Test: Land in Sicht

Risen 2 – Dark Waters Test

Nach der Bugmisere von Gothic 3 ging es Piranha Bytes vor allem um die Rettung ihres Rufs. Das gelang ihnen 2009 mit Risen, einem grundsoliden Rollenspiel, das die wesentlichen Stärken der Gothic-Serie in sich vereinte. Risen 2 verschiebt nun das Fantasy-Setting hin zum Piratenszenario und bricht mit mancher Tradition des Entwicklers.
Benjamin Braun 23. April 2012 - 8:06 — vor 7 Jahren aktualisiert
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Alle Screenshots stammen von GamersGlobal

Piranha Bytes hat vor einigen Jahren mit Gothic 3 einiges umgekrempelt und insbesondere die Welt fast vollständig geöffnet sowie bedeutend größer gemacht. Der Schuss ging bekanntlich – auch im Zusammenspiel mit dem damaligen Publisher Jowood – nach hinten los: die Welt zu leer, die Bugs zu zahlreich, die "Kettenangriffe" der Wildschweine zu tödlich. Bei Risen ging es dem Essener Entwickler vor allem darum, sich wieder mit den Anhängern zu versöhnen. Ihnen ein Spiel zu geben, das aus allen Poren den Charme der ersten beiden Gothic-Teile verströmt und gleichzeitig weitgehend bugfrei ist. Das gelang im Wesentlichen, auch wenn das letzte Drittel von Risen spürbar nachließ.

Mit Risen 2 – Dark Waters geht Piranhas Bytes abermals neue Wege, kippt die klassische Kapiteleinteilung und stellt euch im Spiel ein kleines Heer an Mitstreitern zur Seite. Im Zentrum stehen nun Piraten und die "Südliche See" zwischen dem Kontinent Arborea und dem „Verlorenen Königreich“, die im ersten Teil nur eine Nebenrolle spielten, und die Voodoo-affinen Ureinwohner der südlichen Länder.  Läuft das dem typischen Spielgefühl der Piranhas zuwider oder bildet es die Grundlage für genau das Spiel, worauf die Fans seit Gothic 2 gewartet haben?

Das Böse lauert unter dem Meer Zur Erinnerung: Die Götter hatten die Welt verlassen, weshalb sich die Titanen wieder erheben konnten, um erneut auf Kosten der Menschheit ihre Machtkämpfe auszutragen. Die finale Konfrontation zwischen uns und einem der Titanen auf der Insel Faranga endete in Risen quasi mit unserer Niederlage. Unser Alter Ego bezahlte das Duell zudem mit dem Verlust seines rechten Auges. Nun ziehen die übrigen Titanenlords ungehindert durch die Welt und zerstören ganze Landstriche. Besonders die Titanin des Ozeans, Mara, richtet ihre Aggression gegen die Menschen. Seit geraumer Zeit befördert ihr "Avatar", ein gigantischer Kraken, regelmäßig Handelsschiffe der Inquisition auf den Grund des Meeres.

Während unser mittlerweile zum Leutnant der Inquisition aufgestiegene Held seinen Frust über das gescheiterte Vorhaben auf Faranga in Alkohol ertränkt, schlägt der Kraken in unmittelbarer Nähe zu. Genauer gesagt an der Küste vor Caldera, der letzten Bastion der Menschheit am Fuße der Kristallfestung des Lost Realm. Nur eine überlebt den Angriff, und die kennt unser Held nur zu gut: Patty, die Tochter des legendären Piratenkapitäns Stahlbart. Sie berichtet von einer mächtigen Waffe, mit der Mara Einhalt geboten werden könne – und dass Stahlbart wisse, wo sie sich befindet. Also beauftragt uns Inquisitionskommandant Carlos damit, zur Insel Takarigua aufzubrechen, um dort mit den Piraten zu verhandeln. Da die nicht so gut auf die Inquisition zu sprechen sind, entlässt er uns zum Schein unehrenhaft aus dem Dienst.

Neuerung "offene Linearität"
Titanin Mara terrorisiert die Südsee. Nur mithilfe von einer mächtigen Titanenwaffe könnt ihr sie besiegen.
Die erste größere Aufgabe lautet für uns, Mitglied in Stahlbarts Crew zu werden. Doch das ist natürlich nur ein Schritt auf einer etwa 25- bis 30-stündigen Reise durch die Südsee. Takarigua bildet, nach dem Prolog in Caldera, so etwas wie das erste Kapitel von Risen 2. Und auch der darauffolgende Spielabschnitt an der Schwertküste, wo ihr die Konfrontation mit dem zu den Titanen übergelaufenen Piratenkapitän Crow vorbereitet, ist komplett eigenständig. Erst danach öffnet sich das Spiel im großen Stil und stellt euch drei weitere Inseln sowie einen neuen Festlandabschnitt frei. Ihr entscheidet von da an frei, wo ihr weitermachen möchtet, und könnt auch jederzeit sämtliche der bis dahin bekannten Schauplätze besuchen. Erst wenn ihr alle Hauptziele erreicht habt – darunter auch ein Besuch eines weiteren, komplett abgekapselten Bereiches auf einer schon bekannten Insel – schaltet ihr den finalen Spielabschnitt frei.

Dieser gleichzeitig lineare wie offene Spielaufbau verleiht Risen 2 eine im Großen und Ganzen angenehme Struktur, die euch wenigstens späterhin vielfältige Möglichkeiten zum Aufleveln eures Charakters gibt. Allerdings ist der für die ersten beiden Gothic-Spiele typische Gegnerrespawn bei jedem Kapitelwechsel nicht mehr vorhanden. Erscheint euch eine der Quests zu schwierig, macht ihr zunächst einfach woanders weiter, löst Nebenquests oder säubert die Karte von Monstern. Wirklich überall sofort hin könnt ihr auf den Inseln natürlich nicht. Im Gegensatz zu vielen anderen Rollenspielen zieht Risen 2 aber keine widernatürlichen Grenzen, sondern verhindert durch logische Kniffe und Questvoraussetzungen das Betreten bestimmter Bereiche. Ein simples Beispiel vom Anfang ist Puerto Sacaricos Verwalter Di Fuego, der uns ohne Hemd nicht empfangen will. Ein komplexeres Beispiel ist der Zugang zu einem geheimen Talkessel in einer der Küstenregionen. Der Zugang wird von einer mysteriösen Feuerwand abgeschirmt und kann nur mithilfe eines Ritualtranks durchschritten werden, den ein bestimmter Charakter bei sich trägt.

Ich bin mein eigener HerrWährend wir in Risen noch die zahlreichen Standardquests und die nicht gerade epische Story bemängeln mussten, präsentiert sich Risen 2 diesbezüglich deutlich kreativer und abwechslungsreicher. Ohne zu viel verraten zu wollen, muss der Namenlose unter anderem zum Schein sterben, um eine der Aufgaben erfüllen zu können, und darf in den Wettstreit zweier Anwärter auf den Posten des Stammeshäuptlings eingreifen. Auch in Sachen Storytwists hat Piranha Bytes klar zugelegt. Mehrfach verändert sich eure Situation schlagartig, werdet ihr verraten, oder es stellt sich ein bislang Neutraler plötzlich gegen euch.

Abhängig davon, ob ihr an einer Stelle einen Mord begeht oder eine andere Lösung wählt, deckt ihr sogleich ein beunruhigendes Geheimnis auf. Andernfalls reift die Erkenntnis erst, wenn es fast schon zu spät ist. Das ist gut gemacht und zeigt, dass Piranha Bytes auch in Randbereichen das Gefühl für echte Höhepunkte nicht verloren hat. Erwartet aber besser keine magischen Momente wie den, als ihr in Gothic plötzlich vor den verschlossenen Toren des Alten Lagers standet oder jenen, als ihr in Gothic 2 ins Minental zurückkehrtet – zumindest uns haben jene beiden Szenen etwas mehr beeindruckt als die Plot-Twists in Risen 2. Und erwartet auch keine von vorne bis hinten epische inszenierte Geschichte á la Mass Effect. Denn vergleichbar mit einem Skyrim ist nicht die Kernhandlung der eigentliche Star des Spiels. Vielmehr erspielt ihr euch die Geschichte selbst, sie findet in gewisser Weise in eurem Kopf statt (oder eben nicht).

Apropos Kopf: Ihr tragt in Risen 2 nicht mehr eine einheitliche Rüstung vom Scheitel bis zu den Zehen, sondern legt separat eine Kopfbedeckung, eine Oberbekleidung, Hose und
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Schuhe an. Die Einzelteile erhöhen eure Werte nur um wenige Punkte, in der Summe können sie aber über Leben und Tod entscheiden. Einige Kleidungsstücke geben zudem Boni auf mindestens einen Charakterwert. Ein besonders feiner Zwirn lässt euch im Gespräch zum Beispiel überzeugender wirken (Bonus auf "Silberzunge"), ein schreckliches Piratenkopftuch mag helfen, euer Gegenüber in Dialogen einzuschüchtern. Mit Ohrring, Ring und Amulett legt ihr außerdem weitere Objekte mit Talentbonus an. Die wechselt ihr im Bedarfsfall komfortabel im Ausrüstungsmenü. Jäger und Sammler spüren zudem 21 über die gesamte Spielwelt verteilten "legendären" Objekten wie einer Schnupftabakdose nach, die euch besonders hohe Boni bringen – im Beispiel +10 auf die Diebeskunst. Hinweise auf den Fundort stehen in manchen Büchern, die sich in Wohnräumen, Bibliotheken oder auch mal in einer dunklen Grotte verstecken. Finden könnt ihr die legendären Gegenstände theoretisch auch einfach so, nur ist das nicht sonderlich wahrscheinlich. Den legendären Galgenstrick ergattert ihr zum Beispiel nur mit Hilfe eines trainierten Äffchens, das ihr selbst steuert.
Risen 2 ist ein klassisches Einzelhelden-Rollenspiel. Ihr dürft aber fast immer auch einen KI-Begleiter mitnehmen.
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