wollt ihr also blocken, müsst ihr das gleich mehrfach hintereinander tun. Besonders aufs Timing achten müsst ihr allerdings nur, wenn der Gegner beim Angriff rot schimmert. Reißt ihr hier erst im letzten Moment den Schild hoch, trifft euch die Attacke dennoch.

Entgehen könnt ihr diesen Angriffen aber im Regelfall auch per Ausweichrolle, wobei ihr dann darauf achten müsst, dem Schlag auch wirklich zu entkommen und nicht irgendwo im Tumult gegen eine Wand zu rollen. Da euch die Gegner auch parallel aus mehreren Richtungen mit Schwert und Knüppel angreifen, könnt ihr auch auf die Fokusfunktion zurückgreifen. Damit verlangsamt ihr für einige Sekunden das Geschehen und dürft den Barbaren fast nach Belieben euer Schwert ins Gesicht hauen.

Als nachteilig erweist sich in den Kämpfen hier und dort die Kameraperspektive: Während die Sicht in der Regel einen vollständigen Überblick über das Kampfgeschehe
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n liefert, zoomt sie doch auch immer wieder mal so nah heran, dass ein Angriff von der Seite nur zu erahnen ist. Störend fanden wir auch, dass Ryse im Kampf immer wieder mal einem Gegner einen sicheren Treffer zuspricht, egal was ihr macht. Obwohl ihr also schon den Knopf zum Schildstoß gedrückt habt, bevor der anvisierte Gegner sich bewegt, erfolgt unmittelbar nach unserem Knopfdruck dessen Angriff, den wir dann aufgrund der "falschen Eingabe" nicht mehr blocken können. Das passiert immer mal wieder, ohne aber mit seiner Häufigkeit richtig zu nerven.
 
Als vielfältig erweisen sich die Gegnertypen und damit auch die möglichen Angriffsmuster auf Dauer nicht. Zwar werdet ihr später vermehrt mit den starken Feindtypen konfrontiert, während die normalen nur noch vereinzelt auftreten. Dadurch steigt der Schwierigkeitsgrad auch kontinuierlich an. Aber letztlich macht ihr in den Kämpfen fast immer nur das Gleiche. Diese Eintönigkeit schafft bei all der rabiaten Schlachtfeldatmosphäre dennoch ein Umfeld der Langeweile. Daran können auch die brutalen Finisher, die im Spiel pietätlos "Hinrichtungen" heißen, und einige andere Spielelemente wenig ändern.
Begrenzte Vielfalt
Ryse wartet mit einer überraschend vielfältigen Spielmechanik auf, auch wenn sie sich schnell wiederholt. Ein paar Beispiele: 1 Die meiste Zeit über befindet ihr euch in normalen Kämpfen, die weit entfernt von „Klicki-klicki-töt“ sind, aber schon nach wenigen Spielstunden ihre gesamte Bandbreite gezeigt haben. 2 Ab und zu müsst ihr in Schildkrötenformation vorrücken, Pfeile abwehren und schließlich die feindlichen Schützen ausschalten. 3 Immer wieder gilt es Abwehrschlachten zu schlagen, die nicht sonderlich anspruchsvoll, dafür aber teils langatmig sind. 4 Ein paar Bosskämpfe haben es auch in Ryse geschafft. Hier ist vor allem das perfekte Timing beim Blocken wichtig. 5 Später habt ihr auch kleinere Entscheidungsmöglichkeiten. In diesem Fall könnt ihr eure Schützen entweder auf die Angriffstürme richten, damit sie die Festung nicht erreichen, oder wie in diesem Fall als Unterstützer für euch im Nahkampf anweisen. Große spielerische Unterschiede sind damit allerdings nicht verbunden. 6 Durchweg gelungen finden wir die Inszenierung. Hier durchquert Marius ein brennendes Gebäude und hält sich, langsam fortschreitend, schützend die Hand vors Gesicht. Komisch ist nur: wenn er Hindernisse überspringt, ist er plötzlich wieder normal schnell.
 
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