Test: Per Nitro durch die Wand

Ridge Racer Unbounded Test

Serien gelangen irgendwann unweigerlich an einen Punkt, an dem eine Generalüberholung unvermeidbar ist. Im Falle von Ridge Racer könnten böse Zungen behaupten, dass dies schon sehr lange nötig gewesen wäre. Nun hat sich Namco getraut und geht mit Ridge Racer Unbounded weg vom Arcade-Gameplay hin zu einem actionlastigen Rennspiel.
Jonas Schramm 30. März 2012 - 20:50 — vor 6 Jahren aktualisiert
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Alle Screenshots stammen von GamerGlobal.

Es gibt nur wenige Spiele-Serien, die auf eine derart lange Historie zurückblicken können wie die Ridge Racer-Reihe. Immerhin ist der Erstling schon im Jahr 1993 erschienen, damals noch als Arcade-Automat für die Spielehallen. Seitdem hat Namco regelmäßig neue Teile für Konsolen und Handhelds heraus gebracht, wobei sich am grundlegenden Spielprinzip nichts änderte: Es standen immer die waghalsigen Drifts und der taktische Einsatz des "Nitros" im Mittelpunkt. Mit Ridge Racer 7 liegt der letzte große Release für die Heimkonsolen schon knapp fünf Jahre zurück. Aber jetzt ist ein neuer Teil in die Regale gefahren...

Action, Action, Action
Ridge Racer Unbounded ist alles andere als ein typischer Serienteil. Schon die Tatsache, dass Namco das finnische Studio Bugbear – die Macher der Flatout-Serie – mit der Entwicklung betraute, dürfte Fans stutzig machen. Und tatsächlich steht diesmal ganz klar die Action im Vordergrund. Anleihen bei Konkurrenztiteln wie Burnout - Paradise, Split/Second - Velocity und sogar Trackmania 2 – Canyon sind nicht von der Hand zu weisen. Immerhin hat es das serientypische Driften auch in diesen Ableger geschafft.

Mit einem Affenzahn brettern wir auf die Harnadelkurve zu. Hinter uns kündigen sich schon zwei Kontrahenten an, deren Motorhauben immer wieder vom unteren Bildschirmrand hochlugen. Uns trennt nur noch eine steinerne Statue von der Abbiegung, der wir stur entgegen rasen. Zeit zum Ausweichen haben wir eh keine mehr, aber warum sollten wir es eigentlich versuchen? Das Pedal weiterhin bis zum Anschlag durchgetreten, brettern wir einfach durch die Statue hindurch. Während noch einige Einzelteile durch die Luft segeln, reißen wir das Lenkrad herum. Das Heck unseres Fahrzeugs bricht aus, wir schlittern um die Kurve, und unsere Turbo-Leiste füllt sich auf. Am Kurvenausgang ziehen wir noch ein Baugerüst in Mitleidenschaft. Unsere beiden Gegner sind wir durch diese Aktion jedoch nicht losgeworden, und so rasen wir immer noch zu dritt die nächste Gerade entlang. Ein kleines bisschen vor uns steht auf der rechten Straßenseite ein Tanklastwagen. Wir halten geradewegs darauf zu, aktivieren kurz vor dem Einschlag den Boost und donnern durch ihn hindurch. Der Tanker explodiert, die Zeit verlangsamt sich, unsere beiden Kontrahenten werden von der Schockwelle erfasst und zerstört. Viel Zeit, unseren Triumph zu feiern haben wir aber nicht, denn schon wartet die nächste Kurve auf uns...

Highlight: Domination
In der Zeitprüfung könnt ihr die Uhr kurz anhalten, indem ihr durch riesige Münzen rast.
Es sind genau Momente wie die eben geschilderten, die uns bei einem guten Action-Rennspiel das Adrenalin in die Adern schießen lassen. Ridge Racer Unbounded gelingt dies in einigen Situationen sehr gut. Vor allem wenn ihr euch in ein sogenanntes Dominationsrennen stürzt. Diese stellen einen von fünf Rennmodi dar – und außerdem das Highlight von Ridge Racer Unbounded. Der Grundgedanke hinter diesen Rennen könnte einfacher nicht sein: Auf einem Rundkurs messt ihr euch mit bis zu elf Konkurrenten. Natürlich spielen sich die Rennen nochmal deutlich actionlastiger als die normalen Rennen des neuen Ridge Racers. Teile der Umgebung sind nämlich zerstörbar. Neben der schon erwähnten steinernen Statue oder dem Baugerüst rast ihr unter anderem auch durch Brückenpfeiler und Betonwände hindurch oder mischt die Stühle eines Cafés ordentlich auf. Dies sieht nicht nur spektakulär aus, sondern hat auch den positiven Nebeneffekt, dass eure Turbo-Leiste aufgefüllt wird. Den gleichen Effekt haben auch Drifts, Sprünge und Windschattenfahrten.

Ist die Anzeige voll, eröffnen sich euch noch mehr zerstörerische Optionen. Rammt ihr einen Gegner mithilfe des Boosts, kegelt ihr ihn nicht nur spektakulär von der Strecke, sondern könnt ihm auch in einer Burnout-typischen Zeitlupensequenz beim Zerschellen zusehen. Einige Objekte lassen sich auch nur mithilfe des Turbos zerstören. Indem ihr mitten durch ein U-Bahn-Gebäude oder die steinerne Seitenwand einer Disco rast, schafft ihr euch Abkürzungen. Und auch an dem beschriebenen Tanklastwagen wären wir zugrundegegangen, wenn unsere Anzeige nicht aufgefüllt gewesen wäre.

Problembehaftetes Driften
Neben den Dominationsrennen messt ihr euch auch noch in den sogenannten Shindo-Rennen, dem Vernichtungsangriff, der Zeitprüfung und dem Drift-Angriff mit der Konkurrenz. Shindo-Rennen könnten auch „normale“ Rennen heißen. So spielt die Zerstörung nur noch eine untergeordnete Rolle, auch wenn ihr Gegner durch mehrmaliges Rammen immer noch von der Strecke räumt (es dauert aber deutlich länger als in den Dominationsrennen). Abkürzungen fahrt ihr euch dagegen nicht frei. Umso wichtiger ist es, die Kurven richtig zu nehmen und den Boost im rechten Moment einzusetzen. Und genau da liegt der Knackpunkt: Ridge-Racer-typisch driftet ihr auch diesmal um die Kurven, was aber im Vergleich zu vorangegangenen Teilen so gut wie nie funktioniert. Ridge Racer Unbounded bietet euch extra eine Drift-Taste (B auf der Xbox 360) mit der ihr durch Gedrückthalten euren Wagen ausbrechen lasst. Leicht geht dies aber nicht von der Hand, vor allem ist nicht immer klar, wie stark eure Lenkbewegungen mit dem linken Stick in den Drift einfließen. Im ersten Moment scheint euer Fahrzeug überhaupt nicht auf eure Eingaben zu reagieren, im nächsten Moment habt ihr euch schon um 180 Grad gedreht und fahrt in die entgegengesetzte Richtung. Auch der Turbo (den ihr wieder durch Windschattenfahrten, Sprünge und dergleichen auffüllt) bietet nicht sonderlich viel taktischen Anspruch. So dürft ihr ihn nur einsetzen, wenn er auch komplett aufgeladen ist, er entleert sich dann aber auch komplett. Vor allem, wenn ihr kurz vor dem Ziel Zweiter seid und nur noch einen Ticken mehr Geschwindigkeit braucht, um den Ersten zu überholen, kann das frustrieren.

Umso kurzweiliger sind da die Modi Vernichtungsangriff und Zeitprüfung. In ersterem nehmt ihr unter anderem in einem fetten Lkw Platz und räumt Polizeiautos oder feindliche Raser aus dem Weg. Ziel ist es, so viele Kontrahenten wie möglich in der vorgegeben Zeit zu zerstören. In diesem Modus füllt sich eure Boost-Anzeige nach kurzer Zeit automatisch auf, was die Rennen dynamischer und spektakulärer macht. Wenn ihr euch hinter das Steuer eines Lkw klemmt, täuscht diese Tatsache auch über die Trägheit des Gefährts hinweg.

Die Zeitprüfung ist das altbekannte Fahren gegen die Uhr, was auch in Ridge Racer Unbounded sehr spaßig ist. Vor allem die Stunt-Variante, in der ihr waghalsig über Rampen springt und auf dem Weg so etwas wie Münzen aufsammelt. Dadurch wird die heruntertickende Zeit kurz angehalten. Den mit Abstand schwächsten Spielmodus haben wir uns noch aufgehoben: den Drift-Angriff. In diesem gilt es, in der vorgegeben Zeit so viele Punkte wie möglich durch das kontrollierte Ausbrechen eures Fahrzeugs abzustauben. Für jeden erfolgreichen Drift erhaltet ihr nicht nur Punkte, sondern auch einen kleinen Zeitbonus. In diesem Modus werden die Probleme, den Wagen bei den rasanten Kurvenfahrten unter Kontrolle zu halten, erst so richtig offensichtlich. Außerdem sind die Strecken viel zu eng für lange Schlitterpartien, und zu schlechter Letzt geben die Drifts einfach zu wenig Punkte.

Fordernde Karriere
Die Zerstörung der Strecke spielt in den Shindo-Rennen nur ein untergeordnete Rolle. 
So etwas wie ein „Freies Rennen“ gibt es in Ridge Racer Unbounded nicht. Deshalb werden Solospieler sofort in die Karriere starten. Als deren Grundlage dient ein simpler Story-Ansatz: Ihr seid Teil der Unbounded, einer Fahrergang unter der Führung der mysteriösen Kara Shindo, und versucht euch Shatter Bay unter den Nagel zu reißen. Dazu nehmt ihr an illegalen Straßenrennen teil. Der Schauplatz erinnert dabei an eine Mischung aus New York und San Francisco. Über den Ansatz einer Handlung geht es im weiteren Verlauf des Spiels nicht hinaus: Bis auf das Intro wird in der Karriere auf Zwischensequenzen verzichtet. Ihr klappert einfach ein Rennen nach dem anderen ab und gewinnt so immer mehr die Kontrolle über die Stadt.
 
Shatter Bay besteht aus neun Bezirken, die von den heruntergekommenen Vororten über ein Hafengebiet hin zur modernen Innenstadt reichen. Jeder Bezirk hält sieben Renn-Events für euch bereit. Während der Rennen sammelt ihr Punkte, zum Beispiel für das Zerstören von Gegnern und Objekten, Drifts und andere Stunts. Die fließen dann in zwei Aspekte: Erstens bilden sie die sogenannten Bezirkspunkte, mit denen ihr neue Renn-Events freischaltet. Gänzlich neue Bezirke werden dagegen durch eine vorgegebene Zahl an Podiumsplätzen zugänglich. Zweitens steigt ihr mit den Punkten im Level auf und schaltet neue Fahrzuge frei. Diese sind Action-Racer-typisch nur an originale Autos angelehnt. Ihr klemmt euch also nicht hinter das Steuer eines Lamborghini Gallardos, sondern das eines Motega XR. Und anstelle eines Dodge Challengers aus dem Jahr 1972 müsst ihr mit ein
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em Ashburn ’72 vorlieb nehmen. Alle Gefährte unterscheiden sich in Eigenschaften wie Tempo, Beschleunigung und Robustheit.
 
Neben einer Story haben die Entwickler auch auf ein Tutorial beziehungsweise eine Schonfrist zur Eingewöhnung verzichtet. Schon ab dem ersten Rennen verlangen euch die KI-Gegner einiges ab. Was sich frustrierend anhört, wirkt in Ridge Racer Unbounded aber zuerst einmal erfrischend. Das zerstörerische Spielprinzip macht Laune, die arcadelastige Steuerung der Fahrzeuge geht – bis auf das Driften – locker von der Hand und die aggressiven KI-Kontrahenten sorgen schon in den ersten Rennen für einige adrenalingeladene Situationen. Irgendwann werdet ihr dann aber doch den ein oder anderen Frustmoment erleben. Vor allem Einsteiger, aber auch Fortgeschrittene, stoßen früher oder später gegen eine Wand und bekommen einfach nicht die letzten Punkte zusammen, die für ein neues Rennen nötig sind. Oder sie schaffen es nicht, den letzten fehlenden Podiumsplatz zu erreichen, um einen neuen Bezirk freizuschalten. In diesen Situationen ist dann mühseliges Grinden und das Wiederholen von Rennen nötig.
Beim Vernichtungsrennen nehmt ihr unter anderem hinter dem Steuer eines Lkw Platz und mischt darin mehrere Polizeiautos ordentlich auf.
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